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14/05/2018 17:48 CEST | Aktualisiert 15/05/2018 13:58 CEST

Paare, die mit Zusammenziehen bis zur Hochzeit warten, sind glücklicher

Für mich liegen die Vorteile des Nicht-Zusammenziehens auf der Hand.

Luke Chan / EyeEm via Getty Images
"Wir sind noch immer glücklich miteinander verheiratet und feiern bald unseren neunten Hochzeitstag." (Symbolbild)

In den 1960er-Jahren galt es als sittenwidrig und respektlos, wenn man unverheiratet mit seinem Partner zusammenlebte. Doch heutzutage sieht das ein bisschen anders aus.

Im Vereinigten Königreich leben mehr als 4,5 Millionen unverheiratete Paare zusammen. Inzwischen hat sich viel verändert und die Einstellung zu diesem Thema hat sich ein wenig gelockert.

Natürlich weiß ich, dass es mittlerweile für Paare vollkommen normal geworden ist, noch vor der Hochzeit zusammenzuziehen.

Mein Mann und ich sind bereits seit acht Jahren miteinander verheiratet.

Und jetzt kommt der Schocker: Wir sind froh, dass wir zu den wenigen Paaren gehören, die erst nach ihrer Hochzeit in ein gemeinsames Zuhause gezogen sind.

Freunde haben das Nicht-Zusammenziehen nicht verstanden

Mag sein, dass das ein ziemliches Wagnis war. Möglicherweise war es sogar Irrsinn. Viele unserer Freunde hatten uns damals gefragt, was in aller Welt wir uns denn eigentlich dabei denken würden. Denn sie hielten unsere Entscheidung für vollkommen unlogisch.

Viele von ihnen glaubten gewiss auch, dass unsere Ehe bereits nach wenigen Monaten scheitern würde, sobald wir unsere weniger attraktiven Charaktereigenschaften kennenlernen würden.

Doch wir sind noch immer glücklich miteinander verheiratet und feiern bald unseren neunten Hochzeitstag.

Mein Mann und ich fragen uns immer wieder, warum es mittlerweile für Paare so normal geworden ist, noch vor der Hochzeit zusammenziehen. Und wir sind beide überzeugt davon, dass es einer Beziehung schaden kann, wenn man als unverheiratetes Paar zusammenzieht. Dafür gibt es unserer Meinung nach verschiedene Gründe.

Ich gebe zu, dass die Lebenshaltungskosten sinken, wenn man sich die Miete sowie die Kosten für Haushaltsausstattung und Möbel teilen kann. Und das ist ein wichtiger Punkt, der viele Paare zum Zusammenziehen motiviert.

Außerdem kann man mit einer gemeinsamen Wohnung ausprobieren, wie gut man denn eigentlich auf lange Sicht miteinander harmoniert – und zwar sowohl charakterlich als auch im Bett. Darüber hinaus lernt man die verdeckten Eigenschaften, Macken und schlechten Angewohnheiten seines Partners kennen.

Scheidungsrisiko ist höher, wenn man vor der Hochzeit zusammenlebt

Viele junge Menschen glauben jedoch, dass man das Scheidungsrisiko minimieren und sich die Garantie für eine glückliche Ehe sichern könne, indem man bereits vor der Hochzeit zusammenzieht. Aber stimmt das auch wirklich?

Ich bin zwar keine Expertin, doch da im Vereinigten Königreich jedes Jahr über 100.000 Ehen geschieden werden, habe ich folgende Vermutung: Menschen, die keiner Glaubensgemeinschaft angehören und die noch vor ihrer Hochzeit zusammenziehen, fühlen sich weniger stark an die Institution der Ehe gebunden.

Und deshalb reichen sie wahrscheinlich auch schneller die Scheidung ein, wenn ihre Beziehung nicht mehr richtig funktioniert.

Eigentlich sollte man ja davon ausgehen, dass Paare, die das gemeinsame Zusammenleben ausprobiert und die sich genau angeschaut haben, wie gut sie wirklich zusammenpassen, sich klarer darüber sein sollten, ob sie denn überhaupt heiraten sollten.

Und man sollte denken, dass ihnen diese Überlegungen zu einer stabileren und glücklicheren Ehe verhelfen würden. Studien zufolge ist jedoch das komplette Gegenteil der Fall. Denn tatsächlich liegt das Scheidungsrisiko sogar höher, wenn das Paar bereits vor der Eheschließung zusammengewohnt hat.

