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03/07/2015 07:07 CEST | Aktualisiert 03/07/2016 07:12 CEST

Warum „die Ausländer" gar nicht so kriminell sind

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Vor vier Jahren berichten alle große Medien über eine Studie, die belegen sollte, das Muslime häufiger gewalttätig werden. Über eine aktuelle Studie, die dieses Klischee widerlegt, berichtet hingegen kaum jemand.

Erinnert ihr euch noch an diese Schlagzeile: „Je gläubiger desto gewaltbereiter" (BZ)? Oder die: „Junge Muslime: Je gläubiger, desto brutaler" (Hamburger Abendblatt)? Oder die: „Jung, muslimisch, brutal" (Spiegel Online)? Oder die: „Muslime - Mehr Religiosität = Mehr Gewaltbereitschaft" (Welt)? Oder die: „Allah macht hart" (Tagesspiegel)?

2010 berichteten so ziemlich alle großen Medien über eine Studie, die belegen sollte, dass Menschen umso mehr zu Gewalt neigen, desto muslimischer sie sind. Dass das eigentlich gar nicht aus der Studie hervorgeht, berichtete damals allerdings nur das Bildblog. Egal. Das Bild vom kriminellen Ausländer, der in U-Bahn-Stationen Rentnern auflauert, Drogen vertickt und biodeutsche Mädchen vergewaltigt, ist aus der medialen Berichterstattung kaum noch wegzudenken.

Der Kriminalwissenschaftler Christian Walburg von der Uni-Münster hat sich nun einmal die Mühe gemacht, Polizeistatistiken, Studien und Umfragen zu jugendlicher Kriminalität auszuwerten. Und siehe da: Weder hat die muslimische Frömmigkeit, noch die ethnische Zugehörigkeit viel mit dem Hang zur Kriminalität zu tun. Hier sind einige Ergebnisse seiner Studie:

1. Muslimische Jugendliche neigen nicht stärker zur Gewalt als Nicht-Muslime

Walburg hat in den Polizeistatistiken nach einem Zusammenhang zwischen muslimischer Gläubigkeit junger Menschen und Gewaltbereitschaft gesucht. Sein Ergebnis: Es gibt keine. Das Gleiche gilt für den Zusammenhang zwischen Ethnie und Gewalt.

2. Einige Faktoren begünstigen sogar geringere Kriminalität bei Muslimen

Die Studie bescheinigt einigen Migrantengruppen ein „weniger risikoreiches Freizeitverhalten." Türkischstämmige Jugendliche würden aus religiösen Gründen zum Beispiel seltener Alkohol trinken. Auch Ladendiebstähle werden von Jugendlichen mit türkischen Migrationshintergrund seltener begangen als von ihren deutschen Altersgenossen. Noch stärker fällt der Unterschied für türkische Mädchen aus.

3. Es gibt immer weniger Gewaltdelikte - durch Migranten und durch Deutsche

Walburg hat die Polizeistatistiken der letzten Jahre verglichen: Listeten diese für das Jahr 2005 noch 10.406 tatverdächtige ausländische Jugendliche auf, waren es im Jahr 2013 nur noch 5.837. Zwar ist ein Teil dieses Rückgangs auf den demografischen Wandel zurückzuführen (es gibt immer wenige junge Menschen, deshalb auch weniger junge Kriminelle), doch selbst, wenn man diesen heraus rechnet, bleibt ein Rückgang der Gewalttaten von über einem Drittel - bei Jugendlichen mit, genauso wie bei Jugendlichen ohne Migrationshintergrund.

4. Insgesamt werden ausländische Jugendliche kaum öfter kriminell als deutsche

Neben Polizeistatistiken hat Walburg auch Umfragen mit Jugendlichen ausgewertet. Aus beiden gehe hervor, dass es in Fällen von Kleinkriminalität wie Diebstahl oder Sachbeschädigung kaum Unterschiede zwischen migrantischen und deutschen Jugendlichen gibt. Nur in zwei Bereichen gibt es signifikante Unterschiede:

Der eine betrifft Straftaten des Ausländerrechts (zum Beispiel Aufenthaltsvergehen), die Menschen, mit deutscher Staatsbürgerschaft gar nicht begehen können. Außerdem konnte Walburg bei der Anzahl von jugendlichen Intensivtätern einen signifikanten Unterschied feststellen. Jugendliche mit türkischen oder jugoslawischen Migrationshintergrund führen hier deutlich die Statistik an.

5. Die Klischees kriminalisieren Migranten

Dennoch lasse sich aus obigem Punkt kein Zusammenhang zwischen Kriminalität und Herkunft oder Glaube ableiten, schreibt Walburg. Einer der Gründe: Jugendliche mit Migrationshintergrund werden öfter angezeigt, verhaftet und verurteilt - nicht weil sie häufiger kriminell werden, sondern weil sie als Ausländer wahrgenommen werden. Walburg schreibt:

„Auf Opferbefragungen beruhende Analysen zeigen mittlerweile recht einhellig, dass die Entscheidung über eine Strafanzeige in beträchtlichem Maße auch durch die Zuordnung des Täters zu einer als fremdethnisch definierten Gruppe bestimmt wird". Oder anders: Erst das Klischee vom kriminellen Migranten führt zur Kriminalisierung von Migranten.

Wer lieber das Original liest: Hier gibt es die Studie.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Schantall und Scharia

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