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13/04/2016 14:13 CEST | Aktualisiert 14/04/2017 07:12 CEST

Liebe im Herbst, Kapitel 14

Aus Kapitel 14 Syrer

Fabian

Sonntagvormittag holten wir die Familie al Rahman aus der Flüchtlingsunterkunft ab. Der Vater stellte sich als Mehmet vor, er war Mitte 40, die Mutter Alina war ca. zehn Jahre jünger und trug ein schlichtes, aber nicht billig aussehendes Kleid und einfachen Modeschmuck. Sie schenkten uns einen kleinen Blumenstrauß und wir hatten für die Kinder Spielsachen besorgt. Dagmar machte in ihrem Arbeitszimmer Platz für sie.

Während die Kinder sich die Geschenke vornahmen, sahen die Eltern interessiert unser Haus an. „Solch schönes Haus hatten wir früher auch in Aleppo", sagte Mehmet traurig. „Ich bin Informatiker und hatte einen Betrieb für Computerdienstleistungen und zusätzlich einen Lehrauftrag an der der Universität. Vor dem Aufstand gegen Assad ging es uns blendend. Leider war der Aufstand in dieser Gegend besonders stark und Assad ließ das Gebiet gnadenlos bombardieren. Obwohl wir nichts gegen ihn hatten, wurde unser Haus zu einem Trümmerhaufen, wir kamen nur knapp mit dem Leben davon. Zunächst kamen wir bei den Eltern meiner Frau unter, wo ich meinen Betrieb weiterführte. Doch als die islamischen Terroristen immer näher kamen, gaben wir die Hoffnung auf, dort noch leben zu können und flohen in die Türkei."

Dagmar

„Wie haben Sie den Weg geschafft?" wollte ich wissen. „Das Leben im Lager war nicht angenehm. wir bekamen zwar zu essen, lebten aber mit Millionen anderer Menschen dicht zusammen. Als die Lagerverwaltung durchblicken ließ, die Regierung würde es begrüßen, wenn wir uns über Griechenland nach Westeuropa durchschlügen, tauchten Schlepper auf und boten an, Leute nach Griechenland zu bringen. Wir suchten einen aus, der vertrauenswürdig erschien, allerdings 3.000,- Lira forderte, das sind rund 1.000 Euro. Er brachte uns in 15 Stunden mit einem Auto an die Küste. Das sei mit zwei Kilometern die kürzeste Überfahrt auf eine griechische Insel sagte er, gab uns winziges Schlauchboot mit einem Paddel und verschwand. Da es schon spät war, wollten wir nicht im Dunkeln aufs Wasser gehen, wickelten uns in die Decken und schliefen, bis wir beim Morgengrauen die Insel sehen konnten, dann stiegen wir hungrig in das Boot und erreichten nach drei Stunden die Küste von Samos.

Wir mussten mit dem Bus in die Stadt Samos fahren und waren froh, dass wir uns die normale Fähre leisten konnten. Von Piräus kamen wir mit dem Bus nach Thessaloniki, wir wussten, dass die Mazedonier die Flüchtlinge unverzüglich mit Bussen an die serbische Grenze bringen und die Serben sie ebenso zur kroatischen Grenze. Die Kroaten waren, abgesehen von dem völlig überforderten Griechenland, das erste EU-Land, das die Flüchtlinge registriert und sie weiter an die ungarische Grenze bringt, von wo sie durch Österreich nach Deutschland kommen. So wählten wir diesen Weg, doch wir warteten drei Tage, bis wir durchgelassen wurden. Dann ging es plötzlich ganz schnell, die Ungarn stellten Busse bereit, die uns ein Stück vor die österreichische Grenz transportierten. Wir liefen zwei Stunden und da wir schon registriert waren, setzten die Österreicher uns sofort in einen Zug nach München. Von dort kamen wir hierher. Insgesamt waren wir zehn Tage unterwegs."

Fabian

„Haben Sie Pläne, wie es hier weiter gehen soll?", fragte ich. „Wir haben schon unsere Fühler nach allen Seiten ausgestreckt aber noch nichts Konkretes", antwortete Herr Mehmet langsam. „wir sind ja erst sechs Wochen hier und müssen uns an die Verhältnisse und Bedingungen gewöhnen. Leider darf mich vor der Anerkennung keine Firma einstellen und dann müssen sie noch ein halbes Jahr versuchen, einen EU-Bürger dafür zu bekommen. Ich könnte mich selbstständig machen, aber dafür muss ich ein Gewerbe anmelden und Steuern zahlen. Nach allem, was ich gehört habe, geht das auch erst nach der Anerkennung. Ich komme mir hier vor, wie in einem goldenen Käfig. Wir wollen doch eigenes Geld verdienen und Ihrem Staat nicht auf der Tasche liegen. Wenn ich schwarz arbeite, mache ich mich strafbar und riskiere die Anerkennung. Wenigstens nehmen wir beide an einem intensiven Deutschkurs teil, um sofort loslegen zu können, wenn wir etwas tun dürfen. Außerdem würden meine Frau und ich gern mit einem Computer arbeiten, aber die billigen taugen nichts und einen guten können wir uns nicht leisten, denn wir müssen unser Geld zusammenhalten."

