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13/02/2017 10:11 CET | Aktualisiert 14/02/2018 06:12 CET

"Es gab Morddrohungen" - wie rechte Hetzer mich zum Schweigen bringen wollten

NurPhoto via Getty Images

Ich weiß wie es sich anfühlt, wenn Rechtspopulisten versuchen, das wertvollste zu zerstören, was unsere Gesellschaft hat: die Kunst- und Meinungsfreiheit.

Ich habe ein Stück in der Berliner Schaubühne inszeniert, das "Fear" heißt. Es setzt sich mit dem wachsenden Rechtspopulismus in Europa auseinander, der junge Menschen wie ein Alptraum überrollt.

Darin werden auch Videos des Künstlers Björn Melhus gezeigt, in denen bekannte Rechtspopulisten vorkommen, darunter auch AfD-Chefin Frauke Petry und ihre Vize Beatrix von Storch.

Ein rechtspopulistischer Frontalangriff

Nach der Premiere haben Rechtspopulisten eine Kampagne gegen mich und die Berliner Schaubühne gefahren, die man als Frontalangriff bezeichnen kann.

Von Storch etwa hat im Netz die Fake-News verbreitet, dass die Zuschauer durch das Stück so aufgeheizt wurden, dass einer von ihnen in der Premierennacht ihr Auto angezündet hat. Sie hat das nicht nachweisen können, außerdem halte ich das für völligen Unsinn.

Aber: In rechtsnationalen Blogs und rechtsradikalen sozialen Netzwerken gab es einen emotionalen, hasserfüllten Aufschrei, den ich so noch nie erlebt habe. Er hatte ein klares Ziel: Mich als Autor und Künstler einzuschüchtern und die Schaubühne dazu zu bewegen, das Stück zu zensieren oder sogar abzusetzen.

Wir wurden beschimpft. Als Staatskünstler in Merkels Auftrag und vieles mehr bezeichnet. Die Identitären wollten eine Vorstellung stürmen.

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Anrufer haben dem Theater gedroht, es in Brand zu setzen. Es gab unzählige Morddrohungen gegen mich. Diese Heftigkeit, diese Paranoia gegen die Kunst- und Meinungsfreiheit, habe ich nicht erwartet.

Problematisch wird es dann, wenn diese Einschüchterungsversuche funktionieren. Wenn Schauspieler zum Beispiel kündigen. Oder Autoren sich nicht mehr trauen, ihre Meinung frei zu äußern.

Mehr zum Thema: Rechtspopulismus und der IS wollen unsere Freiheit für immer zerstören

Ich kenne Autoren und Regisseure aus Polen, Ungarn und Russland, die mit dieser Angst leben. Soweit darf es hier nicht kommen! Der Staat muss Bürger vor Rechtsextremen schützen.

Einschüchterungen müssen zur Anzeige gebracht werden. Niemand soll sich davor fürchten müssen, seine Meinung zu sagen.

Die demokratische Kultur Deutschlands darf nicht zerbröseln

Unsere demokratische Kultur darf nicht zerbröseln. Das bekommen wir nur hin, wenn wir endlich aufhören, Drohungen gegen Künstler und Theaterschaffende als verrückte Einzelfälle abzutun.

Auch bei "Fear" haben viele gesagt: Ach, vielleicht war er ja wirklich zu heftig. Vielleicht sollte er leiser auftreten.

All jene, die so argumentieren, machen es sich viel zu einfach. Das Problem lässt sich nicht lösen, indem wir kritische Passagen aus unseren Theaterstücken streichen.

Es ist unsere Aufgabe als Künstler, uns kritisch zu gesellschaftlichen Themen wie zB Fremdenfeindlichkeit und übersteigertem Nationalismus zu Wort zu melden.

Mehr zum Thema: Der geniale Trick der Rechtspopulisten: Wie aus Nazis das unterdrückte Volk wurde

Was in Dresden, Dessau, Altenburg, mir in Berlin passiert ist, sind keine Einzelfälle. Dahinter steckt ein hetzerisches Kalkül der Protagonisten der neuen rechtsnationalen Bewegungen und eine tiefe Verachtung für die Meinungsfreiheit Andersdenkender und eine Missachtung der Kunstfreiheit insgesamt.

Politikaktivisten wie Beatrix von Storch, Björn Höcke, Hedwig von Beverfoerde oder Gabriele Kuby setzen gezielt darauf, verunsicherte Menschen gegen bestimmte gesellschaftliche Randgruppen aufzuhetzen, um damit eine Spaltung der Gesellschaft voranzutreiben und den demokratischen Zusammenhalt und die Demokratie insgesamt zu schwächen und den gesellschaftlichen Frieden zum gefährden.

Deren Ziel ist der Zusammenbruch der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Ihre Anhänger leben gedanklich nicht mehr in einer Demokratie.

Denen ist nicht bewusst, was Freiheit bedeutet, und was für ein hohes schätzenswertes Gut die Freiheit der Kunst ist. Hier muss die gesamte Gesellschaft aktiv werden und ein Zeichen setzen.

"So hat jede Diktatur angefangen"

Rechte Aktivisten beleidigen zunehmend Theaterschauspieler, bedrohen Intendanten und stürmen Theater. Sie haben es dabei auf eine besonders wertvolle Errungenschaft unserer Gesellschaft abgesehen: die Kunstfreiheit.

Kein Wunder, dass die Theatermacher vieler deutscher Theater tief besorgt sind. In der Huffington Post haben sich einige von ihnen daher zusammengetan, um auf dieses Problem hinzuweisen.

Holger Schultze, Intendant des Theaters und Orchesters Heidelberg

Unsere Kultur wird angegriffen - wir müssen uns wehren, solange es noch geht

Joachim Lux, Intendant Thalia Theater

Plötzlich gilt es, tatsächlich etwas zu verteidigen

Falk Richter, Regisseur und Autor

"Es gab Morddrohungen" - wie rechte Hetzer mich zum Schweigen bringen wollten

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