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26/10/2015 10:03 CET | Aktualisiert 26/10/2016 07:12 CEST

So riskant ist unser Banksystem wirklich

John Lamb via Getty Images

Den internationalen Medien zufolge befindet sich die Welt spätestens seit 2011 in einer Phase der wirtschaftlichen und finanziellen Erholung vom Crash von 2007. Journalisten in aller Welt scheuen keine Mühe, ständig neue Signale für einen Aufwärtstrend aufzuspüren und sie der Öffentlichkeit als Beweis für die »Nachhaltigkeit« der Erholung zu präsentieren.

Gleichzeitig gibt es eine Flut von Meldungen, denen zufolge das internationale Finanzsystem am Abgrund steht und sein Zusammenbruch nur noch eine Frage von Tagen oder Wochen ist. Auf dem internationalen Buchmarkt hat sich eine wahre »Crash«-Industrie entwickelt, in der schreibende Untergangspropheten mit ihren mehr oder weniger apokalyptischen Voraussagen ein Millionenpublikum bedienen.

Dass beide Varianten nebeneinander bestehen können, liegt an der Einzigartigkeit der gegenwärtigen Situation. Sie ist das Ergebnis einer Entwicklung, die es so noch nicht gegeben hat und die daher in keine vorhandene Schublade passt. Dennoch wäre nichts falscher, als davon auszugehen, dass sich die Weltwirtschaft auf dem Weg der Genesung befindet.

Das Gegenteil ist der Fall: Sämtliche Maßnahmen, die seit dem Einsetzen der Finanzkrise 2007 getroffen wurden, um das System zu stabilisieren, haben ausnahmslos dazu beigetragen, es dauerhaft zu schwächen und langfristig noch anfälliger und instabiler zu machen.

Die globale Schuldenlast, die 2007 noch bei 70 Billionen Dollar lag, ist bis Mitte 2013 auf 100 Billionen Dollar angewachsen. Wo immer die Banken auf gesetzliche Einschränkungen gestoßen sind, haben sie ihre Aktivitäten in das undurchsichtige Netzwerk der Schattenbanken verlegt. In ihm steckten 2013 - vorsichtigen Schätzungen zufolge - allein in Europa 21 Billionen Dollar.

Neben der ausufernden Spekulation hat die Inflationsangst zu einer Flucht in Sachwerte geführt, die die internationalen Immobilienmärkte überhitzt und riesige Preisblasen erzeugt hat. Als gefährlichste Entwicklung dürfte sich die ungehemmte Kreditvergabe an Schwellenländer erweisen.

Ungeachtet aller Erfahrungen aus der lateinamerikanischen Krise und der Asienkrise des vergangenen Jahrhunderts haben die internationalen Großbanken ihre Kredite an diese Länder zwischen 2008 und 2013 verdoppelt. Anfang 2014 erreichte der Schuldenstand der Schwellenländer atemberaubende 9,1 Billionen Dollar.

Diese Zahlen lassen keinen Zweifel: Die Gefahren, die in der globalen Finanzwirtschaft lauern, haben nicht abgenommen, sondern in erheblichem Umfang zugenommen. Sie zeigen auch, dass die Finanzbranche durch die Krise nicht etwa zurückhaltender oder vorsichtiger geworden ist.

Im Gegenteil: Die großen Finanzeinrichtungen gehen seit 2007 keine geringeren, sondern wesentlich höhere Risiken ein als in den Jahren zuvor. Das ist kein Wunder, denn durch ihre Einstufung als »systemrelevant« und damit als »too big to fail« haben die internationalen Großbanken einen Sonderstatus erhalten, den es so in der Geschichte der Wirtschaft noch nicht gegeben hat.

Zwar wurden auch in der Vergangenheit Unternehmen vor dem Untergang gerettet, aber dass eine ganze Branche auf Dauer zum unverzichtbaren Bestandteil der Weltwirtschaft und damit praktisch für unantastbar erklärt wurde - das war und ist bis heute einmalig.

Selbst für die aggressivsten unter den Investmentbanken gab es vor 2007 eine rote Linie, die ihre Risikobereitschaft in Grenzen hielt - die Angst vor dem Bankrott. Für Banken mit dem Siegel »too big to fail« existiert diese Linie nicht mehr.

Sie können jedes erdenkliche Risiko eingehen, ohne ihr Ende befürchten zu müssen. Und nicht nur das: Sie können sich, wie die vergangenen Jahre zeigen, nach Belieben über Recht und Gesetz hinwegsetzen, ohne dass die Verantwortlichen dafür zur Rechenschaft gezogen werden.

Die kriminellen Praktiken des Verkaufs von Finanzprodukten bei gleichzeitigen Wetten gegen diese Produkte, die illegale Devisenmanipulation und der aufgeflogene Liborskandal, die vielen Polizeirazzien in den Führungsetagen von Banken und die zahlreichen gegen Geldzahlungen eingestellten Verfahren gegen Banker in Frankfurt, London, Zürich und New York sind nur die Spitze des Eisbergs.

