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09/04/2016 11:24 CEST | Aktualisiert 10/04/2017 07:12 CEST

Liebe im Herbst, Kapitel 11

Michael Marquand via Getty Images

Aus Kapitel 11 Flüchtlinge

Dagmar

Freitag weckte mich um 6 Uhr ein Anruf aus Weimar. Ob ich sofort kommen könne, fragte mich der Koordinator des Netzwerks für Integration, sie sollten am Wochenende 1.000 Flüchtlinge in der Stadt unterbringen. Sie hätten zwar Räumlichkeiten, aber zu wenig Personal. Ich versprach zu kommen. Fabian war wach geworden und ich fragte ihn, ob er gleich mit mir nach Weimar fahren würde. „Ich muss Montag zur Radiologie und Dienstag zum Club, wir müssten also übermorgen wieder zurück fahren", überlegte er, „das lohnt sich nicht." „Ich werde aber gebraucht", insistierte ich. „Dann fahr' doch alleine", schlug er vor. „Das ist das erste Mal, dass du mich im Stich lässt", schimpfte ich verbittert, „diese Termine dürfen dir doch nicht wichtiger sein als ich!" Wütend packte ich meine wenigen Sachen ein, während Fabian das Frühstück bereitete.

Schweigend aßen wir, dann wollte ich eine Taxe rufen. „Jetzt spinnst du", sagte Fabian leise, „natürlich fahre ich dich zum Bahnhof." Zum Abschied ließ ich mich nur auf die Wange küssen, doch er sagte sanft „Ich wünsche dir viel Erfolg." Im Zug hatte ich Zeit nachzudenken. Bisher war Fabian ein fürsorglicher Partner gewesen, der mir jeden Wunsch von den Augen ablas, warum wollte er mir jetzt plötzlich nicht helfen? Hatte ich mich in ihm getäuscht, als ich mich in ihn verliebte, ohne lange nachzudenken? Aber wir hatten doch 18 herrliche Wochen miteinander gehabt und er hat viel Geld für mich ausgegeben. Ich war so verbohrt in meinem Ärger, dass ich zu keiner Lösung kam. Im Zug aß ich eine Kleinigkeit und erreichte Weimar um 13 Uhr. Vom Bahnhof nahm ich eine Taxe zum Netzwerk, wo man mich gleich einteilte, alles für die ab morgen erwarteten 1.000 Flüchtlinge zu organisieren:

Fabian

Ich hatte gemerkt, dass ich Dagmar verärgerte, aber da war der Radiologie-Termin und ich wollte mich nicht schon wieder im Club vertreten lassen. Vielleicht hätte ich sie unterstützen können, doch ich kenne weder die Stadt noch die Leute, auf die es ankommt. Trotzdem tat es mir weh, sie enttäuscht zu haben, so lieb wie sie mir ist. Das muss ich wieder gut machen. Auf der Rückfahrt vom Bahnhof hörte ich im Radio, dass auch Mannheim weitere 1.100 Flüchtlinge aufnehmen muss, die ersten 500 würden noch heute erwartet. Sie sollen in einer ehemaligen Wohnsiedlung der US-Streitkräfte in Käfertal untergebracht werden. Da könnte ich mich vielleicht nützlich machen, dachte ich und fuhr dorthin. Man teilte mich gleich ein, Feldbetten in den Räumen aufzustellen und Decken darauf zu verteilen.

Ich war so beschäftigt, dass ich den Streit völlig vergaß und erst am Nachmittag wieder an Dagmar dachte. Als ich sie am Handy fragte, ob sie gut angekommen sei, antwortete sie nur kurz, ich hätte ja mitkommen können, und legte auf. Was ist denn mit meiner sonst so sanften und liebevollen Gefährtin los? Nun, ich hatte genug zu tun, denn als ich abends die ersten 500 Betten aufgestellt und schlaffähig gemacht hatte, standen die Flüchtlinge schon vor der Tür, um sich mit ihren wenigen Habseligkeiten einzurichten. Erst spät abends kam ich nach Hause und ging traurig über den Streit mit meiner geliebten Dagmar ins Bett. Hätte ich sie doch begleiten sollen? Lange quälte mich der Streit. Sollte ich sie noch mal anrufen? Nein, entschied ich, ich wollte mich nicht noch einmal so abfertigen lassen wie vorhin! Irgendwann schlief ich ein.

