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12/04/2016 07:05 CEST | Aktualisiert 13/04/2017 07:12 CEST

Liebe im Herbst, Kapitel 13

Michael Marquand via Getty Images

Aus Kapitel 13 Medikation

Fabian

Trotz des nieseligen Dauerregens war die Familie schon kurz nach zwölf bei uns, sie begrüßten mich stürmisch und ich stellte Dagmar und sie einander vor. Justus ist inzwischen fast ebenso groß wie sein Vater. „Ich habe Hunger", erklärte er und bekam einen Verweis von seiner Mutter. „Du hast ja recht", meinte ich lächelnd, „kommt nur mit, das Menü wartet schon. Nach dem Essen richteten die Gäste sich in ihren Zimmern ein, dann saßen wir bei Kaffee und Dagmars Kuchen um den Couchtisch. Torsten und Farah wollten alles über uns wissen und wir berichteten, wie wir uns über die Computerei kennen gelernt und verliebt haben, dann kam Dagmars Krankheit zur Sprache und die Behandlungsmöglichkeit in Seattle.

Wir erzählten wir von unserer vierwöchigen Reise entlang der Westküste und dem Entschluss, ständig zusammen zu leben, abwechselnd hier und in Weimar. Ich verschwieg nicht meine zeitweilige Impotenz durch das Magenmittel, was Torsten aufmerksam registrierte, und die jetzige Wiederholung durch die Hormontherapie. Damit waren wir bei meiner Prostata und ich zeigte meinem Sohn auf dem Notebook die Aufnahmen von der CD. „So wie das aussieht, ist die punktuelle Bestrahlung wirklich die beste Therapie", sagte er.

Als Dagmar etwas im Haus erledigte, fragte Torsten: „Du scheinst ja mit deiner Dagmar ganz glücklich zu sein", und ich antwortete spontan: „Nicht nur ganz, sondern sehr glücklich. Ich habe nie gedacht, dass ich nach Muttis Tod noch einmal eine Frau lieben kann, aber inzwischen liebe ich Dagmar genauso sehr wie sie." „Hast du ihr das mal gesagt?", fragte meine schöne Schwiegertochter. „Ja, natürlich, das muss sie doch wissen!" rief ich. „Wie ist es denn mit der Erotik?" forschte mein Sohn mich aus und bekam einen Verweis von seiner Frau. Doch ich hatte kein Problem, über unser wundervolles Liebesleben zu berichten, das jetzt leider durch die Hormontherapie ziemlich reduziert wird. „Keine Angst, das kommt wieder", tröstete Torsten mich, „und ich gratuliere euch. Nicht alle Menschen in eurem Alter haben noch ein erfülltes Sexualleben."

Dagmar

Ich hatte den letzten Teil des Gesprächs mitgehört und freute mich über Fabians Aussage. Mit den Worten: „Wir sind sogar für das Fernsehen interessant", brachte ich das Gespräch auf die Aufnahmen des MDR. „Wollt ihr wirklich eure erotischen Geheimnisse publik machen?", zweifelte Farah, worauf Fabian lachend erwiderte: „Wir machen ja keinen Sexualkundeunterricht, aber wir sagen ganz klar, dass wir von Anfang an viel Freude miteinander hatten und auch heute noch haben. Ich denke, das ist für Gleichaltrige wichtig, die Sehnsucht danach haben, sich aber nicht trauen, weil man ‚sowas im Alter nicht mehr tut', aber auch zur Aufklärung jüngerer Generationen."

Zur Abendbrotzeit half Farah mir, den Tisch zu decken. Als wir in der Küche alleine waren, sagte sie: „Du musst eine ganz besondere Persönlichkeit sein. Nach Angelicas Tod hat sich mein Schwiegervater vollkommen in sich selbst vergraben, war sogar für uns nicht ansprechbar. Jetzt ist er so offen und lebensfroh, wie ich ihn seit Jahren nicht mehr erlebt habe. Wie hast du das gemacht?" Ich wusste keine schlüssige Antwort, konnte nur sagen, dass ich ihn über alles liebe, doch dann erzählte ich ihr, dass ich nach Martins Tod keinen Mann mehr sehen wollte. „Erst Fabian ist es gelungen, diese Sperre zu überwinden", sagte ich nachdenklich. „Ich glaube, wir beide hatten eine unbestimmte Sehnsucht nach Liebe in uns, die unsere Panzer schlagartig aufgebrochen hat, als wir uns begegneten." Da drückte sie mir einen Kuss auf die Wange.

