POLITIK
18/08/2018 14:22 CEST | Aktualisiert 18/08/2018 15:09 CEST

Zum Tod von Kofi Annan: Der Mann, der den UN die Würde zurückgab

Annan inspirierte viele Menschen auf der ganzen Welt.

Florian Gaertner via Getty Images
Kofi Annan bei seinem Besuch in Berlin am 13. September 2016. 

Es fällt schwer, an die UNO zu denken, ohne dass einem dabei gleich das Gesicht von Kofi Annan in den Sinn kommt.

Kein einziger Mensch hat das Image der Weltorganisation so geprägt wie er. Und keinem anderen Menschen haben die Vereinten Nationen so viel zu verdanken wie Annan, der ausgerechnet in der wohl schlimmsten Krise in der Geschichte der UNO den Posten des Generalsekretärs übernahm. Als erster Vertreter aus Subsahara-Afrika.

Diese Karriere war nicht selbstverständlich. Und sie inspirierte viele Menschen auf der ganzen Welt.

Die UN stürzten in eine Glaubwürdigkeitskrise – dann kam Annan 

Die Vereinten Nationen waren lange Zeit eine von den westlichen Staaten beherrschte Institution. Sie entstanden auf Initiative des amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt sowie des britischen Premiers Winston Churchill und haben ihren Sitz in New York.

Vier der ersten fünf Generalsekretäre waren Europäer: Gladwyn Jebb (Großbritannien), Trygve Lie (Norwegen), Dag Hammarskjöld (Schweden) und Kurt Waldheim (Österreich).

Bis heute spiegelt der UN-Sicherheitsrat die politische Ordnung nach dem Zweiten Weltkrieg wider. Drei von fünf ständigen Sitzen werden von westlichen Nationen belegt.

Erst in den 1980er-Jahren wurde mit Javier Pérez de Cuellar ein Südamerikaner zum UN-Generalsekretär gewählt. Ihm folgte 1992 mit dem Ägypter Boutros Boutros-Ghali der erste Vertreter aus dem arabischen Kulturraum (Boutros-Ghali war koptischer Christ).

Während Pérez de Cuellar, der heute 98 Jahre alt ist, sich unter anderem in der Zeit des Falklandkrieges von 1982 verdient gemacht hat, gerieten die Vereinten Nationen während der Amtszeit von Boutros-Ghali in eine schwere Glaubwürdigkeitskrise.

In Srebrenica ermordeten bosnisch-serbische Soldaten unter den Augen von niederländischen Blauhelmen mehr als 8.000 Menschen. Und in Ruanda schlachteten Angehörige des Hutu-Volkes bis zu eine Million Angehörige der Tutsi-Minderheit ab – auch dies, während gleichzeitig UN-Truppen vor Ort waren.

In dieser Zeit wurde sehr ernsthaft darüber debattiert, welchen Einfluss die Vereinten Nationen überhaupt haben – ob sie noch eine moralische Autorität sind, und ob es ihnen in Zukunft noch gelingen kann, Konflikte zu schlichten.

Man muss das alles wissen, um die historische Bedeutung von Kofi Annan richtig einschätzen zu können.

Kofi Annan gab den Vereinten Nationen ihre Würde zurück

Als der Ghanaer am 1. Januar 1997 sein Amt antrat, war er selbst keineswegs unumstritten.

Die USA hatten seine Kandidatur gegen heftige Widerstände durchgesetzt, die Franzosen lobbyierten bis zuletzt gegen Annan – weil die Amerikaner zuvor mit ihrem Veto eine weitere Kandidatur des frankophilen Sorbonne-Absolventen Boutros-Ghali verhindert hatten.

Annan war der erste Schwarzafrikaner auf diesem Posten.

Elf Jahre vor dem Wahlsieg von Barack Obama bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen galt das als außergewöhnlich. Wahrscheinlich hat Annan auf diese Weise dazu beigetragen, Rollenbilder zu verändern.

Vor allem war Kofi Annan aber der UN-Generalsekretär, der den Vereinten Nationen ihre Würde zurückgab.

In seine Amtszeit fiel unter anderem der Irakkrieg von 2003. Im Sicherheitsrat belog damals der US-Verteidigungsminister Colin Powell – auf Geheiß von Präsident George W. Bush – die Weltöffentlichkeit mit gefälschten Beweisen zu angeblichen Massenvernichtungswaffen im Irak.

Annan bezog klar Position zu diesem Schmierentheater, das er nicht verhindern konnte. Bereits kurz vor Beginn der Gefechte sagte er, dass ein Krieg im Irak nicht mit der UN-Charta zu vereinbaren sei. Später wurde er noch konkreter: “Nach unserer Auffassung sowie gemäß der Uno-Charta war dieser Krieg illegal”, sagte Annan 2004 in einem BBC-Interview.

Kurz vor seinem Ausscheiden aus dem Amt, im Jahr 2006, bezeichnete er den Irakkrieg als den “schlimmsten Moment“ seiner Zeit als UN-Generalsekretär – weil sich die USA trotz aller Bemühungen nicht davon abhalten ließen, in das Land einzumarschieren.

Der Friedensnobelpreis als Höhepunkt eines Lebens für den Weltfrieden

Annan war es, der in einem Bericht die Formulierung der “Millennium Developement Goals“ anstieß, die entscheidend dazu beigetragen haben, dass Hunger, Armut und Kindersterblichkeit in den vergangenen 18 Jahren weltweit drastisch zurückgegangen sind.

Und auch der Kampf gegen AIDS wurde in Annans Amtszeit zu einem zentralen Anliegen der Vereinten Nationen. Außerdem brachte er bereits Ende der 1990er-Jahre eine Strukturreform der UNO auf den Weg, die jedoch später versandete.

Im Jahr 2001 entschied das Nobelpreiskomitee, dass Annan als Einzelperson und die Vereinten Nationen als Organisation den Friedensnobelpreis gleichermaßen zugesprochen bekommen.

Annans Verdienste um die Wiederbelebung der Vereinten Nationen wurden damit ebenso ausgezeichnet wie der Einsatz der UN für eine friedliche Weltordnung.

Kofi Annan stammte aus der Stadt Kumasi, wo er am 8. April 1938 geboren wurde. Er war mit einer Schwedin verheiratet. Die Anwältin und Künstlerin Nane Marie Annan ist eine Nichte des schwedischen Diplomaten Raoul Wallenberg, der Tausenden ungarischen Juden im Zweiten Weltkrieg das Leben rettete.

Der 65-fache ghanaische Fußball-Nationalspieler Anthony Annan war eine Neffe zweiten Grades des früheren UN-Generalsekretärs.

Auch nach seiner Amtszeit war Kofi Annan politisch wie diplomatisch aktiv. So wurde etwa im Jahr 2012 unter seiner Regie ein Friedensplan für Syrien erarbeitet, der allerdings scheiterte.

Annan starb am 18. August nach kurzer Krankheit in der Schweizer Hauptstadt Bern.

(jg)