Dagmar

Samstag ging die Arbeit erst richtig los. Da ich zu Hause nichts zu essen hatte, frühstückte ich bei den Freunden. Kurz nach 9 Uhr kam der erste Zug mit 500 Flüchtlingen aus München und die Leute wurden mit Bussen zum Berufsschulgebäude gebracht. Ich staunte, wie viele Kinder dabei waren, teilweise Säuglinge, aber auch ältere Jungen und Mädchen bis 17. Wegen der Babys war ich froh über die gespendeten Kinderwagen. Weil ich etwas über die Einstellung arabischer Männer gegenüber Frauen weiß, setzte ich durch, dass Familien mit Kindern und einzelne Frauen getrennt von allein reisenden Männern untergebracht werden.

Wir zeigten den Menschen ihre Betten und nachdem sie ihre wenigen Habseligkeiten verstaut hatten, wurden die meisten in die Schulaula zur vorbereiteten Mahlzeit geleitet. Einige, die sich zum Essen zu schmutzig fühlten, führte ich in kleinen Gruppen zum Schwimmbad, wo sie mit Seife und Handtüchern versorgt wurden. Als ich mit der zweiten Gruppe aus dem Bad kam, standen uns etwa zehn Neonazis gegenüber, die pöbelten, das Schwimmbad sei für Weimarer und nicht für dreckige Kanaken gedacht. Ich versuchte, sie mit ein paar Worten zu beruhigen, doch plötzlich fühlte ich einen Schlag gegen die Stirn und fiel zu Boden.

Fabian

Gegen 11 Uhr wurde ich auf dem Handy aus Weimar angerufen, Dagmar sei schwer verletzt auf dem Weg ins Krankenhaus. Ich verabschiedete mich und raste zum Bahnhof, wo ich gerade noch den Zug um 11:32 kriegte. Im Zug rief ich die auf dem Handy gespeicherte Nummer an und bat um nähere Information. Auf dem Weg zur Unterkunft mit einer Gruppe Flüchtlinge sei sie von Neonazis mit einem Stein beworfen worden, der eine schwere Kopfverletzung verursacht habe. Zurzeit werde sie operiert.

Kurz nach drei erreichte ich Weimar und nahm eine Taxe zum Klinikum, wo ich mich zu Dagmar durchfragte. Ich könne sie jetzt nicht besuchen, sagte man mir. Ein spitzer Stein habe ein Loch in die Stirn geschlagen und ein Schädel-Hirn-Trauma bewirkt. Zusätzlich habe sie beim Sturz den rechten Oberschenkelhals gebrochen. In Operationen seien die Kopfwunde geschlossen und eine Schenkelkopfprothese eingesetzt worden, da ein derartiger Bruch in ihrem Alter nur schlecht heilt. Über den Zustand des Gehirns lasse sich nichts sagen, denn sie habe ihr Bewusstsein noch nicht wieder erlangt. Da ich hier nichts weiter erreichen konnte, ließ ich mich zur Flüchtlingsunterkunft fahren. In Dagmars Handtasche fand ich ihren Autoschlüssel und fuhr nach Mellingen und ging müde ins Bett, fand aber keine Ruhe, weil meine Gedanken bei Dagmar waren. Ich wünschte mir innig, dass wir wieder zueinander finden.

