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08/12/2015 04:36 CET | Aktualisiert 08/12/2016 06:12 CET

Warum ich manchmal glaube, dass früher wirklich alles besser war

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Ich bin 51, aber lebe das Leben eines 40-Jährigen. Ich habe zwei grundschulpflichtige Kinder und einen jungen Hund. Meine Frau und ich schlagen uns als Selbstständige durch.

Von morgens um 6:00 Uhr an geht es „atemlos durch den Tag", bis die Kinder abends um neun im Bett liegen.

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Ich stehe also noch, wie man so sagt, „mitten im Leben". Das Komische ist, in letzter Zeit fühlt sich vieles an diesem Leben fremd an. Mich überkommt immer öfter dieses Gefühl: „geht-es-nur-mir-so-oder-ist-wirklich-alles-Scheiße?".

War „früher" besser?

Als ich geboren wurde war Ludwig Ehrhard Bundeskanzler. Für die jüngeren unter uns: Das war der kleine Dicke mit der Zigarre.

1964 gab es knapp über 3 Milliarden Menschen. Heute 7,5. Schon allein das könnte ein Indiz dafür sein, dass „früher" besser war.

Früher, da gab es Politiker wie Hans-Jürgen Wischnewski, genannt Ben Wisch. Der war in den 70ern der Mann der Bundesregierung für Missions Impossible. Als „Held von Mogadischu" hat er eine vollbesetzte Boeing aus den Händen von Terroristen (die gabs früher auch schon) befreit. In seiner Freizeit hat er Briefmarken gesammelt.

Damals wurde zwar auch im Fernsehen getalkt, aber so Typen wie Ben Wisch saßen da, 30 Kilo Übergewicht, Zigarette in der Hand und Glas Wein vor sich auf dem Tisch.

Früher gab es keine globale Erwärmung, früher gab es das regionale Waldsterben. Und auch das ist Schnee von gestern.

Früher, da gab es auch keinen IS. Es gab Aids. Und gegen Aids konnte man ja noch irgendwas machen, wenn man wollte.

Auch früher gab es Probleme

Früher, da hat man in der Silvesternacht auch geballert. Aber es ging Punkt Mitternacht los, ein, zwei Raketen in die vorher geleerten Weinflaschen und nach 15 Minuten war alles vorbei. Heute werden am 31. Dezember mittags um zwölf die ersten Heulerbatterien vom Discounter gezündet. Von Mitternacht bis 1:00 Uhr ist Krieg. Ohrenbetäubender Lärm, Rauch überall. So ähnlich muss es in Falludscha gewesen sein. Mal ehrlich, das ist doch Scheiße.

Natürlich gab es früher auch genug Probleme. Die RAF. Den Eisernen Vorhang. Ölkrisen.

Als ich Kind war, durfte man ein paar Mal am Wochenende nicht Auto fahren, weil es kein Benzin mehr gab. Auf den Autobahnen gingen die Rehe spazieren.

Insgesamt schien trotzdem alles immer besser zu werden. Ein Auto oder ein Farbfernseher war noch was Besonderes. Elektrische Taschenrechner kam gerade erst auf. Über das Zeug konnte man sich noch richtig freuen.

Die Zukunft war rosig

Am Ende haben wir sogar im Kampf um die Kommandohöhen dem Kommunismus den Sieg abgetrotzt. Als der Eiserne Vorhang dann weg war, erschien mir das nicht wie eine Bedrohung. Die Zukunft war rosig. Alle Menschen würden bald Brüder sein und sich liebhaben. Dachte ich.

Und heute? In der real existierenden Gegenwart schießt ein NATO-Staat einen russischen Kampfjet ab, der in Syrien unklare Ziele bombardiert. Saudi-Arabien hat seine Finger drin, der Iran auch. Und deshalb werden in Paris und San Bernardino Leute beim Kaffeetrinken erschossen. Also, wenn das nicht Scheiße ist.

Jeden Monat ballert Super-Mario mit seiner Bazooka 60 Milliarden in die EURO-Landschaft. 60 Milliarden! Das ist jeden Monat die Hälfte des ganzen Bundeshaushaltes für 1984, das Jahr, als ich mein Studium anfing. Und all das, weil die Inflation nicht anspringt. Früher hatte man immer Angst, die Inflation wäre zu hoch!

Was heißt überhaupt, „die Wirtschaft muss anspringen"? Aus deutscher Sicht kommt mir das wie ein Anachronismus vor.

Seit Jahren heißt es, Deutschland sei „gebaut". Ok, jetzt kommen ein paar Flüchtlinge dazu und in den Ballungszentren findet nicht mehr jeder gleich eine Wohnung. Aber millionenfach Einfamilienhäuser bauen wie in meiner Jugend - das ist vorbei.

Es gibt ungefähr 40 Millionen PKW. Die ganze deutsche Nation kann auf dem Vordersitz mitfahren. Früher hatten wir einen VW Käfer. Da gingen vier Personen rein, dann aber keine Koffer mehr.

Jeder hat (mindestens) ein Smartphone. Früher besaßen viele - aber längst nicht alle - einen Apparat mit Wählscheibe auf dem Telefonbänkchen im Flur.

Wenn ich heute in den Supermarkt gehe, um Erdbeermarmelade zu kaufen, finde ich mich vor einem Regal mit 20 verschiedenen Sorten wieder. Es gibt zig Arten von Reis. Im Kochbeutel und ohne. Bio oder normal. Ist das jetzt besser als früher? Oder ist das Scheiße?

Warum muss alles so komplex sein?

Wenn wir früher einen neuen Staubsauger gebraucht haben, dann sind wir von unserem südpfälzischen Kaff nach Karlsruhe in den Karstadt gefahren. Da gab's dann zwei, drei Modelle zur Auswahl. Eins wurde mitgenommen, die Aktion hat inklusive Fahrt 90 Minuten gedauert.

Heute muss ich mir erst mal den Bericht von Stiftung Warentest durchlesen, damit ich auch ja nix falsch mache: das energieeffizienteste Modell, mit dem besten Partikelfilter, damit die Kinder nicht krank werden. Die Hundehaare muss er aufnehmen können, leicht zu reinigen sein und nicht zu schwer.

Beim Runterladen des Testberichts fällt das Internet aus. Modem kaputt, Hotline besetzt. Eine Woche später habe ich immer noch keinen Staubsauger.

Also, ich fange an zu glauben, dass es früher tatsächlich besser war.

Irgendwie wünsche ich mir, die Leute in den Talkshows wären wieder wie früher: Zu fett, ein Glas Wein vor, zwei schon in sich, Kippe in der Hand.

Danach kommt Loriot im Fernsehen und wir lachen alle fröhlich.

Dieser Text ist Teil der Reihe "Wie geht es uns?" Ein Jahr lang hat die Politik in Berlin, die Krise in Syrien und der Konflikt mit Moskau die Schlagzeilen beherrscht. Wie aber geht es Ende dieses irren Jahres den Menschen in Deutschland? Wie blicken die Menschen in unserem Land in die Zukunft? Das will die Huffington Post herausfinden - und hat alle Redakteure als Reporter durch das Land geschickt. Sie führen Interviews, besuchen Menschen denen sonst niemand zuhört - und berichten über Menschen, die dabei helfen, die größten Probleme zu lösen.

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