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08/08/2018 07:55 CEST | Aktualisiert 08/08/2018 16:41 CEST

“2 Familien, 2 Welten”: RTL will Hartz-IV-Familie gegen Ex-Bachelor aufhetzen

Die reiche und die arme Familie scheinen sich zu verstehen – dann kreiert RTL künstlich Drama.

RTL Zwei Familien zwei Welten
  • In der neuen RTL-Armutsshow “Zwei Familien, zwei Welten” werden eine arme und eine reiche Familie aufeinander losgelassen.
  • Dabei sollen sie lernen, Vorurteile gegeneinander abzubauen und ergründen, ob Geld wirklich glücklich macht.

Schnarch, das Konzept ist nichts Neues – das kennen wir doch schon von Sendeformaten wie “Frauentausch” oder “Plötzlich arm, plötzlich reich”. Diesmal sind die Familien auch noch besonders nett zueinander und zeigen Mitgefühl für die Situation der jeweils anderen – als hätten die Protagonisten verstanden, das solche “Sozialexperimente”, wie RTL sie versucht, nicht funktionieren.

Das konnte RTL natürlich nicht so stehen lassen und probiert deswegen verzweifelt, den Laden ein wenig aufzumischen.

Ziemlich erfolglos, das künstlich kreierte Drama bleibt an vielen Stellen flach. Zumindest kommen die Protagonisten dabei nicht so unsympathisch weg, wie in vielen anderen Armutsshows, in denen Snobs über die die Unterschicht herziehen und andersherum. 

RTL-Sendung bietet neuen Dreh bei altem Konzept

Einen neuen Dreh bietet die Sendung immerhin: Nach zwei gemeinsam verbrachten Monaten schauen die Teilnehmer zusammen das Filmmaterial an und kommentieren ihr eigenes Verhalten.

RTL hat immerhin daran gedacht, eine zusätzliche Reflexionsebene einzubringen. 

RTL
Familie Schäfer-Frey und Familie Tews erinnern sich gemeinsam an die Drehtage zurück.

Der ehemalige “Bacherlor”-Kandidat Christian Tews, seine Frau Claudia und ihre vier Kinder leben auf einem 4500 Quadratmeter großen Anwesen mit Garten, Pool und allem Pipapo.

► Sascha Frey, seine Freundin Anna Schäfer und ihre drei Kinder dagegen in einer 80 Quadratmeter großen Wohnung. 

Die Familien sind sich sympatisch – das bietet wenig Konfliktpotential

Während die Tews regelmäßig vierstellige Beträge für ihre Mahlzeiten ausgeben, lebt Familie Schäfer-Frey von der Tafel.

Dabei betonen beide Familien, Verständnis für die jeweils andere Seite zu haben: Familie Tews weiß, dass sie im Luxus lebt, selbst die Kinder geben zu verstehen, dass ihr Lebensstandard nicht normal ist.

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Familie Schäfer-Frey versucht immerhin die positiven Seiten ihres spärlichen Lebensstils zu erkennen: “Die Kinder wissen später, mit Geld umzugehen”, sagt Familienvater Sascha, der gelegentlich als Gärtner versucht, sich ein wenig Geld hinzu zu verdienen.

Das erste Zusammentreffen der Familie verläuft harmonisch, man scheint sich auf Anhieb zu mögen. Alle Protagonisten bemerken erfreut-erstaunt, dass man mit der Familie der jeweils “anderen Welt” doch ganz gut auskommt.

Hat RTL hier einfach zwei Familien miteinander angefreundet, die zufällig aus anderen Schichten kommen? Beobachtet der Zuschauer nun tatsächlich, dass Geld keine Rolle spielt und man abseits finanzieller Verhältnisse mal einen Kaffee zusammen trinken kann? 

Bei “Zwei Familien, zwei Welten” wird das Drama künstlich erzeugt

Nein, RTL kennt natürlich keine Gnade.

Eine Prise Drama muss sein. Wenn es zwischen den Familien schon nicht richtig kracht, dann müssen mindestens die persönlichen Vergangenheiten der Protagonisten zur Schau gestellt werden.

