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10/08/2015 09:23 CEST | Aktualisiert 10/08/2016 07:12 CEST

„Integration... wozu überhaupt?" - die Problematik des Integrationsbegriffes

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„Fühlst du dich integriert?" fragte meine Deutschlehrerin in der zehnten Klasse einmal eine Mitschülerin mit vietnamesischen Wurzeln. Im ersten Augenblick scheint diese Frage vollkommen unproblematisch zu sein. Aber dann stellte ich mir diese Frage selbst?

„Bin ich integriert?" Meine Eltern kommen aus der Türkei, aber ich bin hier geboren und aufgewachsen. „Integriert? Hmm.. Wieso denn? Ich muss mich doch nicht integrieren, ich bin ja schon mitten drin." Auf den ersten Blick scheint Integration eben essentiell und positiv für die Gesellschaft zu sein. Wenn man aber genauer hinschaut, erkennt man die Problematik.

Integration bedeutet laut Duden „Eingliederung in ein größeres Ganzes". Um etwas bzw. jemanden einzugliedern, muss dieser erstmal etwas Externes sein. Erst dann kann ich ihn in das größere Ganze einbeziehen. Ich z.B., als jemand, der hier aufgewachsen ist und hier lebt, kann nicht als etwas Externes gesehen werden, da ich ja schon in der Gesellschaft bin.

Wenn man hier aber dennoch von Integration spricht, werde ich aus dem Ganzen herausgenommen, wodurch wiederum erst der Bedarf des Integrierens entsteht.

Sprich man reißt ein Stück des Ganzen raus, um dann zu merken: „Aaah, das gehört eigentlich doch da rein!" und versucht dann krampfhaft das wieder zusammenzukleben. Und das fühlt sich dann total richtig an. Paradox oder?

Integration ohne Parallelgesellschaften

Die Wortbedeutung von „Integration" besagt auch, dass eine Mehrheitsgesellschaft vorherrscht, in welche Minderheiten eingegliedert werden. Das bedeutet aber nur, dass diese Minderheit in den Raum der Mehrheitsgesellschaft eintritt. Das kann aber auch passieren, ohne dass man miteinander interagiert. So entstehen die allbekannten Parallelgesellschaften.

Minderheiten sind dann zwar integriert, weil sie in der Gesellschaft leben, sind aber trotzdem abgeschnitten von ihr. Und hier sieht man schon, dass das eigentliche Ziel des Zusammenlebens nicht erreicht wird.

Ich sehe das Plädoyer für Integration dennoch nicht als falsch an, lediglich als ungenügend. Man könnte es eventuell als ersten Schritt für Personen sehen, welche neu nach Deutschland ziehen. Diese müssen zunächst erstmal in die Gesellschaft eingegliedert werden. Danach muss es aber weitergehen. Diese Personen müssen mit der Gesellschaft interagieren und idealerweise zum Funktionieren der Gesellschaft beitragen.

Den zweiten Schritt stellt die Inklusion dar, also das Miteinbezogensein. Denn wenn diese Inklusion durchgeführt wird, entsteht eine Gesellschaft mit verschiedenen Individuen, welche als solche akzeptiert werden. Alle Individuen sind mit ihrer Verschiedenheit in der Gesellschaft präsent, ohne dass dabei ihr Hintergrund beachtet wird.

Im gesellschaftlichen Diskurs wird der Inklusionsbegriff zurzeit überwiegend in Bezug auf Menschen mit Behinderung benutzt. Aber wieso nur da? Inklusion ist ein soziologischer Begriff, durch welchen das Ziel des Zusammenlebens in Vielfalt gewährleistet wird und daher auch in diesem Themenfeld geeignet ist. Allein diese kleine Änderung der Termini könnte schon helfen die Problematik aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

Wann gilt man als deutsch?

Aber jetzt mal eine andere Frage: Wann ist man denn überhaupt integriert? Wann gilt man als deutsch und was macht einen Ausländer aus?

Ja ist doch ganz einfach. Ein Deutscher, der ist immer pünktlich. Und diszipliniert natürlich. Und Jeden Abend gibt's ein Maß Bier zur Wurst. Und wenn ein Ausländer das alles auch macht, dann ist er integriert.

Nein. Natürlich nicht. Das sind nur Vorurteile und Verallgemeinerungen. Nicht jeder Deutsche trinkt Bier und nicht jeder Deutsche ist immer pünktlich. Es bleiben nur zwei Faktoren, die das Deutschsein ausmachen, nämlich die Staatsangehörigkeit und eventuell die Sprache. Demnach ist jeder, der deutsch spricht und den deutschen Pass hat, ein Deutscher.

Wenn man aber bei der Integration andere Faktoren, wie z.B. Verhaltensweisen, mitbeachtet, ist das keine Integration mehr, sondern eine Forderung zur Assimilation, also die Forderung zur kompletten Angleichung.

Ich beherrsche die deutsche Sprache und bin deutscher Staatsbürger. Wenn ich gefragt werde, woher ich denn komme, muss ich genau überlegen, was mein Gegenüber hören will. Denn ich habe zwei Möglichkeiten zu antworten: Entweder ich antworte: „Aus Augsburg", dann kommt meist die Zusatzfrage: „Ja schon, aber ich meine 'eigentlich'?".

Und wenn ich zuerst sage: „Aus der Türkei", schaut man mich meist tadelnd an, wieso ich denn als jemand, der in Deutschland lebt, mich immer noch nicht als Deutscher fühle.

Aber das wird man wohl nicht vermeiden können. Eine gute Seite hat das ja schon. Man hat immer etwas, worüber man reden kann.

Von einer Gesellschaft der Vielfalt profitieren

Wir wollen ja alle, dass unsere Gesellschaft eine Gesellschaft der Vielfalt ist. Wir wollen von dieser Vielfalt profitieren und sie nicht nur tolerieren. Denn tolerieren kann man strenggenommen nur etwas, was man als falsch empfindet. Und ein großer Schritt in diese Richtung ist getan, wenn wir vom starren Integrationsbegriff wegkommen.

Wir sind an einer Sackgasse angekommen. Nun müssen wir lernen, anders mit Unterschieden umzugehen und umzudenken. So schaffen wir eine pluralistische Gesellschaft, in der alle Individuen mit all ihren Unterschieden willkommen sind und sich nicht „fremd" fühlen. Dann müsste auch keiner mehr die Frage stellen: „Fühlst du dich denn integriert?

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