BLOG
10/03/2016 07:34 CET | Aktualisiert 11/03/2017 06:12 CET

Verdacht im Dreieck

... via Getty Images

„Was für eine schöne Leiche", sagte Kriminalhauptkommissar Jürgen Wellmann leise, als er der Toten auf der Bahre ins Gesicht schaute, „ein Jammer, dass diese Frau so jung sterben musste." Vor ihm lag eine etwa 30 jährige Frau mit rotblonden Haaren, deren übriger Körper mit einem Tuch bedeckt war.

Wellmann war zum Klinikum Dresden-Neustadt gerufen worden, weil die Notfallärztin ein Verbrechen vermutete. Was er erfuhr, ließ ihn zur selben Ansicht kommen: Heute am 27. Mai hatte ein anonymer männlicher Anrufer um 20:16 der Feuerwehr eine hilflose Person auf einer Bank am Alaunplatz gemeldet.

Die sofort eingesetzten Rettungssanitäter fanden die auf der Bank liegende Frau lebend und brachten sie zur Notaufnahme, wo sie nur noch schwach atmete und eine Sauerstoffmaske erhielt. Beim Entfernen ihres braunen Anoraks fand die Notärztin Blut auf dem rosa Pullover und beim weiteren Entkleiden einen tiefen Einstich unter der linken Brust.

Eindeutig Mord, sagte Wellmann

Der Stich hatte wohl zunächst nur die Hauptschlagader beschädigt, aber beim Umbetten und dem Transport im Krankenwagen war sie aufgerissen und die Frau innerlich verblutet. Ehe die Ärztin etwas unternehmen konnte, kollabierte die Frau und war nicht mehr zu reanimieren. Weil die Ärztin eine Fremdeinwirkung erkannte, benachrichtigte sie die Mordkommission. Nach einer halben Stunde waren zwei Beamte in der Klinik.

„Eindeutig Mord", sagte Wellmann und ließ die mit hellen Jeans und hochhackigen Pumps bekleidete Leiche in die Gerichtsmedizin überführen. Informationen über ihre Identität waren nicht zu finden, sie hatte weder Handtasche noch Handy bei sich.

Nachdem die Rettungssanitäter das telefonisch bestätigt und die Bank gegenüber einem Haus am Bischofsweg als Fundort genannt hatten, schickte er die Spurensicherung zum Alaunplatz und fuhr mit seiner Kollegin Duru Čelik ebenfalls dorthin.

„Das ist verdammt wenig" meinte Kommissarin Čelik, „wir wissen ja noch nicht mal, ob die Frau hier auf der Bank verletzt wurde oder sich mit dem Einstich hergeschleppt hat. Wäre es möglich, dass sie aus der näheren Umgebung stammt?" „Das ist eine gute Idee", dachte Wellmann laut. „Sie haben ja ihr Bild auf dem Handy. Fragen Sie bitte mal in den Häusern drüben nach, ob jemand sie kennt." „Ay ay, Sir", antwortete die Kommissarin und ging zu den Wohnhäusern auf der Straßenseite gegenüber.

Wellmann mochte die junge Kollegin, die vor einem halben Jahr direkt von der Polizeihochschule in sein Team gekommen war. Mit seinen 64 Jahren könnte sie fast seine Enkelin sein, und so etwas fühlte er auch für sie. Dass sie türkische Wurzeln hatte, merkte man ihr nicht an, es war aber nützlich im Umgang mit muslimischen Asylanten.

In der Kultur dieser Männer sind Frauen Geschöpfe zweiter Klasse, die sich ihrem Willen unterzuordnen haben.

Manchen jungen Männern aus dieser Gruppe machte sie deutlich klar, dass Frauen kein Freiwild, sondern gleichberechtigte Persönlichkeiten sind, die selbstständig entscheiden, mit wem sie sich einlassen. In der Kultur dieser Männer sind Frauen Geschöpfe zweiter Klasse, die sich ihrem Willen unterzuordnen haben. Und die freizügige Bekleidung westeuropäischer Frauen lässt die Männer denken, sie seien offen für Annäherungen.

Im gegenüberliegenden Haus am Bischofsweg wurde die Kommissarin fündig. Eine alte Dame im ersten Stock hatte die Frau auf dem Handy ein paar Mal ins Haus kommen gesehen, auch heute Abend beim Beginn der Tagesschau, konnte aber nicht sagen, welchen Mieter sie besuchte und wann sie gegangen war.

