BLOG
10/04/2016 11:52 CEST | Aktualisiert 11/04/2017 07:12 CEST

Liebe im Herbst, Kapitel 12

ullstein bild via Getty Images

Aus Kapitel 12 Fernsehen

Fabian

Mittwoch früh fuhr ich zur Klinik und kurz nachdem wir uns zärtlich begrüßt hatten, kam die Reporterin des MDR mit einem Redakteur. Sie zeigten uns das Video mit der Sendung ‚MDR aktuell' von vorgestern, in der sie über die Flüchtlingsunterkunft berichtet und Dagmar hier in der Klinik gefilmt hatten. Dann sagten sie, sie planten eine Serie über das Leben von Senioren, dabei sei auch ein Teil über Sex im Alter vorgesehen. Inzwischen habe es sich herum gesprochen, dass auch Menschen in unserem Alter noch ein erfülltes Sexualleben haben, ob wir das bestätigen könnten.

„Aber natürlich!", rief Dagmar, „wir sind doch normale Menschen mit natürlichen Bedürfnissen." Wir sollten erzählen, wie wir uns kennen gelernt haben und berichteten den Besuch im Mannheimer Senioren-Computerclub und Dagmars plötzliche Begeisterung, sich mit dieser Technik zu beschäftigen. Wie lange es dann gedauert habe, bis wir uns körperlich näher gekommen seien, wollten sie wissen. „Ich weiß doch längst, was Sie wissen wollen", lachte sie, „miteinander geschlafen haben wir eine Woche nach der ersten Begegnung hier in Weimar, es war herrlich und wir tun es mit großem Vergnügen ein paar Mal wöchentlich."

Der Redakteur wurde rot und die Reporterin lachte. „Lassen Sie uns zur Praxis kommen", meinte sie, „es wäre hilfreich, wenn Sie uns die Entwicklung Ihrer Beziehung möglichst detailliert berichten könnten." Dagmar berichtete vom Kauf des Tablets und der Einweisung durch mich, wobei sie sich schon unwahrscheinlich zu mir hingezogen gefühlt habe. Als sie wissen wollten. ob wir vorher schon Partner gehabt hätten, berichteten wir über unsere glücklichen Ehen.

„Konnten Sie denn nach so langer Gemeinschaft problemlos eine neue Verbindung eingehen?", fragte der Redakteur. „Wir wussten beide, dass unsere Partner gestorben waren und nichts dagegen haben, wenn wir ein neues Leben beginnen", antwortete Dagmar und berichtete dann weiter über ihre Krankheit und die Behandlung in Seattle. Mit den Worten: „Die einfache zärtliche Berührung unserer Körper aneinander dürfte auch mit hundert Jahren noch möglich sein, wenn sonst nichts mehr geht", und unserem Beschluss, abwechselnd in Weimar und Mannheim zu leben, beendete ich den Bericht.

Dagmar

„Genau das brauchen wir für unsere Sendung", sagte der Redakteur, „wieviel sind Sie denn bereit, davon der Öffentlichkeit preiszugeben?" „Na ja, wir müssen kein Lehrbuch der Sexualität zusammenstellen, aber darüber hinaus haben wir kein Problem, unsere erfüllte Erotik von Anfang an offen darzustellen", erwiderte ich und schaute Fabian an, der zustimmend nickte. „Wie bauen wir das Feature auf?", fragte der Redakteur seine Kollegin. „Ich stelle ich mir das so vor", antwortete sie, „als Einleitung lassen wir einen Arzt sprechen, dass für ältere Menschen eine Paarbeziehung gesund ist und viele von ihnen genauso viel Sex haben wie jüngere.

Dann würde ich die erste Begegnung im Senioren-Computerclub darstellen und den Kauf des Tablets. Als nächstes kommt der Unterricht im Haus in Mannheim mit dem ersten Kuss und eine Andeutung der zärtlichen Begegnung. Ich würde dann die Begrüßung am Bahnhof hier in Weimar zeigen und einen züchtigen Blick auf die beiden im hiesigen Schlafzimmer. Die weiteren Ereignisse sollten wir hier abfragen, und auch in Herrn Tiemanns Haus. Wir können die Gespräche hier und dort abwechselnd darstellen."

Fabian

„Ich bewundere Sie", sagte die Reporterin, „so offen wie mit ihnen könnte ich mit meinen Eltern nicht über das Thema Sexualität sprechen. Ich bin mir nicht sicher, ob es noch Sex zwischen ihnen gibt." „Dann ist Ihre Sendung ja gerade richtig für Ihre Eltern", lachte ich, „meine verstorbene Frau und ich hatten nie ein Problem, mit unseren Kindern darüber zu sprechen, sie hat unserer fünfzehnjährigen Tochter sogar angeboten, die Pille zu besorgen, wenn sie sie braucht, und mit 17 ist sie darauf zurückgekommen. Ein paar Wochen später hat sie stolz verkündet, sie sei jetzt eine Frau, und wir haben ihr dazu gratuliert und einen Schmuck geschenkt." „Ich danke Ihnen für das Gespräch, leider sind viele Menschen nicht so offen wie Sie beide", meinte die Reporterin.

