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01/06/2015 11:27 CEST | Aktualisiert 01/06/2016 07:12 CEST

Lettres d'Amour, Teil 3

thinsktock

Aus den Kapiteln 4 und 5 „Lettres d'Amour"

2002

25. 9. 2002 Lieber Wolfgang,
die Neugierde eines weiblichen Wesens ist auch mir zu Eigen. Also habe ich mich nur meiner Schuhe entledigt und den Computer angeworfen. Zuerst vielen Dank für die, ganz ehrlich, erhoffte Mail, und nun möchte ich Ihnen noch einige Gedanken verraten, die mir heute in den Sinn gekommen sind: Es ist so bereichernd, sich mit Ihnen auszutauschen. Außerdem haben Sie schon wahre Wunder an mir vollbracht. Ich gehe alles ruhiger an und schaue aufgeschlossener in die Zukunft, in der ja alles offen ist. Vielleicht war ich auch zu lange allein.
Mir kommen zwei Sprüche in den Sinn, die mir wichtig sind: Mein Vater schrieb in mein Poesiealbum: „Tue recht und scheue niemand, das gibt Dir auf Deinen Lebensweg Dein Vati." Unser Kantor der Dresdner Martin-Luther-Kirche, in dessen Chor ich seit dem 10. Lebensjahr an die Musica sacra herangeführt wurde, schrieb: „Menschen zu finden, die mit uns fühlen und empfinden, ist wohl das höchste Glück auf Erden. So steht's auch in der Musik. Nur was vom Herzen kommt, dringt zum Herzen". Zu meinen Eltern hatte ich eine innige Beziehung, mein Vater starb 1985, meine Mutter folgte 1996. Ich habe meine Erziehung voll akzeptiert und sie so an meinem Sohn fortgeführt, was mit seinem egozentrischen Vater nicht möglich gewesen wäre.
Bekomme ich heute noch eine Mail als Belohnung? Herzliche Grüße, Rosana

25. 9. 2002 Liebe Rosana,
um Ihren familiären Hintergrund beneide ich Sie. Meine Eltern haben sich scheiden lassen, als ich 10 Jahre alt war und ich glaube, dass ich nur durch die Gemeinschaft bei den Christlichen Pfadfindern zu einem einigermaßen brauchbaren Zeitgenossen geworden bin. Diese Erziehung in der Gemeinschaft junger Menschen hat wohl bewirkt, dass ich nicht so egoistisch geworden bin, wie Sie es von dem Vater Ihres Sohnes schildern. Man musste ja alles miteinander teilen. Es spricht für Ihre Selbstständigkeit, dass Sie sich von dem Mann getrennt haben. Mit meiner Frau, die auch aus einer zerbrochenen Ehe kam, war ich mir einig, dass wir unseren Kindern so etwas nie antun würden.
Neugierde, die Sie als Betreff Ihrer Mail gewählt haben, ist beileibe nicht nur eine weibliche Eigenschaft und ja nichts Schlechtes. Für ein Kind ist sie lebensnotwendig, es muss doch seine Umwelt erforschen und begreifen lernen. Auch ich bin sehr neugierig und habe auf unseren Reisen immer wieder gerne neue Gegenden und Städte kennen gelernt.
Ich wünsche Ihnen noch einen guten Abend und grüße Sie herzlich, Wolfgang

25. 9. 2002 Lieber Wolfgang,
vielen Dank für Ihre Mail, ich lese sie meist, bevor ich zu Bett gehe. Da Sie immer so nett schreiben, schlafe ich anschließend gut. Gestern war ich zu einer „Generaluntersuchung" mit Ergometrik. Das Ergebnis war o. k. Bin seit der Wende Bluthochdruckpatient, jedoch nicht organisch sondern funktionell begründet. Meine westlichen Kollegen haben mir das Leben am Anfang nicht leicht gemacht. Heute schreibe ich nicht viel, sondern leiste mit ein Glas trockenen Rotwein. Dafür lasse ich alles stehen.
Auf Ihr Wohl! Schlafen Sie gut und seien Sie herzlich gegrüßt. Rosana