„Ich habe noch eine Frage zu unserer Stellung in Ihrem Land", meldete Frau Alina sich noch einmal. „Wir sind ja Gäste in Ihrem Land, würden aber gerne vollwertige Bürger werden. Welche Voraussetzungen erwarten Sie von uns dafür?" Dagmar antwortete: „Es gibt wenige Bedingungen, deren Einhaltung wir aber für unbedingt wichtig halten, sie stehen schon unveränderbar in unserer Verfassung, vor allem sind es:

- das bedingungsloses Anerkennen aller Gesetze,

- die unbedingte Achtung vor Frauen und ihrer Gleichberechtigung

- der Wille, sich durch Arbeit selbst zu ernähren.

Wir wissen beide, dass der letzte Punkt im Augenblick für Sie noch nicht möglich ist, aber die beiden ersten sind Grundlagen unseres Lebens als Staatsbürger und wir sehen sie als Ausschlusskriterien an. Solange diese Bedingungen erfüllt werden, ist es für uns selbstverständlich, Ihre religiösen Gewohnheiten zu achten." „Das klingt hart, aber verständlich", erwiderte Frau Alina schnell, „letztlich sind das auch in unserem Land die Regeln eines friedlichen Zusammenlebens, wobei leider viele Männer die Frauen noch als minderwertige Geschöpfe ansehen. Aber vielen Dank für die klaren Aussagen, wir wollen uns auf jeden Fall daran halten."

Dagmar

Nach diesem Gespräch überlegte ich, wenn sie außer dem Deutschkurs nichts zu tun haben, können wir sie doch bei uns arbeiten lassen. Ich schaute Fabian an und sah erfreut, dass er dasselbe dachte. „Wissen Sie etwas über das neue Windows 10?", fragte er und Herr Mehmet antwortete, er habe lediglich gehört, dass es das gebe. Da bat Fabian ihn, uns bei der Umstellung unserer Rechner darauf zu helfen. Der Upgrade von Windows 8.1 werde zwar von Microsoft kostenfrei angeboten, aber wir hätten keine Erfahrung damit. „Wenn Sie das mit uns zusammen machen, wäre es eine große Hilfe, denn vier Augen sehen mehr als zwei." Der Mann stimmte zu und fragte, wann er kommen solle. „Dienstag fangen wir an, und sind vor dem Abend fertig. Ihre Gattin und die Kinder können Sie gerne mitbringen." Das würden sie bestimmt wahrnehmen, sagte er.

Fabian

„Das ist vollkommen neu für mich", sagte Herr Mehmet, „ich hoffe, dass ich Ihnen trotzdem ein wenig nützlich sein kann." Zuerst prüfte das Installationsprogramm das Notebook, dann begann es, Windows 10 herunter zu laden. Der Erfüllungsgrad wurde in Prozenten angegeben Nach drei Stunden zeigte ein Kreis den Grad des Upgrades an. Schließlich bot uns das Programm eine Begrüßungsseite, in die ich mich einloggen konnte. Erstaunt sah ich, dass der Upgrade mir das System exakt wieder so hergestellt hatte, wie ich es gewohnt war. Herr Mehmet staunte ebenso, wie einfach das Ganze abgelaufen war.

„Was halten Sie davon, wenn wir mal nach einem günstigen Gerät forschen?", fragte ich, und suchte Dagmars Tablet bei eBay, wo ich ein gebrauchtes für 260,- € fand. „Wenn Sie wollen, kaufe ich es für Sie und Sie können mir den Betrag zurückzahlen, wenn Sie flüssig genug sind", schlug ich vor. „Ja", antwortete er, „mein Schwiegervater will es mir schenken und das Geld dafür überweisen, aber ich möchte Sie bitten, den Kauf für mich abzuwickeln. Lassen Sie uns gleich bei Ebay anmelden und das Gerät kaufen und schauen Sie bitte nach einem kleinen billigen Drucker. So viel Geld habe ich zur Verfügung." Fabian bestellte bei Ebay das Tablet und einen gebrauchten HP-Drucker. „Wenn wir das Geld gleich von meinem Konto überweisen, haben wir es spätestens Anfang nächster Woche, vielleicht auch schon eher", freute er sich und überwies den Betrag online an den Lieferer.

