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13/01/2017 07:05 CET | Aktualisiert 14/01/2018 06:12 CET

Die Rechten sagen immer, dass niemand den Obdachlosen hilft - ich mache das seit 30 Jahren und von denen war noch nie jemand hier

RF

An kalten Tagen wie diesen ist in der Teestube besonders viel los. Sieben Tage die Woche und für sechs Stunden am Tag öffnen wir unsere Pforten, um Obdachlosen einen Schutzraum zu bieten. Sie können sich hier duschen, ihre Wäsche waschen oder sich auch nur bei einer Tasse Tee untereinander austauschen. Träger der Teestube ist das Evangelische Hilfswerk München.

Die Stube selbst ist allerdings mehr als ein Café für Obdachlose, denn es sind immer Sozialpädagogen anwesend. Sie gehen auf die Männer und Frauen zu, bieten ihnen Hilfe und professionelle Beratung an.

Einer davon bin ich selbst. Seit über 30 Jahren arbeite ich mit Bedürftigen und wohnungslosen Menschen. Als ich damals Sozialpädagogik studierte, absolvierte ich ein Jahrespraktikum im Bereich Obdachlosenhilfe und blieb sozusagen hängen. Einem Bettler habe ich privat trotzdem bis heute noch nie etwas gegeben - und das hat seinen Grund.

Auch wenn die Zahl der Wohnungslosen in Deutschland in den letzten Jahren wieder zugenommen hat, frieren und hungern muss zumindest in München eigentlich niemand. Weder Flüchtlinge, noch Obdachlose. Zu behaupten, durch die hohe Anzahl von Asylbewerbern würden bedürftige Menschen vernachlässigt werden, ist ziemlicher Unsinn.

Hier muss keiner hungern

Es gibt Einrichtungen wie Suppenküchen, Kleiderkammern oder Wohnheime. Ich kenne selbst viele Obdachlose, die offen und ehrlich sagen: "Hier muss keiner hungern." Doch dazu gehört auch der Wille sich helfen zu lassen. Manche Menschen entscheiden sich gegen unsere Hilfe - und das hat ganz bestimmte Gründe.

Die wollen nicht zu uns kommen und deswegen kommen wir zu ihnen. Unsere Streetworker sind Tag für Tag unterwegs und suchen den zwischenmenschlichen Kontakt. Sie beraten über Hilfeangebote und versuchen einen Unterschlupf für die Nacht, bei Bedarf auch medizinische Hilfen zu vermitteln.

Mehr zum Thema: Ich baue Häuschen für Obdachlose

Eine große Rolle spielen dabei psychische Erkrankungen. Menschen, die lange auf der Straße gelebt haben, können sich oft nicht mehr vorstellen mit einer festen Hausordnung zurecht zu kommen und mit vielen anderen in einem Haus zusammen zu leben.

In solchen Fällen versuchen wir erst einmal ein gewisses Vertrauen herzustellen. Oft gehen wir mit Betroffenen zum Arzt oder begleiten sie aufs Amt.

Das ständige Leben am Rande der Gesellschaft verändert einen Menschen - man wird misstrauischer. Viele wollen nicht auf Hilfe angewiesen sein und nehmen Angebote, die es eigentlich gibt, nicht in Anspruch.

Ich habe hier noch nie einen Wutbürger gesehen

Mit Menschen, die behaupten, die Politik solle sich weniger um die ganzen Flüchtlinge und mehr um die Obdachlosen kümmern, kann ich überhaupt nichts anfangen. Mir scheint Betroffenheit und Mitgefühl ist allzu oft geheuchelt, und nur vorgeschoben um Stimmung gegen Flüchtlinge zu machen.

Ich habe in unserer Teestube zumindest noch nie irgendwelche Wutbürger gesehen, die sich für obdachlose Menschen einsetzen. Unsere Freiwilligen reden nicht lang rum, sondern helfen denen die ihre Hilfe brauchen.

Mehr zum Thema: Grauenvolle Bilanz: 17 Obdachlose wurden 2016 getötet

Ob man einem Bettler auf der Straße etwas gibt oder nicht, muss am Ende jeder für sich entscheiden. Das Widerlichste, das ich je beobachtet habe, war ein Mann der einem Bedürftigen 50 Cent zusteckte und neben ihm auf den Boden spuckte.

Ich frage mich oft, ob man mit solchen "Spenden" Obdachlosen nicht eher auf der Straße festhält, als ihnen wirklich nachhaltig zu helfen.

Unser Motto lautet deshalb: Hilfe zur Selbsthilfe. Unser erklärtes Ziel ist es, die Menschen von der Straße zu holen, weil wir wissen, dass jeder Tag draußen einer zu viel ist.

Ihr könnt die Arbeit der Teestube „komm" durch Geldspenden unterstützen (bitte nehmt bei Interesse Kontakt auf). Davon könnten mittellose Obdachlose mit MVV-Fahrkarten ausgestattet werden, um die Schlafplätze im sog. Kälteschutz im Münchner Norden in Anspruch nehmen zu können, ohne schwarz zu fahren. Für diesen Zweck bitte im Betreff Ticket Kälteschutz angeben. Mehr über die Teestube "komm" erfahrt ihr hier.

Das Protokoll wurde aufgezeichnet von Julius Zimmer

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