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12/07/2014 11:22 CEST | Aktualisiert 11/09/2014 07:12 CEST

Die Angst vor dem Versagen: wie Deutschland das WM-Finale psychisch meistert

Ein so großes Ereignis wie ein WM-Finale erzeugt Druck. Druck aus der leicht Angst entste-hen kann. Angst, den ganz großen Wurf zu verfehlen. Angst, im entscheidenden Moment zu versagen. Wie wird die National-Elf mit dieser enormen Erwartung umgehen?

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Das WM-Finale zwischen Deutschland und Argentinien werden weltweit Milliarden Menschen verfolgen. Für die Protagonisten, die Spieler ist das ein Hochgenuss. Eigentlich.

Doch ein solches Ereignis erzeugt auch Druck. Druck aus der leicht Angst entstehen kann. Angst, den ganz großen Wurf zu verfehlen. Angst, im entscheidenden Moment zu versagen. Gerade aus Sicht der Psychologie und Motivation ergeben sich vor diesem Hintergrund interessante Fragestellungen.

Was zeichnet Angst im Sport aus?

Angst blockiert, weil ich einem Fluchtgedanken nachgehe. Angst bereitet den Körper auf eine „Kampf-Flucht-Reaktion" vor. Im Stadion vor 70.000 Menschen haben Profis aber gelernt mit dieser Situation umzugehen.

Titan Oliver Kahn liebte genau dieses Atmosphäre. Es war für ihn geradezu eine Sucht, in ein solches Energiefeld einzutauchen und diese Energie für sich zu nutzen. Was für ein geiles Gefühl muss es für einen Spieler sein, in dieses Estadio do Maracana in Rio de Janeiro einzulaufen und als Akteur dabei sein zu dürfen.

Kann Angst vor dem Scheitern Spieler hemmen?

Das konnte man bei dem Spiel der Brasilianer gegen die deutsche Mannschaft gut beobachten. Ein schnelles Gegentor lähmte für einen kurzen Moment die Brasilianer, schockte sie, weil sie damit so früh nicht gerechnet hatten. Diesen Moment nutzten die Deutschen, setzten nach und es fiel wenig später das zweite Tor.

Jetzt fängt es im Gehirn der Brasilianer an zu arbeiten. Die Spieler denken: Wir müssen drei Tore schießen, um zu gewinnen. Es rotiert im Kopf und Du fängst Dir wie ein Boxer die nächste Schelle. Der Gegner spürt die Angst und setzt unaufhörlich nach. Und nun nimmt das Drama seinen Lauf. Das hätte übrigens auch genau umgekehrt passieren können, weil ein Sportler in Angst alles vergisst, was er gelernt hat. Er drischt einfach drauf los. Die Energie der Zuschauer besorgt den Rest.

Kann man Angst mit Motivation erfolgreich bekämpfen?

An dieser Stelle ist der Trainer gefragt. Er muss schnell beruhigend auf seine Spieler einwirken, wie ein Arzt. Die Fehler im Spiel überblicken und nun Stärke signalisieren. Da er allein ist, hilft nun die Ersatzbank mit und lenkt ihrerseits ihre aufgeladene Energie auf die eigene Mannschaft. Der Funke muss jetzt überspringen und das Erlernte kehrt in die Gehirne der Spieler zurück. Ein einziger Treffer kann jetzt das ganze Spiel in eine andere Richtung kippen lassen und entscheiden.

Was überwiegt: die Aussicht auf den Triumph oder die Angst zu versagen?

Es ist die Gunst des Augenblicks und natürlich Glück. Ob man es jetzt glaubt oder nicht. Glück spielt im Fussball eine tragende Rolle.

Latte, Pfosten, Fehlentscheidungen der Schiedsrichter - all das demoralisiert und jetzt schleicht sich wieder der Gedanke ein: "Es hat doch alles keinen Sinn". Angst darf man aber gar nicht erst aufkommen lassen oder hinterher gehen.

Haben Spieler frühzeitig gelernt, genau dieses auszublenden, und feuern sich immer wieder gegenseitig an, kommt nun das Glück des Tüchtigen zum Tragen. Mehr Spielzüge und Pässe gelingen. Das Gesetz des Gelingens ist wieder voll da und hilft mit.

Das beherrschen Amerikaner in Vollendung, da sie von klein auf an gelernt haben, dass es verlieren gar nicht gibt. Und wenn sie mit 5 Toren hinten liegen, fighten sie unaufhörlich weiter. Eine ganz andere Mentalität, wie sie z.B. südamerikanische Mannschaften besitzen. US-Boys hören erst auf zu kämpfen, wenn der der Schiedsrichter abpfeift.