Die Kommissarin klingelte an allen Türen, aber wo jemand öffnete, kannte man die Dame nicht. Manche waren unwillig, zu dieser späten Stunde gestört zu werden. Bei zwei Wohnungen im vierten Stock, in denen niemand öffnete, wollte sie morgen noch mal nachfragen.

Samstag früh bestätigte die Pathologin die Identität der Blutpuren auf der Bank mit dem Blut der Toten. Zusätzlich zu der Stichwunde, die von einem ca. 20 cm langen Messer herrührte, fand sie frische Hämatome an den Handgelenken und stellte fest, dass die Frau im vierten Monat schwanger war. Eine Vergewaltigung konnte sie eindeutig ausschließen, ebenso einen Geschlechtsverkehr im überschaubaren zurückliegenden Zeitraum.

„Jetzt sind wir noch genauso schlau wie gestern und wissen nicht, wer die tote Frau ist", klagte der Hauptkommissar in der Teambesprechung, „wir wissen nur, dass die Frau gestern um 20 Uhr das Haus betreten und vor 20:16 wieder verlassen hat. Hat vielleicht einer von euch eine Idee, wie wir weiter kommen können?"

...dass die Frau im vierten Monat schwanger war.

„Wir kennen ja noch nicht mal das Motiv", sinnierte Frau Čelik. „Da wir bei der Toten nichts gefunden haben, könnte es sich um Raubmord handeln und möglicherweise hat die Schwangerschaft mit der Sache nichts zu tun. Aber die Hämatome deuten auf eine tätliche Auseinandersetzung bei der Messerattacke hin und lassen mich im Zusammenhang mit der Schwangerschaft eher an eine Beziehungstat denken, also dass ein Mann seine Geliebte beseitigen wollte, die dummerweise ein Kind von ihm bekommt."

„Lassen Sie uns die Namen aller Mieter durch die vorhandenen Datenbestände laufen", schlug Wellmann vor, „das wird zwar eine Weile dauern, aber vielleicht finden wir etwas." Im Kommissariat nahmen die drei sich alle öffentlichen Datenbestände vor, auf die sie Zugriff hatten, und jeder durchsuchte einen Bereich nach den Namen der Mieter.

Nach einer Weile rief Frau Čelik: „Ich hab' was", und zeigte den Kollegen ihren Fund. Der Mann in der zweiten Etage, den sie zwar am Freitagabend, aber gestern und heute nicht angetroffenen hatten, war der 31 jährige Luc Soltau, der außer am Bischofsweg auch mit einer Frau und einem Kind in der fünf Minuten entfernten Bachstraße gemeldet war. „Das könnte unser Mann sein!", rief der Hauptkommissar, „kommen Sie, Duru, wir fahren hin."

Die junge Kommissarin freute sich über die Aufforderung und startete den Dienstwagen, während Oberkommissar Schuster sich wieder mal ärgerte, dass der Chef in der letzten Zeit nur noch mit der jungen Kollegin fuhr und er im Büro die Stellung halten musste.

In der Bachstraße standen die beiden vor einem schmucken Einfamilienhaus, doch niemand öffnete. Anscheinend war die Familie ausgeflogen. Wieder im Amt durchsuchten sie zu dritt alle verfügbaren Datenbestände mit dem Namen des Mannes und fanden nichts Auffälliges.

Wegen des nur unbestimmten Verdachts konnten sie nicht mit der Genehmigung rechnen, die Konten und Verbindungen des Mannes einzusehen oder die Villa zu durchsuchen. Da es schon spät war, schickte der Hauptkommissar das Team in den Feierabend.

2016-03-04-1457084579-3594156-CoverDreieckvorne.jpg© Copyright 2016 Ernst-Günther Tietze Hamburg

Der Kriminalroman „Verdacht im Dreieck" beschreibt auf 45 Seiten den Mord an einer jungen Frau in Dresden, die in einem Dreiecksverhältnis gelebt hat. Er wird gedruckt bei epubli und kann im Internet und in jeder Buchhandlung bestellt werden:

Als Taschenbuch für 4,49 Euro mit ISBN-Nr. 978-3-7375-9106-5

Als e-Book für 1,49 Euro mit ISBN-Nr. 978-3-7375-9205-5

Der vorliegende Abschnitt 1 umfasst im Buch 7 Seiten. Weitere Ausschnitte aus den folgenden Abschnitten des Romans werden nacheinander an dieser Stelle vorgestellt.

Auch auf HuffPost:

"Er darf nicht mit Mord davonkommen": Ein mysteriöser Fall könnte Putins politisches Ende bedeuten

Lesenswert: