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20/03/2016 06:38 CET | Aktualisiert 21/03/2017 06:12 CET

Verdacht im Dreieck

... via Getty Images

Aus Abschnitt 6

Mit der Antwort ihres Chefs war die junge Kommissarin nicht zufrieden, sie wollte mehr über den Gastwirt wissen. Nach dem Feierabend fuhr sie noch einmal zu dem Restaurant und bestellte ein leichtes Menü.

Als die Küche schloss, sagte sie zu der Bedienung, sie würde gerne den Koch sprechen. Albert staunte, die Kommissarin zu sehen, die zunächst sein vorzügliches Essen lobte und ihn dann fragte, ob er etwas Zeit für sie habe. Eigentlich wollte er nach Hause, aber er fühlte, dass die Frau wichtig für ihn war. Als sie ihn nach seiner Familie und der Beziehung zu Frau Hacker fragte, um ihn besser verstehen zu können, antwortete er langsam, er verdanke seiner Frau alles und habe es mit seinem Verhältnis zu Frau Hacker leichtsinnig aufs Spiel gesetzt.

„Bis zur Wende ging es uns noch richtig gut", begann er, nachdem er eine Weile nachgedacht hatte. „Ich erreichte im Juli 1989 die mittlere Reife und bemühte mich um einen Ausbildungsplatz. Doch die Wende hatte inzwischen alles geändert, es gab weder einen Ausbildungsplatz noch Arbeit für mich. Da ich noch in keinem Arbeitsverhältnis gestanden hatte, bekam ich kein Arbeitslosengeld und weil ich bei den Eltern wohnte, auch keine Sozialunterstützung.

Beide Eltern verloren den Arbeitsplatz, nach einer Weile fand Mutter eine miserabel bezahlte Stelle als Köchin in einem Altersheim. Da meine beiden Brüder noch zur Schule gingen, drängte Vater mich ständig, wenigstens ich solle selber für meinen Lebensunterhalt sorgen. Unsere Lebensumstände unterschieden sich diametral von denen vor der Wende."

„Da sind Sie also in ziemlich schwierigen Verhältnissen aufgewachsen", meinte Frau Čelik, „wie ging es dann weiter?" „Schließlich bot sich mir eine winzige Perspektive", fuhr Albert fort. „Mutter vereinbarte mit der Heimleitung, mich als unbezahlte Küchenhilfe mitzubringen, damit ich bei ihr kochen lernte. Sie hatte Fantasie und einen guten Geschmack und überraschte die Insassen des Heims mit wohlschmeckenden Neuigkeiten.

Ich begriff, dass meine Chance darin bestand, gut aufzupassen und mir zu merken, worauf es ankam. Mit einem detaillierten Einkaufszettel übernahm ich das Beschaffen der Lebensmittel und lernte, worauf zu achten war, um qualitativ hochwertige Dinge zu bekommen. Beim Kochen passte ich genau auf, wie Mutter die Speisen zusammenstellte, womit und wie stark sie sie würzte und wie lange sie mit welcher Temperatur gegart wurden. Ich notierte die Zutaten und Zubereitung der Gerichte in einem privaten Kochbuch. Nach zwei Jahren hatte ich so viel gelernt, dass Mutter mir gelegentlich das Kochen überließ.

„Dann fanden Sie doch eine Anstellung in Ihrem Beruf?", wollte die Kommissarin wissen. „Ja, ich fand nach einiger Zeit eine Stelle in einem kleinen indischen Restaurant, wo der Koch gerade wegen Rauschgifthandel eingesperrt worden war. Bald merkte ich, dass der verhaftete Koch nicht der Schuldige war, sondern der Inhaber des Restaurants das Kokain beschaffte.

Da der Lohn gering war, ließ ich mich von ihm überreden, die Tätigkeit meines Vorgängers fortzusetzen und verdiente vier Jahre recht gut damit. Ich konnte mir sogar Frauen leisten, bis ich ebenfalls aufflog und zu zwei Jahren Haft ohne Bewährung verurteilt wurde. Die Strafe fiel so gering aus, weil ich im Gegensatz zum Vorgänger die Verwicklung des Restaurantinhabers in die Beschaffung der Drogen nicht verschwieg.

