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02/05/2015 08:43 CEST | Aktualisiert 02/05/2016 07:12 CEST

Eine Begegnung in der Türkei, Kapitel 7

Aus Kapitel 7 Unfall

Kurz vor Utendorf wurde Kerim auf seinem Moped von einem schwarzen Van geschnitten und nach rechts von der Fahrbahn gedrängt. Er stürzte und fühlte dann bei jeder Bewegung einen stechenden Schmerz im Rücken. Mühsam fischte er sein Handy aus der Tasche und rief Johanna an. Nach fünf Minuten war sie zur Stelle und orderte einen Krankenwagen. Mit ihrem Wagen folgte sie in die Klinik und wies den Orthopäden auf den gespaltenen Lendenwirbel hin. Ein neues MRT zeigte, dass der Wirbel weiter aufgebrochen war.

Samstag früh erfuhr Johanna, Kerim werde in die Klinik für Unfallchirurgie und Wirbelsäulentherapie in Esslingen überführt, die auf die Behandlung derartiger Schäden spezialisiert sei. Anhand der übermittelten MRT-Bilder meine man dort, mit einer angepassten Operation den Schaden dauerhaft beheben zu können. Nachmittags rief Johanna in Esslingen an und fragte nach Kerim. Er schlafe schon, antwortete man ihr. Morgen werde er gründlich untersucht und Montag operiert. Weil sie mit dem Wagen nur drei Stunden nach Esslingen brauchen würde, bat sie ihren Chef um sieben Tage Urlaub.

Sonntag war ein normaler Arbeitstag für Johanna, Einer plötzlichen Idee folgend speicherte sie aus dem Kliniksystem die Daten von Kerims Generaluntersuchung auf ihren Stick und fuhr um 16 Uhr nach Esslingen. Dort stellte sie sich als Kollegin vor und bat, die Operation morgen beobachten zu dürfen. Sie solle schon um 7 Uhr in der Klinik sein, sagte der Arzt.

Um 7:30 bekam Kerim eine leichte Betäubungsspritze und wurde in den OP gefahren, Johanna stellte sich dem Chirurgen als Ärztin und Freundin des Patienten vor und bat, die Operation beobachten zu dürfen. Der Anästhesist gab eine kleine Menge Narkotikum in die Kanüle der Handvene, worauf ein Signal ertönte, Kerims Puls war bei 150 und stieg weiter. Der Blutdruck stieg auf 170/100. Bei 220 Schlägen kippte die Herzfrequenz und ging innerhalb von wenigen Sekunden bis auf 50 runter. Da erinnerte Johanna sich an Kerims Herzklappenfehler, sie steckte ihren Stick in einen Computer, wählte seine Herzaufnahme an und wies die Ärzte auf die Stenose der Aortenklappe hin. Nach einem Blick auf die Herzklappe wusste der Chirurg Bescheid: „Dies Narkotikum ist bei der schadhaften Aortenklappe Gift für den Patienten. Wir geben eine Plasmatransfusion mit einem kleinen Blutaustausch und können ihn dann hoffentlich mit einem starken Kreislaufmittel stabil halten."

Dann wandte er sich an Johanna: „Danke, Frau Kollegin, für ihre schnelle Information. Ich bin froh, dass Sie bei uns waren. Da Ihr Freund jetzt anscheinend stabil ist, sollten wir mit Ihrem Stick zu unserem Kardiologen gehen." Johanna war einverstanden und als Kerims Puls wieder 60 Schläge erreicht hatte, gingen sie.

Der Kardiologe sah sich die Bilder von Kerims Herzen an und sagte: „Diese Deformation der Aortenklappe hätte schon viel früher operiert werden müssen. Ich fürchte, das hat sich inzwischen so verschlimmert, dass Ihr Freund bei dem falschen Narkotikum beinahe drauf gegangen wäre. Wahrscheinlich ist der Wirbel jetzt wichtiger, aber dabei müssen Sie das Herz so weit wie möglich schonen. Wenn das einigermaßen verheilt ist, sollten wir uns sofort die Klappe vornehmen. Vorsichtshalber machen wir heute noch eine Aufnahme des Herzens und entscheiden dann, ob Sie morgen operieren."

Dienstag war Johanna wieder kurz vor 7 Uhr im Krankenhaus und kurz danach wurde Kerim in den OP gefahren. Der Chirurg informierte Kerim, dass er an zwei Stellen operiert werde. Aus seinem Oberschenkel werde ein kleiner Knochensplitter entnommen, um damit den Spalt im Wirbel zu verschließen. Erst dann werde ein kleiner Operationsschnitt beim Wirbel angelegt, der Splitter eingesetzt und eine Bandage aus selbst auflösendem Material darum befestigt. An beiden Stellen werde eine lokale Betäubung gespritzt, da sein Herz keine Vollnarkose zulasse. Die Operationen dauerten zwei Stunden und verliefen erstaunlich unkompliziert, Kerim fühlte nicht die geringsten Schmerzen.

