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30/12/2015 08:01 CET | Aktualisiert 30/12/2016 06:12 CET

Interkulturelle Erfahrung nachts am Frankfurter Hauptbahnhof

Thinkstock

Frankfurt Hbf 23.51 Uhr. Noch exakt 40 Minuten bis meine Bahn nach Butzbach fährt.

Was tun?

Erst mal unauffällig Kopfhörer rein und paar Runden um die Essenstheken drehen. Eigentlich habe ich Lust das Treiben Nachts am Hbf zu beobachten, in die Ecken des Bahnhofs zu gehen.

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Während ich meinen Gedanken nachhänge, ob das wirklich eine gute Idee ist oder nicht, läuft eine Gruppe junger Männer mir entgegen. Die Gruppe bleibt dann plötzlich 50 Meter vor mir stehen, ein Individuum löst sich von ihnen und kommt direkt auf mich zu. Ich bleibe stehen und nehme die Kopfhörer ab.

Ob ich Hilfe bräuchte, fragt der Anführer mich. Seine Jungs stehen hinter ihm und mustern mich. Für einen Anführer sieht er ziemlich gebrechlich aus, denke ich mir.

"Nein danke", sage ich dem 'Babo' und gehe einen Schritt rückwärts. Er kommt einen Schritt weiter auf mich zu. Ob ich etwas rauchen wolle?

"Nein, auch nicht", sage ich, drehe mich um und platziere mich vor der großen Informationstafel mitten am Hauptbahnhof. Ich beschließe einfach vor der großen Informationstafel stehen zu bleiben und zu warten.

Wird dann doch nichts mit dem Rundgang in die Ecken des Bahnhofs, denke ich enttäuscht. Es ist sowieso schon Mitternacht. Zwei Männer stehen auch vor der Informationstafel und unterhalten sich. Ich nähere mich ihnen langsam und kneife die Augen zu, als würde ich angestrengt die Informationstafel studieren.

Sie reden Farsi

Dabei will ich einfach nur hören, was sie bereden. Hab Kopfhörer in meine Ohren stecken, da denken sie sich eh nichts. Und wie ich es geahnt hatte: Sie reden Farsi. Nach dem Akzent zu urteilen sind es zwei Afghanen.

"In der Unterkunft ist es zu laut, ich kann da nicht schlafen", höre ich den älteren Herren mit weißem Schal und Mütze dem jüngeren sagen. Ich entferne mich wieder einige Schritte von ihnen. In welcher Unterkunft sie wohl untergebracht sind?

Dann sehe ich vom weiten auf Gleis 14 mein Zug Richtung Gießen einfahren. Ich beschließe doch schon zum Gleis zu gehen. Vor dem Gleis 14 tippt mir jemand auf die Schulter. Was denn schon wieder, denke ich mir.

"Entschuldung", sagt ein junger Mann auf Englisch. Er würde gerne nach Siegen fahren. Ob das der richtige Zug auf Gleis 14 sei?

"Ja, der fährt erst nach Gießen", erkläre ich ihm und dass er dann nochmal in Gießen umsteigen müsse. Er hält mir eine Fahrkarte vor die Nase. Von Wiesbaden nach Endhaltestelle 1501 steht da. "Ist meine Fahrkarte gültig?", fragt er.

Ich habe keine Ahnung was 1501 bedeutet. Ein Schaffner läuft an uns vorbei. Er weiß es auch nicht. Gehe mit ihm zum Automaten und tippe Gießen ein. Ja, 1501 bedeutet Gießen.

"Die Fahrkarte ist gültig", erkläre ich ihm. Die Gruppe mit dem gebrechlichen Anführer steht zwischen Gleis 14 und 15 und beobachtet das geschehen.

Der junge Mann heißt Farzad und kommt aus Pakistan

Wir setzen uns am Gleis auf eine Bank. Der junge Mann heißt Farzad und kommt aus Pakistan. Er lebt momentan im Köln und war in Wiesbaden einen Freund besuchen. Jetzt will er weiter zu einem Freund, der im Flüchtlingscamp in Siegen untergebracht ist. Ich werde stutzig. Ob wirklich um die Uhrzeit hoch eine Bahn nach Siegen fährt?

