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02/06/2015 09:44 CEST | Aktualisiert 02/06/2016 07:12 CEST

Lettres d'Amour, Teil 4

thinsktock

Aus den Kapiteln 4 und 7, Teil 1 „Lettres d'Amour"

2002

16. 10. 2002 Liebe Rosana,
gestern Abend habe bei einem Glas Rotwein die Oper „Hoffmanns Erzählungen" genossen. Ich liebe diese Oper mit ihrer herrlichen Musik und ganz besonders der Barkarole sehr. So kann ich Ihre Zeilen erst heute beantworten.
Ich habe oft gemerkt, dass ein geheimer, besserer Sinn in vielem verborgen ist. Nun bin ich gespannt, welch geheimer Sinn in unserer Begegnung steckt.
Herzlichen Dank für Ihr Bild, ihr Gesicht strahlt eine große Güte aus, das erinnert mich an meine verstorbene Frau, die immer nach Möglichkeiten gesucht hat, einen Ausgleich zu finden.
Ich muss Sie warnen: Neben den Kriminalfällen enthält mein Buch einige detaillierte erotische Schilderungen. Ich meine, wo heute Mord und Krieg in epischer Breite geschildert werden, sollte es doch erst recht möglich sein, so schöne Dinge wie die Liebe zwischen Mann und Frau ebenfalls ungekürzt darzustellen.
Nun wünsche ich Ihnen noch einen guten Rest der Woche und grüße Sie herzlich, Wolfgang

18. 10. 2002 Lieber Wolfgang
vielen Dank für Ihre nette Mail. Dass meine Mails Ihnen Freude bereiten, finde ich schön. Auch ich freue mich, wenn ich von Ihnen Post bekomme. ... Bei einem Glas Rotwein „Hoffmanns Erzählung" zu erleben, ist ein Genuss, das glaube ich Ihnen.
Neulich war ich in Freiberg, wo wir an einer Führung durch den Dom mit anschließendem Orgelspiel teilnehmen konnten. Da hätte ich Sie am liebsten an meiner Seite gehabt. Bei dem herrlichen Klang der Silbermann-Orgel hätten wir sicherlich ähnlich empfunden. Ich wurde dabei an meine Jugend erinnert, in der ich mit Begeisterung Schütz, Bach, Mozart usw. in der Kirche gesungen habe. Was Sie zu meinem Bild und meinem Gesicht gesagt haben, fand ich lieb, auch dass es Sie an Ihre verstorbene Frau erinnert. In Ihrem Buch bin ich natürlich schon bei den erotischen Seiten angekommen. Ich denke, man kann über alles schreiben und sprechen, wenn es mit dem nötigen Feingefühl und Geschmack geschieht.
Sie fragen nach dem geheimen Sinn unserer Begegnung. Den ahne ich zwar, aber ich weiß ihn nicht.
Nun wünsche ich Ihnen noch einen schönes Wochenende. Seien sie herzlich gegrüßt. Rosana

19. 10. 2002 Liebe Rosana,
herzlichen Dank für Ihre gestrigen Zeilen. Das Orgelkonzert hätte ich gerne mit Ihnen zusammen gehört, Freiberg und seinen Dom kenne ich nicht.
Es freut mich, dass Sie sich an den Schilderungen der Liebe in meinem Buch nicht stoßen. Es wäre mir gar nicht möglich, diese Dinge, die zu den schönsten im Leben gehören, ohne Feingefühl zu beschreiben. Geschrieben habe ich immer gerne. Bis zu ihrem frühen Tod hatte ich eine Freundin in Süddeutschland, zu der viele Briefe gingen. Von dem zweijährigen Briefwechsel mit meiner späteren Frau ist ja ein Teil auf meiner Webseite zu finden.
Sie haben einen sybillinischen Satz geschrieben: „Den geheimen Sinn unserer Begegnung ahne ich zwar, aber ich weiß ihn nicht." Können Sie sich vorstellen, dass ich gerne wissen möchte, was Sie ahnen?
Ich schließe jetzt und sende Ihnen herzliche Grüße, Wolfgang

1953

Berlin, den 20. 12. 53, Meine liebe, liebe Diethild,
Ich habe Dir eine kleine Geschichte geschrieben, nimm sie als Botschaft von mir zu Dir. In tiefer Liebe grüßt Dich Dein Wolfgang

