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01/02/2017 12:30 CET | Aktualisiert 02/02/2018 06:12 CET

Europas Weg aus der Krise: Wir müssen global denken und lokal handeln

Stefan Wermuth / Reuters

Die Politik sollte auch die langfristigen Themen offen diskutieren, meint der Autor.

Einer der Hauptgründe, wieso ich vor einigen Jahren Mitglied der CDU geworden bin, war die Tatsache, dass sie aus meiner Sicht die einzige Partei in Deutschland ist, die auf Basis eines festen christlichen Wertefundaments über den morgigen Tag hinausdenkt und politische Lösungen für nachfolgende Generationen anbietet.

Das unterscheidet sie im Kern vor allem von populistischen Parteien wie der AfD, deren Antworten stets kurzfristiger Natur sind, weil sie vor allem ein aktuell vorherrschendes Emotionsbedürfnis in der Gesellschaft befrieden will.

Doch frage ich mich gelegentlich, ob wir im hektischen Alltagsbetrieb ungewollt nicht manchmal den Fokus auch für die großen Themen unserer Zeit zu verlieren und wichtige Diskussionen zu verschlafen drohen.

Damit man mich nicht falsch versteht: Ich glaube, Debatten z.B. über ethische Konsequenzen der Sterbehilfe, über den Stellenwert einer Nationalität („Doppelpass"), die Höhe des Mindestlohns oder die Besetzung von Führungsgremien in Unternehmen („Frauenquote") müssen öffentlich und intensiv geführt werden, denn sie sind unmittelbarer Ausdruck unseres Gesellschaftsverständnisses.

Doch zur Ehrlichkeit gehört auch dazu: Diese Themen werden nicht über die Zukunft der Menschheit entscheiden. Heißt: Ob der Mindestlohn 8,00 oder 8,50 Euro beträgt ist global betrachtet ebenso unbedeutend wie die Frage, aus wie vielen Personen welchen Geschlechts ein DAX-Aufsichtsrat besteht.

Stattdessen liegen die meisten der großen zukünftigen Herausforderungen meiner Meinung nach auf dem internationalen Parkett! Sie anzugehen erfordert allerdings radikal neue Denkansätze, und einen politischen Diskurs, der den globalen und langfristigen Wandel in den Blick nimmt.

Drängende Probleme, die einer Lösung bedürfen

Als theoretischer Astrophysiker habe ich gelernt, ‎unseren Planeten als Ganzes zu betrachten, ihn als kleinen Baustein von etwas ganz Großem anzusehen, das wir wissenschaftlich noch nicht vollständig verstehen.

Meiner Meinung nach darf die Politik unsere Erde daher nicht ausschließlich als Integral von diskreten Einzelobjekten und -akteuren ansehen, sondern muss sie als sensibles Kollektiv verstehen, dessen Entstehungsgeschichte kosmische Jahrmilliarden in die Vergangenheit zurückreicht.

Unter dieser Prämisse lässt sich eine Reihe von langfristigen politischen Themen identifizieren, die einer dringenden Lösung bedürfen (in beliebiger Reihenfolge ohne Priorisierung):

Der Klimawandel und seine weltweiten Folgen

Die Auswirkungen der globalen Erderwärmung können wir heute nur ansatzweise abschätzen. Fest steht aber: Ein kontinuierlicher Anstieg des Meeresspiegels wird den Lebensraum von Millionen Menschen vor allem in den ärmsten Ländern dieser Welt bedrohen.

Die Folgen werden immense Ströme von Klimaflüchtlingen sein, die in trockenen Gebieten der Erde eine neue Heimat finden müssen. Ein wärmerer Planet begünstigt außerdem die Ausbreitung von Schädlingen und neuen Krankheitserregern, die das Potential haben, unser Gesundheitssystem auf den Kopf zu stellen.

Der Erhalt des Wohlstands und energiepolitische Fragen

Mit steigendem gesellschaftlichem Wohlstand wächst auch der weltweite Energieverbrauch. Die Lösung hierfür könnte, im Gegensatz zur Kernspaltung, eine umweltfreundliche und saubere Technologie wie die Kernfusion bieten, sollte sie denn irgendwann für zivile Zwecke nutzbar sein.

