BLOG
05/04/2016 15:59 CEST | Aktualisiert 06/04/2017 07:12 CEST

Bund greift nach Brandenburgs Naturerbe

Erimar von der Osten

Die Bundesrepublik Deutschland entwässert Moore, legt Orchideenteppiche in Flora-Fauna-Habitat geschützten Mischwäldern trocken und zerstört Teile des Naturerbes von Brandenburg, um für Agrarflächen erhöhte Pachtzinsen durchsetzen zu können.

Ökologisierung der Landschaft

Die integrale Agrarumweltpolitik der EU befördert den Wandel von einer primär ökonomischen zu einer umweltfreundlichen Agrarproduktion und Ökologisierung der Landschaft. Die Bundesrepublik ist Treiber dieser Entwicklung, die funktionsfähige Ökosysteme als Lebenserhaltungssysteme der Erde befördert: Ökosysteme, die saubere Luft, sauberes Wasser und mehr biologische Vielfalt ermöglichen und somit die Grundlage unseres Lebens bilden. Auch unser emotionales Wohlbefinden und wirtschaftlicher Wohlstand hängen von natürlichen Ökosystemen ab.

2016-03-29-1459289915-5644252-Niedermoorlandschaft.jpg

Niedermoorlandschaft

Der Bund vergreift sich an ökologischen Hotspots

Angesichts der vorbildlichen deutschen Umweltpolitik für Europa ist es umso überraschender, wenn ausgerechnet der Bund dort, wo er selbst privatrechtlich handelt und unmittelbar Verantwortung trägt, den Takt für die gezielte Zerstörung wertvoller Ökosysteme vorgibt. Betroffen sind naturnahe Niedermoore, wie sie die Ost-Uckermark durchziehen, eine Landschaft mit der viele eher weitläufige Agrarflächen und wuchtige mittelalterliche Feldsteinkirchen, Kopfsteinpflaster-Alleen, Hirsche, Wölfe, Seeadler, Kraniche, klare Sternenhimmel und seidene Luft verbinden. Bei den Niedermooren handelt es sich um fluviale Niederungen, die aus eiszeitlichen Endmoränen und Schmelzwasserabflussrinnen hervorgegangen sind und heute einzigartige „Hotspots" der Arten- und Lebensraumvielfalt bilden. Über Jahrtausende haben diese Niedermoore den regionalen Landschaftswasserhaushalt reguliert und das Landschaftsbild geprägt. In der Ost-Uckermark liegen Mischwälder und Niedermoore dicht beieinander. Die Mischwälder bilden eine seltene Abwechslung zu den brandenburgischen Kiefernmonokulturen.

2016-03-29-1459290090-3729554-UckerUecker_Randow_Welse.png

Randow-Welse-Bruch

Jeder Tropfen wird gebraucht

Die sonnige Ost-Uckermark, die auch als Toskana des Nordens touristisch vermarktet wird, ist allerdings sehr niederschlagsarm. Jeder Tropfen wird dringend für den Naturhaushalt gebraucht. Der Blumberger Wald, mit dem der Autor dieses Blogs bestens vertraut ist, wird auch als die Grüne Lunge der Ost-Uckermark bezeichnet. Das Mischwaldgebiet, wo im Frühjahr Anemonen- und Orchideenteppiche blühen, wirkt wie ein Schwamm, der überschüssiges Wasser aufnimmt und langsam an seine Umgebung wieder abgibt. Auch die angrenzenden Moorgebiete speichern Wasser wie in einem zweiten großen Schwamm. Dieses Zusammenspiel garantiert eine Landschaft mit einer reichen Flora, Fauna und Habitat -- mit einer Vogelvielfalt, die so wunderbar ist, dass Ornithologen aus ganz Europa hierher pilgern, um See- und Schreiadler, Milane, Spechte, Wiesenweihen, Zwergschnäpper, Wachtelkönige, Goldregenpfeifer und Schnepfen zu beobachten.

