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09/01/2015 05:23 CET | Aktualisiert 11/03/2015 06:12 CET

Offener Brief: Es ist Zeit, Solidarität zu zeigen!

Emma Espejo via Getty Images

Liebe Christen, Muslime und Juden,

liebe Bürgerinnen und Bürger,

liebe Mitmenschen,

tötest du einen Menschen, tötest du die gesamte Menschheit. Wer einen Menschen tötet, für den soll es sein, als habe er die ganze Welt getötet, so heißt es.

Wir sind empört. Wir sind alle zutiefst erschüttert. In was für einer Welt leben wir eigentlich?

Gestern noch avancierte eine junge, vorbildliche Frau mit türkischen Wurzeln für ihre Zivilcourage zu einer Heldin. Tugce setzte sich selbstlos für ihre Mitmenschen ein.

Nicht wir haben Tugce zu einer Heldin gemacht, sondern die Medien. Wir wollten lediglich wichtig sein und mitreden. Wir wollten uns auf ihre Kosten profilieren und heroisch inszenieren, in einer scheinbar zunehmend individualistisch und menschenverachtenden Welt. Der Schein überschattet das Sein.

Jetzt wurde diese junge Frau still auf dem Friedhof des Schweigens und Vergessens begraben. Niemand spricht mehr über sie. Sind wir mundtot oder bereiten wir uns exzessiv darauf vor, das nächste Mal noch mehr ins Scheinwerferlicht zu drängen?

Heute erleidet Charlie einen barbarischen Tod. Die Krokodilstränen werden vergossen. Kaum sind sie ausgetrocknet, schon wird bereits am darauffolgenden Tag die nächste Ereigniskarte gezogen. Ein künstlich kreiertes und nicht minder heuchlerisches Spiel. Traurig, wenn man jetzt schon weiß, dass auch dieses Ereignis instrumentalisiert wird.

Wir sind damit beschäftigt, uns zu distanzieren. Niemand damit, genau jetzt näher zu kommen und zusammenzuhalten. Viele Bürger, darunter mehrheitlich Christen, haben sich zu Muslimen solidarisch gezeigt und mehrheitlich gegen die Pegida und Rechtsextremisten demonstriert. Flächendeckend gab es weitreichende Gegendemonstrationen, doch wo waren die besorgten Muslime?

Es reicht nicht, sich auf sozialen Plattformen und in den Medien verbal zu distanzieren. Nicht lediglich über Taten sprechen, sondern auch Taten sprechen lassen.

Wäre es nicht jetzt an der Zeit und mehr als begrüßenswert, dass sich Muslime initiativ solidarisch zeigen und mit Bürgern christlichen Glaubens sowie Menschen jeglicher Glaubensrichtungen gemeinsam gegen diese gottlosen Barbaren, die unter dem Deckmantel der Demokratie und im Namen des Islam morden, auf die Straße gehen und Gesicht zeigen?

Wir sind uns einig. Nur weil die barbarischen Täter "Allahu Akbar" lautstark rufen, sind sie noch lange kein Muslime oder stehen nicht für den Islam. Nur weil die Pegida "Wir sind das Volk" posaunen, sind sie nicht das Volk oder einer von uns.

Einige sogenannten Muslime, Christen oder Juden erwarten heute zuversichtlich, in den Himmel zu kommen. Auch wenn ihr geistlicher Zustand das Gegenteil erwarten lässt. Und dennoch besitzen einige weiterhin eine unerklärliche Zuversicht, für die Ewigkeit bereit zu sein. Eine klägliche Selbsttäuschung, denn Gott hat keinen Platz für Mörder.

Wir müssen die stetig wachsende und aufkeimende Wut sowie den Hass im Keim ersticken. Nicht durch das Distanzieren, sondern Zusammenrücken. Nicht durch reden über das Töten, sondern das Retten von Leben.

Rettest du einen Menschen, rettest du die gesamte Menschheit. Wer einen Menschen rettet, für den soll es sein, als habe er die ganze Welt gerettet, so heißt es.

Diese ubiquitären Worte sind zentrales Element, ein Grundpfeiler der monotheistischen Glaubensrichtungen und einer zivilisierten Gesellschaft. Diese Kernbotschaft zieht keine Grenzen und spricht eine universell gültige Sprache. Sie adressiert sich an die gesamte Weltbevölkerung und ermöglicht dadurch Menschen, sich über nationale, soziale, kulturelle, religiöse und ethnische Grenzen hinweg miteinander zu verbinden und sich mit Respekt zu begegnen.

Euer Fatih.

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