Selbstverständlich haben beide Varianten sowohl Vor- als auch Nachteile. Bei uns beiden hat es jedoch funktioniert. Und ich kann allen jungen Paaren nur dringend ans Herz legen, ihre Entscheidung genau zu überdenken, bevor sie völlig überstürzt unter ein gemeinsames Dach ziehen.

Natürlich haben unsere Freunde sich gefragt, ob unsere Ehe denn wirklich funktionieren könne. Doch ich bin fest davon überzeugt, dass man auch bereits im Laufe einer festen Beziehung eine gute Grundlage für eine gemeinsame Ehe schaffen kann.

Das Warten bis zur Hochzeit hat einige Vorteile

Denn man lernt in dieser Zeit die Werte und den Charakter seines Partners besser kennen. Und dann schafft man es auch, über das eine oder andere hinwegzusehen. Und man findet immer einen Weg, um miteinander über möglicherweise auftretende Probleme sprechen zu können.

Für uns lagen die Vorteile des Nicht-Zusammenziehens klar auf der Hand:

► Wir konnten uns besser kennenlernen und waren dabei nicht dem täglichen Stress ausgesetzt, offene Rechnungen begleichen zu müssen.

► Unsere Dates waren sehr viel aufregender – denn miteinander auszugehen ist sehr viel spannender, wenn man nicht zusammenwohnt. Es gibt nichts Aufregenderes als Schmetterlinge im Bauch zu haben, während man darauf wartet, von seinem Partner zu einem Date abgeholt zu werden. Und nichts ist toller als der Abschiedskuss vor der Haustür, wenn er dich wieder zurück nach Hause bringt. Denn ihr werdet noch viele gemeinsame Jahre haben, in denen ihr zuhause bleiben und zusammen Netflix schauen könnt!

► Unsere Dates waren sehr viel kreativer – denn da wir nicht zusammenwohnten, ließen wir uns für unsere Verabredungen alle möglichen schönen Unternehmungen einfallen.

► Die Vorfreude vor der Hochzeit ist sehr viel größer und die gegenseitigen Eheversprechen sind um einiges bedeutungsvoller. Denn schließlich fängt erst nach der Hochzeit ein vollkommen neues Leben als Ehepaar an.

► Man umgeht den Hochzeitsblues, den viele Paare erleben, sobald ihre Hochzeitsvorbereitungen vorbei sind. Denn nachdem unsere Hochzeit vorbei war, konnten wir voller Vorfreude unser neues Zuhause einrichten!

► Man hat mehr Zeit und Raum, seine eigenen Interessen zu entdecken und sich eigene Freundschaften außerhalb der Beziehung aufzubauen.

► Man kann sich leichter trennen, wenn es nicht passen sollte. Man kann seinen Partner in aller Ruhe kennenlernen. Und falls man vor der Hochzeit feststellen sollte, dass es einfach nicht passt, steht man wenigstens nicht vor dem Problem, das gemeinsame Hab und Gut untereinander aufteilen zu müssen.

► Die Verlobungszeit verkürzt sich. Bei Paaren, die nicht zusammenwohnen, ist die Verlobungszeit meist kürzer. Denn sie freuen sich so sehr darauf, nach dem Heiratsantrag endlich zusammenziehen zu können, dass sie alle Hebel in Bewegung setzen, um die Hochzeit innerhalb von einem Jahr über die Bühne zu bringen, anstatt noch länger zu warten.

Für eine tolle Ehe braucht man gemeinsam Werte

Bereits vor der Hochzeit zusammengewohnt zu haben, gibt einem keine Garantie für eine glückliche Ehe. Und dasselbe gilt andersherum auch für Paare, die sich gegen ein gemeinsames Zusammenleben vor der Hochzeit entschieden haben.

Für eine tolle Ehe braucht man vor allem ähnliche Auffassungen und Werte sowie viel Geduld. Außerdem sollte eine gute Beziehung aus einem ständigen Geben und Nehmen bestehen.

Meiner Meinung nach sprechen auch heutzutage noch viele gute Gründe gegen das Zusammenziehen vor der Hochzeit. Und deshalb sollten junge Menschen auch nicht denken, dass diese Entscheidung altmodisch oder überholt sei. 

Dieser Blog erschien ursprünglich bei HuffPost UK und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.