Dagmar

Heute am Sonntag hatten wir nichts Besonderes vor, wie immer kuschelten wir vor dem Aufstehen im Bett und streichelten uns zärtlich am ganzen Körper. Plötzlich fühlte ich etwas Hartes an meinem Bauch und sagte erstaunt: „Na, hallo." Fabian hatte noch gar nichts bemerkt und rief nun auch: „Na, sowas!", da waren wir schon zusammen. Nach langem schönen Spiel flüsterte mein Geliebter: „Es war so genauso schön, wie früher, das muss gefeiert werden." Er stand auf und holte eine Flasche Sekt mit zwei Gläsern. Dass er beim Einschenken zu großzügig war und ein Teil aufs Bett floss, störte uns nicht im Geringsten, wir hatten unsere ganz besondere Liebe wieder gefunden. Nachdem wir die Flasche leer getrunken hatten, meinte mein Geliebter lachend: „Lass' es uns gleich noch mal versuchen", und es klappte wirklich wieder. Wir hatten die Zeit seit Fabians Hormontherapie ja mit viel Zärtlichkeit einigermaßen überbrückt, aber jetzt waren wir glücklich.

„Wir sollten irgendwann mal über die Ehe nachdenken", sagte ich nachdenklich. Jetzt haben wir Ruhe, da können wir vielleicht die Gründe sortieren, die dafür und dagegen sprechen." Mein Geliebter dachte lange nach, ich sah deutlich, wie es in seinem Kopf arbeitete. Schließlich antwortete er: „Nach Angelicas Tod hatte ich mir vorgenommen, nie wieder zu heiraten, denn ich konnte mir nicht vorstellen, noch einmal solch eine liebevolle Gemeinschaft zu finden, ich hielt sie für ein einmaliges Wunder. Doch du wirst dich erinnern, dass ich dir nach einer Weile gesagt habe, ‚Ich liebe dich genauso, wie ich Angelica geliebt habe.' Da hat sich der Vorsatz, nie wieder zu heiraten, in Rauch aufgelöst und wir müssen kein Für und Wider mehr prüfen. Wir kennen uns ja schon fast ein halbes Jahr. Also frage ich dich jetzt ernsthaft: ‚Willst du meine Frau werden?'" Bei diesen Worten fiel er vor mir auf die Knie. Ich musste herzlich lachen zog ihn zu mir hoch, umarmte und küsste ihn, dann rief ich laut: „Ja, das will ich!"

Fabian

„Na, dann ist ja alles klar", freute ich mich, „da müssen wir nur noch einen Termin wählen, an dem unsere Verwandtschaft kann, es wird schwierig werden, sie alle unter einen Hut zu bekommen und wir sollten gleich damit anfangen. Am besten ist es wohl In der Weihnachtszeit, das sind noch sechs Wochen." Nach einem Blick auf den Kalender fuhr ich fort: „In der Weihnachts- und Silvesterwoche kämen jeweils Montag bis Mittwoch in Frage. Rufst du deine Tochter an, da ist es jetzt morgens, indes spreche ich mit Torsten. Vor allem brauchen wir einen Termin beim Standesamt, und wenn wir kirchlich heiraten wollen, auch beim Pastor. Dafür müssen wir entscheiden, ob wir uns hier oder in Weimar oder ganz woanders das Jawort geben wollen. Und wegen der Reduzierung des Erbes auf den Pflichtteil brauchen wir einen notariellen Ehevertrag." „Puh", rief meine Braut, „wenn ich das gewusst hätte, hätte ich den Vorschlag nicht gemacht!" „Zu spät!", lachte ich, „Alea jacta sunt, lass' uns telefonieren."

Dagmar

Beim Abendessen berichteten wir Margitta, wie wir uns auf den Rat sowohl von Fabians Familie als auch unserer syrischen Freunde zur Heirat entschlossen und den Termin auf die Vorweihnachtswoche festgelegt hatten. Dazu luden wir meine Schwester nach Weimar ein. Noch lange saßen wir beieinander und ich dankte Margitta herzlich, dass sie mich damals zum Computerclub mitgenommen und damit den Grundstein für unsere Liebe gelegt hatte.

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© Copyright 2015 Ernst-Günther Tietze, Hamburg, www.eg-tietze.de

Der Roman „Liebe im Herbst" beschreibt auf 208 Seiten die neu entstehende Liebe zwischen zwei Senioren. Er wird gedruckt bei epubli und kann im Internet und in jeder Buchhandlung bestellt werden:

Als Taschenbuch für 8,- Euro mit ISBN-Nr. 978-3-7375-9527-9

Als e-Book für 1,99 Euro mit ISBN-Nr. 978-3-7375-9205-5

Das vorliegende Kapitel 14 umfasst im Buch 20 Seiten.