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05/07/2018 11:45 CEST | Aktualisiert 05/07/2018 13:41 CEST

"Ich versuchte zwei Mal, mir das Leben zu nehmen – und habe überlebt"

Heute hilft Stefan Lange mit seiner Geschichte anderen.

  • Stefan Lange versuchte, sich zwei Mal das Leben zu nehmen.
  • Seine Erfahrungen verarbeitete er später in einem Buch und einer YouTube-Serie.
  • Seine Geschichte erzählt er im Video oben. 

Rund 10.000 Menschen nehmen sich jährlich in Deutschland ihr Leben. Aber trotz dieser Zahl scheint es oft so, als würde das Thema immer nur dann und nur für kurze Zeit interessieren, wenn es bekannte Persönlichkeiten betrifft. 

Nach den Toden von Linkin-Park Sänger Chester Bennington war es so, bei Star-DJ Avicii, Designerin Kate Spade oder kürzlich Starkoch Anthony Bourdain.

Stefan Lange ist heute 53 Jahre alt. Nach seinem Studium versuchte er zwei Mal, sich das Leben zu nehmen. Beide Versuche scheiterten.

Seine wichtigste Lektion: Es ist wichtig, über seine Erfahrungen offen zu reden. 

Denn es reden zu viele Experten. Es reden oft Hinterbliebene, das ist auch wichtig. Aber man kann dieses Thema nicht den Experten alleine überlassen.”

Nach einer unglücklichen Liebe holten Lange damals die Depressionen ein, die schon sein ganzes Leben über ein Teil von ihm waren. Als einzigen Ausweg sah er damals, sich das Leben zu nehmen. 

Suizid enttabuisieren und entstigmatisieren 

► Heute spricht der 53-Jährige offen über seine Krankheit, seine manische Depression und seine Suizidversuche. Eine ehemalige Studienfreundin war es, die ihn damals aus seinem Tief holte und von einer Therapie überzeugte.

Dort bat ihn sein Therapeut seine Geschichte aufzuschreiben. “Das war mein persönlicher Ausweg aus der Krise,” erzählt Lange heute.

“Das war von ihm natürlich ein Trick. Er wusste, depressive oder suizidale Menschen sind innerlich voller Energie, zerstörerische Energie. Und die musste irgendwie raus.”

Beim Herauslassen dieser Energie konnte sich Lange nicht nur, wie er selbst sagt, vieles von der Seele schreiben. Dabei entstand letztlich auch sein Buch “Suicide: Drei Monate und ein Tag”, das 2014 erschienen ist. Darin beschreibt er offen, ungeschönt und ehrlich die Geschichte seiner Krankheit – und bricht damit mit einem Tabu. 

Mehr zum Thema: Mein Vater hat sich umgebracht – so gehe ich mit Promi-Suiziden um 

Der Werther-Effekt und der Papageno-Effekt

Bis heute wird das Thema Suizid und Suizidprävention zaghaft bis gar nicht thematisiert. Ein Grund dafür ist der sogenannte Werther-Effekt.

Der Nachahmer-Effekt, dessen Name auf Goethe’s Briefroman “Die Leiden des jungen Werther” zurückgeht, ist in den 1970er Jahren wissenschaftlich belegt worden. Demnach hat die Berichterstattung über Suizide – insbesondere wenn diese besonders reißerisch ausfällt – Auswirkung auf die Zahl der Nachahmer, die sich anschließend ebenfalls das Leben nehmen. 

Allerdings sei es auch nicht richtig das Thema ganz zu verschweigen, sagt Suizidologe Thomas Niederkrotenthaler von der Medizinischen Universität Wien. Er beschäftigt sich in seiner Forschung mit der Frage, wie man Suizide verhindern kann und welche Maßnahmen besonders in der medialen Darstellung dazu beitragen können, die Zahlen zu senken. Er gilt als Namensgeber des “Papageno-Effekts” – dem Gegenstück des “Werther-Effekts”. 

Suizidprävention durch Suizid-Berichterstattung

Papageno ist die Figur des Vogelfängers aus Mozarts Zauberflöte. Er will sich aus Liebeskummer erhängen, wird aber davon abgehalten, weil ihm Alternativen zur Selbsttötung aufgezeigt werden.

