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15/03/2016 17:00 CET | Aktualisiert 16/03/2017 06:12 CET

Verdacht im Dreieck, Abschnitt 2

... via Getty Images

Aus Abschnitt 2

Drei Jahre vor diesen Ereignissen fotografierte der Modefotograf Luc Soltau auf Kreta neue Bademoden. Er hatte endlich wieder einen ordentlichen Auftrag mit seiner bewährten Idee gewonnen, die Models als normale Touristen beim Schwimmen im Wasser, beim Herauskommen zum Strand und beim Räkeln auf der Strandliege abzulichten und sie lächeln zu lassen, statt sie nur steril darzustellen. Auf diese Weise konnte er die neuen Bikinis, Badeanzüge und Strandkleider besser ins Licht bringen, als andere Fotografen. Das Team war morgens aus Frankfurt abgeflogen und begann nach einem kurzen Imbiss gleich mit den Aufnahmen am Strand. Sie waren für zwei Tage im billigen Hotel Stilani nahe Heraklion untergebracht, wobei die vier Models sich zwei Doppelzimmer teilen mussten. Nur die Aufnahmeleiterin und der Fotograf hatten eigene Zimmer.

Bei den Aufnahmen fiel Luc das blonde Model Evelyn Möller auf, sie war hübsch und hatte eine gute Figur, modelte aber bisher nur in der zweiten Klasse. Im Gegensatz zu den meist unnatürlich aufgemachten Damen schminkte sie sich behutsam und zeigte einen natürlichen Charme. Auch Evelyn war von Lucs Art zu fotografieren angetan, eine derart natürliche Arbeitsweise hatte sie noch nicht erlebt. Dieser Mann schien ihr wert, sich näher mit ihm zu beschäftigen, und nach den Aufnahmen suchte sie im Internet nach seiner Vergangenheit. Sie fand hervorragende Bewertungen aus früheren Jahren und seinen langsamen Abstieg. Mit dem von ihrer Mutter geschulten Blick erkannte sie, dass der Mann ein Drogenproblem hatte, und beschloss ihm zu helfen. Die Verbindung zu einem wieder voll einsatzfähigen Luc Soltau könnte ihr vielleicht die Chance geben, für bessere Labels zu modeln.

Auch Luc wollte dieser interessanten Frau näher kommen und lud sie abends in die Bar ein, doch sie schlug ein Kafenion vor. Bei Metaxa und Oliven kamen die beiden ins Gespräch, doch als Luc der Frau einen Joint anbot, reagierte sie schroff abweisend: „Ich nehme solch Zeug nicht und wenn du dir das reinziehst, werde ich sofort meinen Metaxa bezahlen und gehen", sagte sie mit Entschiedenheit. Erschrocken entschuldigte sich Luc, das sei doch nur ein harmloser Joint, doch Evelyn sah ihm lange in die Augen, bis sie antwortete: „Es gibt keine harmlosen Drogen, das weiß ich von meiner Mutter, die in der Drogenberatung arbeitet. Ich habe dir gleich angemerkt, dass du ein Junkie bist. Du bist am Set fahrig und unkonzentriert, hast zwar gute Ideen, kannst sie aber nicht richtig realisieren und in deinen Augen sehe ich, wie tief du drinsteckst. Gefällt es dir denn wirklich, miserabel bezahlt für die billigsten Labels zu arbeiten? Eigentlich mag ich dich ein bisschen und möchte dir helfen, aus der Sucht rauszukommen, denn ich habe recherchiert, was für ein begnadeter Fotograf du mal warst. Das geht aber nur, wenn du ab sofort eisern auf jeglichen Joint verzichtest." Sie erhob das Glas und sah Luc an. Der überlegte einen Moment, dann stieß er mit ihr an. „Ich danke dir, denn ich habe längst gemerkt, was das Zeug mit mir macht. Mit deiner Hilfe komme ich vielleicht davon los", sagte er leise. Evelyn überlegte einen Moment, dann bat sie: „Erzähl' mir ein bisschen von dir."

