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01/04/2016 13:07 CEST | Aktualisiert 02/04/2017 07:12 CEST

Beerdigt endlich das Bewerbungsanschreiben!

Thinkstock

Anschreiben - Lebenslauf - Zeugnisse: Die klassische Bewerbung in Deutschland folgt immer noch dem Schema F. Dabei ist es gleich, ob der Bewerber sich auf Papier, per E-Mail oder über ein Karriereportal bewirbt. Und ich verstehe nicht, warum das immer noch so ist. Denn das Anschreiben ist längst tot. Keiner liest es, keiner schreibt es gerne und meistens besteht es nur aus ergoogelten Phrasen. Wer will das?

Also ändern wir das.

Ganz gleich, mit wem ich spreche - ob Personaler oder Bewerber - für jeden ist das Anschreiben ein großes Ärgernis. Viele Kunden bestätigen mir in Gesprächen immer wieder, dass sie Anschreiben eigentlich gar nicht mehr lesen. Die meisten Bewerberanschreiben haben eine Aussagekraft, die gegen Null tendiert. Das einzige, was ein gutes Anschreiben belegt: Der Kandidat ist gut im Anschreiben texten. Aus diesem Grund geht der Griff der meisten Personaler direkt zum Lebenslauf.

Dieser hat in den vergangenen Jahren einen Wandel durchlaufen. Noch in den 1990er-Jahren war der Lebenslauf eine chronologische Aufzählung der Arbeitsstellen. Heute nutzen Bewerber eine „amerikanisierte" Version: Umgekehrt chronologisch, mit Fokus auf Erfolge, Budget- und Personalverantwortung.

Viele Personaler mit denen ich gesprochen habe, empfinden das als Segen. Sie haben, wie alle anderen Entscheider auch, nur begrenzte Zeit zur Verfügung. Zwei Seiten Lebenslauf, die komprimiert zeigen, was der Kandidat kann, reichen zur Entscheidungsfindung, wer eingeladen wird und wer nicht, vollkommen aus. Die Motivation der Kandidaten wird ohnehin im persönlichen Gespräch überprüft.

Hinzu kommt: Anschreiben sind einfach aus der Zeit gefallen. Sie passen schon länger nicht zu modernen Bewerbungsprozessen. Auf Jobseiten nutzen Kandidaten heute schon die Möglichkeit, ihren Lebenslauf zu hinterlegen. Finden sie dann eine passende Position, reicht zur Bewerbung auf der Jobseite häufig ein Knopfdruck aus der Ausschreibung heraus. Das funktioniert zur Not auch mobil in der Straßenbahn. Ein Anschreiben bremst diesen Prozess schlicht und einfach aus.

Wozu also das Anschreiben?

Genau das fragt sich auch jeder Bewerber. Ich zumindest habe noch keinen Bewerber getroffen, der Anschreiben gerne verfasst. Persönlich wie fachlich wirklich gute Kandidaten tun sich oftmals extrem schwer, einen passenden Text zu verfassen.

Das hat Gründe.

Mit einem Anschreiben verlangen wir von Kandidaten eigentlich das Unmögliche. Es soll individuell sein und keine vorgefertigten Textbausteine enthalten. Gleichzeitig sollen Kandidaten sich an die Formalien halten und nicht zu auffällige Anschreiben erstellen. Das widerspricht sich doch alles.

Auch mit der Forderung, Behauptungen zu belegen ohne inhaltliche Dopplungen mit dem Lebenslauf zu erzeugen, setzen wir Kandidaten unnötig unter Druck. Denn die wissen sehr genau, dass Anschreiben kaum gelesen werden und setzen lieber auf den Lebenslauf. Mit der Folge, dass das Anschreiben noch langweiliger wird.

Zuletzt verlangen wir von Kandidaten eine komplexe Persönlichkeit, umfangreiche Fähigkeiten und die persönliche Motivation zu präsentieren. Das soll natürlich in Tiefe gehen und auf Plattitüden verzichten. Aber bitte, bitte nicht mehr als eine Seite darauf verwenden. Auch das ist so faktisch kaum lösbar.

So wird das Lösen einen gordischen Knotens zu einer reinen Fleißaufgabe, die niemand wirklich würdigt, weil das Anschreiben nicht gelesen wird.

Lassen Sie uns damit aufhören. Wirklich.

Liebe Personaler, wenn Sie Anschreiben ohnehin nicht lesen, dann tun Sie Bewerbern doch den Gefallen und verzichten darauf. Schreiben Sie das bitte genau so in die Ausschreibung. Denn ohne expliziten Verzicht darauf, werden Sie weiter welche erhalten. Kein Kandidat will seine Chancen durch einen Formfehler schmälern.

Bitte verlangen Sie Anschreiben nur noch, wenn es einen wirklichen Grund dafür gibt. Wenn Sie zum Beispiel Berufsanfänger einstellen, deren Lebenslauf naturgemäß noch nicht die Aussagekraft besitzt wie nach fünf Jahren im Job. Oder wenn sich Ihre Ausschreibung auch an Quereinsteiger richtet, deren Qualifikationen für die ausgeschriebene Position erst durch den Kontext im Begleitschreiben deutlich werden.

Liebe Professionals, machen Sie es den Personalern einfach, auf das Anschreiben zu verzichten und schreiben Sie moderne, umgekehrt chronologische Lebensläufe, die auch Ihre Erfahrung wiederspiegelt. Alles, was Sie dem Personaler sagen wollen, muss aus dem Lebenslauf ersichtlich sein. Nehmen Sie sich Zeit und erstellen Sie ein Dokument, das all Ihre Stärken und Qualifikationen so hervorhebt, dass Personaler sie nicht übersehen können. Achten Sie dabei besonders auf die Länge des Lebenslaufes. Mehr als zwei Seiten sollten es trotz allem nicht sein.

Und dann lassen Sie uns dieses unsägliche Dokument endlich beerdigen.

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