"Ja" sagt er, jemand hätte ihm gesagt, dass da noch einer fahre. Ich schaue in meiner Bahn-App nach. "Da fährt erst morgen früh einer von Gießen nach Siegen", erkläre ich ihm. Ratlos sitzt er vor mir. "Bist du sicher?", fragt er. Ich zeige ihm auf meiner Bahn-App die Verbindung.

"Vielleicht kannst du zurück nach Wiesbaden?", frage ich ihn. Dann gehe ich mit ihm zum Automaten direkt vor dem Gleis und zeige ihm, wie er selbst nach Verbindungen suchen kann. Wie man die Spracheinstellungen auf Englisch wechselt.

Suche ihm anschließend eine Verbindung nach Wiesbaden raus. Seine Fahrkarte ist jetzt auch noch ungültig. Während ich im Automaten die Verbindung Frankfurt - Wiesbaden tippe um ihm eine neue Fahrkarte raus zu suchen, kommt ein Mann auf uns zu. Ob wir ein Hessen-Ticket von ihm abkaufen wollen, fragt er. Aus Gewohnheit sage ich erst nein. Dann frage ich, wie viel er haben wolle.

"10 Euro", sagt er. Die Verbindung kostet aber regulär 8,10 Euro nach Wiesbaden, erkläre ich ihm.

"5 Euro", sage ich. "Okay", sagt er.

Ich, überglücklich sage zu Farzad, dass er ihm 5 Euro geben soll. Farzad gibt dem Hessen-Ticketbesitzer erst 5 Euro, dann überlegt er kurz und legt nochmal 4 Euro drauf.

"Nein!", rufe ich empört und Farzad nimmt schnell wieder die 2 Euro weg. Der Hessenticket-Besitzer grinst breit.

"Passt, sagt Farzad.

Farzad bedankt sich sehr bei mir

"Passt!", freut sich der Hessen-Ticketbesitzer und drückt mir die Fahrkarte in die Hand. Oh man. Wenigstens noch 1,10 Euro gespart. Farzad bedankt sich sehr bei mir. Ich halte ihm meine Hand hin. Er checkt ein, lacht und rennt dann zum Gleis 103. "Du hast noch 20 Minuten", rufe ich ihm hinterher.

Gerade als ich wieder zum Zug laufen möchte, kommt wieder eine Gruppe junger Männer auf mich zu. "Wann fährt der nächste Zug nach Darmstadt bitte? Wir haben schon Fahrkarten", fragt mich einer von ihnen wieder auf Englisch . "Moment", sage ich und schaue wieder in die App.

Am Akzent erkenne ich, dass die jungen Männer entweder Iraner oder Afghanen sein müssen. Plötzlich fangen sie an untereinander Farsi zu reden. Ich suche ihnen eine Verbindung heraus und antworte ihnen auf Farsi, wohin sie müssen. Sie freuen sich sehr und bedanken sich für die Auskunft.

"Du siehst gar nicht iranisch aus", sagt mir dann der eine. "Entschuldige nochmals vielmals die Störung", sagt der andere. Alte iranische Höflichkeits-Floskel. "Ihr habt nicht gestört, ich habe Zeit", antworte ich und lache.

Es ist aber mittlerweile doch 00.25 Uhr. Ich muss langsam einsteigen. Während ich vom Automaten auf Gleis 14 wieder zum Zug laufe, kommt mir ein Obdachloser entgegen und bittet um etwas Kleingeld. Drücke ihm 20 Cent in die Hand, die ich in meiner Jackentasche habe und gehe schneller. Eine junge Frau mit blauen Haaren steht vor dem ersten Wagon am Zug.

"Fährt der nach Gießen?", fragt sie mich.

"Ja", antworte ich und steige ein. Was man alles in 40 Minuten erleben kann.

Bewegender Appell: Diese Botschaft hat der iranische Präsident an alle Muslime

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