Diese Aufforderung traf Luc unvorbereitet, eigentlich hatte er nicht die Absicht, sein Leben vor dieser fremden Frau auszubreiten. Aber irgendwie ging ein Zauber von ihr aus, sie wollte ihm in ein normales Leben zurück helfen, da durfte er sich nicht verschließen. So begann er mit seiner Kindheit: „Ich bin in Dresden aufgewachsen und habe schon als Kind eine Leidenschaft für die Fotografie entwickelt. Zum fünften Geburtstag schenkte ein Onkel mir eine preiswerte Kamera, mit der ich schnell vertraut wurde und alles fotografierte, was mir vor die Linse kam. Mit zehn Jahren kauften die Eltern, die mein Talent erkannten, mir eine Digitalkamera und einen Farbdrucker. Ich reichte einige Bilder zu einer Ausstellung ein und bekam den ersten Preis. Weitere Preise und eine Mappe mit erstklassigen Arbeiten ermöglichten mir, ausnahmsweise schon nach der mittleren Reife an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig zum Studium der Fotografie zugelassen zu werden. Mit 19 Jahren bekam ich das Diplom mit Auszeichnung.

Da ich die Leidenschaft, Frauen zu fotografieren, nie aufgegeben hatte, bewarb ich mich bei Modefirmen. Die Auftraggeber erkannten bald mein Talent und setzten mich für Aufträge in der Haute Couture ein. Für diese Aufnahmen hatte ich die Methode weiter entwickelt, keine sterilen Standbilder aufzunehmen, sondern die Models mit den neuen Kreationen lebensnah in ihrer täglichen Umgebung abzulichten, zum Beispiel bei Spaziergängen, Theaterbesuchen oder auf der Tanzfläche, aber auch im Haushalt beim Spielen mit Kindern oder einer gemeinsamen Mahlzeit. Wichtig waren für mich vor allem natürliche, leicht lächelnde Gesichter und nicht die verkniffenen Blicke, wie sie bei Modenschauen üblich sind. Auch bei der Nachbearbeitung konnte ich meine Kenntnisse gut anwenden. Da ich nur Damenmode fotografierte und dafür durch die ganze Welt reiste, war es nicht verwunderlich, dass die Models mich nicht nur als Bildobjekte interessierten. Immer wieder ergab sich nach der Berufsarbeit die Gelegenheit, den in der Hotelbar begonnenen Abend in meinem Zimmer charmant fortzusetzen. Drei Jahre ging das gut, ich hatte ein angenehmes Leben und verdiente so gut, dass ich mir 2010 ein Haus in der Dresdner Neustadt leisten und recht ordentlich einrichten konnte."

„Und bis dahin hast du keine Drogen genommen?", wollte Evelyne wissen, „ich glaube aber, jetzt bist du schon eine ganze Weile dabei." „Ja, du hast Recht", setzte Luc seine Lebensbeichte fort. „Nach diesen Erfolgen begeisterte mich eine besonders attraktive Dame für Chrystal Meth. Ich fuhr voll auf die Droge ab und hatte berauschende Erlebnisse. Mein schon vorher nicht geringes sexuelles Verlangen steigerte sich, allerdings sank die Leistungsfähigkeit auf diesem Gebiet, was die Dame nach einem Jahr zum Abschied veranlasste. Eine neue Freundin machte mich mit Ecstacy bekannt, das sie schon lange nahm. Zunächst gefiel mir dieses Mittel viel besser als das Vorige. Allerdings stellte ich auch bei dieser Droge bald sexuelle Probleme fest, verbunden mit einer Abschwächung des Geschmackssinns und ständigem Kitzeln unter der Haut. Diese Erfahrungen ließen mich diesmal die Initiative ergreifen, das Mittel zu meiden und mich von der Dame zu trennen, die mich dazu gebracht hatte."