Dagmar

Nebel ist um mich herum, nur mühsam kriege ich die Augen auf. Ich liege in einem Bett, das ich nicht kenne, in einem Zimmer, das ich nicht kenne, träume ich? Warum kann ich den Kopf nicht drehen? Als ich ihn anfasse, fühle ich einen Verband auf der Stirn und eine halbe Glatze, dazu eine Schiene im Nacken, die das Bewegen verhindert. In der Nase habe ich ein Plastikstück, meine rechte Hüfte schmerzt, auch hier fühle ich einen dicken Verband. Wo bin ich und was ist mit mir geschehen? Nach einer Weile hörte ich eine Tür gehen, dann fragte mich eine weibliche Stimme: „Wie fühlen Sie sich?" „Wo bin ich und wer sind Sie?", frage ich zurück. „Sie sind im Klinikum und ich bin Ihre Ärztin", höre ich die Frau sagen. „Warum bin ich hier, was ist mit mir passiert?", frage ich weiter. „Sie haben gestern einen Stein gegen den Kopf bekommen und beim Sturz den Oberschenkelhals gebrochen", sagt sie. „Wir haben das Loch in ihrer Stirn verschlossen und in den Oberschenkel ein Hüftkopfimplantat eingesetzt. Bisher waren Sie bewusstlos und wir freuen uns, dass Sie jetzt aufgewacht sind. Können Sie sich an irgendetwas erinnern?"

Nein, das kann ich nicht, im Augenblick weiß ich noch nicht mal, wer ich bin. „Wer hat mir den Stein an den Kopf geworfen?", will ich wissen. „Ein Neonazi, als Sie mit Flüchtlingen vom Schwimmbad zurückkamen." „Welche Flüchtlinge?", frage ich weiter, alles ist vollkommen rätselhaft. „Wissen Sie, wie Sie heißen?", fragt die Frau weiter, worauf ich traurig erwidere: „Ich kann mich nicht erinnern, ich weiß weder, wer ich bin, noch was mir passiert ist." „Totale Amnesie", höre ich die Frau leise sagen und überlege, wo ich das Wort schon gehört habe. Ja, es bedeutet Gedächtnisverlust, also habe ich mein Gedächtnis verloren. Ich kann nicht einschlafen, liege nur und denke über meine Lage nach, als es nach einer Weile klopft. Ich weiß dass ich „Herein" sagen muss, kann aber nicht sehen, wer gekommen ist. Da höre ich eine bekannte Stimme: „Hallo, meine Liebe, ich freue mich, wie gut es dir geht", dann beugt sich ein männliches Gesicht über mich, das mir bekannt vorkommt.

Fabian

Die Ärztin hatte mich auf Dagmars Gedächtnisverlust vorbereitet und als ich sie begrüßte, sah ich, wie es in ihr arbeitete. Nachdem sie mich eine Weile fragend angesehen hatte, lief ein Lächeln über ihr Gesicht, dann fragte sie: „Bist du Fabian, mein lieber Freund?" „Ja", rief ich erfreut, „du hast mich erkannt", und küsste sie leicht. „Wo wir so viel miteinander erlebt haben, kann ich dich doch nicht vergessen", antwortete sie und hielt meinen Kopf fest, so dass wir uns richtig küssen konnten. „Ich glaube, du führst mich in mein Leben zurück", sagte sie langsam. „Ich sehe jetzt das Schlafzimmer in meinem Haus, in dem wir uns geliebt haben, du bist ein wunderbar zärtlicher Liebhaber." „Weißt du denn auch, warum wir hier in Weimar sind?" fragte ich und sie antwortete: „Da war irgendwas mit Flüchtlingen." Wieder sah ich es in ihr arbeiten, bis sie rief: „Ja, ich bin nach Weimar gefahren, weil sie mich bei der Flüchtlingsbetreuung brauchten. Du bist leider nicht mitgekommen und ich war dir böse. Dann sind wir mit Neonazis zusammengestoßen, denen ich etwas erklären wollte und plötzlich bekam ich einen Schlag gegen den Kopf. Seitdem weiß ich nichts mehr." „Das war ein spitzer Stein, der deinen Kopf beschädigt hat, und beim Sturz hast du den Schenkelhals gebrochen.

