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03/04/2016 06:35 CEST | Aktualisiert 04/04/2017 07:12 CEST

Liebe im Herbst, Kapitel 8

Michael Marquand via Getty Images

Aus Kapitel 8, Mannheim

Dagmar

Es war draußen schon hell, als ich aufwachte, ich schaute zu Fabian, der mich liebevoll anblickte. „Na, ausgeschlafen?", fragte er lachend. „Ich habe wie eine Tote geschlafen", antwortete ich, „aber jetzt fühle ich mich fit." Da kam Fabian zu mir ins Bett und streichelte mich zärtlich. Ich zog uns beide aus und gab ihm die Streicheleinheiten zurück, wobei ich erfreut bemerkte, dass mein Geliebter fähig war. „Na also!", flüsterte ich und zog ihn zu mir.

Als wir danach noch aneinander geschmiegt lagen, kam mir eine Frage auf: „Was meinst du, wie es jetzt mit uns weiter geht?" „Ja, darüber habe ich auch schon nachgedacht", antwortete er langsam. „Da ich annehme, dass du - ebenso wie ich - unsere schöne Gemeinschaft beibehalten willst, ist die erste Frage, ob wir in einer losen Beziehung leben oder irgendwann heiraten wollen. Unabhängig davon können wir in Mannheim, Weimar oder einer Fernbeziehung leben. Das müssen wir nicht sofort entscheiden und ich werde auf jeden Wunsch von dir eingehen, möchte aber auf jeden Fall ständig mit dir zusammen sein, egal ob hier oder in Weimar." Dass ich unsere schöne Gemeinschaft nicht aufgeben will, wusste ich ebenso wie er, aber wie? Eine Fernbeziehung wollte ich nicht, blieb nur die Frage nach dem Lebensraum Weimar oder Mannheim?

„Würdest du denn aus Mannheim weggehen?", fragte ich und er antwortete spontan: „Hier hält mich nur noch mein Haus, das mir aber inzwischen viel zu groß ist. Aber wir müssen das nicht heute entscheiden, nur irgendwann sollten wir wissen, wie wir unser gemeinsames Leben einrichten wollen, wenn du einen halb impotenten Partner noch akzeptierst." Empört boxte ich ihn in die Seite. „Wenn du noch einmal solchen Quatsch redest, lasse ich mich scheiden!", rief ich, worauf er lachend antwortete: „Dafür müsstest du mich erst mal heiraten. Aber lass' uns jetzt aufstehen und den Tag beginnen, dann können wir in Ruhe die Möglichkeiten abwägen. Da wir ständig zusammen leben wollen liegt die Entscheidung nur noch zwischen Mannheim und Weimar, das sollten wir hinkriegen."

Fabian

Während ich meine Mails und Finanzen prüfte, googelte Dagmar auf ihrem Tablet und rief mich aufgeregt zu sich. Unter „Impotenz" hatte sie unter verschiedenen Ursachen den Namen eines Magenmittels gesehen und dieses Mittel in meinem Medizinschrank gefunden. Ich war überrascht und dankte ihr herzlich. „Mensch, da hätte ich Idiot auch drauf kommen können", beschimpfte ich mich, „und ich dachte, ich sei inzwischen zu alt für die Liebe geworden." Ich rief gleich meinen Hausarzt an und bekam einen Termin für den Nachmittag.

Mir wurde klar, warum mein Problem erst nach Seattle auftrat. Bis dahin hatte ich den Rest des alten Medikaments aufgebraucht und erst danach die neuen Pillen genommen, die mein Arzt mir als besser verträglich empfohlen hatte. Entweder wusste er nichts von den Potenzproblemen oder er hatte angenommen, dass das bei mir keine Rolle mehr spielen würde. Als ich ihm das sagte, entschuldigte er sich und verschrieb mir wieder das alte Mittel. „Sie sind schon lange mit einer Vorsorgeuntersuchung dran, wollen wir sie gleich machen?", fragte er und ich stimmte zu, Nachmittags rief er an, mein PSA-Wert sei extrem hoch, ich müsse einen Urologen zur näheren Untersuchung aufsuchen.