2016-03-29-1459290224-1127603-lr1_Landscape_DavyCrockett_NF.jpg

Bund macht Bankrott

Unsere Nachkommen werden die Hände über den Kopf schlagen: In dieser niederschlagsarmen Region mit einem Jahresmittel von ca. 500 mm, zunehmender Sommertrockenheit und einer Verdunstungsrate, die den Niederschlag übersteigt, organisieren Ämter und Behörden mit einem gewaltigen finanziellen, regulatorischen und technischen Aufwand den Abfluss von jährlich Milliarden Liter köstliches gefiltertes Wasser über die Randow, Welse und Oder in die salzige Ostsee. Die Wasserbilanz ist tief-rot. Längst hat der Bund einen ökologischen Bankrott hingelegt, erklärt ihn aber nicht. Konkursverschleppungen führen in der Regel zu Kollateralschäden: In der Folge dieser paradoxen Entwässerungsorgie gelangen Abermillionen Tonnen Grünhausgase in die Atmosphäre, obwohl man in Bundesstudien nachlesen kann, dass gerade Moorgebiete, ähnlich wie Mischwälder, große CO2-Senken bilden.

2016-03-29-1459290322-5954211-RotmilanDatenvorerstunterVerschluss_ArtikelQuer.jpg

Schreiadlerbrut

Die Treuhandnachfolgerin & die Komplexmelioration

Die Bodenverwertungs- und -verwaltungsgesellschaft (BVVG), Nachfolgerin der Treuhandanstalt, die als staatliches Unternehmen der Bundesrepublik land- und forstwirtschaftlichen Flächen auf dem Gebiet der neuen Bundesländer verwaltet, unterstützt eine Entwässerung der Moore, um erhöhte Pachtzinsen für eine extensive Landwirtschaft mit Schlachtvieh- und Mutterkuhhaltung erlösen zu können. Das erledigen im "öffentlichen Interesse" exzellent ausgebildete und professionell arbeitende Ingenieure des zuständigen Wasser- und Bodenverbands (WaBo) mittels einer umfassenden Melioration (Komplexmelioration), die zu DDR Zeiten entstand.

Gerhard Grüneberg, Sekretär für Landwirtschaft beim ZK der SED, prägte die Landwirtschaftspolitik der DDR in den 1960er und 1970er Jahren. Er hat die Entstehung industrieller, großbetrieblicher Produktionsmethoden durch Konzentration, Arbeitsteilung und Spezialisierung vorangetrieben. Für den Naturschutz hatte er wenig Sinn. Ökologische Belange hatten sich den vom Politbüro gesetzten Zielen der Landwirtschaft unterzuordnen. Die Produktion war auf allen landwirtschaftlich nutzbaren Flächen um jeden Preis zu erhöhen. Seit den 70er Jahren wurde das Randowbruch einem strengen Meliorationsregime unterworfen, das bis heute fortgesetzt und zu einem signifikanten Abfall des Wasserspiegels und zur Überschreitung zulässiger Bodenabtragsgrenzen führt.

Bund forciert Waldumbau: Mischwald in Monokultur

Indem die öffentliche Hand bis heute im Geist und in der Traditionsfolge von Grüneberg den Schwamm ‚Niedermoor' auswringen lässt, nimmt sie die systematische Entwässerung von Mischwäldern mit deren großen ökologischen Vielfalt in Kauf, so dass in Zukunft auf waldbaulich attraktiven Standorten, wo heute noch Eichen und Buchen gedeihen, eines nicht zu fernen Tages nur noch einige Pioniergewächse wie die Birke wachsen könnten. Die tief wurzelnde Schwarzerle (ebenfalls ein Mitglied der Familie der Birkengewächse) und andere auf organischen und mineralischen Nassstandorten stockenden Edellaubhölzer (Esche, Ahorn, Flatterulme) befinden sich längst auf dem Rückzug.

Was Grüneberg nicht wußte wird heute in Bundesstudien veröffentlicht: Niedermoore und Mischwälder gehören zu den wertvollsten Lebensräumen des Nordostens Brandenburgs. Deren nachhaltiges Naturkapital und deren ökologische Dienstleistungen sind unübertroffen. Aneinandergrenzende Moore und Mischwälder bilden geschlossene Ökosysteme. Sie leisten einen unschätzbaren Beitrag zum Schutz bedrohter Tier- und Pflanzenarten, zum Erhalt einer besonders vielfältigen Biodiversität, verfügen je nach Erhaltungszustand und Lage über ein enormes Wasserrückhaltevermögen und tragen durch eine dauerhafte Fixierung ihres hohen Kohlestoffvorrates wesentlich zum Klimaschutz bei. Sie sind charakteristische, unverzichtbare Bestandteile unseres Naturerbes. Durch die Komplexmelioration werden die physikalischen, chemischen und biologischen Gewässer- und Bodeneigenschaften mit der Folge einer erheblichen Verschlechterung der Lebensraum-, Klima-, Regelungs- und Reinigungsfunktionen verändert.

