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17/01/2016 06:02 CET | Aktualisiert 17/01/2017 06:12 CET

Auch MuslimInnen sind bestürzt

dpa

Die Vorfälle in der Silvesternacht in Köln erschütterten ganz Deutschland. Sofort fanden sich viele Meinungen, Stellungnahmen und Artikel in den (sozialen) Medien. Leider war zu beobachten, dass Schuldzuweisungen an muslimische Männer und geflüchtete Menschen die Anteilnahme mit den Opfern übertrafen.

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Schnell wurde erkennbar, dass wieder eine Vorverurteilung und vor allem eine Generalisierung von Bevölkerungsgruppen stattfand, ohne zu beachten, dass diese Gruppen ein Teil dieses Landes sind, welche genauso sehr bestürzt und erschrocken über die Vorfälle sind, wie der Rest der Gesellschaft.

Solche Arten von Vorverurteilungen erschweren das friedliche Zusammenleben, und das gemeinsame Gestalten der Gesellschaft für eine bessere Zukunft.

Integrationsdebatten sind notwendig - aber nicht so!

Ständig ist die Rede von Integrationsdebatten. Selbstverständlich müssen diese in Anbetracht der über eine Million Flüchtlinge, die wir in Deutschland willkommen geheißen haben, geführt werden. Dies ist bei dieser Anzahl von Menschen unumgänglich. Muslimen kommt in diesen Debatten eine besondere Verantwortung und Aufgabe zu, da sie die Sprache, die Weltanschauung und die Hintergründe der geflüchteten Menschen teilweise verstehen und nachvollziehen können.

Doch dürfen diese Debatten nicht von schlechten Ereignissen angestoßen und vorangetrieben werden, die eine differenzierte und sachliche Sicht auf die Sache verhindern. Vielmehr sollten diese Debatten mit authentischen Personen und ehrlichen Meinungen geführt werden, die nicht durch Vorurteile überschattet sind.

Die Debatte um Frauenrechte

Die Debatte um Frauenrechte hat bisher immer einen kleinen Teil der Integrationsdebatten eingenommen, wohl aber keinen großen. Weder in den Integrationsdebatten noch in den gesamtgesellschaftlichen Debatten.

Seit der Silvesternacht in Köln entpuppen sich immer mehr Menschen als vermeintliche FeministInnen und FrauenrechtlerInnen. Davor gab es aber schon viele Stimmen, auch viele junge muslimische Stimmen, die sich für Frauenrechte, gegen Gewalt an Frauen, gegen Rassismus und Sexismus stark gemacht haben. Nur leider wurden sie nicht oder kaum gehört.

Man möchte sich als Teil der Gesellschaft freuen, dass die Bereiche nun endlich an Aufmerksamkeit gewinnen, doch wird das durch den Missbrauch der Thematik für die eigenen politischen Zwecke überschattet. Nun möchte plötzlich jede/r ein/e FrauenrechtlerIn sein, da ja Flüchtlinge oder muslimische Männer anscheinend die Täter waren.

Nur ist das so betrachtet keine ehrliche und authentische Haltung! Das führt zu einer Stagnation in der Entwicklung der Gesellschaft, da man sich seiner eigenen Fehler nicht bewusst wird und die Augen vor ihnen verschließt.

Gewalttaten und Ungerechtigkeiten an Frauen gab es auch vorher

Laut einer Studie des Bundesfamilienministeriums erfährt jede siebte Frau in Deutschland sexuelle Gewalt. Jede vierte Frau erfährt häusliche Gewalt. Mehr als 1⁄4 der Frauen werden dabei schwer bis lebensbedrohlich verletzt. Dabei sei es nicht ausschlaggebend, welchen sozialen Status man hat oder welchen Bildungsabschluss.

Das sind nur wenige Zahlen und Fakten, die zu dem Thema angeführt werden können und man sieht, dass das Problem und die Herausforderung schon vorher bestand - nur wurde sie nicht gehört oder nicht beachtet. Aus diesem Aspekt heraus sollten diese Thematiken nicht als ein von Geflüchteten oder Muslimen importiertes Problem behandelt und betrachtet werden.

Dass man jetzt versucht, diese Thematik auf dem Rücken von Flüchtlingen und Muslimen auszutragen, zeugt davon, dass über eigene Problemen, Fehlern und Baustellen hinweggesehen wird.

Somit verliert diese Debatte an Ehrlichkeit!

Muslimischer Feminismus

Die Vorwürfe gegen Muslime sind gestiegen und auch der Fremdenhass und der Rassismus erreichen ein neues Ausmaß. Auch muslimische Jugendliche, die sich seit Jahren als FeministInnen bezeichnen und das, was sie darunter verstehen, in ihrem Alltag umsetzen, bekommen das zu spüren, obwohl sie sich in den verschiedensten Netzwerken, Organisationen und Verbänden aktiv für Frauenrechte kämpfen.

Diese Jugendlichen versuchen, der Frau eine Stimme zu geben bzw. ihre Stimme lauter werden zu lassen, egal, ob sie muslimisch oder nicht-muslimisch ist. Ihr Bild vom Feminismus ist geprägt vom islamischen Frauenbild, welches die Frau nicht weniger als den Mann ehrt. Weder ihre Haltung noch ihre Handlungen sind frauenverachtend! Das Ziel des Feminismus ist es, die Frau in allen Lebensbereichen auf die gleiche Gerechtigkeitsstufe wie den Mann zusetzen - dafür stehen auch muslimische FeministInnen ein!

Missbrauch der Thematik seit der Silvesternacht in Köln ist kontraproduktiv

Den muslimischen Jugendlichen ist es wichtig, die Gesellschaft aktiv mit ihren eigenen Fähigkeiten und Skills zu gestalten, sich in die Gesellschaft einzubringen und einen Nutzen für sie zu haben. Dazu gehören auch die oben angeführten Bereiche. Muslimischen Jugendlichen ist die Führung einer offenen, authentischen, ehrlichen und vorurteilsfreien Debatte sehr wichtig. Ständige Distanzierungsforderungen, unangebrachte Konfrontationen und negative Erfahrungen im Alltag gegenüber Muslimen sind hier kontraproduktiv.

Die ständigen Forderungen führen dazu, dass man die Jugendarbeit nicht so gestalten und formen kann, wie man möchte, da man schlichtweg keine Kapazitäten mehr dafür hat, in der ständigen Beschäftigung sich zu rechtfertigen oder Stellung zu beziehen.

Den muslimischen Jugendlichen ist es wichtig, die Themen wegen ihrer Wichtigkeit und für all die Frauen anzugehen. Es ist weder förderlich noch zielführend aus diesem wichtigen und leider im 21. Jahrhundert mitten in Europa noch kaum genug debattierten Thema eine Ausländer-/Migranten-/Integrations-/Flüchtlingsdebatte zu machen.

Wir sprechen dagegen

Wir sprechen uns absolut gegen den Missbrauch solch einer wichtigen Thematik für eigennützige Zwecke und gegen die Generalisierung von Bevölkerungsgruppen aus. Wir hoffen auf eine ehrlichere, authentische und nachhaltigere Debatte, wenn es um Frauenrechte geht, die wir sehr gerne mitgestalten!

Weiter vertrauen wir auf die Offenheit und das freie, unvoreingenommene Denken der Gesellschaft.

Esim Karakuyu im Namen der Muslimischen Jugend in Deutschland (MJD e.V.)

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