Dagmar

Da wir wussten, dass wir unsere schöne Gemeinschaft unbedingt fortsetzen wollten, mussten wir uns entscheiden, ob wir Mannheim oder Weimar als Lebensstandort wählen. Fabian kannte ein Verfahren zur objektiven Entscheidungsfindung, bei dem jeder seine Ziele mit Gewichtung in eine Tabelle schreibt. Dann bewerteten wir die Erfüllung der Ziele durch die beiden Varianten zwischen 0 und 10, bestimmten gemeinsam die Erfüllungswerte und bildeten die Produkte und Summen.

„Schau", sagte Fabian überrascht, „der Unterschied in der Erfüllung beträgt nur fünf Punkte, das sind 0,5 %. Wir können mit gutem Gewissen sagen, dass es gleich ist, ob wir in Mannheim oder hier leben. Was machen wir nun?" „Ja, das hat also nichts gebracht", antwortete ich nachdenklich, „aber vielleicht ist das ein versteckter Hinweis auf eine weitere Möglichkeit: Ich muss offen sagen, dass ich mein Haus nicht gerne aufgeben würde und ich denke, bei dir wird es ähnlich sein. Lass' uns vorläufig beide Häuser behalten und je nach Gusto mal hier und mal dort leben. Leisten können wir es uns und vielleicht fällt uns im Laufe der Zeit etwas Besseres ein."

Fabian

„Ja, so wollen wir es halten", rief ich, „dann müssen wir unsere Häuser so herrichten, dass jeder genug Raum zum Arbeiten hat, oder auch, um sich mal zurück zu ziehen. Bei mir kannst du dir das übrige Kinderzimmer einrichten und hier hast du mir ja schon dein Arbeitszimmer angeboten und willst ins Gästezimmer umziehen. Ich denke, damit sollten wir morgen anfangen und in Mannheim gleich, wenn wir wieder dort sind."

Ich überlegte, bevor ich weitersprach: „Jetzt müssen wir nur noch über die Form unserer Gemeinschaft nachdenken. Heiraten würde nur beim Tode eines von uns beiden etwas bringen, weil der Überlebende dann mindestens den Ehegattenpflichtteil von 25 % bekommt. Meinetwegen müssen wir unseren Kindern das nicht antun, was meinst du?" „Ich bin derselben Meinung", antwortete Dagmar, „lass' uns also in wilder Ehe weiterleben. Auch ohne Trauschein will ich dich lieben, bis der Tod uns scheidet." Da umarmte und küsste ich meine Geliebte. „Danke, das will ich auch", flüsterte ich ihr ins Ohr, als mein Mund wieder frei war.

Nach dem Frühstück prüfte ich meine Mails, was dringend nötig war, denn gestern hatte mein Vermittler mir mitgeteilt, dass die EU einen Fachmann für Netzleittechnik suche, der für ein von ihnen finanziertes Leitstellenprojekt in Kroatien die Angebote prüfen und eine Empfehlung abgeben könne. Ich solle umgehend antworten, ob ich interessiert sei. „Wenn dir diese Arbeit Freude macht, nimm den Auftrag an", sagte Dagmar, als ich ihr die Mail zeigte. „Vielleicht kommen wir auf die Weise nach Kroatien, das ich noch nicht kenne." „Ich war vor 15 Jahren mit Angelica zum Segeln dort und wir haben das Land und einige Inseln kennen und lieben gelernt. Gern würde ich Kroatien wieder besuchen und dir zeigen", schloss ich mich ihrem Wunsch an.

Dagmar

Fabian suchte im Internet Informationen über die Unterstützung von Energiemaßnahmen durch die EU und fand wirklich einen Link nach Kroatien, wo die geplanten Maßnahmen ausführlich beschrieben wurden. „Schau mal", sagte er, „man findet im Internet alles, wenn man nicht nur in einer Richtung sucht, sondern auf allen möglichen Wegen versucht, das Ziel zu erreichen. Ich weiß jetzt genug für eine Bewerbung." Bis zum späten Abend fasste er die technischen Hintergründe zusammen und formulierte in seiner Bewerbung die einzelnen Schritte, wie er die Angebote der Hersteller prüfen und bewerten wollte, um eine Empfehlung abzugeben. Da wir morgen ziemlich früh nach Frankfurt fahren wollten, gingen wir bald schlafen.

