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30/03/2016 17:52 CEST | Aktualisiert 31/03/2017 07:12 CEST

Liebe im Herbst, Kapitel 5

Tooga via Getty Images

Fabian

Obwohl wir nach dem Mittag im Flugzeug lange geschlafen hatten, waren wir hundemüde, schließlich hatte uns der Wecker in Mannheim schon vor 23 Stunden aus dem Schlaf gerissen. So aßen wir in der Bar nur einen Snack, dann gingen wir hundemüde ins Bett. Endgültig war meine Nacht um 5:30 Ortszeit zu Ende, ich hatte mit mehreren kurzen Unterbrechungen 12 Stunden geschlafen.

Als ich mich zu meiner Geliebten umdrehte, sah ich, dass sie schon wach war und mich liebevoll anschaute. „Ich hoffe und bete, dass ich dich noch oft so schön im Schlaf und beim Erwachen ansehen kann", sagte sie langsam, als ob sie über jedes Wort nachdenken musste, „und nun lass uns für ein Weilchen Abschied feiern." Mit diesen Worten streckte sie die Arme nach mir aus und wir fanden vor der Trennung noch einmal liebevoll zueinander.

In der Anmeldung mussten wir etwas warten, bis der Kardiologe uns empfing und ich bat, bei dem Einführungsgespräch dabei sein zu dürfen. Etwas verwundert stimmte er zu und erläuterte Dagmar genau den Ablauf:

Sie werde heute zuerst allgemein und morgen speziell im Hinblick auf ihre Krankheit untersucht, aus den Ergebnissen dieser Untersuchungen werde das weitere Vorgehen bestimmt. Man habe schon eine Reihe ähnlich gelagerter Fälle erfolgreich operiert und nach den aus Deutschland übermittelten Daten sehe er gute Aussichten für eine erfolgreiche Behandlung, aber genau könne er das erst morgen Abend nach den Untersuchungen sagen.

Dagmar

Mir fiel mir ein, dass ich noch mit Christine sprechen wollte und ich rief sie an. Da ich hier am Sonntag Ruhe haben würde, lud ich sie ein, Samstag am späten Nachmittag nach Seattle zu kommen, und musste ihr erst mal etwas über Fabian erzählen. Ich schlug ihr vor, bei ihm im Hotel zu übernachten und mich mit ihm Sonntagvormittag zu besuchen.

Ihre Fragen beantwortete ich ausweichend. In einem Labor wurde mir jede Menge Blut abgenommen, mein Urin wurde aufgefangen, der Blutdruck gemessen, ein Belastungs-EKG und ein EEG gemacht und mein Brustraum sonografiert. Ich wurde in einen CT gesteckt und ein MRT schloss sich an, dann hatte ich in meinem Zimmer etwas Ruhe.

Nach dem Mittagessen wurde ich in einen OP gebracht, wo sie sagten, sie müssten eine Herzkatheter-Untersuchung machen, dafür bekäme ich eine Lokalanästhesie in der Leistenbeuge. Als die Spritze wirkte, führten sie eine Sonde ein und ich konnte auf einem Bildschirm beobachten, wie mein Herz schlug und seine Umgebung aussah.

Sie schoben die Sonde durch die verschiedenen Adern und ich entnahm aus ihren Gesprächen, dass sie recht zufrieden waren. Erst kurz vor 17 Uhr war ich fertig, da kam Fabian auch schon und wir küssten uns innig. Ich erzählte von den Untersuchungen und bat ihn, für Christine ein Zimmer zu reservieren.

Fabian

In der Lobby des Hotels trank ich einen Bourbon, als eine gut aussehende Frau mit einem Mädchen herein kam und sich umsah. „Mrs. Sherman?", fragte ich und sie antwortete auf Deutsch: „Sie sind sicherlich der Freund meiner Mutter. Ich freue mich für sie, und um ihr eine Freude zu machen, habe ich meine Tochter Florence mitgebracht.

Ich hoffe, dass noch ein Bett für sie übrig ist." Damit gaben die beiden mir die Hand und ich freute mich über diese unkomplizierte Frau und ihre frische junge Tochter. „Ich bin sicher, dass sich Ihre Mutter freuen wird", sagte ich und sie erledigte an der Rezeption das Einchecken. „Sie haben sicherlich Hunger, treffen wir uns in 20 Minuten hier unten?", lud ich sie ein und sie meinte, sie müssten nur auspacken und sich etwas frisch machen.