Die Zeit im Gefängnis war ein harter Einschnitt in meinem Leben, doch die Erinnerung daran ist nicht unbedingt negativ. Ich verschwieg meine Kochkünste nicht und landete schnell wieder in der Küche, wo ich bald einen guten Ruf hatte. Wegen guter Führung wurde ich schon ein halbes Jahr vor dem Termin auf Bewährung entlassen. Zwar hatte ich in der letzten Stelle indisch kochen gelernt und ein Gefangener aus Frankreich machte mich mit den Feinheiten der französischen Küche vertraut, doch bekam ich als Vorbestrafter keine brauchbare Stelle, aber immerhin Harz 4."

„Irgendwann lernten Sie dann Ihre Frau kennen, die Ihnen dies Restaurant eröffnet hat?", fragte Frau Čelik. „Ja, nun werden die Erinnerungen positiv", antwortete der Gastwirt. „Schließlich war es Katharina, die meine schwierigen Jahre beendete. Ich lernte sie bei einer Schulung vom Arbeitsamt kennen. Offenbar konnte ich sie für mich gewinnen. Ich schilderte ihr offen mein bisheriges, nicht sehr erfolgreiches Leben und sie lud mich ein, bei ihr in der Kamenzer Straße zu wohnen.

Als ein Jahr später ihre Mutter starb, erbte sie eine beträchtliche Summe und schlug mir vor, gemeinsam ein Spezialitätenrestaurant zu eröffne, in dem ich meine Kochkünste zelebrieren könne. Begeistert stimmte ich zu und bald nach der Eröffnung heirateten wir. Das Restaurant machte sich schnell einen guten Namen und nach drei Jahren konnten wir an ein Kind denken.

Vier Jahre später kam der nächste Junge, doch die Geburt war so schwierig, dass Katharina keine körperliche Gemeinschaft mit mir mehr wagte. Da tat ich etwas, das ich jetzt am liebsten vergessen würde."

„Ja, Sie gingen fremd", lächelte die Kommissarin. Bei diesen Worten verzog sich Alberts Gesicht zu einer Leidensmine. „Als ich vor einem Jahr Susanne Hacker im Kindergarten kennen lernte, lud ich sie ins Restaurant ein. Ohne dass Katharina es merkte, begann ich ein langes schönes Verhältnis mit Susanne, das leider vor vier Wochen wegen ihrer Schwangerschaft abrupt endete.

Das hat mich schwer getroffen, denn ich liebte sie sehr. Jetzt muss ich vor allem meine Frau besänftigen, ich weiß doch, dass ihr ihr alles verdanke. Wie konnte ich nur so blöde sein, wegen einer Sexbeziehung meine Existenz aufs Spiel zu setzen? Schließlich liebe ich Katharina auch immer noch.

Sie ist mit den Kindern verreist und ich kann ihr das nicht sagen und sie um Verzeihung bitten." „Jedenfalls danke ich Ihnen für Ihre offenen Worte, die mir Ihre Unschuld an Frau Hackers Tod noch wahrscheinlicher machen als die Aussagen der Bedienung und Ihrer Frau vorhin", meinte die Kommissarin nachdenklich. „Ich wünsche Ihnen beiden, dass Sie wieder zusammen finden, denn ich glaube, Sie beide sind es einander wert." Mit diesen Worten zahlte sie ihr Essen und gab dem Gastwirt freundlich die Hand.

Als Duru Čelik in der vorigen Woche zu ihrem Chef sagte, ihre Arbeit lasse ihr keine Zeit für ein Liebesleben, war sie nicht ganz ehrlich, denn der Hauptkommissar erinnerte sie so sehr an ihren Vater, dass sie meinte, ihre Privatsphäre vollständig vor ihm verheimlichen zu müssen. In Wirklichkeit hatte sie vor zwei Monaten eine lose Freundschaft mit einem anderen Mieter in ihrem Plattenbauhaus begonnen, auf die sie einige Hoffnung setzte. Bernhard Brenner war nur wenig jünger als sie und hatte gerade seine Ausbildung als Goldschmied abgeschlossen.

Außer zwei gemeinsamen Kinobesuchen, ein paar Teestunden in ihren Wohnungen und leichten Küssen zum Abschied hatte es aber noch nichts zwischen ihnen gegeben. Sie schätzte Bernhards Zurückhaltung, er drängte sie in keiner Weise zu irgendwelchen Intimitäten.

Weil ihr das Gespräch mit Albert Zahn im Kopf herum ging, wollte sie mit einem Mann darüber sprechen und klingelte bei ihm. Bernhard bat sie hinein, schenkte zwei Gläser mit Rotwein ein und sah sie fragend an, er merkte, dass sie etwas bewegte. Offen berichtete sie über das Gespräch und fragte „Wie kann ein Mann solche Frau betrügen, die ihm so viel gegeben hat? Das Sprichwort ‚Wenn Hänschen wild wird, ist der Verstand im Arsch!' hat wohl etwas für sich."