Eine Weihnachtsgeschichte

Alles war vorbereitet. Fein eingepackte Päckchen lagen um den Baum herum. Nur der Vater fehlte noch, er war zu einem Notfall gerufen worden.
„Kinder", sagte die Mutter, „ich will euch ein Märchen erzählen:
Es war einmal ein armes Mädchen, eigentlich war es eine Prinzessin. Aber eines Tages war ein fremdes Volk auf wilden Pferden daher gebraust gekommen und sie mussten fliehen. Glücklicherweise war in der Nähe ein Land, in das sich die Räuber nicht hinein trauten. So wurde aus der Prinzessin das arme Mädchen. Sie war zu einer weisen Frau ins Haus gekommen, die kein gutes Herz hatte und die Prinzessin vom frühen Morgen bis in die Nacht die schmutzigsten Arbeiten ausführen ließ, so dass sie todmüde ins Bett fiel.
Da hatte sie eine Erinnerung: In der alten Heimat hatten sie und ihre Freundinnen zuweilen mit einer Gruppe von Edelknaben den Reigen getanzt. Und dabei geschah es, dass ihr einer der Jünglinge lieber wurde als die anderen und sie mit ihm am liebsten tanzte.
Diesem Edelknaben, der ebenso für sie gefühlt hatte, ohne es ihr zu sagen, ging es auch sehr schlecht. Seine Mutter war gestorben und er hatte an Freunden nur die Edelknaben. Um etwas Gutes zu lernen, ging er zu einem Meister in die Lehre, der weit über die Grenzen hinaus bekannt war.
Als die arme Prinzessin an diesen Edelknaben dachte, wurde ihr klar, wie sehr sie ihn mochte. Aber eine Reise von zwanzig Tagen lag zwischen ihnen und sie hatte kein Geld dafür. So schrieb sie ihm eines Nachts einen Brief und wartete voll Bangen, ob er wohl antworten würde. Wie groß war ihre Freude, als sie seine Antwort erhielt! Er hätte ihr gerne schon früher geschrieben, doch er wusste gar nicht, wo sie abgeblieben war. So oft sie konnten, schrieben sie sich jetzt, und jeder freute sich, wenn er vom anderen Nachricht bekam.
Die Zeit kam heran, dass der Jüngling genug gelernt hatte und seine Wanderschaft antrat. So kam er eines Tages auch in jene Stadt, in der die arme Prinzessin lebte. Kein Mensch kann sich die Freude der beiden vorstellen, als sie sich wieder sahen, kein Mensch ihr Glück nachfühlen, als sie den Reigen wieder miteinander tanzten. In dieser Nacht küssten sie sich zum ersten Mal und sprachen über ihre Liebe. In dieser Nacht schworen sie sich, einander immer treu zu bleiben und die Liebe zwischen ihnen zu bewahren, bis der Tod sie einst scheiden würde. Der Jüngling aber beschloss, alles zu tun, um die Prinzessin zu befreien.
Doch als die böse Frau merkte, dass sich das Mädchen am Abend aus ihrer Kammer stahl, befahl sie ihren Gedanken, ihr zu folgen. Sie verstand längst nicht alles, was zwischen den beiden gesprochen wurde, weil ihr die Sprache der Liebe fremd war. Am nächsten Tag kam der Jüngling zu der weisen Frau. Sie sagte ihm nur, sie werde ihm drei Fragen vorlegen, wenn er die löse, sei die Prinzessin frei. Könne er sie aber nicht beantworten, habe er die Prinzessin auf ewig verloren. Ihm war klar, dass er die Fragen jetzt schwerlich beantworten könnte. So nahm er Abschied und wanderte zurück in seine Stadt.
Dort besuchte er eine Schule, an der viele weise Lehrer den jungen Menschen ihre Erkenntnisse über die Zusammenhänge des Lebens kündeten. Damit er etwas zu essen hatte, arbeitete er noch abends, wenn er die Lehren und Erkenntnisse des Tages in sich gesammelt hatte. Und nur die vielen Briefe, in denen er und die Prinzessin sich ihre Liebe versicherten, hielten ihn bei seinen Studien.
Am Heiligen Abend geschah etwas Seltsames: Als die Prinzessin sehnsüchtig an ihren Edelknaben dachte, sah sie plötzlich ein Licht auf sich zu kommen., das ein kleines Kind trug. ‚Prinzessin' sagte es mit einer Stimme wie Glockenklang, ,Weil ihr euch so sehr liebt, sollst du ihn sehen. Komm mit mir!'
Und schon ging das Kind mit dem Licht und sie kamen bald in eine große Stadt, gingen in ein Haus und dann standen sie auch schon in einer Kammer, die von dem Licht des Kindes matt erleuchtet wurde. Da lag ihr Edelknabe und schlief, tiefe Trauer auf dem Gesicht. Sie stieß einen Freudenschrei aus und wollte zu ihm, aber das Kind hielt sie zurück und sagte: ‚Du darfst ihn auf keinen Fall wecken, dann wäre alles vorbei.' So betrachtete die Prinzessin ihn nur voller Freude und drückte dann verstohlen einen Kuss auf seine Stirn. Da lief eine große Glückseligkeit über seine Züge, und so blieb er liegen und atmete ruhig.
Langsam zog das Kind die Prinzessin mit sich fort. Als sie wieder in ihrem Zimmer angekommen waren, sprach es noch einmal mit seiner glockenhellen Stimme: ‚Du glaubst, du hast das nur geträumt. Das stimmt nicht. Wisse, dass du das alles wirklich erlebt hast. Es ist die Belohnung für eure Frömmigkeit. Wisse auch, dass dein Edelknabe das Gleiche erlebt hat, wie du.' Dann war es verschwunden.
Nach drei Jahren hatte der Jüngling genug gelernt und machte sich auf den Weg zu der Stadt im Süden. Die böse Frau spürte sein Kommen und wusste es so einzurichten, dass er die Prinzessin nicht zu Gesicht bekam. Da bat er Gott um Kraft und Beistand und trat vor sie, ihre Fragen zu beantworten:
‚Woher kommt das Leben?', war die erste. ‚Von Gott!', antwortete er. ‚Warum?', fragte sie. ,Jedes Lebewesen hat sich aus einem niederen entwickelt. Aber woher das unterste Wesen entstanden ist, wie aus toter Materie pulsierendes Leben werden konnte, kann niemand erklären. Daran zerbrechen alle Theorien. Das Leben kommt von Gott.'
‚Wie viel bin ich wert?', fragte sie als zweites. ‚Höchstens 29 Silberlinge!', antwortete er. ,Warum?', brauste sie auf. ‚Weil unser Herr Christus um 30 Silberlinge verraten wurde. Da du aber bestimmt nicht so viel wert bist wie er, bist du höchstens 29 Silberlinge wert.'
‚Was kommt nach dem Tod?', war die dritte Frage. ‚Das Leben!', antwortete er. ,Warum?', fragte sie wieder. ,Weil unser Herr es selber gelebt hat in seiner Auferstehung von den Toten. Deshalb ist Angst vor dem Tode ein Zeichen der Schwäche bei solchen Menschen, die von Gott und seiner Gnade nichts wissen. Und deshalb hast du diese Angst, trotz deiner Weisheit'.
‚Du könntest Recht haben.' sagte sie tief erschüttert und gab die Prinzessin frei. Kurz nachdem die beiden jungen Leute geheiratet hatten, ließ sie sich taufen und tat fortan nur Gutes. Die beiden aber, wenn sie nicht gestorben sind, leben glücklich und zufrieden." „Sie leben noch und sind glücklich und zufrieden." hörte man da den Vater, der unbemerkt ins Zimmer getreten war. „Dir aber, Mutter, tausend Dank für dieses Märchen." Und sie küssten sich zärtlich wie immer, während die Kinder erwartungsvoll daneben standen. Dann holte der Vater die Bibel, um die Weihnachtsgeschichte vorzulesen mit der alten und ewig neuen Botschaft: „Fürchtet euch nicht, denn euch ist heute der Heiland geboren."