Dagmar

Freitag wurde ich schon früh geweckt und musste nach dem Frühstück zur Physiotherapie, bei der ich mich freute, wie sie mein Bein mobilisierte. Montag bis Freitag solle ich um 10 Uhr kommen, danach sei ich frei, sagte die Therapeutin. Um 10 Uhr holte Fabian mich ab und wir fuhren zu meinem Haus, wo ich es genoss, wieder in vertrauter Umgebung zu sein. Da ich noch bis Ende nächster Woche zur Physiotherapie muss, beschlossen wir, nächsten Samstag nach Mannheim zu fahren und Fabian buchte die Fahrkarten. „Was möchtest du zu Mittag essen?", fragte er worauf ich einwarf: „Es ist doch gerade erst halb elf, da müssen wir noch nicht ans Essen denken."

„Ich glaube, du hast denselben Gedanken wie ich, dann komm!", lachte mein Geliebter und führte mich die Treppe hinauf ins Schlafzimmer. „Du musst dich sicherlich noch schonen, aber es wird überhaupt nicht anstrengend", meinte er vorsichtig, worauf ich nachdenklich antwortete: „Ja, wir müssen es leider bei der Light-Version belassen." „Immerhin besser als nichts", meinte mein lieber Partner und begann, sich und mich auszuziehen. Es war herrlich und ich begriff überhaupt nicht, wie ich dieses wundervolle Erleben so lange entbehren konnte.

Fabian

Wir spülten gerade das Geschirr, als der Übertragungswagen des MDR vor der Tür stand. Der Redakteur, die Reporterin, eine Kamerafrau, ein Beleuchter und ein Mikrofonmann drängten ins Haus, wir baten alle ins Wohnzimmer. „Hier in Weimar haben wir drei Szenarien", begann die Reporterin, „die harmonische Szene mit Ihnen beiden im Bett, umfangreiche Interviews in verschiedenen Räumen des Hauses und die Begrüßung am Bahnhof. Gönnen Sie uns einen kurzen Rundgang, damit wir entscheiden könne, wo wir drehen? „OK, kommen Sie", rief Dagmar und führte die ganze Gesellschaft durchs Haus.

„Jetzt weiß ich Bescheid", sagte die Reporterin, „am liebsten würde ich als Erstes die kurze Schlafzimmerszene drehen. Ich stelle mir vor, dass Sie beide zugedeckt im Bett liegen und sich umarmen. Sie sollten möglichst einen unbekleideten Rücken zeigen, während von ihrer Frau nur das Gesicht zu sehen sein wird, an das sie Ihre Wange drücken. Einverstanden?" Da Dagmar nickte, zogen wir alle ins Schlafzimmer, wir beide zogen die Schuhe aus und ich machte den Oberkörper frei, dann krochen wir unter die Bettdecke.

Dagmar

Obwohl ich voll bekleidet war, fühlte ich mich irgendwie blöd, zwar unter der Bettdecke, aber vor der Kamera im hellen Scheinwerferlicht mit Fabian zu schmusen. Doch er beugte sich ungeniert über mich und schmiegte seine Wange an meine, dann ließ er es nicht beim Aneinanderschmiegen der Wangen, sondern strich mir zärtlich über die Haare, bis die Reporterin „Stopp!", rief. „Das war gut", lobte sie uns und wir durften aufstehen und uns wieder anziehen, bei mir waren es ja nur die Schuhe.

„Jetzt sollten wir im Wohnzimmer das Interview aufnehmen", befahl sie und wir gingen nach unten. Das Kennenlernen und langsame Näherkommen sei ja in Mannheim geschehen und würde dort gedreht, sagte sie, deshalb gehe sie hier mit ihren Fragen schon von einer herzlichen Bekanntschaft aus. Da wir aber berichtet hatten, dass wir erst hier vollkommen zueinander gefunden hätten, würde sie jetzt damit beginnen.

Wie das denn abgelaufen sei, ob wir gleich ins Bett gegangen wären. „Na hören Sie mal, wir sind doch keine Tiere", antwortete ich mit Entschiedenheit, „natürlich sehnten wir uns beide danach, aber da wir uns in Mannheim nur vorsichtig kennen gelernt und dann zwei Tagen nicht gesehen hatten, mussten wir hier die Nähe behutsam wieder aufbauen." Ob sie das senden dürfe, fragte die Reporterin. „Auf jeden Fall", antwortete ich, „das ist doch die Grundlage einer zivilisierten Sexualität."