Als Johanna Kerim Mittwoch besuchte, lag er schon in einem normalen Krankenzimmer und hatte nur noch leichte Wundschmerzen. Die Rückenschmerzen waren völlig verschwunden. „Jetzt wird auch bald dein Herzklappenfehler behandelt", sagte sie, das hatte Kerim noch gar nicht mitbekommen. Aber er war froh, dass auch dieser Fehler behoben werden sollte.

Freitag früh wurde Kerim in den OP gebracht und der Kardiologe informierte die Beteiligten, dass er die schadhafte Aortenklappe über einen Katheter in der Leistenarterie reinigen wolle. Dann begann der Anästhesist mit der Narkose durch ein neues Narkotikum. Über einen kleinen Schnitt in der Leiste schob der Chirurg den Katheter in die Arterie bis zum Herzen und überließ dem Kardiologen das Feld. Fasziniert beobachtete Johanna die mikrometergenaue Arbeit am schlagenden Herzen. Sie hatte ja schon allerlei Operationserfahrungen, aber diese Präzision war ihr völlig neu. Nach vierzig Minuten war der Kardiologe zufrieden. „Schauen Sie, die Klappe sieht wie neu aus!", rief er zufrieden, „wir können die Sache beenden."

Um 17 Uhr war Johanna wieder bei Kerim, der wissen wollte, wie lange er noch hier bleiben müsse. „Ich will sehen, ob du bald nach Meiningen verlegt werden kannst", antwortete sie. „Die Idee ist nicht schlecht", meinte der Chirurg, „aber bevor wir Ihren Freund verlegen, müssen wir sicher sein, dass alles gut verlaufen ist. Ich brauche noch ein MRT, um zu sehen, ob am Wirbel alles in Ordnung ist, und der Kardiologe will ihn aus demselben Grund nicht ohne CT des Herzens ziehen lassen." Die Untersuchungen ergaben, dass Kerim schon Montag nach Meiningen verlegt werden könne.

Sonntag war Johanna mittags in Meiningen und fuhr zum Essen in den Thüringer Hof, wo sie Herrn Glaser am Eingang der Poststube traf. „Kommen Sie, ich lade Sie in den Wartburgsalon ein", sagte er, „und beim Essen können Sie mir berichten, wie es ihrem Freund geht." Gerne nahm Johanna die Einladung an berichtete von Kerims erfolgreichen Operationen und dass er wahrscheinlich in drei Wochen wieder arbeitsfähig sei. „Lassen Sie ihn bitte richtig ausheilen", meinte der Chef und Johanna dankte ihm.

Montag wurde Kerim eingeliefert und sie begrüßte ihn herzlich. Abends hörte sie einen Wagen vor der Tür halten und sah überrascht Kerims Vater. „Ich muss doch mal nach meinem Sohn sehen, den du so mit Operationen gequält hast", rief er lachend. „Kerim hat mich angerufen, dass er zurück kommt, da will ich mich von seinem Zustand überzeugen." Johanna berichtete von den Operationen und ihrem Besuch heute bei ihm. Dann rief sie ihre Eltern an und erzählte ihnen von Kerims Unfall, seinen Operationen in Esslingen und dass er jetzt wieder in Meiningen sei. Beim Bericht, dass sein Vater heute gekommen sei, schlug sie vor, dass die beiden mit Yasmine morgen nach Meiningen kämen, um Kerims Vater kennen zu lernen und ihm das Treffen mit seiner Tochter zu ermöglichen.

Dienstag war Johannas erster normaler Arbeitstag nach der Pause. Um 10 Uhr wartete sie vor der Tür auf Ercan und brachte ihn vor Kerims Zimmer. „Klopf' an und geh' rein", sagte sie zu ihm. „Ich bleib' draußen, damit Ihr Euch ganz privat begrüßen könnt. Irgendwann später komme ich dazu." Um halb elf empfing sie ihre Eltern und Yasmine und brachte sie zu Kerims Krankenzimmer. Nachdem Vater und Sohn sich von der Überraschung erholt hatten, Yasmine zu sehen, machte Johanna ihre Eltern und Ercan miteinander bekannt und bald entstand ein intensives Gespräch zwischen ihnen.

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© Copyright 2015 Ernst-Günther Tietze Hamburg www.eg-tietze.de

Der Roman „Eine Begegnung in der Türkei" beschreibt auf 198 Seiten die Annäherung zwischen einer deutschen Ärztin und einem türkischen Hotelmanager. Er wird gedruckt bei epubli und kann im Internet und in jeder Buchhandlung bestellt werden:

Als Taschenbuch für 9,95 Euro mit ISBN-Nr. 978-3-7375-4229-6

Als e-Book für 3,99 Euro mit ISBN-Nr. 978-3-7375-4231-9

Das vorliegende Kapitel 7 umfasst im Buch 12 Seiten. Weitere Ausschnitte aus den folgenden Kapiteln des Romans werden nacheinander an dieser Stelle vorgestellt.


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