Fabian

Mein Vermittler zeigte mir die Ausschreibung und einen Netzplan mit den Kraftwerken, den Kuppelstellen zum Verbund und den geplanten erneuerbaren Energieparks und berichtete, fünf Firmen würden Angebote für die neue Leitstelle abgeben. Termin sei der 31 August. Wie ich vermutet hatte, ging es um den Abgleich der aufgrund des EU-Zuschusses stark anwachsenden erneuerbaren Energien mit der konventionellen Erzeugung und dem Bezug, Meine potentielle Beratungstätigkeit soll Angebote für den leittechnischen Teil bewerten. Dazu gehören die Planung eines Hard- und Softwaresystems für eine neue Lastverteilung zur Einstellung optimaler Erzeugungs- und Bezugsbedingungen und die fernwirktechnische Anbindung der Erzeugungsanlagen und Übergabestellen.

„Wollen Sie das übernehmen?", fragte der Vermittler, „die Bewerbung muss bis Montag in Brüssel sein." „Geben Sie mir die Unterlagen und lassen mir eine Stunde Zeit", antwortete ich und setzte mich mit Dagmar in ein Café. Bei Cappuccino und Croissant studierte ich die Ausschreibung und verglich sie mit dem Netzplan. Nach dem dritten Cappuccino wusste ich, dass ich diese Aufgabe lösen kann. Wir gingen zurück und ich gab dem Vermittler meine vorbereitete Bewerbung, den Aufwand schätzte ich auf zwanzig Tage. Nachdem ich die Bewerbung unterschrieben hatte, waren wir frei.

Dagmar

„Und jetzt schauen wir uns die Stadt an", lud Fabian mich ein. „Ich würde gerne die Paulskirche sehen", bat ich. Dort lasen wir, dass sie 1944 nach einem Luftangriff ausbrannte und 1948 zum hundertsten Gedenktag der Nationalversammlung als Haus aller Deutschen wiedereröffnet wurde. Seitdem wird sie als nationales Denkmal für öffentliche Veranstaltungen genutzt. Eine Dauerausstellung zeigt die Entwicklung der deutschen Einheit und Demokratie in ihren wechselvollen Stationen. Das Wandgemälde „Der Zug der Volksvertreter zur Paulskirche" von Johannes Grützke gibt einen Einblick in die deutsche Geschichte.

Anschließend gingen wir über den Main nach Sachsenhausen, wo wir in einem urigen Restaurant „Himmel und Erde" aus Kartoffeln und Äpfeln mit Röstzwiebeln und gebratener Blutwurst aßen und Äppelwoi dazu tranken. Als wir rund und satt waren. besuchten wir das Städelmuseum mit seinen tausend Gemälden vom Mittelalter bis zur Moderne. Bis zum Nachmittag streiften wir durch die Säle und bewunderten Kunstwerke, die ich noch nie gesehen hatte. Schließlich rissen wir uns los und fuhren zurück nach Mannheim, wo wir nach dem Abendbrot müde ins Bett fielen.

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© Copyright 2015 Ernst-Günther Tietze, Hamburg, www.eg-tietze.de

Der Roman „Liebe im Herbst" beschreibt auf 208 Seiten die neu entstehende Liebe zwischen zwei Senioren. Er wird gedruckt bei epubli und kann im Internet und in jeder Buchhandlung bestellt werden:

Als Taschenbuch für 8,- Euro mit ISBN-Nr. 978-3-7375-9527-9

Als e-Book für 1,99 Euro mit ISBN-Nr. 978-3-7375-9205-5

Das vorliegende Kapitel 8 umfasst im Buch 14 Seiten. Weitere Ausschnitte aus den folgenden Kapiteln des Romans werden nacheinander an dieser Stelle vorgestellt.

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