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26/11/2015 04:20 CET | Aktualisiert 26/11/2016 06:12 CET

Warum ein Reformislam der völlig falsche Weg ist

Thinkstock

Cem Özdemir, Parteichef der Grünen, ist nicht nur Politiker, sondern anscheinend auch ein Hobbytheologe, der sich Gedanken über die Zukunft der Muslime macht.

"Es muss möglich sein, im Jahr 2015 die Worte des Propheten zeitgemäß auszulegen", sagte er auf der Delegiertenkonferenz seiner Partei. Dafür erntete er viel Applaus, nicht nur von Parteifreunden, sondern auch von der Öffentlichkeit.

Gerade kurz nach den Anschlägen von Paris kommen solche markigen Sprüche gut an. Aber macht diese Forderung auch Sinn? Was denken Muslime eigentlich darüber?

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Forderung nach einem Reformislam

Es gibt so manche Akteure in diesen Tagen, die nach einem Reformislam, einem zeitgemäßen Islam verlangen. Nicht nur Politiker, sondern auch Sicherheitsexperten, Populisten und vermeintliche Theologen kommen immer wieder mit diesen auf den ersten Blick sinnvoll erscheinenden Forderungen an.

Wie leben aber die Mainstreammuslime jenseits der Extreme ihre Religion? Wenn wir uns die über 1400 jährige Tradition des Islams betrachten, wurde nicht nur die Offenbarung, also der Quran, sondern auch die Sunna, die Lebensweise und Aussprüche des Propheten Muhammed, immer zeitgemäß ausgelegt.

Die Gelehrten im Islam haben sich immer die Frage gestellt, was die Offenbarung für das hier und heute für Konsequenzen hat, und was man daraus für die Gegenwart ableiten kann.

Es ist ein modernes Phänomen, dass es sektiererische und ideologische Strömungen in der islamischen Welt gibt, die diese Denktradition ablehnen und die Methodik dieser Gelehrten, die sich über 1400 Jahre bewährt haben, negieren.

Das verstehen Politiker, die schnell dabei sind, Forderungen zu formulieren, nicht. Und bei einigen hat man das Gefühl, dass sie es auch nicht verstehen wollen.

Wahabismus und Dschihadismus sind Ergebnis eines reformatorischen Ansatzes

Sie verschließen auch die Augen vor der bitteren Realität, dass der Wahabismus und Dschihadismus gerade ein Ergebnis eines reformatorischen Ansatzes sind.

Die Ablehnung des traditionellen islamischen Rechts, die Ablehnung des kategorischen Verbots von Selbstmordattentaten und Terror und die Negierung des islamischen Rechts sind Merkmale dieser Gruppierungen.

Man muss sich aber die Methodik dieser Ideologen anschauen, mit der sie versuchen ihre Handlungen zu rechtfertigen. Diese Ideologen kommen vielleicht mit Gewändern und langen Bärten daher, aber sie sind von ihren Denkstrukturen her modern und reformerisch.

Die ganze Debatte mit Reformforderungen hat zwei Folgen: entweder fördert man das Abdriften von jungen Muslimen in eine radikale Richtung, weil sie das Gefühl bekommen, dass ein gelebter Islam keinen Platz in unserer Gesellschaft hat.

Oder aber es geht in eine inhaltslose, esoterische Richtung, wo man sich die Frage stellt, ist das noch Islam oder schon Esoterik?

Leute, die Ausschau nach einem muslimischen Martin Luther halten, haben nie Luther gelesen.

Olivier Roy, einer der wenigen, die das Phänomen differenziert betrachten, sagte in einem Gespräch zu Recht, dass der Salafismus in keiner Weise eine Ausprägung des traditionellen Islam sei.

Die meisten deutschen Muslime lehnen den Salafismus ab, weil sie liberaler sind, manchmal aber auch, weil sie konservativ sind, so Roy. Denn sie lehnen diese Bewegung als Innovation beziehungsweise Reformation ab.

Roy:

"Radikalisierung ist keine theologische Angelegenheit. Sie müssen auch kein liberaler Muslim sein, um ein guter Staatsbürger zu sein. Wir haben viele konservative Katholiken, Protestanten und Juden, die alle gute Staatsbürger sind.

Leute, die Ausschau nach einem muslimischen Martin Luther halten, haben nie Luther gelesen. Sie wären entsetzt, wenn sie es tun würden. Wir sollten aufhören, Theologie, Religiosität und politische Standpunkte miteinander zu vermischen.

Wenn wir von den Muslimen fordern, dass sie Religion von Politik trennen, sollten wir sie nicht gleichzeitig zwingen, eine neue, politisch akzeptable Theologie erfinden."

Umfrage auf der Straße: Die schockierenden Ansichten der Deutschen über den Islam

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