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12/12/2014 06:24 CET | Aktualisiert 11/02/2015 06:12 CET

Geboren in einer zerstörten Welt: Berliner Ärzte geben Kriegskindern eine zweite Chance

Sie heißen Abou Fall, Bislan Babiev, Otto Morris oder Yles Yakhyaev; ihre jungen Körper wurden von Krieg, Folter und Terror schrecklich gezeichnet. Oft sieht es aus, als hätte der Hass der Menschheit ihre Gesichter geschmolzen.

Die jungen Patienten der Hilfsorganisation placet sind im Irak, in Tschetschenien, Kenia, Tadschikistan, Mauretanien und anderen Brandherden des Globus geboren - in Berlin bekommen sie von einer Hand voll ehrenamtlicher Ärzte Hilfe, die in ihrer Heimat nicht denkbar wäre.

Zahn Jahre nach dem Raketenangriff

Als ziviler Kollateralschaden des Kriegs oder als Opfer gezielter Terror-Angriffe kommen jährlich einige wenige, meist noch sehr junge Patienten zu placet nach Deutschland. So auch Mawigul: die junge Afghanin wurde als Baby bei einem Raketenangriff in ihrer Heimat schwer verletzt.

In ihrer Heimat konnten ihr die Ärzte nicht richtig helfen. Die heute 20-Jährige musste fast ihre ganze Kindheit mit schweren Entstellungen im Gesicht leben. Vor zehn Jahren behandelten die Chirurgen von placet Mawiguls Gesicht - und gaben ihr eine Chance auf ein neues Leben.

Zwölf Operationen für ein neues Gesicht

Die damals 10-Jährige kam über die Hilfsorganisation Friedensdorf nach Berlin, um dort behandelt zu werden. Nach zwölf Operationen im DRK-Klinikum Westend konnte Mawigul wieder durch ihre Nase atmen - zahlreiche Eingriffe hatten ihr Aussehen zu weiten Teilen wieder hergestellt:

Vorher

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Nachher

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Das behandelnde Ärzte-Team hatte eigentlich vor, die Form von Mawiguls Nase in späteren Operationen noch weiter zu verbessern, musste die Behandlung aber abbrechen. Denn nach einem Dutzend Eingriffen wollte das Mädchen unbedingt wieder nach Hause. Nach ihrer Rückkehr konnte Mawigul wieder die Schule besuchen. Mawigul ist eine von mittlerweile über 30 Patienten aus Kriegs- und Krisengebieten, die placet bisher behandeln konnte.

Interview mit placet-Initiator Prof. Dr. Peter

Gegründet wurde der Verein im Jahr 2001 von Prof. Dr. Frank-Werner Peter, gemeinsam mit Mediziner-Kollegen und Freunden. Bis heute leitet der plastische Chirurg das ehrenamtliche Engagement des placet e.V. Ein Interview über seine persönlichen Erfahrungen mit den Patienten.

Herr Prof. Peter, Sie kommen den Opfern von Krieg und Terror so nahe, wie sonst fast niemand. Was haben Sie in Ihrer Arbeit mit den Patienten gelernt?

Die Versorgung von Terroropfern erdet. Diese Menschen haben andere Sorgen: Sie sind stark körperlich und seelisch zerstört, ihr Land ist oft ruiniert, zum Teil ihre Familie. Unsere Sorgen sind relativ. Man lernt, dass wir sehr privilegiert sind, in einem Land, in dem trotz aller Abstriche sehr viel sehr gut und auf hohem Niveau funktioniert.

Rein fachlich habe ich auch dazu gelernt. Die Menschen, die zu uns kommen, haben Verletzungen und Entstellungen, die es bei uns nicht mehr gibt. Hier werden sie sofort und richtig versorgt, in ihrer Heimat nicht. Wir als plastische Chirurgen müssen kreativ sein, um operative Lösungen für solche Probleme zu finden.

Wie kam es zur Idee für placet? Wie haben Sie die ersten Kollegen gefunden, die mithelfen?

Die Idee kam mir, als ich in meiner Ausbildungsklinik am Bergmannsheil in Bochum eines Abends nach einer erfolgreichen OP eines verletzten Patienten mit einem Freund und Kollegen zusammensaß.

Ich dachte mir: Dieser Patient hat insofern „Pech" gehabt, als dass er diese schwere Verletzung erlitten hat. Er hat aber insofern „Glück", als dass er in Deutschland versichert ist und die Segnungen der Hochleistungsmedizin bekommen kann.

Was ist mit all den anderen? Mit denen, die in armen und kriegsgeschüttelten Ländern verletzt, schwer verletzt werden? Wer versorgt sie? So ist die Idee für placet entstanden.

Ich habe Ende der 90-er Jahre einfach angefangen. Irgendwie haben Andere das mitbekommen, sich an mich gewendet und gesagt: Ich bin dabei. Ich sprach in meinem Freundeskreis darüber: Einige sagten: Das müssen wir machen, ich helfe dir.

Wie war es für Sie, den ersten placet-Patienten zu treffen und zu behandeln? Können Sie vielleicht noch davon berichten, was da in Ihnen vorging?

Den ersten Patienten in Berlin zu haben und zu behandeln, war ein Hochgefühl: Wir haben es geschafft! Es gab eine Idee, wir haben sie Realität werden lassen!

Wie schaffen es die Patienten überhaupt zu ihnen?

Die Patienten finden den Weg über Hilfsorganisationen zu uns, die vor Ort vertreten sind: Friedensdorf International, Deutsch-Tschetschenische Gesellschaft, SOS-Kinderdorf etc. Sie schicken uns alle Daten, dann müssen wir entscheiden, wem wir in Berlin helfen können.

Auf welche Form der Hilfe ist placet selbst angewiesen? Sind das nur Sach- und Geldspenden? Ich habe gelesen, dass zum Beispiel ein Unterstützer Patienten seine Wohnung zur Verfügung stellt. Gibt es da noch mehr Beispiele?

Placet selbst braucht jede Menge Unterstützung: Manpower, Ideen, Engagement, Geld, aber auch Sachspenden wie die Programmierung der Website, die Expertise der Mitglieder, Verbandsmaterial etc.

Mit welcher Erwartung sind Sie Arzt geworden und wie hat sich dann alles entwickelt? Wussten Sie schon früher, dass Sie sich derart engagieren wollen?

Nein, die Idee mit placet und was daraus wurde hat sich entwickelt. Es gibt Menschen, die mit fünf Jahren wissen, wo die Lebensreise hingeht. Ich wusste das nicht. Allerdings war ich immer jemand mit einem Gefühl für Verantwortung und mit Blick über den Tellerrand.

Hat eine Geschichte Ihrer Patienten bei Ihnen einen besonders bleibenden Eindruck hinterlassen?

Wir haben vor fünf Jahren ein Mädchen und ihre Mutter aus Tschetschenien behandelt. Am Ende sagte ihre Mutter: Die Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe, von der der Islam redet, haben wir in einem christlichen Land erfahren. Nicht bei uns.

So können Sie helfen

Wenn Sie die Ärzte bei ihrer Arbeit unterstützen möchten, finden Sie auf der Webseite des Vereins mehr Informationen. Im Spenden-Bereich listet die Organisation außerdem aktuelle, dringende Behandlungen von Patienten auf, für die sie noch Unterstützung braucht.

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