26. 9. 2002 Liebe Rosana,
dass Sie Rotwein trinken, finde ich hervorragend, denn ich tue es auch gerne. Ich hoffe, dass es nicht allzu lange dauert, bis wir zu einem guten Essen gemeinsam eine Flasche leeren können. Ich schicke Ihnen das Bild einer Bougainvillea mit, das ich letztes Jahr in der Türkei gemacht habe. Ich wünsche Ihnen noch einen guten Abend und grüße Sie herzlich, Wolfgang

26. 9. 2002 Lieber Wolfgang,
Über den Blumengruß habe ich mich gefreut. Mir gehen mal wieder viele Dinge durch den Kopf, die ich erst ordnen muss. Vielleicht vertraue ich mich Ihnen einmal an, lassen Sie mir Zeit. Noch eines: ich denke auch, dass wir einmal eine Flasche Rotwein miteinander leeren, aber vorher sollen Sie mich, der Gerechtigkeit willen, erst einmal im Bild sehen, und das geht erst nach dem Urlaub meiner jungen Leute. Herzliche Grüße, Rosana

1953

Berlin, den 29. 8. 53, Mein liebes Mädel!

Für Deinen Brief zu danken, fehlen mir die Worte. Ich habe ihn immer und immer wieder gelesen, solche Freude brachte er mir. Weißt Du, solche Briefe sind kostbare Perlen. Wenn es aber der Perlen viele gäbe, verlören sie an Wert. Wäre alle Tage Sonntag, wüsste man ihn nicht zu schätzen, aber man liebt sich ja auch die Woche über. Versteh mich bitte recht: Schon die früheren alltäglichen Briefe waren - nur für uns beide erkennbar - Zeugnisse unserer Liebe.
Es ist schwer zu sagen, wann ich zum ersten Mal wusste, dass ich Dich liebe. Ich weiß, dass ich früher schon lieber mit Dir tanzte als mit den anderen, ganz bestimmt aber fing ich bei unserem Tanz in Stuttgart Feuer, und klopfenden Herzens hauchte ich zum Abschied einen Kuss auf Deine Lippen. Als Du dann liebevoll meine Wange streicheltest, war ich glücklich. Davon lebte ich bis Endorf, dem Höhepunkt unserer Liebe.
Ich glaube, zur wahren, echten Liebe gehört, dass man sich vollständig kennt, bevor man sich entschließt, ein Leben lang miteinander zu gehen. Und deshalb ist die uns aufgetragene Wartezeit sehr gut. Was weißt Du schon von mir, was weiß ich von Dir? Es gehört sehr viel dazu, sich immer tiefer in das Wesen und die Art des anderen zu versenken, ehe man vor den Altar tritt, um dem anderen auch das letzte, das „Ich" zu geben. Meine liebe Diethild, hab immer wieder Dank für Deine Liebe. Wenn Du wüsstest, was Du mir damit geschenkt hast.
Ich wünsche Dir weiter alles Gute, ach, wenn ich Dich jetzt nur einmal küssen könnte! In Liebe, Dein Wolfgang

Berlin, den 6. 9. 53, Meine liebe Diethild!
Am Abend hatten wir ein edles Lagerfeuer mit Erzählungen von Fahrten und dann ging ich drei Stunden mit Kaekke durch die Gegend. Weißt Du, es ist schön, solch einen Freund zu haben. Und wir hatten uns viel zu erzählen, ich von meiner Fahrt und von Dir, ich hatte ja nicht nur viel gesehen und erlebt, sondern vor allen Dingen viel nachgedacht, auch über Dich und mich. Kaekke hatte in dem Heim, wo er hospitiert, so viel gesehen und erlebt, dass er den Entschluss gefasst hat, Pfarrer zu werden. Du wirst Dir denken können, dass die drei Stunden wie im Fluge vergingen. Aber solche Abendstunden, wo man hinterher nicht mehr weiß, wer gesprochen hat, der Freund oder ich, gehören zu den schönsten Erinnerungen.
Sei ganz herzlich gegrüßt von Deinem Wolfgang

