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05/04/2016 18:01 CEST | Aktualisiert 06/04/2017 07:12 CEST

Liebe im Herbst, Kapitel 9

Michael Marquand via Getty Images

Aus Kapitel 9 Arbeit

Fabian

Freitag früh rief der Urologe an, die Biopsie sei positiv, ich solle eine Überweisung für radiologische Untersuchungen abholen. Dann führte ich Dagmar in das asiatische Restaurant „The East", wo ich ihr eine knusprig gegrillte Pekingente mit Chilisoße empfahl. Sie schmeckte ihr mit einem Glas Rotwein köstlich, nachdem sie sich an das scharfe Chili gewöhnt hatte. Danach gönnten wir uns in Honig gebackene Ananas.

„Und nun gehen wir nur um die Ecke und du bist in der Zentralbibliothek", erklärte ich ihr nach dem Essen und nach wenigen Schritten standen wir an der Rezeption der Bibliothek. Dagmar staunte über das umfangreiche Angebot und die Besucher-PC. Diese Bibliothek stand ihrem gewohnten Umfeld kaum nach, selbst die Recherche in regionalen Katalogen und Datenbanken ist möglich. Eine Filiale in Neckarau ist vier Tage in der Woche geöffnet und nur 700 Meter von unserem Haus entfernt. Dagmar nahm die Gelegenheit wahr, mit der Leiterin zu sprechen, die erfreut war, eine Kollegin von der berühmten Anna-Amalia-Bibliothek kennen zu lernen und uns gleich zum Kaffee einlud. Sie vereinbarten, im Gespräch zu bleiben.

Dagmar

Samstag rief die Leiterin der Bibliothek an. Sie hätten in Neckarau Personalprobleme, ob ich Lust hätte, dort auf der Basis von 450 Euro auszuhelfen. Ich wies darauf hin, dass ich häufig fünf Tage nicht in Mannheim sei „Ich werde mit dem Personalreferenten darüber sprechen", antwortete sie, „haben Sie denn grundsätzlich Lust zu dieser Tätigkeit?" Weil Fabian viel an seinem Notebook arbeitete, sagte ich unter der Bedingung zu, dass meine Reisetätigkeit dadurch nicht eingeschränkt würde. „Fein, da hast du eine Beschäftigung, wenn ich am Notebook sitze", lobte Fabian meinen Entschluss, dann arbeitete er weiter an seinen Vorbereitungen. Erst zum Abendbrot machte er Schluss. Auch Sonntag arbeitete Fabian weiter und nahm sich nur kurz Zeit, einen Coq au Vin zu bereiten, der prächtig schmeckte. Ich las seine ZEIT, die ich bisher nicht kannte, und war überrascht von der Breite der Themen und Ausgewogenheit der Meinungen.

Fabian

Als ich in der Morgendämmerung wach wurde, hatte ich eine unbändige Sehnsucht nach Dagmar und streichelte sie behutsam. Sie war wohl noch gar nicht richtig wach, als ich mich an sie drückte und wir wunderschön zueinander fanden. Nach dem ausgiebigen Frühstück arbeitete ich weiter für den potentiellen Auftrag. Dabei fiel mir ein, dass meine Tochter Janine bei der EU beschäftigt ist, vielleicht könnte sie ja die anderen Bewerber für den Vergleichsauftrag und ihre Preise ermitteln. Dagmar meinte, das sei doch illegal, was mir völlig klar war. Ich werde abends sehen, wie illegal meine Tochter für ihren Vater sein kann. Abends rief ich Janine an und ich erzählte ihr von den Veränderungen in meinem Leben und der Amerikareise. „Du musst zu deiner neuen Freundin immer ganz lieb sein", riet sie mir, worauf ich antwortete, das wisse ich schon aus der Ehe mit ihrer Mutter. „Na, ja", meinte sie, „immer ist dir das nicht gelungen."

Als ich ihr meinen Wunsch äußerte, dachte sie eine Weile nach und sagte dann, vielleicht ließe sich etwas machen, ich müsse aber auf jeden Fall strengstes Schweigen bewahren, sonst komme sie in Teufels Küche. Abends rief sie an, sie habe die Bewerbungen für den Angebotsvergleich einsehen können. Außer mir hätten sich zwei Beratungsunternehmen beworben. Meins mache einen hochprofessionellen Eindruck und sei 30 % billiger als die anderen, sie sei direkt stolz auf mich. „Vielleicht komme ich mal über ein Wochenende nach Mannheim und schaue mir deine Freundin an, grüß' sie bitte von mir." Dagmar freute sich über die Grüße und auch über die Information.

Dagmar

Samstagvormittag klingelte ein älterer Herr bei uns, der sich als Rechtsanwalt Dr. Mager vorstellte, er müsse mich in einer wichtigen Angelegenheit sprechen. „Die Auswertung der Stasi-Unterlagen hat ergeben, dass Ihre Schwiegermutter eine äußerst aktive Mitarbeiterin war, die eine Reihe von Menschen ans Messer geliefert hat", begann er und zeigte uns eine Kopie ihrer Verpflichtungserklärung sowie einige ihrer Berichte mit geschwärzten Namen, bevor er fortfuhr: „Wir haben kürzlich herausgefunden, dass Ihre Schwiegermutter während der Wende kritische Unterlagen aus dem örtlichen Stasi-Archiv entwendet hat, die möglicherweise heute noch Menschen belasten können. Wissen Sie etwas darüber?"

„Aha, daher weht der Wind", schaltete sich Fabian in das Gespräch ein. „Diese Leute haben Sie jetzt beauftragt, nach den für sie gefährlichen Unterlagen zu suchen." „Eben das ist die Frage", fuhr der Anwalt fort. „Ist Ihnen irgendwann zwischen der Wende und dem Tod Ihrer Schwiegermutter eine Veränderung aufgefallen, die auf ein Aktenversteck hindeutet?" „Meine Schwiegermutter ist 1999 gestorben", überlegte ich, „und ihr Mann schon 1995. In diesen vier Jahren hat sie uns oft besucht, wenn sie sich einsam fühlte, und im letzten Jahr hat sie sogar bei uns gewohnt."

„Moment mal", nahm Fabian wieder das Wort. „Bevor wir überhaupt etwas unternehmen, müssen wir wissen, wer Ihre Auftraggeber sind." „Dazu darf ich Ihnen leider nichts sagen", war die Antwort. Verärgert schoss ich zurück: „Dann können Sie von uns nicht die geringste Unterstützung erwarten. Ich denke, wir sollten das Gespräch beenden." „Ich danke Ihnen, dass Sie mich angehört haben", meinte der Anwalt, und ging, nachdem er uns seine Karte gegeben hatte.

Fabian

„Das ist ja ein dickes Ei", rief ich, als er der Mann weg war, „glaubst du wirklich, dass deine Schwiegermutter ein Stasispitzel war?" „Die Papiere, die er uns gezeigt hat, sind wohl eindeutig. Vielleicht hat sie sich etwas zu Schulden kommen lassen und wurde erpresst. Eigentlich hätte Martins Vater das doch merken müssen." „War denn die Parteihochschule, hier in Weimar?", fragte ich. „Nein, in Berlin und er kam nur zum Wochenende nach Hause. Da konnte sie allerlei verheimlichen." „Wie hoch schätzt du die Wahrscheinlichkeit, dass diese Unterlagen im Haus versteckt sind?", fragte ich.

„Ich kann es nicht ausschließen", war ihre nachdenkliche Antwort. „Im Keller gibt es Ecken, in die ich schon jahrelang nicht mehr geschaut habe." „Heute haben wir nicht mehr genug Zeit, intensiv zu suchen", überlegte ich, „und morgen fahren wir nach Mannheim. Da die Leute möglicherweise selbst suchen werden, wenn wir weg sind, sollten wir das Haus elektronisch überwachen. Lass' uns gleich einen Bewegungsmelder und eine Kamera mit der nötigen Software kaufen, ich schließe sie an die Easybox an. So können wir von Mannheim über das Internet das Haus überwachen."

Dagmar

In Mannheim schaltete Fabian sein Notebook auf die Überwachungsanlage in Weimar. Kurz nach 3 Uhr gab das Notebook Alarm und wir sahen, wie in Weimar jemand den Flur betrat. Fabian hatte schon das Telefon in der Hand und benachrichtigte die dortige Polizei, während wir sahen, wie der Einbrecher das Wohnzimmer und Arbeitszimmer betrat und nach einer Weile wieder verließ. Dann war auch schon die Polizei im Haus und nahm ihn fest. Fabian gratulierte der Polizei zur Festnahme, doch die fragten, wie es jetzt weiter gehen solle. Die Haustür sei aufgebrochen und die Räume durchwühlt worden.