2016-03-29-1459290564-3585117-2015100714442406143715445Bildschirmfoto20151007um19.54.44.png

Entwässerungsgraben

Ein Motiv der Umweltschädigung

Wie sieht es mit der Wertschöpfung und der gesamtwirtschaftlichen Rechnung aus? Auf der einen Seite erzielt die BVVG als Bundesgesellschaft jährlich einige Zehntausend Euro Mehrerlöse im Rahmen einer optimierten extensiven Weidewirtschaft. Diese geschieht auf Flächen, die der Bund sich im Zuge der Wiedervereinigung auf fragwürdige Weise angeeignet hat. Auf der anderen Seite werden großartige Ökosysteme und die letzten schützenswerten Lebensräume für viele bedrohte Tier-und Pflanzenarten geopfert, darunter einige, die in ganz Deutschland kaum noch vorkommen. Es ist schwer zu sagen, ob sich der Schaden auf hunderte Millionen oder gar Milliarden beläuft, wollte man ihn kalkulieren. Siehe dazu die europäische TEEB Initiative, eines der verdienstvollsten Leuchtturmprojekte der EU. Die BVVG (und somit der Bund) hatte von vornherein die Wahl, ob sie sich für die Sicherung der Artenvielfalt von Flora und Fauna entscheidet oder ob sie deren Zerstörung Vorschub leistet. Sie hat bis dato keine Chance zur Abkehr von einer ökofeindlichen Ideologie, wie Grüneberg sie verkörperte, genutzt. Sie gibt den Takt vor, der Wasser- und Bodenverbände, Ämter und Behörden zusammenwirken lässt, um Bestrebungen nach einer ökologisch sinnvollen Veränderung des Wassermanagements und der Wassererhaltung zugunsten der Allgemeinheit zu unterlaufen. Jahr für Jahr werden die Zustände, die Wissenschaftler beklagen, mit dem Abschluss neuer Pachtverträge zementiert: Alternative Nutzungsvorschläge zugunsten der Land- und Forstwirtschaft werden partout ignoriert.

Man kann förmlich zusehen, wie langsam - mit wenigen Ausnahmen - das Vorkommen von seltenen Greifvogelarten, einem Dutzend Fledermausarten (Großes Mausohr, Großer Abendsegler, Fransenfledermaus), Hirschkäfern und anderen seltenen Kerbtieren, Schmetterlingsarten und zahlreichen Amphibien (Laub- und Moorfrosch) und Reptilien (Kreuzotter und Ringelnatter) abnimmt. Der Schwund wird von Naturschützern mit bürokratisch-penibler Detailtreue dokumentiert.

Solidarität mit Umweltsündern

Perfiderweise werden die Kosten der Entwässerung und Landschaftszerstörung „aus Solidarität" (Landesverfassungsgericht Brandenburg) auf die Bürger in Form von Wasser- und Bodenverbandsgebühren abgewälzt, als ob sie ein vitales Interesse an der Vernichtung der sie umgebenden Flora, Fauna und Habitat hätten.

Die Perversion: Auch Waldbesitzer, deren Wälder systematisch entwässert und entwertet werden, werden mit Gebühren belastet, statt ihnen diese Beträge zu erlassen. Ihr Bemühen, im Sinne einer ordnungsgemäßen und nachhaltigen Bewirtschaftung des Waldes zu wirtschaften, wird torpediert.

Waldbauern sollten für die positiven externen Effekte ihrer Arbeit (Gemeingüter wie saubere Luft und Wasser, biologische Vielfalt) belohnt und nicht pönalisiert werden.

2016-03-29-1459290722-1584889-Kranich2.jpg

Kraniche im Niedermoor

Kopf in den Sand stecken

Natürlich gab es Bemühungen seitens einzelner Akteure des Bundes, des Landes, der Kommunen, der Ämter und Behörden ein Umdenken einzuläuten. Schon lange vor der Wende und verstärkt nach der Wende schlugen Persönlichkeiten wie der alternative Nobelpreisträger Prof. Dr. Michael Succow aus Greifswald Alarm. Bislang versandete jeder Rettungsversuch.

2016-03-29-1459290833-1903940-Screenshot20101108at12.03.47AM.png

Nach einem Vierteljahrhundert der Trägheit so vieler Akteure ist das Ausmaß des Schadens gewaltig und selbst eine aufwendige Renaturierung mag nur noch partielle Erfolge liefern. Die Kosten dieser kollektiven Verantwortungslosigkeit tragen die Bürger und deren Umwelt.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Lesenswert: