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10/10/2015 10:27 CEST | Aktualisiert 10/10/2016 07:12 CEST

Wir rappen, ihr denkt

Frank Hoensch via Getty Images

„Dank euch bin ich von den Drogen weggekommen und trainiere jetzt regelmäßig", schreibt jemand auf die Pinnwand der Facebook Seite des Rappers „Majoe". Irgendwie möchte ich nicht daran glauben, dass die gewaltverherrlichenden und geistlosen Texte seiner Musik einen jungen Mann wie ihn von den Drogen fernhält.

Das mit dem Training kaufe ich ihm gerne ab, es waren schließlich Majoe und Kollegah, die den Spruch „Vom Salat schrumpft der Bizeps" prägten.

Doch kann ein Rapper wie Majoe oder sein Fachgenosse „Kollegah", der von sich behauptet, das Genre „Zuhälterrap" erfunden zu haben, wirklich ein gutes Vorbild für heranwachsende Teenager sein?

Die Rapszene in Deutschland hat sich stark gewandelt. Major Labels mischten mit und entdeckten mit Aggro Berlin den Gangsterrap für sich, welcher sich später als endgültiger Durchbruch der Szene erwies. Doch der Gangsterrap wurde nicht von irgendwelchen Rappern etabliert, es waren Rapper mit Migrationshintergrund - ein echter Grund zu feiern für die damalige Jugend mit Migrationshintergrund, denn es war das erste Mal, dass ihnen ein derartiges Sprachrohr geboten wurde.

Damals ging es noch um den „Beef" von Azad und Samy Deluxe, beide spiegelten ihre Jugend in ihren Texten wieder und brachten wertvolle Singles wie „Immer wenn es regnet" oder „Weck mich auf". Auch der noch heute von Kennern schon fast vergötterte „King" Kool Savas mischte zu diesem Zeitpunkt mit.

Doch mit der Kommerzialisierung des Genres und neuen Künstlern sank auch die Qualität des Raps und damit auch das Niveau.

Wo früher echte Geschichten erzählt worden sind, erschienen nun Künstler, die ihr Gangsterimage polierten und frei erfundene Geschichten aus dem Ghetto, welches in Wahrheit ein schicker Vorort ist, erzählten. Dabei geht es weniger um die Texte, sondern darum, wer die heftigste Geschichte zu erzählen hat.

Kommen wir zurück zu dem jungen Mann, der sich bei Majoe bedankt, dass er ihn von den Drogen weggebracht hat. Majoe selbst rappt in seinem Lied „Utopischer Körperbau": „Rapper laberten nur Mist; Glaub mir, ein Haken und du sitzt". Eine Line, die widersprüchlicher nicht sein könnte.

Sehen Jugendliche solche Rapper wirklich als Vorbilder? Gibt es allgemein im Bereich der Menschen mit Migrationshintergrund keine einzigen Vorbilder, die es auch ohne Drogengerede und protzigen Autos schaffen, die Jugend für Bildung, Sport und Karriere zu begeistern?

Es gibt sie. Es gibt sie tausendfach. Doch ist es nicht viel einfacher, an Geld, Sex und Ruhm dranzukommen, wenn man es so macht, wie es Rapper vorleben?

Spätestens nach dem beispiellosen Comeback von Gangsterrapper Xatar weiß man, dass auch ein Raubüberfall mit anschließender fünfjähriger Haft kein Rückschlag sein muss - im Gegenteil. Nach seiner Haftentlassung hatte er die Authentizität, die sich viele Rapper nur wünschen.

Da er einen Goldtransporter überfallen hatte und jetzt nach seiner Freilassung schon sofort ein Album in den Startlöchern stand, schenkte er zu der Deluxe-Edition auch noch einen echten Goldzahn dazu. Das ist nicht nur Marketingtechnisch brillant, sondern zeigt vor allem eines: Er hat keinerlei Schuldgefühle. In seinen sehr aufwendig gedrehten Musikvideos, steht er auf Yachten in Dubai, liegt auf Goldbarren und glorifiziert damit symbolisch seine Person.

Dabei gibt es jedoch verschiedene Meinungen. Es sind nicht nur Leute aus der Unterschicht mit einem Migrationshintergrund, die zu den Konsumenten des Gangsterraps gehören. Es sind auch Akademiker, biodeutsche, Ältere, etc. die diese Musik hören und einfach die Musik an sich genießen - zugegeben, Musikstücke wie „Iz da" oder „Original" sind äußerst unterhaltsam und haben mit Wörtern wie „Mantel" oder „Bra" schon längst den Weg in die deutsche Popkultur gefunden.

Am 8. Juni 2007 durfte Rapper Massiv am eigenen Leibe spüren, wie ernst manche Zuhörer seine Texte nehmen. Da er sich abwertend über die Mütter der in Ruhrpott lebenden Menschen äußerte, attackierten ihn zwei Jugendliche mitten in einem Konzert in Duisburg.