So gibt Anna preis, mit 13 Jahren auf Ecstasy zum ersten Mal vergewaltigt worden und mit einem aggressiven Mann, dem Vater ihres ersten Kindes, zusammen gewesen zu sein. Im Gegenzug erzählt Claudia, wie sich ihr erster Mann vor einigen Jahren das Leben genommen hat.

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Das sind schreckliche Geschichten, die in Ermangelung großer Konflikte fast schon nonchalant erzählt werden. Man sieht, die Redakteure haben sich Mühe gegeben, ein wenig im Dreck zu wühlen und die noch brauchbaren Stücke dem Publikum zum Fraß vorzuwerfen.

Ähnlich angestrengt wirkt es, wenn der reiche Christian und der arme Sascha zusammen kochen und Sascha sich über Christians Schneidebrettchen beschwert, es sei zu klein. Das ist offenbar so schlimm, dass die Stimme aus dem Off sich einschalten muss, um die “Konfliktsituation” zu kommentieren.

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Sascha passt Christians Schneidebrett nicht – ein Grund für Streit.

Ernsthaft, RTL? Habt ihr es so nötig? Ist es wirklich wichtig, den Kommentar “Das Brettchen ist unbequem” zu einem potentiellen Streit auszubauen? 

Die Protagonisten lassen sich nicht provozieren

RTLs maliziöse Bemühungen scheinen selbst die Protagonisten kalt zu lassen. Das beweist folgende Szene:

Familie Schäfer-Frey möchte sich mit einem Gärtnereiunterehmen selbstständig machen, Familie Tews, beide Unternehmer, berät sie dazu. Kritisiert wird dabei der Flyer der Schäfer-Freys, bei dem sie vergessen haben, die Telefonnummer mitzudrucken. Deswegen haben sie sie händisch nachgetragen.

Das geht nicht, findet Christian.

Erwartungsvolle Pause: kommt jetzt der große Ausraster, weil der Snob sich erlaubt hat, den – zugegeben, leicht missglückten – Flyer zu kritisieren? Nein.

Sascha sagt: “Da hat er Recht. Was soll ich dazu noch sagen?” Alle Protagonisten lachen entspannt. Sache geklärt.

Der geplatzte Traum vom Umstyling: Die gute Fee wird nicht gewürdigt

Einen traurigen Höhepunkt findet die Sendung allerdings noch gegen Ende: Claudia nimmt Anna mit auf Shopping-Tour (offensichtlich im Billig-Shop Primark) und verpasst ihr ein Umstyling. Anna, die unglücklich ist, weil sie seit Geburt ihres letzten Kindes 30 Kilo zugenommen hat, sollte nun selbstbewusst und schön und ihrer guten Fee Claudia auf Ewig dankbar sein.

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Das Umstyling löst bei Anna keinen Freudentaumel aus.

Komisch, dass Anna nicht in Tränen ausbricht und diesen Tag als Wendepunkt ihres Lebens ansieht.

Komisch, dass sie sich nicht plötzlich wohl in ihrem Körper fühlt, nur weil sie mehr Make-Up trägt.

Komisch, dass weder Mann noch Kinder von der neuen angemalten und aufgerüschten Anna begeistert sind und stattdessen sagen: Wir lieben sie so, wie ist.

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Anna haben der Tag mit Claudia, die neuen Klamotten und das anschließende Fotoshooting natürlich sichtlich Freude bereitet. Einen Menschen von Grund auf ändern kann man mit ein paar kleinen Kniffen und in so kurzer Zeit allerdings nicht.

Das ist echtes Reality-TV – weil das Experiment nicht funktioniert

Das muss auch Claudia lernen, die das Sozialexperiment wohl kurzzeitig mit einer Charity-Show verwechselt hat: “Ich wollte Anna selbstbewusster machen, das hat so nicht geklappt.”

Claudia muss am Ende akzeptieren, dass andere Menschen andere Menschen sind, die nicht mit einem Fingerschnippen verändert werden können.

Das ist immerhin wahres Reality-TV, weil das Experiment hier einfach nicht funktioniert hat. Weil das Wunder nicht eingetreten ist. Weil ein Umstyling das Leben einer Frau eben nicht auf magische Weise umkrempeln kann. Soviel Ehrlichkeit beweist RTL immerhin.

Das echte Leben kann einfach so langweilig sein. 

(amr)