Landstuhl, den 18. 11. 53, Mein lieber, lieber Wolfgang!
Soeben komme ich vom Bach-Konzert. Das ist das größte Erlebnis meines Urlaubs hier. Lange schon habe ich mir gewünscht, wieder so etwas mit zu singen, und jetzt nach zwei Jahren hat es geklappt. Wir sangen u. a. die Kreuzkantate, den Schlusschoral aus der Matthäuspassion und „Wachet auf, ruft uns die Stimme".
Ach, die Hälfte des Urlaubs ist schon wieder rum, ehe ich auch nur etwas ausgeruht bin. Wenn es auch eng und flüchtlingsmäßig ist, war mir sofort, als sei ich nie von Mutti und den Geschwistern getrennt gewesen. Ich muss immer wieder an Dich denken, was Du entbehren musst, wo Dir diese Familienwärme fehlt. Heute Nacht habe ich wieder geträumt, wir wären beisammen. Wenn's doch nur schon wäre! Wenn ich doch nur meinen Urlaub nehmen könnte, wie ich wollte!
.Ach Lieberle, wenn wir erst mal wieder beisammen wären, wie schön wäre das! Ich habe ich Dich so sehr, sehr lieb. Sei nun recht von Herzen gegrüßt. Ich bin immer in Gedanken bei Dir, Deine Diethild

Berlin, den 22. 11. 53, Mein liebes Mädel!
Es war schon gut, dass Du auf Urlaub gegangen bist. Ich merkte aus Deinem Brief, wie verändert Du warst. Alles jauchzte in Dir und ich freute mich mit Dir. Zuerst fand es ich schade, dass wir uns nicht sehen konnten, aber es war besser für Dich, Dich im häuslichen Frieden zu erholen. Ich habe mich auch mit Dir über den Chor gefreut und freue mich ebenso darauf, wenn Du mir später einmal etwas von dieser Kunst geben wirst. Denn außer Fahrten- und Volksliedern habe ich gar kein Verhältnis zur Musik, kann ja nicht einmal Noten. Ich glaube aber, dass diese Dinge unerlässlich sind, wenn man eine gute Familiengemeinschaft aufziehen will.
Vor einem halben Jahr konnte ich mir noch nicht vorstellen, jemals mit einer Frau, die dann meine Frau sein würde, zusammen zu leben; aber nun komme ich langsam dazu, mir Gedanken über dieses Mysterium Ehegemeinschaft zu machen, das wohl so ziemlich das Schwerste auf dieser Erde ist.
Ich schreibe hier hinter der Bühne, wo ich Musik vom Tonbandgerät spiele, und muss jetzt Schluss machen, denn gleich werden die Schauspieler die letzten Worte sprechen, die da heißen: „Wir wollen hoffen, wir wollen hoffen". Und das können wir auch, wir können sogar glauben, dass wir bald alles besser haben werden.
Viele, viele herzliche Grüße, Dein Wolfgang

Stuttgart, den 17. 12. 53, Mein Lieberle!
Ich freue mich noch kaputt! Ich darf Montag in eine Aufführung des Weihnachtsoratoriums!! Ich hatte doch nie daran gedacht, dass es dieses Jahr etwas werden würde. Ich bin schrecklich gespannt, wie die Schüler die Sache schmeißen. Außer den Solisten stellen sie doch den ganzen Chor und, was weit schwieriger ist, das ganze Orchester. Ach, ich freue mich ja so darauf. Hoffentlich kommt nichts dazwischen, dann wäre meine Enttäuschung doppelt groß. Quatsch, es wird schon klappen! ...
Ich werde den ganzen Weihnachtsabend an Dich denken und weiß, dass Du das Gleiche tust. Ich habe Dich ja so lieb und bin unendlich glücklich und dankbar, dass ich Dich habe. Und ich gehöre Dir ganz. Sei recht von Herzen in Liebe gegrüßt von Deiner Diethild

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© Copyright 2014 Ernst-Günther Tietze Hamburg www.eg-tietze.de

Der Band „Lettres d'Amour" lässt auf 236 Seiten die Liebe durch Briefe lebendig werden. Er wird gedruckt bei epubli und kann im Internet und in jeder Buchhandlung bestellt werden:

Als Taschenbuch für 9,95 Euro mit ISBN-Nr. 978-3-8442-9093-6

Als e-Book für 4,49 Euro mit ISBN-Nr. 978-3-7375-4541-9

Die vorliegenden Kapitel 4 und 5 umfassen im Buch 30 Seiten. Weitere Ausschnitte aus den folgenden Kapiteln des Bandes werden nacheinander an dieser Stelle vorgestellt.

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