Fabian

Dagmar ging am Montag zur Bibliothek und ich fuhr zu 9 Uhr zum radiologischen Institut. Die Schwester verschwand und ich merkte, dass sich eine Apparatur um mich herum drehte. Nach einer Stunde war ich erlöst und fuhr nach Hause. Die Bestrahlung hatte mich mächtig erschöpft und ich legte mich gleich hin, um zwei Stunden zu schlafen. Nachmittags las ich die ZEIT und ging nach dem Abendbrot bald schlafen. Donnerstag verlangte ich nach der Bestrahlung den Arzt und schilderte ihm meine Schwäche. „Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen", sagte er einen Moment später, „hier sind Patientenakten verwechselt worden, sie haben eine zu hohe Strahlung bekommen. Wir müssen Sie hier behalten und gründlich untersuchen. Wollen Sie jemanden informieren?" Ich bejahte und rief Dagmar an. Der Arzt meinte, sie würden mich nach der Untersuchung über Nacht hier behalten, damit ich mich erholen könne. Dagmar wollte mir nach der Bibliothek Nachtwäsche vorbei bringen und mich sehen, versprach sie.

Dagmar

Zum ersten Mal war ich eine Nacht alleine in Fabians Haus, das war ein bisschen unheimlich, aber als ich gleich nach dem Abendessen schlafen ging, war ich bald weg. Freitag musste ich alleine frühstücken und ging zur Bibliothek. Kurz nach 12 Uhr rief Fabian an. Bei gründlicher Untersuchung seien keine Schäden festgestellt worden, er fühle sich gut und komme nach Hause. Heute sei die Bestrahlung ausgefallen, Montag solle es mit der richtigen Dosis weiter gehen.

Samstagnachmittag sahen wir den ersten Teil „Wohnen im Alter" der Serie. Eingeleitet wurde die Sendung von einem Arzt, dass normale Wohnungen für ältere Menschen nicht mehr gut geeignet sind, weil sie überflüssige Wege notwendig machen und Stolperfallen bergen. Wichtig sei es, den gesamten Tagesablauf auf mögliche Gefahren zu überprüfen und Veränderungen einzurichten, damit diese Menschen so lange wie möglich problemlos in ihrer Wohnung leben können und nicht in ein Heim müssen. Es sei erwiesen, dass der Gesundheitszustand im gewohnten Umfeld viel besser erhalten werden könne. Sicherlich würden Veränderungen zunächst Kosten verursachen, das solle man aber als Investition in ein selbstbestimmtes Leben ansehen, die insgesamt billiger seien, als ein Aufenthalt in einem vergleichsweise angenehmen Altersheim.

Fabian

Dann zeigte das Fernsehteam Beispiele für solche Möglichkeiten in Wohnungen alter Menschen und interviewte die Bewohner. In einem Einfamilienhaus war die Toilette im Erdgeschoss und das Schlafzimmer eine Etage höher, sodass eine alte Dame beim nächtlichen Toilettengang stürzte, das Schlafzimmer wurde neben das Bad verlegt. In einem anderen Haus machte der Einbau eines Treppenliftes das Treppensteigen überflüssig. Damit ein älteres Ehepaar weiter die Badewanne benutzen kann, wurde ein Badewannenlift montiert. Wichtig sind rutschfeste Bodenbeläge und helles Licht. Ein älteres Paar tauschte die Leuchten im Hausflur und in der Küche gegen hellere aus, um Stolperfallen besser erkennen zu können. Woanders wurden Herde gegen solche getauscht, die nach kurzer Zeit die Energie sperren, wenn sich auf einer Kochplatte oder Gasflamme kein gefüllter Topf befindet.

Ein einziges Telefon in einer Wohnung mit mehreren Zimmern macht oft eilige Wege nötig, wogegen die moderne Telefontechnik bis zu sechs drahtlos angeschlossene Sprechstellen in verschiedenen Räumen ermöglicht. Ein sinnvolles Hilfsmittel ist ein Hausnotrufsystem mit einen Notrufsender, der um den Hals oder als Armband getragen wird, und einer Basisstation, die den Kontakt zur Notrufzentrale herstellt. Für Einkäufe und das Säubern der Wohnung sind professionelle Haushaltsagenturen verfügbar, die Hilfskräfte vermitteln und deren Kosten zu 20 % von der Steuer absetzbar sind.

Dagmar

Das Thema der nächsten Woche hieß „Gesundheit im Alter". Wieder nahm zuerst ein Arzt zum Thema Stellung und sagte, im Alter müssten Senioren sorgfältiger auf ihren Körper achten als früher. Dazu gehören neben regelmäßiger Bewegung mit intensiver Muskelanstrengung auch ständige geistige Anforderungen. Sowohl das Gehirn als auch die Muskeln bilden sich zurück, wenn sie nicht ständig beansprucht werden. Bei der Ernährung ist mäßiges gesundes Essen wichtig, viel Fisch und wenig Fleisch, dazu oft Obst und Gemüse. Daneben ist oft eine veränderte Medikation nötig, die Menschen sollten mit ihrem Arzt genau besprechen, was unbedingt nötig sei, und die verschriebenen Medikament zuverlässig nehmen. Dann war das Team wieder mit Aufnahmen tätig. Zur regelmäßigen Bewegung wurde ein betagtes Paar gezeigt, das zweimal wöchentlich schwimmt und an zwei weiteren Tagen zum Krafttraining geht.