Dagmar

Um 10 Uhr betraten Fabian und Christine mein Zimmer und ich begrüßte beide herzlich. Dann öffnete sich plötzlich die Tür noch einmal, Florence kam und umarmte mich. Ich war überrascht und erfreut: „Das ist lieb, dass du sie mitgebracht hast, ich habe sie ja schon lange nicht gesehen", lobte ich Christine, „sie ist ja eine richtige junge Dame geworden.", „Setz' ihr bloß keine Flausen in den Kopf", schalt Christine mich lachend.

„Nun sag' mir endlich, warum du hier in Amerika eine Klinik aufsuchen musst", wollte sie dann wissen. „Ich glaube, ich hätte dich längst informieren müssen", meinte ich schuldbewusst und berichtete alles über meine Krankheit. „Auf der ganzen Welt hat nur dies Institut die Krankheit erfolgreich operiert, wobei sie auch eine Reihe von Todesfällen nicht verschweigen. Ich hatte zunächst Angst davor, aber Fabian hat mir als Alternative den sicheren Herzinfarkt genannt, das hat mich überzeugt. Er bezahlt übrigens den größten Teil der ganzen Aktion."

„Ich glaube, du liebst meine Mutter sehr", meinte Christine und sah Fabian fast liebevoll an. „Ja, das tut er und ich bin in seiner Liebe wieder richtig aufgeblüht", antwortete ich, bevor Fabian etwas dazu sagen konnte. „Und denkt mal, er hat mich zur Computerei gebracht, schaut, was für ein tolles Tablet ich habe."

Mit diesen Worten zeigte ich den beiden meinen Schatz. „Da hat dein Fabian in ein paar Tagen geschafft, was uns in Jahren nicht gelungen ist", lachte Christine." Florence griff sich das Tablet und tippte darauf herum, als arbeite sie schon lange damit. „Wie heißt deine Krankheit?" Als ich den Namen nannte, hatte sie sofort die richtige Seite und zeigte sie ihrer Mutter. Die las besorgt die Informationen.

„30 % Letalität für 10.000,- $, ist das nicht ziemlich gewagt?", fragte sie besorgt, worauf Fabian das Wort ergriff: „Einmal hängt das sehr von den Umständen ab und zum anderen musst du die reale Gefahr eines tödlichen Herzinfarkts sehen, wenn nichts getan wird.

Aus diesen Überlegungen hat deine Mutter sich auf meine Empfehlung für die Operation entschieden. Und weil trotzdem ein gewisses Risiko besteht, trifft sie sich heute mit dir, damit ihr euch im schlimmsten Fall noch einmal gesehen habt." „Danke", sagte Christine leise, „unter diesem Aspekt habe ich unser Treffen nicht gesehen und hoffe inständig, dass es nicht unsere letzte Begegnung bleibt."

Fabian

Montagabend rief ich die Klinik an. Die Operation sei technisch erfolgreich gewesen, sagte der Arzt, der Bypass sei gelegt worden. Um jede das Herz anstrengende Bewegung zu vermeiden, habe man Dagmar in ein künstliches Koma versetzt und beobachte sie jetzt intensiv auf Abstoßungsreaktionen. Morgen könne man möglicherweise mehr sagen.

Obwohl diese Worte professionell klangen, beunruhigten sie mich, denn vom künstlichen Koma war vorher nicht die Rede gewesen. Doch außer intensiv an Dagmar zu denken und für sie zu beten, blieb mir keine andere Möglichkeit. Weil ich nun doch Hunger hatte, ging ich zur Nudelstation zu einem ausgiebigen Abendessen mit Wein. Als Christine mich auf dem Handy anrief, konnte ich ihr nur sagen, was ich vom Arzt gehört hatte, und sie war ebenso beunruhigt wie ich.

Dagmar

Beim Aufwachen wunderte ich mich, dass die Sonne ins Zimmer schien, offenbar war es Vormittag. „Sollte ich nicht operiert werden?", fragte ich verwundert die Schwester, die neben meinem Bett saß. „Ja, das sind Sie", antwortete sie lächelnd, „Sie haben seit der Operation anderthalb Tage in einem künstlichen Koma gelegen, jetzt ist Mittwochmittag. Wie fühlen Sie sich?"