Fabian

„Danach haben Sie noch die USA bereist", fragte die Dame. „Ja", bestätigte ich, „wir wollten ein Stück des Landes kennen lernen und vier Wochen lang die Westküste von Seattle bis Los Angeles unsicher machen, aber etwas erscheint mir wichtig: Während der Reise stellte sich plötzlich eine Impotenz bei mir ein, ich wusste nicht, wie das kam und war verzweifelt. Ich hatte Dagmar ja auch mit unserer wunderbaren Erotik gewonnen, die sie ebenso genossen hat wie ich.

Ich kam mir vor wie jemand, der sein Versprechen nicht halten kann. Doch meine Geliebte sagte sehr ernst: ‚Ich liebe dich doch als Menschen und nicht nur ein Körperteil von dir.' Da war ich erleichtert. Und in Mannheim fand sie über das Internet, dass ein geänderter Magensäurehemmer diese Auswirkungen verursacht. Ich habe auch gelesen, dass sich das Problem mit zunehmendem Alter wieder einstellt."

„Ich danke Ihnen für Ihre freimütige Aussage", sagte die Reporterin beeindruckt, „sie wird sicherlich vielen Männern mit diesem Problem helfen. Trotzdem möchte ich noch fragen: Hat Ihre Partnerin Ihnen auch anderweitig geholfen?" „Selbstverständlich!", rief Dagmar, „ich habe doch zwei Hände und einen Mund, und Fabian hat mir auf dieselbe schöne Weise geantwortet!" „Ja, das hast du wunderbar liebevoll getan und ich habe dir gerne dafür gedankt, mein Liebling", sagte ich leise und küsste sie. Die ganze MDR-Mannschaft klatschte Beifall.

Dagmar

In Mannheim ging die Computerei los. Ich musste mein Tablet in den WLAN einbringen und ein E-Mail-Konto eröffnen. „Jetzt springen wir einen Tag weiter", sagte Fabian und ließ mich das Free Office herunterladen, installieren und den Brief schreiben, den die Fernsehleute aufnahmen. Darauf folgten unsere vorsichtigen Streicheleinheiten bis zum ersten leichten Kuss, dem sehr bald die innigen folgten, wobei er in meinen Ausschnitt griff.

„Haben Sie vor dieser Begegnung schon in einer Gemeinschaft gelebt?", fragte die Reporterin, und als wir von unseren nach langer glücklicher Ehe verstorbenen Partnern berichteten, fuhr sie fort: „Konnten Sie denn problemlos nach so langer glücklicher Gemeinschaft eine neue Verbindung eingehen?", worauf ich antwortete: „Schon die Bibel sagt: ‚Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei'", und Fabian Angelicas Worte vor ihrem Tod hinzufügte: ‚Mach' dir noch ein schönes Leben, wenn ich nicht mehr bin.'"

Fabian

Zu Hause fiel mir ein, dass ich mit meinem Sohn Torsten über mein Prostataproblem sprechen sollte. Wie es meiner Freundin gehe fragte er gleich. Erstaunt fragte ich zurück, woher er das wisse und er antwortete lachend, er spreche gelegentlich mit seiner Schwester. So berichtete ich in kurzen Zügen über unser Kennenlernen und Zusammenleben, Dagmars erfolgreiche Operation in Seattle und ihren Unfall jetzt in Weimar. „Das scheint dir ja ziemlich ernst zu sein", sagte er und ich bestätigte, dass wir uns zu einer Lebensgemeinschaft verbunden haben.

Dann berichtete ich über meine Prostata und dass ich jetzt bestrahlt werden soll. Das sei das Richtige, meinte er, er wolle uns nächstes Wochenende besuchen, ob ich ihm die Unterlagen von der radiologischen Untersuchung beschaffen könne. Ich wolle es versuchen, antwortete ich. Dagmar hatte das Gespräch mitgehört und freute sich, dass sie diesen Teil meiner Familie bald kennen lernen würde.

2016-03-22-1458651003-22175-CoverHerbstvornklein.jpg

© Copyright 2015 Ernst-Günther Tietze, Hamburg, www.eg-tietze.de

Der Roman „Liebe im Herbst" beschreibt auf 208 Seiten die neu entstehende Liebe zwischen zwei Senioren. Er wird gedruckt bei epubli und kann im Internet und in jeder Buchhandlung bestellt werden:

Als Taschenbuch für 8,- Euro mit ISBN-Nr. 978-3-7375-9527-9

Als e-Book für 1,99 Euro mit ISBN-Nr. 978-3-7375-9205-5

Das vorliegende Kapitel 12 umfasst im Buch 19 Seiten. Weitere Ausschnitte aus den folgenden Kapiteln des Romans werden nacheinander an dieser Stelle vorgestellt.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Lesenswert: