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10/08/2015 06:13 CEST | Aktualisiert 10/08/2016 07:12 CEST

Hässliche Geheimnisse über die Arbeit in einer Flüchtlingsheim-Kantine

Getty

Ich habe mehrere Monate in der Kantine eines Gießener Flüchtlingsheims gearbeitet. Es klang wie ein Traumjob: Gutes tun gegen Bezahlung. Doch was ich im Erstaufnahmelager erlebt habe, hat mich schockiert.

Mehr als 2.500 Menschen leben im Erstaufnahmelager am Gießener Stadtrand. Die Gebäude der ehemaligen US-Army reichen längst nicht mehr aus, um alle Asylsuchenden aufzunehmen, darum wurden große weiße Zelte aufgebaut, in den zwischen 50 und 150 Menschen auf einfachen Feldbetten zusammen schlafen. Seit mehr als einem halben Jahr stehen die Zelte unverändert da, während die Zahl der Flüchtlinge steigt. Dass die Nerven blank liegen, scheint da nur logisch.

Um 7 Uhr öffnen sich die Tore der kleinen Kantine auf dem Gelände der Einrichtung für Flüchtlinge. Mehr als 2.500 Menschen warten dann darauf ihr Frühstück zu bekommen. 2 Brötchen, 2 Stückchen Butter, einen halben Liter Milch und 4 Päckchen Marmelade. Um einen guten Platz in der Schlange für die Mittagessensausgabe zu bekommen, stellen sich die meisten Asylsuchenden unmittelbar nach dem Frühstück direkt wieder vor der für maximal 1.500 Leute ausgelegte Kantine auf.

„Verpiss dich, geh weiter!"

Drinnen bereiten sich die 10-15 Angestellten auf den neuerlichen Ansturm vor. Sie müssen das Mittagessen und Pakete mit Abendessen vorbereiten. Um 11:30 Uhr hat dann jeder seinen Platz hinter der langen Theke eingenommen und die Ausgabe beginnt.

Wie am Fließband werden die Asylsuchenden abgefertigt, für irgendwelche Nachfragen oder Sonstiges bleibt keine Zeit. Essen auf die Theke, weitergehen, wer nicht aufpasst oder zu langsam ist, wird unsanft weitergescheucht. „Verpiss dich, geh weiter!", heißt es dann nicht selten.

So kommt es nicht selten zu lautstarken Auseinandersetzungen zwischen dem Personal und den Flüchtlingen, obwohl und gerade weil sie sich kaum miteinander verständigen können. Fremdsprachenkenntnisse können nämlich nur die wenigsten Mitarbeiter vorweisen, und einen Dolmetscher sucht man hier vergeblich. Nicht einmal Zettel in verschiedenen Sprachen hängen aus, die die Regeln der Essensausgabe erklären würden. Konflikte sind hier vorprogrammiert.

Die Firma „Medirest", die vom Deutschen Staat für die Verpflegung der Flüchtlinge bezahlt wird, gehört zu einem der größten Catering-Unternehmen der Welt. Auf ihrer Website heißt es unter anderem: „Jeden Tag aufs Neue leisten wir einen positiven Beitrag zur Gesundheit und zum Wohlergehen unserer Kunden, Mitarbeiter und der Gesellschaft allgemein."

Wodka für die Mitarbeiter

Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Die in der Erstaufnahmeeinrichtung tätigen Angestellten der Firma sind hauptsächlich Menschen mit sehr geringen Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Alkoholprobleme sind keine Seltenheit, am Wochenende steht manchmal schon morgens eine Wodka-Flasche in der Umkleidekabine.

Auch die politische Gesinnung spielt keine Rolle bei der Jobvergabe, viele der Angestellte haben eindeutig eine rechte Einstellung, mehr als die Hälfte kann man zumindest als „Pegida-Sympathisanten" bezeichnen. Wie diese dann mit den Flüchtlingen umgehen, kann man sich denken. Hinter den Kulissen fallen immer wieder Worte wie „Scheiß-Asylanten", es herrscht Unverständnis, warum die Flüchtlinge „so viel vom Staat bekommen und wir nichts".

Auf der Website der Firma heißt es weiter: „... stellen wir höchste Ansprüche an die Qualität der von uns erbrachten Dienstleistungen und an die Art und Weise, wie wir unser Unternehmen führen. Die Sicherheit und Gesundheit unserer Mitarbeiter und Gäste sowie der schonende Umgang mit der Umwelt stehen bei uns immer an erster Stelle." An welcher Stelle man als Mitarbeiter wirklich steht, merkt man schon am ersten Tag.

Die Arbeitsbedingungen sind absolut miserabel, es ist ein Knochenjob mit einer Bezahlung knapp über dem Mindestlohn. Auf die benötigte Arbeitskleidung, die nicht nur für die Hygiene und Sicherheit der Mitarbeiter unabdingbar wäre, müssen diese nach Jobantritt oft wochenlang warten. Ich habe meine in meiner gesamten Zeit dort nie bekommen.

„Sollen froh sein, dass sie überhaupt etwas bekommen"

Die Hygiene ist im Erstaufnahmelager ohnehin ein heikles Thema. Denn sie ist gar kein Thema. Mir ist ein Rätsel, wieso die regelmäßigen Kontrollen des Gesundheitsamtes keine Konsequenzen nach sich ziehen. Denn es fehlt an einfachsten Dingen wie Seife und Desinfektionsmittel. Angebrochene Lebensmittel, die man zuhause sofort wegwerfen würde, werden weiterverarbeitet. Nach dem offen artikulierten Motto: „Sollen froh sein, dass sie überhaupt etwas bekommen."

Die viel zu kleine Kantine ist in einem absolut maroden Zustand. Arbeitsmaterialien gehen kaputt, werden aber gar nicht oder erst nach Monaten repariert. Das - und die steigende Zahl der Flüchtlinge - macht die Arbeit zunehmend mühseliger. Mehr Mitarbeiter werden aber nicht eingestellt, stattdessen wird der Druck auf die vorhandenen Arbeitskräfte erhöht.

Während des Fastenmonats Ramadan steigert sich der Aufwand für die Mitarbeiter noch einmal drastisch, denn in dieser Zeit müssen nach der Ausgabe des Mittagessens noch zusätzlich Pakete für die fastenden Muslime gepackt und verteilt werden. Auch hier gibt es kein zusätzliches Personal, bis zu 12 Stunden pro Tag wird dann gearbeitet, ohne Zuschlag oder ähnliches. Die Stimmung ist auf dem Tiefpunkt.

Da freut man sich, wenn man nach Hause kommt, im Internet surft und auf der Internetseite seines Arbeitgebers liest: „Es ist unsere Leidenschaft, erstklassige Lebensmittel und Dienstleistungen zu liefern. Wir übernehmen die Verantwortung für unser Handeln - individuell und als Gruppe. Jeden Tag aufs Neue leisten wir einen positiven Beitrag zur Gesundheit und zum Wohlergehen unserer Kunden, Mitarbeiter und der Gesellschaft allgemein."

Vielen Dank dafür!

Auf Wunsch des Autors haben wir ihm einen anderen Namen gegeben.

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200 Menschen aus Deutschland, darunter Politiker, Schauspieler, Musiker, Studenten und andere Menschen haben in der Huffington Post ein wichtiges Zeichen gesetzt: Sie haben den Flüchtlingen in Deutschland zugerufen: "Willkommen, gut, dass ihr hier seid, weil..."

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