„Aber du hast nicht aufgehört, sondern bist auf Hasch umgestiegen, denn diese Droge merke ich dir an", nahm Evelyn wieder das Wort. „Du hast schon wieder Recht", sagte Luc leise. „Bei der Suche nach einem Ersatz bot mein Dealer mir Cannabis an, was mich stärker begeisterte, als die beiden vorigen Drogen. Doch allmählich stellten sich seltsame Phänomene in meinem Kopf ein, aus Gedankensprüngen wurde ein uferloses Durcheinander und manchmal konnte ich keinen klaren Gedanken fassen, hatte Erinnerungslücken und Filmrisse, so dass ich die Arbeit am Set unterbrechen musste." „Und dann bist du beruflich abgestürzt?" fragte Evelyn. „Genauso war es und ich schäme mich vor dir", gestand Luc mit gequältem Gesicht. „Die großen Modefirmen waren mit meinen Bildern nicht mehr zufrieden und versagten mir neue Aufträge, so dass ich in der letzten Zeit nur noch Unterwäsche in den Räumen billiger Hersteller fotografierte. Meine Chance kam, als die Dessous Exclusives plante, neben Unterwäsche auch Bademoden herzustellen. Da mein Blick für Effekte noch nicht verloren gegangen war, konnte ich den Chef bei den Entwürfen beraten und bekam den Auftrag, die Modelle auf Kreta abzulichten. That's it, und wenn du mir trotz dieser verpfuschten Jahre noch helfen willst, werde ich dir dankbar sein, denn dieser Auftrag hat mir etwas Hoffnung gegeben, mein Leben wieder in den Griff zu bekommen."

Evelyn beugte sich zu ihm und drückte ihm einen Kuss auf die Wange, dann sagte sie leise: „Ja ich will dir helfen, wenn du dir wirklich helfen lassen willst, denn dann sehe ich für dich noch eine erhebliche Entwicklung." Luc nickte begeistert, zahlte den Weinbrand und die beiden schlenderten langsam zum Hotel zurück. Luc hatte gehofft, dass Evelyn mit in sein Zimmer kommen würde, doch sie verschwand in ihrem Zimmer, nachdem sie ihn noch einmal auf die Wange geküsst und ihm eine gute Nacht gewünscht hatte. In ihm kam die Sucht auf, den Kick nachzuholen, auf den er nach Evelyns Worten im Kafenion verzichtet hatte. Doch noch konnte er sich beherrschen, Evelyns Angebot war doch eine gewaltige Chance, aus der Sucht heraus zu kommen und wieder das zu werden, was er einmal war. Im Innersten wusste er, dass ihm diese Frau wertvoll geworden war, ganz anders als alle bisherigen Beziehungen. Doch eine Verbindung mit ihr war nur möglich, wenn er eisern auf jegliche Droge verzichtete. „Ich will es schaffen", rief er laut, stieg aus dem Bett und nahm eine lange kalte Dusche, um die Sehnsucht nach dem Joint zu überwältigen.

Beim Frühstück am nächsten Morgen setzte sich Evelyn wie selbstverständlich zu ihm an den Tisch. Nachdem sie ihm wieder lange in die Augen geschaut hatte, sagte sie leise: „Ich gratuliere dir, du bist clean geblieben. Gestern Abend war ich mir nicht sicher, ob du es schaffen würdest; wenn du magst, können wir Freunde werden." Als Luc erzählte, dass er die Sucht mit dem Wunsch, ihr Freund zu sein und letztlich mit einer kalten Dusche überwunden hatte, lachte sie herzlich und küsste ihn über den Tisch auf die Wange. Am Vormittag wurden die Aufnahmen beendet und um 15 Uhr startete ihr Flieger vom nahen Flughafen nach Frankfurt. Nach etwas über drei Stunden waren sie dort und Luc konnte sich nur kurz von Evelyn verabschieden, denn sein Anschluss nach Dresden wartete schon. Im Flugzeug hatten sie ihre Mailadressen, Telefonnummern und Anschriften ausgetauscht, Luc wusste jetzt, dass Evelyn Berlinerin war. Sie waren übereingekommen, in Kontakt zu bleiben und drückten zum Abschied ihre Wangen aneinander.

2016-03-04-1457084579-3594156-CoverDreieckvorne.jpg© Copyright 2016 Ernst-Günther Tietze Hamburg

Der Kriminalroman „Verdacht im Dreieck" beschreibt auf 45 Seiten den Mord an einer jungen Frau in Dresden, die in einem Dreiecksverhältnis gelebt hatte. Er wird gedruckt bei epubli und kann im Internet und in jeder Buchhandlung bestellt werden:

Als Taschenbuch für 6,99 Euro mit ISBN-Nr. 978-3-7375-9106-5

Als e-Book für 0,99 Euro mit ISBN-Nr. 978-3-7375-9205-5

Der vorliegende Abschnitt 2 umfasst im Buch 7 Seiten. Weitere Ausschnitte aus den folgenden Abschnitten des Romans werden nacheinander an dieser Stelle vorgestellt.