BLOG
02/12/2015 15:16 CET | Aktualisiert 02/12/2016 06:12 CET

Islamdebatte: Ein Muslim will etwas klarstellen

Thinkstock

Ich bin 40 Jahre alt. Meine Eltern stammen aus der Türkei. Ich bin mit 7 Jahren in die Bundesrepublik eingereist und habe mich während des Abiturs einbürgern lassen. Meine Frau ist auch türkischer Herkunft, sie ist allerdings in Deutschland geboren.

Wir haben drei Kinder im Alter von 2, 9 und 12. Der älteste besucht das hiesige Gymnasium, der jüngere ist noch in der vierten Klasse, unsere Prinzessin besucht den Kindergarten. Wir sind eine durchschnittliche Familie; so besuchen wir beispielsweise gerne eine Theateraufführung, wir gehen ins Kino und wir leisten uns im Jahr einige Fußball-Bundesligaspiele.

2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpg

Wir interessieren uns für fremde Kulturen und lieben Städtereisen. Die Ziele hießen beispielsweise Rom, Florenz, Edinburgh, London, Amsterdam, Brügge, Paris, Wien, Budapest oder Prag.

Die barbarischen Terrorakte in Paris haben auch unsere Familie zutiefst getroffen. Wir sind bestürzt, entsetzt und erschüttert. Unsere Gedanken sind mit den Opfern, ihren Familien und Angehörigen. Jedem Menschen mit Herz wird es so ergehen. Der Terror hat sich in erster Linie gegen Frankreich gerichtet, aber auch unsere Werte und Menschlichkeit waren seine Ziele.

Gott ist Gegner der Terroristen


Es mag sein, dass bedingt durch die Tatsache, dass der Terror dieses Mal quasi vor unserer Haustür geschah, wir fassungsloser sind als bei einem Terrorakt in Ankara/Türkei, Mumbai/Indien oder Beirut /Libanon. Aber egal wo auf der Welt Terror verübt wird und egal wen es trifft, wir sind gleichermaßen betroffen und stellen uns ihm entgegen.

Es muss unmissverständlich ausgesprochen werden, dass solche barbarischen Gräueltaten mit keiner Religion legitimiert werden kann. Gott ist gewiss nicht an der Seite der Terroristen, vielmehr ist er ihr Gegner.

Wir schütteln seit Tagen den Kopf, wenn wir die Diskussionsrunden im Rundfunk und Fernsehen verfolgen. Es werden in einem Atemzug der Terror und der Islam genannt. Zum Teil wird der Terror mit dem Islam begründet. Dann wiederum wird reflexartig angeführt, der Islam habe gar nichts mit dem Terror zu tun.

In einigen Veranstaltungen sitzen Muslime oder Islamgelehrte; diese erklären aber die Zusammenhänge nicht, vielmehr wird geredet und geredet, aber nichts gesagt. Darüber hinaus nutzen auch die Teilnehmer der Diskussionsrunden und Journalisten islamische Begriffe falsch, so dass den Zuhörern und Zuschauern ein falsches Bild vom Islam gezeichnet wird.

Wäre ich kein Muslim, hätte ich ein falsches Bild vom Islam


Wäre ich kein Muslim und hätte noch keine Berührung mit dem Islam gehabt, ich würde nach diesen Sendungen dem Islam gegenüber nicht neutral, sondern eher negativ eingestellt sein. Das ist der Anlass dieses Schreiben aufzusetzen. Ich möchte gerne zu einer Klärung beitragen.

Gemäß der islamischen Lehre glauben die Muslime daran, dass der Urheber des Korans Gott ist. Demnach hat Erzengel Gabriel in den Jahren 610 bis 632 nach Christus dem Propheten Mohammed die Verse anlassbezogen überbracht.

Das heißt, die Muslime glauben daran, dass Gott die Verse an Mohammed sandte, wenn gerade etwas geschah, dass sein Eingreifen erforderte. Demzufolge hatten beispielsweise geographische, politische, historische, kulturelle oder wirtschaftliche Entwicklungen der damaligen Zeit einen konkreten Anteil an der Entstehung der Koranverse.

Um einen Koranvers zu verstehen, ist es daher erforderlich den jeweiligen Vers in seinem eigenen Kontext zu lesen. Angebliche Traditionalisten (Salafisten und Wahhabiten), Islamgegner und die Terrororganisationen lesen den Koran mit der „Unmethode" der Buchstabentreue, was dazu führt, dass jeder Leser eigenen Absichten in die Verse hineinprojiziert und dementsprechend die Rückschlüsse zieht, die seine Absichten unterstützen.

Sie lesen, was sie lesen wollen!


Es geht mir nicht darum Werbung für meine Religion zu machen; mir geht es darum aufzuklären und so zu einem besseren Verständnis beizutragen. Ich bin ein Muslim und kenne meine Religion. Ich weiß, dass der Islam friedfertig und tolerant ist. Die Islamgegner und Terroristen behaupten das Gegenteil.