Der Umstieg auf erneuerbare Energieressourcen, weg von der Verbrennung alter und endlicher Pflanzenreste wie Öl oder Kohle, ist mittelfristig daher unumgänglich und muss politisch noch viel stärker vorangetrieben werden.

Das Problem der Demografie und der innergesellschaftliche Zusammenhalt

Unsere Gesellschaft in Deutschland wird immer älter. Die sogenannten „Baby-Boomer-Generationen" gehen in den Ruhestand, was bedeutet, dass sich die Bevölkerungspyramide mit der Zeit umkehrt.

Wie gestalten wir eine nachhaltige Wirtschafts-, Sozial- und Rentenpolitik, die auch den innergesellschaftlichen Zusammenhalt über den morgigen Tag hinaus im Blick behält und die Schere zwischen Arm und Reich verkleinert?

Die Ausbeutung der Erde und der Umgang mit Mutter Natur

Das exponentielle Wachstum der Weltbevölkerung wird uns in naher Zukunft vor gravierende Herausforderungen hinsichtlich der Versorgung aller Zivilisationsteile mit Nahrung und sauberem Wasser stellen.

Welche Antwort geben wir auf drängende ökologische Probleme, wie die Verschmutzung der Meere, das Abschmelzen der Gletscher, die Verpestung der Luft, die weltweit zunehmende Lärmbelästigung und das Sterben der Arten?

Die Zukunft der EU und die Handlungsfähigkeit von Behörden

Die Europäische Union ist ein staatenübergreifendes Friedensprojekt, das den Menschen Sicherheit und Stabilität gewährleistet. Trotzdem: Was ist unsere Vision von einem Europa im 21. Jahrhundert, welches mehr ist als der Zusammenschluss von Einzelstaaten?

Wie kommen wir raus aus der Kleinstaaterei, welche unser Denken noch zu sehr bestimmt? Und wie können wir die EU als Institution mit ihren Behörden handlungsfähiger gestalten, sodass ihre Akzeptanz in der Bevölkerung steigt und von langfristiger Dauer ist?

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Die Verfügbarkeit von Massenvernichtungswaffen und organisierte Kriminalität

Massenvernichtungswaffen aller Art (z.B. ABC-Waffen) scheinen heute für fast alle Staaten, selbst für autoritär geführte Regime wie Syrien oder Nordkorea, frei zugänglich zu sein.

Wir müssen eine politische Diskussion darüber führen, wie man solche Märkte aufbricht und die organisierte Kriminalität (z.B. den Drogen- und Menschenhandel) unterbindet. Weiterhin gilt es, kluge Strategien zu entwickeln, wie der internationale Terrorismus, dem wir bislang ausschließlich reaktiv begegnen, eingedämmt werden kann.

Das Zusammenwachsen der Welt

In einer sich immer stärker vernetzenden Welt ist das Aufeinandertreffen verschiedener Ethnien und Kulturen unumgänglich.

Wie schaffen wir es, ethnische Konflikte zu erkennen und zu lösen, Menschen egal welcher Hautfarbe, Nationalität oder Kultur zusammenzuführen und autoritäre Regime auf ihrem steinigen Weg in eine stabile Demokratie zu begleiten?

Global denken, lokal handeln

Vor allem die Union mit all ihren innerparteilichen Strömungen besitzt die personelle und intellektuelle Kapazität, zur Lösung all der oben genannten Probleme beizutragen. Sie macht unsere Partei erst zu dem, was sie ist.

Wir sollten diese Potentiale daher nutzen, und den Mut haben, unsere Politik stärker in einem globaleren Kontext zu sehen, welcher über die Staatsgrenzen der Bundesrepublik und den morgigen Tag hinausragt, auch auf die Gefahr hin, dass die Ergebnisse nicht immer sofort sichtbar werden.

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Erst wenn wir uns dem Diktat der Kurzfristigkeit widersetzen können wir Politik ganzheitlich und nachhaltig gestalten, dabei gleichzeitig neue Wählergruppen erschließen und unserer Verantwortung als die Zukunftspartei wirklich gerecht werden.

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