Auch Rapper Bushido durfte schon Bekanntschaft mit seinen etwas anderen Fans machen. Mutig kündigt Abdessalem B. per Mail an Bushido einen Amoklauf an, inspiriert von seinen Texten.

Es wäre sicherlich keine Lösung, Rap oder dieses Gangsterimage zu verbieten und jeden Song auf den Index zu schicken. Analog zum Motto „sex sells", versucht die Rapindustrie sich mit möglichst authentischen Figuren bestmöglich zu verkaufen. Dass es einen schlechten Einfluss auf die Jugend hat, ist außer Frage.

Aber es sind gerade Rapper, die die Jugendlichen auf dem gleichen Level abholen können und ihnen in bedeutsamen Texten auch vermitteln können, wie wichtig Bildung und Karriere ist. So rappt Kollegah beispielweise in seinem Track „Du bist Boss":

„Wenn du Ausländer bist und dein Freundeskreis dir sagt

Für uns gibt's nur die schiefe Bahn, wir haben in Deutschland keine Wahl

Und du trotzdem alles gibst, um den ehrlichen Weg zu gehen

Und vor den Büchern sitzt, während sie Zeug verteil'n im Park"

Gegen Antisemitismus und Islamophobie rappt KC Rebell in seinem Stück „Fata Morgana": „Mohamed, der Juden hasst, Peter, der Muslime hasst

Der Hass unter den beiden Parteien ist übertrieben krass" und fügt in der Bridge hinzu:

„Auch, wenn du dich umguckst

Und du Menschen siehst, die rumspinnen

Solltest du besser in deinen eigenen Problemen schwimmen

Egal, was du siehst, was du lebst, was du bist, was du denkst

Lass es einfach in deinem Kopf drin"

Diese Tracks gehören zu den beliebtesten im jeweiligen Album und erreichten bei YouTube gemeinsam mehr als 18 Millionen Aufrufe.

Rappern also nachzureden, sie hätten keinerlei Verantwortungsbewusstsein trifft nicht ganz zu. Einige Rapper sind sich ihrer Verantwortung zweifelsfrei bewusst und nutzen diese in Form von den oben genannten Tracks.

Der sogenannte Conscious Rap erfährt beispielweise in den USA mit Künstlern wie Kendrick Lamar und J.Cole enormen Zuspruch und sind elementarer Teil der Proteste gegen Polizeigewallt. So widmet Kendrick Lamar sein Meisterstück „To Pimp A Butterfly" den aktuellen Themen um Polizeigewallt, Rassismus und Ganggewalt.

Die Tatsache, dass er aus Compton stammt verleiht ihm eine starke Authentizität und die Jugend hört ihm gerne zu - weil sie wissen, dass er sich in die Lage hineinversetzen kann und weiß, was sie durchmachen.

Denn sind wir mal ehrlich - lassen wir uns gerne etwas von Menschen sagen, die nicht wissen, was wir durchmachen? Holen wir uns bei Beziehungsproblemen lieber Tipps von erfahrenen Menschen oder von denen, die noch gar keine Beziehung hatten?

Denn genau wie Kendrick Lamar einfühlsam erscheint, tun es auch deutsche Rapper.

Deutsche Rapper möchten ihrem Publikum immer wieder aufs Neue ihre Street-Credibility unter Beweis stellen, dabei kommen geistlose Texte wie von Celo & Abdi aus ihrem Titel „Heckmeck" raus:

„Bei Stress, my bra, stech' ich mit Plastikbesteck-Messern ab

Azzlack fuckt dieses Land ganz miese, krank, run

Nicht alle Tassen im Schrank

Lan, Tausend Opfer, Faust wird Boxer

Eh, eh, mehr als nur 'ne Schraube locker"

Doch sind es gerade diese Rapper, die schon längst nicht mehr „aus dem Ghetto" kommen und unter einer sichtbaren Identitätskrise leiden. Wenn die Authentizität unter dieser Identitätskrise leidet, kann es schnell passieren, dass einstige Rapgiganten wie Bass Sultan Hengzt schnell aus der Bildfläche verschwinden, da kommt auch das Album „Endlich erwachsen" zu spät, denn das Publikum ist dabei schon längst erwachsen geworden.

Raplegende Nas über Rapper als Vorbilder

Während Rapper ihre Shishabars eröffnen, gründete Samy Deluxe vor Jahren schon eine soziale Einrichtung für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche, um sie für das soziale Engagement zu begeistern.

Rapper können sehr gute Vorbilder sein, während prominente Persönlichkeiten wie Paris Hilton, Kim Kardashian und Dan Bilzerian kaum Vorteile bieten, sind Rapper die einzigen, die aktiv auf naive Jugendliche einreden können und ihnen einfühlsam beweisen können, dass es besser geht. Auch wenn es zu wünschen wäre, dass weniger Trash- und mehr Consciousraptexte produziert werden.

Kanye West rappt in seinem Song „Jesus Walks": „We rappers is role models: we rap, we don't think." Eine passende Line.

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