Endorf, den 25. 12. 53, Geliebter!
Wie soll ich Dir nur sagen, wie sehr ich mich über Dein liebes Päckle gefreut habe! Wie will ich Dir's auch schön machen, wenn wir erst ganz beisammen sind, mein Lieberle!
Über das schöne warme Tuch habe ich mich ebenso gefreut. Weißt Du, weil es so wunderbar weich ist, habe ich beim Einschlafen mein Gesicht darauf gelegt und geträumt, es sei Deine Hand, die mich streichelt. Gelt, ich bin doch narret, das musst Du aber Dir zuschreiben. Als letztes kam Dein lieber, lieber Brief dazu. Ich möchte Dir ganz besonders dafür danken, für Deine Weihnachtsgeschichte. Viel sagen kann ich nicht dazu, aber Du wirst auch so fühlen, was ich nicht in Worte fassen kann. Wie reich ist unser Leben durch unsere Liebe geworden! ... Sei für heute so recht von Herzen gegrüßt und lass Dir danken für alles, womit Du mich so sehr erfreut hast. In Liebe, Deine Diethild

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© Copyright 2014 Ernst-Günther Tietze Hamburg www.eg-tietze.de

Der Band „Lettres d'Amour" lässt auf 236 Seiten die Liebe durch Briefe lebendig werden. Er wird gedruckt bei epubli und kann im Internet und in jeder Buchhandlung bestellt werden:

Als Taschenbuch für 9,95 Euro mit ISBN-Nr. 978-3-8442-9093-6

Als e-Book für 4,49 Euro mit ISBN-Nr. 978-3-7375-4541-9

Die vorliegenden Kapitel 4 und 7 umfassen im Buch 30 Seiten. Weitere Ausschnitte aus den folgenden Kapiteln des Bandes werden nacheinander an dieser Stelle vorgestellt.

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