Hier hat die Politik einer Gruppe von Menschen einen Freibrief ausgestellt, der ihr praktisch jedes noch so skrupellose Verhalten erlaubt. Die Folge ist, dass sich die drei wichtigsten Trends der vergangenen Jahre nicht nur ungehemmt fortsetzen, sondern sogar noch weiter beschleunigen können:

Die Konzentration wirtschaftlicher und finanzieller Macht in immer weniger Unternehmen, die Konzentration immer größerer Vermögen in der Hand einer winzigen Gruppe von Ultrareichen und der Abbau der Rechte der Allgemeinheit zugunsten der Zunahme von Privilegien für eine verschwindend kleine Minderheit.

Gemäß einer Studie der ETH Zürich kontrollieren inzwischen 1,7 % der multinationalen Unternehmen 80 % der globalen Umsätze, 147 Konzerne allein 40 % davon. Nicht anders sieht es bei den Privatvermögen aus: Etwa 5 % bis 10 % Reiche teilen sich weltweit 80 % des Besitzes.

Es sind aber nicht nur diese Zahlen, die einem den Atem verschlagen, es ist vor allem das Tempo, in dem sie in den letzten Jahren zugenommen haben. So ist die Zahl der Milliardäre von 2006 bis 2013 weltweit von 793 auf 2170 angestiegen. Allein zwischen 2009 und 2013 stießen 880 Menschen in diese Gruppe vor, bis 2020 wird mit einem Anstieg um weitere 250 pro Jahr gerechnet.

Das Vermögen der Superreichen hat sich zwischen 2009 und 2013 von 3,1 Billionen Dollar auf 6,5 Billionen Dollar mehr als verdoppelt.

Das Ergebnis dieser sich überschlagenden Entwicklung ist ein beispielloser Anstieg des mit Abstand kritischsten Indikators jeder menschlichen Gesellschaft - der sozialen Ungleichheit.

Noch nie waren die Unterschiede zwischen den Extremen so groß wie heute. 2013 verfügten die 85 reichsten Einzelpersonen der Welt über ein Vermögen von 1,7 Billionen US-Dollar und damit über genau so viel wie 3,5 Milliarden Menschen oder die Hälfte der Menschheit.

In Großbritannien besaßen 2013 fünf Familien so viel wie 20 % der Bevölkerung. In Indien verfügten 56 Familien im selben Jahr über ein Gesamtvermögen, das dem von 500 Millionen Landsleuten gleich kam.

Der reichste Mann der Welt, der mexikanische Telekommunikationsmogul Carlos Slim, hätte 2013 allein mit seinen Zinserträgen den Jahreslohn von 440.000 Mexikanern zahlen können.

Am schärfsten prallen die Gegensätze in den USA aufeinander, wo 2013 knapp 500 Milliardäre etwa fünfzig Millionen Menschen gegenüberstanden, die zum Überleben auf Essensmarken angewiesen waren.

Während am unteren Ende der Gesellschaft Millionen von Menschen durch neoliberale Austeritätsprogramme in bitterste Armut getrieben werden, hat an ihrem oberen Ende die größte Bereicherungsorgie in der Geschichte der Menschheit stattgefunden.

In einer Welt, in der 840 Millionen Menschen hungern müssen, 770 Millionen keinen Zugang zu Trinkwasser haben, ebenso viele nicht lesen und schreiben und 80 Millionen Kinder nie eine Schule von innen sehen werden, verfügen einzelne Personen heute über Vermögen, mit denen die Bildungs- und Gesundheitssysteme ganzer Staaten saniert werden könnten.

Dieser horrende Zustand ist nicht nur die logische Konsequenz aus der Funktionsweise des bestehenden Systems, in dem die Erwirtschaftung von Profit das alles überragende Ziel ist, sondern auch ein deutlicher Hinweis auf das, was die Welt in den kommenden Jahren erwartet.

Schon im dritten Jahrhundert vor Christus schrieb Aristoteles: »Immer ist die wirkliche oder vermeintliche Ungleichheit die Veranlassung zu bürgerlichen Unruhen und Revolutionen gewesen.« Zwei Jahrhunderte später sagte der griechische Philosoph und Historiker Plutarch, dass »ein Ungleichgewicht zwischen den Reichen und den Armen das älteste und unheilvollste Leiden aller Republiken« sei.

2000 Jahre menschlicher Geschichte haben die Aussagen der beiden eindrucksvoll bestätigt. Eine Unzahl von Aufständen und Revolutionen hat gezeigt: Je größer die Ungleichheit innerhalb einer Gesellschaft, umso stärker die sozialen Spannungen und umso größer die Wahrscheinlichkeit, dass es zu Aufständen, Umstürzen und Revolutionen kommt.

Dieser Beitrag basiert auf dem Buch Weltmacht IWF. Chronik eines Raubzugs

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234 Seiten, Klappenbroschüre

ISBN: 978-3-8288-3329-6

Preis: €17,95

Video: Arbeitslosigkeit, BIP, Schulden: Europa im Krisencheck: Diese Länder erholen sich - und diese stürzen ab

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