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24/02/2014 07:20 CET | Aktualisiert 27/04/2014 07:12 CEST

3D-Drucker Revolution: Angriff der Plastik-Klone

Es ist ja seit einiger Zeit bekannt, dass bereits heute mehr oder weniger schussbereite Gewehre per 3D-Drucker hergestellt werden können. Spätestens seit der CES in Las Vegas mehren sich die Nachrichten, dass die neuen Wundermaschinen bald auch Spaghetti und andere Massenprodukte reproduzieren können, was neben den ungeahnten Chancen auch altbekannte Fragen aufwirft. Denn bei aller Euphorie weckt gerade das Ausblenden rechtlicher Fragestellungen Erinnerungen an die Anfänge der Digitalisierung, als sich alle Bedenken den neuen technologischen Möglichkeiten unterordnen mussten. Als Erstbetroffene der digitalen Revolution kann gerade die Musikbranche davon ein Lied singen.

Neue digitale Debatte

Zweifelsohne kommt hier eine neue digitale Entwicklung auf uns zu, die sich eben gerade nicht in einem unbegreifbaren und komplexen, einzig von Algorithmen und potenten Rechnern dominierten Bereich abspielt, sondern ganz real und noch dazu haptisch erfahrbar ist: Das „aus Daten etwas Reales machen" ist serienreif, wenngleich auch bislang nur für kleinere Produkte. Datensätze werden zur Gussform der neuen Dinge, kleine Files, die sich genauso leicht tauschen lassen wie jede beliebige Musikdatei. Wer die Entwicklung der letzten Jahre nur halbwegs aufmerksam beobachtet hat, wird schnell feststellen, dass die digitale Debatte, die wir bislang erlebt haben, schon bald in einen ganz neuen Kontext gestellt werden wird und gesellschaftlich auch gestellt werden muss.

Diese Drucker haben schon jetzt den CD-Brenner in den Schatten gestellt, der im Bereich der Speicherung von Daten schon einmal das Koordinatensystem der gelernten Welt wesentlich verändert hat. Dort ging es letztlich ja auch 'nur' um die reine Speicherung bzw. das Duplizieren/Brennen von Daten, was gerne als Sicherheitsbedürfnis vieler nach einem zweiten oder dritten Ort der Speicherung beschrieben wurde. Oder anders: Es muss doch erlaubt sein, auch im Ferienhaus eine gebrannte CD vorrätig zu haben. Der interessierte Teilnehmer weiß seit langem: Die digitale Privatkopie ist das gelernte Konstrukt aus einer analogen Welt, das offenbar in der digitalen Welt unter Artenschutz steht.

Echo von Filesharing schwingt nach

In der Musikindustrie haben wir nachvollziehen können, dass die Datenpakete immer kleiner und die Netze immer potenter wurden, Tauschbörsen aka. Filesharing nahmen Ende der 90er Jahre Anlauf, um die Kultur- und Kreativwirtschaft mit voller Wucht zu treffen. Das Echo schwingt noch in einer ganzen Generation nach, und damit auch in der netzpolitischen Debatte, die sich wieder etwas beruhigt hat, obwohl wesentliche Fragen ungelöst sind. Die Branche wurde über Jahre als Verhinderer gebrandmarkt, als „Zurückdrehenwoller", die innovativen Ansätze der Branche und die Möglichkeiten zur Meisterung der fundamentalen Herausforderungen schlicht über lange Zeit ignoriert und klein gehalten. Reale Schwierigkeiten in dieser epochalen Herausforderung wurden in der Debatte mit dem Stigma des „Festhaltenwollens an einem alten Geschäftsmodell" belegt. Die Rechtsdurchsetzung wurde zum Kampfbegriff, nicht erst in der vergangenen Legislatur.

Industrie 5.0: Dildo und iPhone-Hülle selber drucken

Und nun? Jetzt also in 3D? Fast unbemerkt tritt eine neue Entwicklung auf den Plan, die in kürzester Zeit zur Industrie 5.0 werden könnte: Der 3D-Drucker trifft auf den Datenaustausch wie ein Komet - die Analysten von Gartner prognostizieren bereits milliardenschwere Verluste für die Rechteinhaber, wobei diesmal nicht allein die Kultur- und Kreativwirtschaft, sondern das gesamte Spektrum der Industrie betroffen ist. Die gelernte Argumentationskette wird dort ansetzen, wo es nun darum gehen wird, sich Schlümpfe, Playmobil-Männer, Lego-Bausteine, Geschirr, Dildos, Adiletten, Brillengestelle oder schlicht die neue iPhone-Hülle selbst auszudrucken, natürlich meistens nur als 'Sicherheitskopie'.

Die Playmobil-Feuerwehr, die man zuhause hat, muss ja schließlich auch im Ferienhaus verfügbar sein. Wieso darf man - wenn es denn möglich ist - sich nicht die Lego-Steine vervielfältigen, wenn man sie doch einmal gekauft hat, es geht ja um den rein privaten Gebrauch oder - nun gut - um ein Geschenk an den Neffen, aber der gehört ja zur Familie. Warum sollte man mehrere Bausteine derselben Farbe kaufen, wenn doch einer reicht, den man privat cloned? Nach der Quelle des Datensatzes wird bald nicht mehr gefragt. Warum auch. Selbst wenn man das Original nicht besitzt und man sich die Daten für den 3D-Druck zuvor aus einer Quelle im Netz besorgt hat, geschah dies ja nur zu rein privaten Zwecken. Oder man kennt jemanden mit einem 3D-Scanner und der versorgt einen mit dem digitalen Bauplan...

Spaßbremse Musikindustrie? Altruistische Sorge um Spielzeughersteller oder den Business-Case von Lego? Sicher nicht, aber gerade, weil die Musikbranche mit ihrer Diversifizierungsstrategie am Markt vergleichsweise gut da steht und sehr viel Erfahrung im Umgang mit dem aktuellen Transformationsprozess hat, erscheint es mir erforderlich, mit etwas Abstand auf die komplexen Veränderungsprozesse zu schauen und sich lösungsorientiert und frühzeitig mit den Konsequenzen auseinanderzusetzen.

Keine Angstmacherei

Es wird nicht darum gehen, sich gegen diese neue Welt zu stemmen oder das Thema 3D-Drucker mit Angst zu besetzen, ein Eindruck den man bekommen kann, wenn man die Antworten der letzten Bundesregierung auf die kleine Anfrage der Fraktion DIE LINKE (BT Drs. 17/14293) liest, in der es trocken heißt: „Die technische Entwicklung in Bezug auf sogenannte 3D-Drucker wird durch die Bundesregierung aufmerksam verfolgt. Behörden wie das Bundeskriminalamt (BKA) und die Bundespolizei (BPOL) untersuchen dabei im Rahmen ihrer gesetzlichen Zuständigkeiten und gemäß ihrer Aufgaben mögliche Gefährdungen und auch mögliche Nutzen." Auch wird es nicht darum gehen, zu entscheiden, wer mit welchen Sorgen früher einmal Recht hatte oder über das Ziel hinaus geschossen ist, denn sicherlich wird der 3-Druck ungeahnte Potentiale, auch kreativer Art, heben können.

Neue Geschäftsmodelle für Lego und Schleich

Es wird in den kommenden Jahren darum gehen, gemeinsam eine möglichst entemotionalisierte Debatte über das geistige Eigentum zu führen, Auswirkungen auf die Wertschöpfung zu beurteilen und vor allem zügig gesellschaftliche Ansätze zu erarbeiten, die aufzeigen, dass sich hinter der propagierten Freiheit oft genug eine einfache und gierige Missachtung von geltendem Recht verbirgt, die durch die technische Machbarkeit ausgehebelt wird.

Es darf nicht passieren, dass die Argumentationskette „Stellt Euch doch nicht gegen das Machbare!" auch an dieser Stelle wieder bemüht wird, nur damit ein iPad-Hüllen-Hersteller, der auf das Problem aufmerksam macht, dann vorgehalten bekommt, er solle sich doch nach einem neuen Geschäftsmodell umschauen. Vielleicht Dienstleistungen? Oder Patente auf „iPad-Hüllen 3D-Patronen"? Oder man rät einer Firma wie Lego oder Märklin, sich in Zukunft aufs Livegeschäft zu beschränken, also Themenparks... Wahrscheinlich gibt es auch bald Portale, die Schleich-Tiere allen zugänglich machen, und der Hersteller wird auf das Betreiben von Zoos verwiesen.

Je früher und klarer man sich der Diskussion in diesem nunmehr erweiterten Kontext stellt, desto weniger groß werden die Missverständnisse und Verwerfungen in der Folgedebatte. Und desto isolierter werden einzelne Themen bei einzelnen Betroffenen abgeladen. Letztlich geht es darum, als Gesellschaft die Spielregeln unserer um die Digitalisierung und das Netz erweiterten Realität zu bestimmen. Ein Thema, das auf die Digitale Agenda gehört.