„Ich werde am Vormittag bei Ihnen sein", sagte Fabian. „Bist du verrückt?", fragte ich, „das ist doch mein Haus und du hast Dienstag den Club." „Vergiss deinen Dienst in der Bibliothek nicht", antwortete er „Ich fahre um 5:28, bin kurz vor neun in Weimar und bald bei der Polizei. Im Haus mache ich so weit wie möglich Ordnung, vor allem muss wohl die Haustür gesichert werden. Kurz vor sechs fahre ich zurück und bin um 21:46 wieder hier. Lass' uns aufstehen, ich esse noch was und dann fährst du mich zur Bahn." Fabian druckte den Fahrschein aus, dann machten wir uns fertig, frühstückten und ich brachte ihn zum Bahnhof.

Fabian

Im Obergeschoss von Dagmars Haus sah ich in der Decke eine Klappe, ich zwängte mich durch sie auf die niedrige Ebene unter dem Dach, wo ich in der hintersten Ecke Holzreste liegen sah. Darunter fand ich eine dicke Mappe mit Listen von IM mit vollen Namen. Ich googelte die Neonazipartei und fand diese Namen als ältere Führungskader und gewählte Abgeordnete. Da hatten sich also die Seilschaften der Stasigrößen in dieser Partei zusammengefunden. Außerdem enthielten die Dokumente Protokolle von Verhören mit Angabe der verwendeten Methoden, meist schlimmen seelischen, aber auch körperlichen Folterungen mit Namen der Opfer und Täter. Allmählich wurde es Zeit zur Rückfahrt und ich orderte eine Taxe zum Bahnhof.

Dagmar

Um halb zehn war ich am Bahnhof, wo Fabian pünktlich ankam. Entsetzt las ich die Listen und Verhörprotokolle und wir kamen zu dem Schluss, die Akten möglichst schnell der Stasiunterlagen-Behörde zur Verfügung zu stellen. Die Weimarer Polizei könnte befangen sein und auch hier würden sie vielleicht gesucht, denn die Leute wussten erstaunlich gut über uns Bescheid.

Fabian

Ich googelte die Telefonnummer der Stasiunterlagen-Behörde und nach vielen Rückfragen bekam ich den Chef selbst an den Hörer. Ich erzählte ihm vom Besuch des Rechtsanwalts, den gefundenen Dokumenten und den Einbruchsversuchen. „Das ist immens wichtig für uns", sagte er, „ich lasse die Papiere heute noch bei Ihnen abholen. Am nächsten Morgen fuhr ich zur Radiologie und wurde drei Stunden intensiv untersucht, nach einer CT erfolgten ein MRT und ein Knochenszintigramm. Der Urologe werde mich informieren, sagte man.

Als ich zu Hause war, rief Janine an und berichtete unter dem Siegel der Verschwiegenheit, ich hätte den Auftrag für Kroatien bekommen. Ich dankte ihr, nichts anderes hatte ich erwartet. In meinen Tabellen für den Angebotsvergleich versah ich die einzelnen Anforderungen der Ausschreibung mit Gewichtungen. Für die Kosten brachte ich das Verhältnis der einzelnen Angebotskosten zu dem mittleren Kostenwert aller Angebote als negativen Wert in die Bewertung ein und sah 25 % dafür vor. Diese Tabellen schickte ich mit fünf Exemplaren der englischen Version meines Buches über das Erstellen von Leitstellen an die EU.

Dagmar

Abends hörten wir in der Tagesschau eine Meldung, die Staatsanwaltschaft habe Informationen erhalten, dass mehrere leitende Mitglieder und Abgeordnete der Neonazipartei in Stasiverbrechen verwickelt seien, wahrscheinlich werde Anklage erhoben. Überrascht sahen wir uns an: Die Behörde hatte unsere Dokumente schnell ausgewertet. „Da hat doch dieser Idiot von Anwalt schlafende Hunde geweckt", lachte Fabian, „ohne seine Nachfrage würden die Unterlagen noch jahrelang unbeachtet auf deinem Dachboden liegen."

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© Copyright 2015 Ernst-Günther Tietze, Hamburg, www.eg-tietze.de

Der Roman „Liebe im Herbst" beschreibt auf 208 Seiten die neu entstehende Liebe zwischen zwei Senioren. Er wird gedruckt bei epubli und kann im Internet und in jeder Buchhandlung bestellt werden:

Als Taschenbuch für 8,- Euro mit ISBN-Nr. 978-3-7375-9527-9

Als e-Book für 1,99 Euro mit ISBN-Nr. 978-3-7375-9205-5

Das vorliegende Kapitel 9 umfasst im Buch 18 Seiten. Weitere Ausschnitte aus den folgenden Kapiteln des Romans werden nacheinander an dieser Stelle vorgestellt.

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