Als Beweise werden Koranverse wie 9:5 („...dann tötet die Götzendiener, wo ihr sie trefft ..." oder 2:191 (Und tötet sie, wo immer ihr auf sie stößt...") vorgelegt. Dabei ist ihre Methode immer gleich. Sie zitieren die Verse nicht komplett, sondern Fragmente daraus, sie ignorieren die Verse davor und danach gänzlich, und sie ignorieren vollkommen den historischen Entstehungskontext.

Und wenn das alles nicht reicht, erklären sie Verse, die Ihrem Weltbild widersprechen (beispielsweise das friedliche Miteinander der Muslime und Nicht-Muslime regeln) für ungültig. Letztendlich werden die Botschaften so verfälscht, dass es aus ihrer Sicht Sinn macht.

So beschreibt 2:190 den Umstand, dass in Mekka die Nicht-Muslime die Muslimen bekriegen und verfolgen. Es geht nicht nur um Hab und Gut, sondern auch um Leben. Die Muslime sind in der Minderheit, sie stehen einer organisierten Macht gegenüber und haben bis dato nicht gekämpft.

In 2:191 heißt es komplett „Und tötet sie, wo immer ihr auf sie stoßt, und vertreibt sie von dort, von wo sie euch vertrieben...". In 2:192 heißt es weiter: „Wenn ihre Verfolgung jedoch aufhört, ist Allah allvergebend und barmherzig." Und in 2:193 dann: „Und bekämpft sie, bis ihre Verfolgung aufgehört hat und ihr frei glauben könnt.

Wenn sie euch nicht mehr verfolgen,dann wisset, dass keine Feindschaft erlaubt ist....". Ich könnte weiter ausführen, aber ich denke, wer nicht voreingenommen ist, wird bereits jetzt erkennen, dass die Schwarz-Weiß-Malerei nicht zutreffend ist.

Auch die Bibel hat kontroverse Verse


Um es verständlicher zu machen, möchte ich einen Vergleich zum Christentum ziehen. Auch die Bibel enthält Verse, die bei Nichtberücksichtigung des Kontextes falsche Schlüsse erlauben können.

Einige Beispiele: Matthäus 10:34: „Wähnet nicht, dass ich gekommen sei, Frieden auf die Erde zu bringen; ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert." Lukas 19:27:„Doch meine Feinde, die nicht wollten, dass ich ihr König werde; bringt sie her, und tötet sie vor meinen Augen."

Lukas 12:49: „Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu werfen, und wie wünschte ich, es wäre schon angezündet!" Lukas 12:51: Denkt ihr, dass ich gekommen bin, um Frieden auf die Erde zu bringen? Nein, ich bringe Spaltung."

Wenn man diese Verse Jemanden vorlesen würde, der das Christentum nicht kennt, könnte er zu falschen Schlüssen gelangen. Man kann die heiligen Bücher nicht wie Romane lesen, man muss sich wirklich mit ihnen beschäftigen. Muslime glauben daran, dass Gott uns im Jenseits für unsere guten Taten belohnen und - wenn Gott uns unsere Sünden nicht vergeben sollte - er uns für unsere schlechten Taten bestrafen wird.

Wir hoffen natürlich auf seine Gnade, denn diese ist unendlich. Allerdings gibt es laut Islam definitiv keine Gnade, wenn jemand „Gott spielt" und die Botschaften des Islams verfälscht. Denen wird laut der islamischen Lehre die ewige Hölle zuteilwerden. Dennoch begannen bereits kurz nach dem Tode des Propheten Mohammed Menschen damit, den Islam für ihre ganz und gar weltlichen Ziele wie Reichtum und Macht zu missbrauchen und Schandtaten zu begehen.

So ermordeten angebliche Muslime den Schwiegersohn des Propheten (Ali), der zu der Zeit der „Staatspräsident und Vertreter des Propheten" war. Der islamischen Lehre nach gehörte Ali zu einigen Auserwählten, denen Gott zu ihren Lebzeiten bereits das Paradies versprochen hatte.

Terroristen handeln anti-islamisch


Dass das Leben einer gemäß so einzigartig guter Person für die Terroristen nichts wert war, verdeutlicht ihr Selbstverständnis, dass sie jeden x-beliebigen Muslim und Nicht-Muslim ebenfalls ermorden können. Der wesentliche Punkt ist jedoch, dass diese Terroristen absolut nichts mit dem Islam gemein haben. Sie handeln anti-islamisch und sie bekämpfen den Islam.

Terror und Islam sind Gegensätze wie das Licht und die Dunkelheit. Daher brennt unser Herz, wenn wir von Mitbürgern hören, die Attentäter müssten streng religiöse Muslime sein. Das ist so falsch, dass man sprachlos wird.

Die (Selbstmord)- Attentäter sind nicht nur keine streng religiösen Muslime, sie sind vielmehr gar keine Muslime. Sie werden daher auch keineswegs zu Märtyrern und kommen wie bereits oben erläutert entsprechend der islamischen Lehre keineswegs ins Paradies, sondern in die Hölle.

Dass die Elite der Terroristen willentlich den Islam missbraucht und faktisch auch bekriegt, ist die eine Sache. Dass sie es aber schaffen für ihre Ziele und Zwecke eine Gefolgschaft aufzubauen, ist die andere.

Die Rekrutierer erreichen in der Regel nicht Menschen, die in stabilen sozialen Beziehungen eingebunden sind, die einer Arbeit nachgehen, die eine intakte Familie haben. Die Anhängerschaft besteht zum Teil auch aus zuvor durchschnittlichen Muslimen, die sich für gläubig hielten. So gelten gemeinhin die Personen, die am wöchentlichen Freitags-Gebet in der Moschee teilnehmen, zu streng religiösen Glaubensbrüdern.

Zu den Sympathisanten der Terrororganisationen zählen auch Menschen, die zuvor ihr Leben gänzlich ohne Religionsbezug gestalteten. Menschen, die in ihrem Leben nach einem Sinn suchen und plötzlich meinen in der Religion die Lösung aller ihrer Probleme gefunden zu haben, gehören dazu.

Kriminelle schließen sich IS an


Es gehören Kriminelle und Verbrecher dazu, die gegen die Gesellschaft große Wut empfinden und sie für ihr Scheitern verantwortlich machen. Jugendliche, die meinen chancen- und zukunftslos zu sein und sich nach Akzeptanz, Anerkennung, Zugehörigkeit und Geborgenheit sehnen, gehören zu ihnen.

Und auch gutgläubige Konvertierte gehören dazu. Auffallend ist, dass die Rekrutierer die Jugendlichen eher in sozialen Netzwerken als in Hinterhofmoscheen anwerben. Die Sympathisanten haben gemeinsam, dass sie über kein festes religiöses Fundament verfügen. So können die Rekrutierer auf eine große Schar relativ einfach zu manipulierenden Menschen zurückgreifen.

Ihnen kommt zu Gute, dass der Koran linguistisch komplex ist und nicht so einfach zu lesen ist wie ein Roman, sondern man sich wirklich mit ihm beschäftigen und den historischen Kontext kennen muss. Das ist natürlich mühsam.

Die Rekrutierer nutzen die Unkenntnis und das Interesse der Menschen erbarmungslos aus. Sie haben auf alle Fragen eine vermeintlich einfache Antwort, ihr Weltbild ist einfach und die Regeln klar. Sie stellen ihren Anhängern Koranübersetzungen und -auslegungen zur Verfügung, die ihren Ideologien, ihren politischen Idealen entsprechend ausgearbeitet sind.

Andere Koranübersetzungen und -auslegungen werden als Werk von Ungläubigen verboten. Das Ergebnis ist eine totale Umkehrung des Korans. Die wahren Koranverse, die das friedliche Miteinander von Muslimen und Nicht-Muslimen betreffen, erklären sie für ungültig. Die Passagen, die den Zustand während eines Krieges beschreiben, werden auf den Normalzustand verallgemeinert.

IS hat seinen eigenen Islam geschaffen


Laut ihrem Weltbild sind die Ungläubigen die Bösen, die ohne weiteres umgebracht werden dürfen. Und wer sich ihnen nicht anschließt, ist selbstverständlich automatisch ein Ungläubiger.

Auf den Punkt gebracht kann man sagen, die Ideologen der Terrororganisationen haben faktisch ihren eigenen „Islam" geschaffen, der alles gutheißt, was ihnen zu Gute kommt und alles verbietet, was ihnen nicht passt. Mit dem eigentlichen Islam, der von dem Propheten Mohammed verkündet wurde, hat dieser im Kern überhaupt nichts mehr gemein. Nur die Hülle ist gleich.

Die brutalen und niederträchtigen Attentate sind aus Sicht der Terroristen nicht nur eine Machtdemonstration, sie sind zugleich eine Werbebühne. Die Terrorakte machen sie für potentielle Anhänger attraktiver. So gewinnen sie neue Anhänger und werben rivalisierenden Terrororganisationen Anhänger ab.

Zu guter Letzt verbreiten sie auf Seiten ihrer Gegner Unsicherheit und Schrecken und treiben einen Keil in unsere Gesellschaft. Diese droht leider auseinanderdividiert zu werden. Muslime geraten immer mehr unter Generalverdacht.

Es besteht unverkennbar die Gefahr, dass sie immer mehr diskriminiert und ausgeschlossen werden. Nicht-Muslime, die sich möglicherweise irgendwann unvoreingenommen mit dem Islam beschäftigt und ihn kennengelernt hätten, zucken nun zusammen, wenn sie das Wort Islam hören.

Teil 2 folgt....

Islam

: Es war ihr peinlich, ein Kopftuch zu tragen - bis sich eines Tages alles änderte

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Hier geht es zurück zur Startseite