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13/12/2015 08:25 CET | Aktualisiert 13/12/2016 06:12 CET

Deutschland 2016 - ein Blick in die Zukunft

Nigel Treblin via Getty Images

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„Heimat ist da - wo man sich nicht erklären muss." Diesen Aphorismus des Großgeistes der deutschen Aufklärung Johann Gottfried Herder möchte ich für den Volksvertreter der Gegenwart dahin ummünzen: „Heimat ist da - wo man viel erklären muss. Und auch viel erklären kann." Die Großthemen zumal des letzten halben Jahres hatten und haben es dabei fürwahr in sich.

Bankenfinanzierung in Griechenland und Europas Perspektiven, Sterbebegleitung und Sterbehilfe, Flüchtlingsbewegungen und Integration, Pegida - Hetze und Brandschatzung gegen Flüchtlingswohnstätten, ISIS - Terror und Syrieneinsatz der Bundeswehr: diese Fragen des Jahres 2015 haben uns nicht nur im Parlament umgetrieben - sie treiben auch sehr viele Menschen um, was sich in Anrufen und Briefen, Bürgerversammlungen und politischen Diskussionen zeigt.

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Der Grad an Politisierung ist wieder deutlich gewachsen.

Meine Feststellung: Der Grad an Politisierung ist wieder deutlich gewachsen. Die Menschen interessieren sich für Politik, aus Engagement, Betroffenheit, Beunruhigung, Angst. Die ganze Palette der Haltungen, Gefühle, Verhaltensmuster ist hier dabei.

Es geht um Humanität und Hilfe oder Kleingeistigkeit und Egoismus, um Werte und Identität, um „Futterneid" und Verteilungsgerechtigkeit, um die Balance von Sicherheit und Offenheit, um die Wiedergeburt von Nationalismus oder aktiver Weltoffenheit und Internationalität. Diese Orientierungen bewegen die Menschen in meinen Wahlkreis, nicht bei jedem Thema gleich und doch bei sehr verschiedenen Themen auch immer wieder ähnlich. Und das aktuell mit besonderer Intensität.

Dazu muss ich als Volksvertreter und überzeugter Sozialdemokrat eine Tendenz zur Polarisierung und in Teilen auch Radikalisierung und Verrohung in der Auseinandersetzung um die res publica konstatieren. Und als Beobachter der Gesellschaft und gelernter Psychologe stelle ich einerseits vielfältige persönliche Mobilisierung von Bürgertugenden und individueller Resilienz fest und andererseits die Vitalisierung von heftigen Abwehrmechanismus, wie sie in den Lehrbüchern der Sozialpsychologe beschrieben und in den dunklen Kapiteln unserer Geschichte bitte erlebbar gewesen sind.

Die Konstruktion einer kleinen heilen Welt

Der Rückzug in das moderne Biedermeier, die Konstruktion einer kleinen heilen Welt gegen das Ungemach „von überall her" sind genauso zu diagnostizieren wie die Verweigerung von Wahrnehmung und Auseinandersetzung mit Realitäten und Notwendigkeiten. „Mir ist das alles zu viel" ist da häufiger zu hören, als einer aufgeklärten Demokratie gut tun kann.

Ob wir im Regierungsviertel in Berlin - Mitte diese Stimmen sensibel und eindringlich genug an uns herankommen lassen? Und lernen, was das für unser Auftreten und Verhalten bedeuten muss? Wenn wir schon nicht die Probleme und damit verbundenen Herausforderungen und Sorgen begrenzen und steuern oder nur mühsam entschleunigen können, sind wir zumindest verpflichtet, sauber und gezielt auf den Punkt zu informieren, politische Alternativen fairer herauszuarbeiten und entweder klar zu entscheiden oder gegensätzliche Positionen zu guten Kompromissen zu führen.

Die demokratische Kultur und der politische Umgang im Spannungsfeld von Interesse, Emotione und Vernunft werden immer wichtiger werden, wenn eine drohende „Neurotisierung" im Jahr 2016 in der Gesellschaft nicht weiter um sich greifen soll. Das gilt im übrigen auch für die Parteien und für diese besonders, sollen sie doch auch Vorbild für politische demokratische Kultur und nachhaltig wirkende Kräfte der politischen Sammlung und Orientierung sein können. Das ist Verfassungsauftrag. Der muss ernst genommen werden. Dazu gehören Bescheidenheit, Bodenhaftung und harte Arbeit.

Unsicherheit über den Wert der eigenen Arbeit und die Sicherheit des eigenen Arbeitsplatzes.

Und es gibt noch eine ganz wichtige Tiefenbeobachtung, die Sozialdemokraten sicherlich mehr machen als ihre konservativen oder grünen Widerparts. Diese Tiefenbeobachtung betrifft die mehr oder minder deutlich ausgesprochene , aber unausgesprochen sehr viel weiter spürbare Unsicherheit über den Wert der eigenen Arbeit und die Sicherheit des eigenen Arbeitsplatzes.

Die Debatten um Zeitverträge und Mindestlohn und Leiharbeit und Werkverträge nehmen hier eine existentielle Bewusstseinsveränderung von vielen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in politisch verdichteter Form auf. Aber dieses Gefühl reicht weit über die prekären Beschäftigtenkreise hinaus und hat sich nach meiner Beobachtung in die moderne Arbeitswelt insgesamt hineingefressen. Es ist die Erfahrung von Entfremdung nicht nur zum Produkt der Arbeit, sondern eben auch zum Verhältnis der Arbeit.

Ferne Konzernzentralen mit Shareholder - Value - Profitmaximierung, betrügerische Managementzirkel mit Rechtsverstößen und Produktdiskreditierung, globale Marktverschiebungen und Produktionsverlagerungen: was einzelne Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer hier erleben müssen, berührt Tiefenschichten in ihrem Vertrauen in das System von Wirtschaft, Gesellschaft und Staat. Diese Tiefenschichten müssen wir als Volksvertreter in Parlament und in Regierungsverantwortung immer wieder neu aufnahmen, annehmen und verstehen, damit aus Erfahrung und Sorge nicht Fremdheit und dann Abkehr und Resignation werden. Und das ist mehr als eine kurzfristige Jahresaufgabe in 2016.

Video:Dumme Bürger sind leichter zu kontrollieren. Die Lernplattform Nafham steuert dagegen

Dieser Text ist Teil der Reihe "Wie geht es uns?" Ein Jahr lang hat die Politik in Berlin, die Krise in Syrien und der Konflikt mit Moskau die Schlagzeilen beherrscht. Wie aber geht es Ende dieses irren Jahres den Menschen in Deutschland? Wie blicken die Menschen in unserem Land in die Zukunft? Das will die Huffington Post herausfinden - und hat alle Redakteure als Reporter durch das Land geschickt. Sie führen Interviews, besuchen Menschen, denen sonst niemand zuhört - und berichten über Menschen, die dabei helfen, die größten Probleme zu lösen.

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