Ich hatte kein unangenehmes Gefühl, nur auf der Brust und am Bein spürte ich dicke Pflaster, in der Nase steckte ein Stück Plastik und in meiner linken Hand eine Kanüle, die mit einem kleinen Gerät auf dem Nachttisch verbunden war. „Ich glaube, es geht mir nicht schlecht", antwortete ich langsam. „Ist denn die Operation gut verlaufen?"

„Das wird Ihnen gleich der Arzt berichten, ich rufe ihn", war die Antwort. Bald kam der Kardiologe und gratulierte mir zu meinem starken Körper, der die Operation problemlos überstanden habe. „Ich hoffe, dass wir damit Ihre Krankheit endgültig geheilt haben", sagte er abschließend. „Natürlich müssen wir Sie weiter genau beobachten, deshalb bleiben Sie noch eine Woche bei uns."

Fabian

Donnerstag hätte ich Dagmar eigentlich nachmittags besuchen dürfen, aber an der Anmeldung fing mich eine Schwester ab und brachte mich zum Kardiologen. Zuerst druckste er herum und kam schließlich damit heraus, die Patientin habe letzte Nacht Kreislaufprobleme bekommen und sie hätten einen ungenügenden Übergang zwischen dem Bypass und der Arterie festgestellt, die sie beheben konnten.

Zur Sicherheit sei sie ruhig gestellt worden und werde ständig überwacht. Ein Besuch sei jetzt nicht möglich, ich solle morgen nachfragen. Als ich darauf bestand, sie zu sehen, ging er mit mir zu ihrem Zimmer und öffnete die Tür. Eine Schwester saß an Dagmars Bett und ich sah sie ruhig atmen. Wie es jetzt weiter geht, wollte ich wissen. Die Patientin müsse noch eine Woche überwacht werden, wenn keine weiteren Probleme aufträten, könne sie nächsten Donnerstag entlassen werden.

Samstag schlug ich Dagmar vor: „Was meinst du, wenn wir nach deiner Entlassung nicht gleich nach Deutschland zurück fliegen, sondern uns die Gegend ein bisschen ansehen? Die Westküste soll bis Los Angeles sehr interessant sein und die Nationalparks bieten viel Sehenswertes. Wir würden einen Mietwagen nehmen und vier Wochen lang 2.000 km nach Süden fahren.

Du kennst die Gegend wahrscheinlich ebenso wenig wie ich." Sie war überrascht, stimmte aber gern zu und ich wollte Informationen beschaffen. Wir sprachen noch eine Weile über diese Idee und Dagmar freute sich, das Land etwas näher kennen zu lernen. Im Hotel verfolgte ich die Idee und suchte im Internet eine ungefähre Route bis San Francisco aus.

Nach ein paar Tagen dort würden wir mit weiteren Abstechern nach LA weiterfahren. Doch diesen Teil zu planen hatte noch Zeit, zunächst genügte mir das Gefundene und ich zog es für Dagmar auf einen Stick.

Dagmar

Donnerstag nach dem Frühstück zog ich mich an, packte meine Sachen und Fabian holte mich ab. An der Rezeption wurde seine Kreditkarte mit dem restlichen Betrag belastet und wir erhielten einen umfangreichen Bericht über meine Behandlung. Wir wurden gebeten, einen Moment zu warten, dann erschien der Kardiologe, verabschiedete sich persönlich von uns und wünschte uns alles Gute.

Um mir Seattle zu zeigen, fuhr Fabian vom Hotel mit mir in die Innenstadt, wo wir die Hafengegend durchstreiften. Zum Mittag führte mein Gefährte mich ins Oyster House und empfahl mir ein halbes Dutzend Austern als Vorspeise. Ich kannte sie nicht, sie schmeckten mir vorzüglich zu einem Glas Champagner, mit dem wir auf meine Gesundung anstießen.

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© Copyright 2015 Ernst-Günther Tietze, Hamburg, www.eg-tietze.de

Der Roman „Liebe im Herbst" beschreibt auf 208 Seiten die neu entstehende Liebe zwischen zwei Senioren. Er wird gedruckt bei epubli und kann im Internet und in jeder Buchhandlung bestellt werden:

Als Taschenbuch für 8,- Euro mit ISBN-Nr. 978-3-7375-9527-9

Als e-Book für 1,99 Euro mit ISBN-Nr. 978-3-7375-9205-5

Das vorliegende Kapitel 5 umfasst im Buch 15 Seiten. Weitere Ausschnitte aus den folgenden Kapiteln des Romans werden nacheinander an dieser Stelle vorgestellt.

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