„Jeder gesunde Mann hat das natürliche Bedürfnis, sich oft mit einer Frau zu vereinigen", erwiderte Bernhard. „Ich weiß das von meinem Vater, der Psychologe ist. Primitive Männer erledigen das in einem Bordell, aber die meisten brauchen dafür die tiefe Liebe zu der Frau, mit der sie dies letzte Geheimnis erleben.

Damit solche Liebe innig genug ist, muss sie langsam wachsen, wie sich es ja wohl auch zwischen dem Gastwirt und seiner ermordeten Freundin entwickelt hat. Ich muss sagen, dass ich diesen Mann verstehe. Wenn seine Frau sich ihm verweigert hat, musste er den Drang zur sexuellen Erfüllung irgendwo loswerden. Und das heißt überhaupt nicht, dass er seine Frau nicht über alles liebt, Männer können mehrere Frauen innig lieben."

„Ist es bei dir genauso", fragte Duru leise und fürchtete die Antwort. „Ja, ich bin doch auch nur ein normaler Mann", antwortete Bernhard lächelnd, „allerdings gehöre ich zu der Sorte, die Liebe dafür brauchen, ich würde nie in einen Puff gehen." „Hast du denn schon mal ...?" Duru traute sich nicht weiter zu sprechen, aber Bernhard setzte lächelnd die Frage fort: „mit einer Frau geschlafen? Ja, vor zwei Jahren hatte ich eine Freundin, wir waren sehr verliebt und haben auch vollkommen zueinander gefunden.

Aber irgendwann erkannte ich, dass sie mit ihren Anforderungen nicht die Richtige für mich ist und trennte mich vor einem halben Jahr von ihr. Sie akzeptierte das nicht und bemüht sich jetzt, wo ich einigermaßen verdiene, weiter um mich.

Seit ich dich kenne, will ich überhaupt nichts mehr von ihr wissen, denn du bist ganz anders. Ich glaube, mit dir könnte es schöner werden, aber ich will dich zu nichts drängen." „Ich hoffe das auch schon seit einem Weilchen, und deshalb gebe ich dir jetzt eine Anzahlung", lachte Duru, umarmte Bernhard und küsste ihn herzlich, was er begeistert beantwortete.

„Noch nie bin ich so geküsst worden, was habe ich bisher versäumt!", dachte Duru, als sie sich atemlos voneinander lösten. „Das ist ja wundervoll, aber wenn wir jetzt nicht aufhören, landen wir im Bett, das will ich noch nicht.

Alt genug bin ich ja längst dafür und er scheint der Richtige zu sein, aber das geht mir jetzt zu schnell, vielleicht beim nächsten Mal." „Hab' Dank für den schönen Abend und deine Lehre über die Männer", sagte sie und trank ihr Glas leer. Dann erhob sie sich, drückte Bernhard noch einen Kuss auf die Stirn und verschwand.

Im Bett dachte sie über den Abend nach und freute sich auf die nächste Begegnung mit Bernhard, bis ihr klar wurde, dass sie mit ihm nun auch eine Dreiecksbeziehung aufgebaut hatte. „Will ich ihn wirklich?", fragte sie sich und die Antwort kam ihr schnell: „Ja, er ist es wert, ich werde um ihn kämpfen!" Einen Moment später setzte sie lachend hinzu: „Aber morden werde ich seinetwegen nicht!"

2016-03-04-1457084579-3594156-CoverDreieckvorne.jpg© Copyright 2016 Ernst-Günther Tietze Hamburg

Der Kriminalroman „Verdacht im Dreieck" beschreibt auf 45 Seiten den Mord an einer jungen Frau in Dresden, die in einem Dreiecksverhältnis gelebt hatte. Er wird gedruckt bei epubli und kann im Internet und in jeder Buchhandlung bestellt werden:

Als Taschenbuch für 6,99 Euro mit ISBN-Nr. 978-3-7375-9106-5

Als e-Book für 0,99 Euro mit ISBN-Nr. 978-3-7375-9107-2

Der vorliegende Abschnitt 6 umfasst im Buch 6 Seiten. Weitere Ausschnitte aus den folgenden Abschnitten des Romans werden nacheinander an dieser Stelle vorgestellt.

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