„Auch bei diesem Thema denke ich, dass wir recht gesund leben". meinte Fabian, „nur bei der Muskelertüchtigung tun wir nicht genug. Ich habe recherchiert, es gibt ein ausgesprochenes Krafttraining, mit dreißig verschiedenen Geräten für alle Muskeln. Hier in Mannheim gibt es ein Studio, in Weimar leider noch nicht, aber in Erfurt und Jena, jeweils nur eine halbe Stunde entfernt. Die Teilnahme kostet 450;- Euro jährlich, das sind 9,- Euro pro Woche. Wenn wir zweimal wöchentlich hingehen und zehn Geräte benutzen, kostet jede Übung 45 Cent, was hältst du davon?" „Lass' uns morgen mal schnuppern gehen", schlug ich vor.

Fabian

Heute hatte der MDR unser Thema „Liebe im Alter" im Programm und wir waren gespannt. Wieder leitete ein Arzt die Sendung ein: Sexualität sei neben Essen, Trinken und Schlafen die wichtigste und schönste Funktion des menschlichen Körpers. Aus medizinischer Sicht sei Sexualität im Alter schon lange als lebensverlängernd erkannt worden. Leider träten im Alter Probleme auf, weil die Sexualität von der Natur zur Arterhaltung in der Jugend geschaffen worden sei. Bei Männern sei das die Impotenz, die nur in den Anfangsstadien durch blaue Pillen behoben werden könne. Äußerst wichtig sei zwischen den Partnern eine vertrauensvolle, tabufreie Kommunikation, dann könnten sie gemeinsam Wege zu einer befriedigenden Sexualität finden. Auch nach dem Ende einer langen liebevollen Gemeinschaft könnten ältere Menschen sich neu verlieben und zu einer erfüllten Sexualität finden, das dauere allerdings etwas länger als in der Jugend.

Der Film zeigte zuerst den Senioren-Computerclub, wo Dagmar sagte, sie wolle sich auch einen Computer zulegen und ich führte sie in den Elektronikmarkt. Bei den Tablets zeigte die Verkäuferin uns das Gerät, das ihr gefiel, dann nahm sie in meinem Haus das Tablet in Betrieb, brachte es in den WLAN ein und eröffnete ein E-Mail-Konto. „Jetzt sind wir einen Tag weiter", sagte die Reporterin. Ich ließ Dagmar das Free Office herunterladen, installieren und den Brief schreiben, den der Film zeigte. Darauf folgten unsere Streicheleinheiten bis zum innigen Kuss und meinem Eingriff in ihren Ausschnitt. Als Nächstes zeigte der Film unser Treffen auf dem Weimarer Bahnhof und den Weg zu Dagmars Haus.

Dagmar

Nach unserem Beitrag wurde ein weiteres Paar interviewt, das vor kurzem die siebzigjährige Hochzeit gefeiert hatte, beide waren neunzig Jahre alt. Glücklich berichteten die beiden, sich im Bett immer noch prächtig zu verstehen. Allerdings klappe es nicht mehr so gut wie in jüngeren Jahren, gestanden sie, aber die innige körperliche Berührung genossen sie weiterhin jeden Tag und oft könnten sie sich auch noch mit den Fingern oder der Zunge Erfüllung geben. Wichtig sei gewesen, dass sie diese Probleme offen besprochen hätten. Sie habe eine indiskrete Frage, die die beiden aber nicht beantworten müssten, meinte die Reporterin: „Sind Sie einander immer treu gewesen?" Freimütig antwortete die alte Dame, das gebe es wohl in keiner langen Gemeinschaft. Sie hätten beide von anderen Früchten genascht, aber festgestellt, dass es nicht die lange glückliche Gemeinschaft ersetzen konnte. Wichtig sei doch, dass die Liebe nicht darunter leide und dass man ehrlich zueinander sei.

„Wir waren nicht schlecht in unserem Film und was die beiden Oldies sagen, gibt uns Hoffnung für die nächsten zwanzig Jahre", lachte ich und küsste meinen Geliebten.

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© Copyright 2015 Ernst-Günther Tietze, Hamburg, www.eg-tietze.de

Der Roman „Liebe im Herbst" beschreibt auf 208 Seiten die neu entstehende Liebe zwischen zwei Senioren. Er wird gedruckt bei epubli und kann im Internet und in jeder Buchhandlung bestellt werden:

Als Taschenbuch für 8,- Euro mit ISBN-Nr. 978-3-7375-9527-9

Als e-Book für 1,99 Euro mit ISBN-Nr. 978-3-7375-9205-5

Das vorliegende Kapitel 13 umfasst im Buch 15 Seiten. Weitere Ausschnitte aus dem folgenden Kapitel des Romans werden nacheinander an dieser Stelle vorgestellt.