Demnach könne laut Niederkrotenthaler eine Berichterstattung, die sich beispielsweise auf das Leben der verstorbenen Person und nicht auf deren Tod konzentriert oder die Hilfe und Alternativen anzeigt, Suizide sogar vorbeugen. 

► Diese Erfahrung konnte auch Stefan Lange mit seiner eigenen Geschichte machen, sagt er im Gespräch mit der HuffPost. Trotz seiner Therapie habe es Rückschläge gegeben, sagt der Autor. Als er vor drei Jahren erfuhr, dass seine ehemalige große Liebe verstorben sei, riss das alte Wunden erneut auf.

Dieses Mal suchte er sich aber Hilfe und beschloss, seine Geschichte in einer YouTube-Serie mit noch mehr Menschen zu teilen – und half so sich selbst und anderen.

Heute hilft Lange mit seiner Geschichte anderen

In der 60-teiligen Serie “Komm, lieber Tod” erzählt Lange offen seine Geschichte von seiner teils schweren Kindheit bis in die Gegenwart; inklusive aller Höhen und Tiefen.

“Ich merkte, wie wichtig es war, erneut mein Leben zu reflektieren, darüber zu berichten und mich damit selbst zu therapieren. Was mich aber noch mehr bewegte, waren die überwältigenden positiven Reaktionen auf meine Serie – von Betroffenen, Nicht-Betroffenen, Angehörigen, aber auch von Menschen, die mit dem Thema zuvor gar nichts anfangen konnten.”

► Mit seiner Geschichte konnte er Menschen auf das Thema Depression und Suizid aufmerksam machen, aber auch Betroffenen zeigen, dass sie mit ihren Leiden nicht allein sind – und es für sie einen Weg aus der Krise gibt. 

Auch andere Betroffene sollten offen über ihre Geschichte reden

Lange sagt:

“Ich selbst habe gelernt, wie wichtig es ist, darüber zu reden. Immer wieder zu reden und nichts hinter dem Berg halten. Zu versuchen Ansprechpartner zu finden, wenn es einem nicht gut geht.”

Denn bis heute trauen sich viele Betroffene nicht, über ihre Probleme zu sprechen. Man möchte sich keine Schwäche eingestehen, schämt sich für seine Gedanken. 

“Ich hoffe, dass ich da einen Beitrag leisten kann und auch viele Betroffene animieren kann, nach außen zu gehen”, sagt Lange. “Damit es auch ein Gegengewicht gibt, gegen das Expertentum. Denn die Entstigmatisierung geht nur mit Betroffenen. Das habe ich gelernt und da werde ich auf jeden Fall auch weitermachen.”

 

In den vom Presserat herausgegeben Richtlinien für die deutschen Medien heißt es:

Zu detaillierte Berichterstattung über Suizide kann problematisch sein. Das hat viele Gründe. Einer der wichtigsten ist der sogenannte ‘Werther-Effekt’, demgemäß Suizid-Berichterstattung zu mehr Suiziden führt.

Dem ‘Werther-’ wirkt der ‘Papageno-Effekt’ entgegen, der besagt, dass sorgfältige Suizid-Berichterstattung dabei hilft, Suizide zu verhindern. Dabei müssen Journalisten einige Prinzipien beachten, die auch in den Presse-Richtlinien des Nationalen Suizidpräventionsprogramms festgehalten sind.

Rechtlich müssen Journalisten bei der Berichterstattung über Suizide besonders darauf achten, das berechtigte öffentliche Informationsinteresse mit dem Schutz der Privatsphäre der Betroffenen in Einklang zu bringen. Der Presse-Kodex mahnt in diesem Zusammenhang zu Zurückhaltung vor allem im Hinblick auf Fotos und Details. In den USA gibt es ähnliche Richtlinien. Doch, auch wie in Deutschland, sind es lediglich Richtlinien. 

Hinweis der Redaktion: Wenn du das Gefühl hast, dein Leben macht keinen Sinn mehr, wende dich bitte an die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222. 

Beim Jugendinformationszentrum München findest du zudem persönliche und telefonische Beratung für Kinder und Jugendliche. Telefonnummer: 089 550 521 50 (Sprechzeiten: Montag bis Freitag von 13 – 18 Uhr).

(jds)