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23/10/2015 04:32 CEST | Aktualisiert 23/10/2016 07:12 CEST

Interview mit Deutschen Helfern: So geht es den Menschen in Syrien wirklich

Joel Carillet via Getty Images

Während manche besorgten Bürger Angst vor einer angeblichen "Überfremdung" unserer Gesellschaft haben, riskieren andere ihr Leben, um syrischen Flüchtlingen zu helfen. Ich habe mit verschiedenen Hilfsorganisationen gesprochen. Wie sieht die Situation in den Anrainerstaaten, also der Türkei, im Libanon, in Jordanien und im Irak aus, wo bis jetzt der Großteil der Syrienflüchtlinge Schutz suchten?

Anne Dreyer von der Diakonie Katastrophenhilfe

Frau Dreyer, wie sieht die Lage in den Anrainerstaaten aus?

Bis zu 85 Prozent der Geflüchteten in der Türkei, im Libanon, in Jordanien und im Irak leben außerhalb der offiziellen Flüchtlingslager. Sie kommen in provisorischen Unterkünften aus Holz und Plastik unter oder mieten sich kleine Zimmer, Garagen oder sogar Rohbauten an. Allerdings ist das Ersparte nach vier Bürgerkriegsjahren aufgebraucht und die Hoffnung auf ein baldiges Kriegsende schwindet.

Mit Gelegenheitsjobs halten sich viele über Wasser, wobei das Geld oft nicht einmal für die Grundversorgung ausreicht. In diesen Ländern gibt es keine Krankenversicherung, wie wir sie hier kennen. Das heißt, Verletzte bekommen dort zwar eine Erstversorgung, aber müssen die weitere Behandlung selbst finanzieren.

Wir helfen dann beispielsweise finanziell nach, damit sich Familien Medikamente leisten können. Auch psychosoziale Unterstützung für Traumatisierte bietet die Diakonie Katastrophenhilfe und ihre lokalen Partner in Gemeindezentren an.

Alexandra Burck Deutsches Rotes Kreuz

Frau Burck, wie versucht das DRK in Syrien zu helfen?

Die größte humanitäre Operation des DRK-Bundesverbandes findet auch 2015, wie bereits in den Jahren zuvor, in Syrien und den benachbarten Staaten statt. Mehr als 12 Millionen Syrer sind permanent auf Unterstützung angewiesen. Dafür arbeiten wir mit der Schwesterorganisation Syrischer Arabischen Roter Halbmond (SARC) zusammen.

Der Rote Halbmond ist landesweit aktiv und hat Zugang zu fast allen vom Konflikt betroffenen Gebieten. Die Helfer des Roten Halbmondes verteilen mit Unterstützung auch des DRK monatlich Hilfsgüter, um die Betroffenen mit dem Lebensnotwendigsten zu unterstützen.

Hierzu zählen 50.000 Nahrungsmittelpakete und 10.000 medizinische Zusatznahrung für Kleinkinder, 60.000 Hygienepakete (speziell für Babys und alte Menschen) sowie Medikamente und medizinische Artikel. Auch Chlor für die Desinfizierung des Wassers ist wichtig, Pumpen und Generatoren in Wasserwerken werden repariert oder ersetzt und mit Treibstoff versorgt.

Wie hilft das Deutsche Rote Kreuz in Syriens Nachbarländern?

Seit Beginn der Kämpfe in Syrien sind offiziell 1,2 Millionen Syrer in den Libanon geflohen, wobei die wirkliche Zahl weitaus höher liegen dürfte. Das kleine Land am Mittelmeer stößt schon seit längerem an seine Kapazitätsgrenzen. Das DRK unterstützt das Libanesische Rote Kreuz unter anderem in landesweit 21 Notfallstationen, darunter eine Station im Bekaa-Tal in Ras Baalbeck - wenige Kilometer von der syrischen Grenze entfernt.

Diese Notfallstation wurde temporär eingerichtet und kümmert sich sowohl um die medizinische Versorgung der syrischen Flüchtlinge im Norden des Bekaa-Tals als auch um die libanesische Bevölkerung.

Das DRK finanziert die medizinischen Teams des Libanesischen Roten Kreuzes, Medikamente, Verbrauchsmaterial und Equipment wie Ambulanzfahrzeuge, Nebenkosten und auch Personalkosten. In Ras Baalbeck sind zwei Teams mit je fünf libanesischen Medizinern sowie Sanitätern und drei Ambulanzfahrzeuge im Einsatz. Damit unterstützt das DRK mehr als 50 Prozent des gesamten Notfall-Systems im Libanon.

Auch beim Aufbau und der Modernisierung des Blutbanksystems helfen wir im Libanon. Die Blutkonserven stehen syrischen Flüchtlingen und auch der libanesischen Bevölkerung zur Verfügung. Das DRK finanziert benötigtes Material und Gerätschaften zur Lagerung des Blutes und Personal.

Harte Winter in den Bergregionen Libanons

Gerade in den südlichen Regionen arbeiten unsere freiwilligen Helfer in den harten Wintern unter Extrembedingungen. Die bergige Grenzregion zu Syrien wird zudem oft als Fluchtweg genutzt. Vor allem dort sterben immer wieder Flüchtlinge, da sie von Winterstürmen überrascht werden.

Ninja Charbonneau vom Kinderhilfswerk UNICEF

Frau Charbonneau, wie sieht es momentan für die Kinder Syriens aus?

Kinder sind die Hauptleidtragenden dieses grausamen Konflikts - und diejenigen, die mit Sicherheit am wenigsten dafür können. Wir dürfen nicht vergessen, dass 6,5 Millionen Menschen und unter ihnen 2,8 Millionen Kinder noch zwischen den Fronten gefangen und innerhalb Syriens auf der Flucht sind.

Unter schwierigsten Bedingungen tun UNICEF-Mitarbeiter und lokale Partnerorganisationen ihr Möglichstes, um die Menschen mit Trinkwasser zu versorgen, Kinder zu impfen und Notschulen einzurichten. Mit Erfolg, aber die Not ist groß und wir können wegen der Kämpfe und wegen fehlender Spenden nicht alle Kinder erreichen, die Hilfe brauchen.

Auch die Situation in den Nachbarländern ist für die syrischen Flüchtlingskinder schwierig. Leider müssen immer mehr Kinder, vor allem Jungen, die Schule abbrechen und arbeiten, während Mädchen häufig schon als Teenager verheiratet werden, damit sie abgesichert sind. Dem steuern wir entgegen, unter anderem durch Schulen und Jugendzentren in den Flüchtlingscamps in Libanon und Jordanien.

Insgesamt sind über 650 UNICEF-Mitarbeiter in Syrien und den Nachbarländern im Einsatz, um das Leid der Kinder zu lindern und ihnen Perspektiven in ihrer Heimatregion zu geben.

Wie ist es um die Versorgung bestellt?

In Syrien selbst ist nur noch ein Drittel der Krankenhäuser funktionsfähig, jede vierte Schule ist zerstört oder außer Betrieb. Im Vergleich zu vor Konfliktbeginn steht nur noch die Hälfte des Trinkwassers zur Verfügung, und Lebensmittel sind für arme Familien oft unerschwinglich teuer geworden. In den Nachbarländern werden die Menschen in den Camps einigermaßen gut versorgt, aber ein Großteil der Flüchtlinge kämpft außerhalb von Camps in den Städten um das tägliche Überleben.

Der Schutz vor Nässe und Kälte im herannahenden Winter ist eine große Herausforderung. Genauso wichtig wie Unterkünfte, Nahrung, Wasser und medizinische Versorgung ist für uns, dass die Kinder zur Schule gehen können und psychosozial betreut werden. Nur so können sie ihre Kriegserlebnisse verarbeiten.

Eine Million Schulranzen für syrische Kinder

UNICEF betreibt in Libanon und Jordanien Camp-Schulen und unterstützt ein breites Netzwerk aus Kinder- und Jugendzentren. Auch in Syrien hat UNICEF 115 Schulcontainer aufgestellt und ist dabei, eine Million Schulrucksäcke mit Schulmaterial zu verteilen. Dafür werden dringend noch weitere Spenden benötigt.

Wir müssen alles daran setzen, das Heranwachsen einer verlorenen Generation zu verhindern - denn die Kinder sind die Zukunft und Hoffnungsträger für Syrien und die gesamte Region.

Fazit

Ob es die Mitarbeiter der UNICEF, des Deutschen Roten Kreuzes oder die Diakonie Katastrophenhilfe sind, sie alle tragen einen entscheidenden Teil dazu bei, dass Kriegsflüchtlinge so weit es geht eine menschenwürdige Behandlung zukommt.

Oft helfen sie indirekt, wie das Deutsche Rote Kreuz mit den Nahrungsmittelpaketen, teils riskieren aber auch die Mitarbeiter ihr eigenes Wohlergehen. Dabei leben sie den Grundsatz, der bei vielen in Vergessenheit geraten ist, obwohl er eigentlich allen Weltreligionen gemein ist: Nächstenliebe. Was braucht es also, um die demonstrierenden Pegida-Anhänger hierzulande wieder an diese Werte zu erinnern?

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