Dagmar

„Weißt du, dass dein Anblick mein Gehirn wieder klar gemacht hat", sagte ich nachdenklich, „vorhin sprach die Ärztin noch von totaler Amnesie. Aber jetzt glaube ich, wieder voll da zu sein. Frag' mich mal was." „Wo haben wir uns kennen gelernt?", wollte Fabian wissen. „In Mannheim beim Senioren-Computerclub", antwortete ich spontan. „Erinnerst du dich an Seattle?", fuhr er fort. „Eine Stadt im Nordwesten der USA, wo meine Herzkranzarterie operiert wurde." „Das genügt". sagte er bewundernd, „du bist wieder voll da und ich werde die Ärztin informieren." „Moment noch", sagte ich leise, „Küss' mich bitte richtig und tu' mit deinen Händen, was du immer gerne tust." Er ließ sich das nicht zweimal sagen und seine Hände streichelten meine Brüste.

Ich bin froh, dass mein Geliebter bei mir ist und mir geholfen hat, meine Erinnerung wieder zu gewinnen. „Entschuldige bitte, dass ich dich gestern so gemein behandelt habe", bat ich zerknirscht, doch er erwiderte, meine Aktion habe ihn animiert, auch etwas für die Flüchtlinge zu tun. So verplauderten wir den Nachmittag, bis Fabian zum Gehen aufgefordert wurde und mich zum Abschied zärtlich küsste. Schwester Elina fütterte mich wieder liebevoll mit etwas, das wie Rührei schmeckte und danach Fruchtjoghurt. Aus der Schnabeltasse trank ich Pfefferminztee. Danach empfahl sie mir, zu ruhen und wenn möglich zu schlafen. „Ihr Körper braucht jetzt viel Ruhe, damit Sie bald wieder auf die Beine kommen", sagte sie.

Fabian

Als ich Montag ins Klinikum kam, fand ich einen Wagen des MDR vor der Tür und ein Kamerateam vor Dagmars Zimmer. „Was haben Sie vor?", fragte ich eine Frau, die mir die Reporterin des Teams zu sein schien. „Wir haben die Flüchtlingsunterkunft gefilmt und dabei von dem feigen Anschlag auf Frau Dr. Petrenko gehört. Wir wollen sie unseren Zuschauern vorstellen, doch im Moment dürfen wir noch nicht rein, weil sie behandelt wird. Wer sind Sie denn?" Ich stellte mich als Dagmars Lebensgefährte vor, was auf großes Interesse bei der Dame stieß, sie wollte alles über unsere Beziehung wissen. Ich hatte kein Problem, Einzelheiten zu berichten, worauf sie meinte, dass sei außerordentlich interessant. Ihr Sender stelle eine Serie über das Leben von Senioren zusammen, dazu gehöre auch der Sex im Alter. Ob ich bereit wäre, dabei mitzumachen. Ich antwortete, das komme darauf an, was meine Gefährtin davon halte.

Nach einer Weile gab die Ärztin dem Team zehn Minuten für ein kurzes Interview. Ich konnte Dagmar kurz begrüßen, dann begann die Reporterin zu fragen. Zuerst wollte sie Informationen über ihren Hintergrund haben, bis sie nach ihrem Engagement bei der Flüchtlingsbetreuung und zuletzt nach dem Anschlag fragte. Ich bewunderte Dagmar für ihre präzisen und wohldurchdachten Antworten. Sie war eindeutig die Herrin des Interviews. Schließlich fragte die Reporterin, ob Dagmar bei einer Sendung über das Thema „Sex im Alter" mitmachen würde. Sie schaute mich an und als ich nickte, sagte sie: „warum nicht, wir haben nichts zu verheimlichen."

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© Copyright 2015 Ernst-Günther Tietze, Hamburg, www.eg-tietze.de

Der Roman „Liebe im Herbst" beschreibt auf 208 Seiten die neu entstehende Liebe zwischen zwei Senioren. Er wird gedruckt bei epubli und kann im Internet und in jeder Buchhandlung bestellt werden:

Als Taschenbuch für 8,- Euro mit ISBN-Nr. 978-3-7375-9527-9

Als e-Book für 1,99 Euro mit ISBN-Nr. 978-3-7375-9205-5

Das vorliegende Kapitel 11 umfasst im Buch 15 Seiten. Weitere Ausschnitte aus den folgenden Kapiteln des Romans werden nacheinander an dieser Stelle vorgestellt.

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