Dieser Grundstein wurde schon in der Kindheit, in der Schule und beim Militär immer wieder neu trainiert. Motivation kommt ja viel aus den USA. Die Symbiose der Gründlichkeit mit dem deutschen Trainergespann, Klinsmann/Vogts brachte zwar nicht den Titel, aber hat den Grundstein im Turnier weit zu kommen und eine ganze Nation, in einem ganzen Land, für eine relativ neue Sportart zu begeistern.

Dieser Hype hilft für die Zukunft und schlägt Wurzeln. Da hat sich Jürgen Klinsmann jetzt schon ein Denkmal in den USA gesetzt, weil er der erste war, der das so konsequent eingeführt und durchgezogen hat. Nach dem Turnier ist vor dem Turnier ist hier gilt die Maxime. Wir sind grundsätzlich die Besten.

Video: So freut sich die Twitter-Gemeinde auf das WM-Finale gegen Argentinien

Auch für Bundestrainer Jogi Löw gibt es so etwas wie goldene Regeln, um sein Team im Vorfeld des Endspiels gegen Argentinien nochmal optimal zu motivieren:

1. Die Spieler-Frauen müssen umgehend aus dem Umfeld der Spieler, ohne Ausnahme, entfernt werden. Familiengeschichten, persönliche Eitelkeiten und Interessen der Spielerfrauen sofort zurückstellen. Männer untereinander haben weniger Eitelkeiten und Befindlichkeiten als Frauen und tun sich nichts. Es läuft schließlich ein Weltturnier und keine Gala der Eitelkeiten oder ein Red-Carpet-Schaulaufen.

2. Streitigkeiten irgendwelcher Art sofort beenden und ggf. einstellen. Nur das Team und der Sieg zählt. Einer für alle, alle für einen. Jeder Einzelne ist ein D'Artagnan von den Musketieren.

3. Das Ziel muss lauten: "Wir haben gewonnen, wir sind am Sonntag FIFA Fussball-Weltmeister. Wir halten den Pokal in den Händen. Alles jubelt uns zu." Die Kunst ist, das Ziel im Kopf und Unterbewusstsein bildlich als bereits erreicht vorweg zu nehmen.

4. Ein gutes Credo ist: „Die Argentinier können es nicht. Die sind nur mit viel Glück, aber mit wenig Leistung weitergekommen. Die Argentinier sind müde und schaffen es nicht sich nochmal zu steigern."

5. Schlechte Gedanken, sofort löschen, löschen, löschen. Niemals, auch nicht für Bruchteile von Sekunden, Negativem hinterher gehen. Gibt's gar nicht, kommt nicht vor, kennen wir nicht. Leidenschaft, Selbstbewusstsein und Begeisterung haben Vorrang.

Müssen Fußballer bei einem Highlight wie dem WM-Finale überhaupt noch motiviert werden?

Ja. Das Ziel muss ständig vor Augen gehalten werden. Es dürfen sich nach 5 Wochen kein Lagerkoller, keine Flüchtigkeitsfehler oder Starallüren einschleichen.

Gibt es eine typisch deutsche Motivationsart?

Thomas Zerlauth meint dazu: "Sport ist 70 Prozent Kopf, 28 Prozent körperliche Verfassung und nur zu 2 Prozent Technik. Leider arbeiten 99 Prozent aller Sportler zu 100 Prozent an diesen 2 Prozent."

Hilfreich sind Entspannungstechniken, Yoga, Autogenes Training und die Psychologie. Wir schauen auf unsere deutschen Stärken und Tugenden. Gründlichkeit, Achtung, Kampf, Disziplin, Konsequenz und Ordnung. Die Deutschen sind eine Turniermannschaft, die sich bei allen Turnieren immer gesteigert haben und sehr sympathisch und wenig überheblich rüberkommen. Empathie macht beliebt.

Gibt es eine typisch deutsche Angst?

"German Angst" steht ja bekanntlich für Scham, zweifeln, grübeln und zögern. Wir waren ein Volk der Nörgler und Zweifler. Das hat sich seit der WM 2006 durch die klugen Worte von Bundespräsident Horst Köhler maßgeblich verändert. Der rief öffentlich mit deutlichen Worten dazu auf, dass wir stolz sein können Deutsche zu sein und dass man feiern darf, soll und muss.

Eine Deutschlandfahne am Auto oder Balkon ist ausdrücklich erwünscht. Ich konnte diese neue "German Lässigkeit" während meiner WM-Kommentare damals im TV-Studio für N24 in Berlin sehr gut beobachten, was für ein Ruck durch unser wunderbares Land ging.

Dieses Selbstbewusstsein hat uns stärker und selbstbewusster gemacht. Dieses kann man erneut beim Public Viewing am Brandenburger Tor und in anderen Großstädten wie Hamburg oder München sehr gut beobachten.