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13/03/2018 21:18 CET | Aktualisiert 13/03/2018 21:18 CET

Zukunftsängste – Wie Wissenschaft und neue Technologien unsere kollektive Psyche bedrohen

theverge.cpm

Ein erstaunliches Paradoxon prägt unsere Zeit: Der technologische Fortschritt ermöglicht uns eine Existenz in unvergleichbarer Sicherheit, ein höchstes Mass an Gesundheit und eine Lebensqualität, wie sie keine Generation vor uns kannte. Gleichzeitig malen sich viele Menschen eine Zukunft aus, in der alles, was wir kennen, zerstört oder gar die Menschheit als Ganzes ausgelöscht wird. Wir haben Angst und leben zugleich so gut wie nie zuvor. Wie passt das zusammen?

Ein kurzer Blick zurück genügt um zu sehen, dass dieser Widerspruch ein sehr modernes Phänomen ist. Bis ins 19. Jahrhundert hinein zeichneten Philosophen und Literaten der westlichen Welt in ihren Zukunftsvisionen ausgesprochen positive Bilder von dem, was den Menschen bevorsteht. Angefangen hat es 1516 mit der „Utopia“ von Thomas Morus. Utopia ist eine Welt, in der alle Menschen (genauer, alle Männer) die gleichen Rechte haben. Die Arbeitszeit beträgt sechs Stunden am Tag, es herrscht freie Berufswahl und uneingeschränkter Zugang zu Bildungsgütern, und jeder erhält von der Gemeinschaft, was er braucht. Eine solche Gesellschaft musste den Menschen vor 500 Jahren als ein Paradies erschienen sein. So waren Utopien lange Zeit fiktive zukünftige Welten, die hoffnungsvolle Gegenentwürfe zum tristen Lebensalltag der jeweiligen Gegenwart darstellten. Doch im 20. Jahrhundert kippte das Bild. Der optimistische Ausblick der Zukunft bekam deutliche Risse. Ein Blick auf die literarischen Zukunftsentwürfe der letzten hundert Jahre zeigt uns überwiegend unangenehme Welten: Ökozid, atomare Apokalypse, mörderische Roboter, totalitäre Regime. Orwells „1984“ und Huxleys „Schöne Neue Welt“, die Aushängeschilder des Zukunftsromans im 20. Jahrhundert, beschreiben Albtraumwelten, hervorgerufen durch despotische Weltdiktaturen, die allein durch moderne Technologien ermöglicht werden.

Das entbehrt nicht der Ironie. Denn als der „Schuldige“ an der erwarteten Verschlechterung oder Zerstörung unserer Lebensbedingungen wird mit dem wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt genau die Kraft ausgemacht, die es erst ermöglicht hat, dass wir heute in einer Gesellschaft leben, die viele der frühneuzeitlichen Hoffnungsszenarien der Morus’schen Utopie an Paradieshaftigkeit längst übertroffen haben. Dass es die Wissenschaften des 17. und 18. Jahrhunderts und ihre Helden wie Isaac Newton und Galilei Galileo waren, die entscheidend zur Aufklärung und damit zum freiheitlichen Menschenbild in einer offenen Gesellschaft beigetragen haben, zählt nicht mehr. Ein pauschaler Vorwurf an die Wissenschaft lautet sogar, dass sie die Menschen den Zwängen und Gesetzmässigkeiten der Technologie und Ökonomie unterwerfe und sie so zu reinen Objekten degradiere. Mit anderen Worten: Wissenschaft verwehre dem Menschen das Menschsein.

Wie können wir in einem Zeitalter, in dem Wissenschaft und Technologie ungeahnte und immer grössere Höhen erreichen und uns immer mehr Lebensqualität ermöglichen, unsere emotionale Affinität zum Niedergang deuten? Wie lässt sich diese Widersprüchlichkeit erklären, in der uns beides, eine bequeme, aber blinde Technikgläubigkeit und eine angstgetriebene Verwünschung von Wissenschaft und ihren Technologien, treibt? Wir vertrauen blind auf das Funktionieren von Smartphone, Computer, digitaler Datenkommunikation, Antibiotika und vielen weiteren Technologien, verteufeln zugleich aber den technologischen Fortschritt insgesamt. Für diesen merkwürdigen Spagat sehe ich im Wesentlichen fünf Gründe:

  1. Technologien zwingen uns ihren Takt und Rhythmus auf. Fliessbandarbeit, Angst vor Arbeitsplatzverlust durch neue Technologien, durch technische und mathematische Optimierungsprozesse kreierte Zeitvorgaben für unser Schaffens („just-in-time“-Produktion und Distribution) - all dies schafft in uns das Gefühl des Ausgeliefert-Seins, der fehlenden Kontrolle über unser Leben.
  2. Die meisten Menschen verstehen kaum, was hinter dem Vorhang der wissenschaftlichen Bühne vorgeht. Doch spüren sie, dass es gewaltige Prozesse sind, die da wirken. Es ist diese Kombination von intuitivem Spüren und Nicht-Wissen bzw. Nicht-Verstehen, die für Verunsicherung sorgt.
  3. Die schiere Geschwindigkeit des technologischen Wandels und die damit verbundene Komplexität und Schnelligkeit gesellschaftlicher Veränderung überfordert uns gedanklich wie emotional. Wir sehen uns nicht mehr als gestaltende Akteure gesellschaftlicher Veränderungen, sondern versuchen nur noch, auf die irrwitzig schnellen Transformationen zu reagieren. In den letzten 250 Jahren sahen sich die Menschen jeweils singulären technologischen Umwälzungen ausgesetzt, und der technologische Fortschritt verlief vergleichsweise langsam. Heute haben wir es nicht mehr nur mit einem einzigen „Zauberlehrlingserfahrung“ zu tun, sondern gleich mit einer ganzen Reihe von ihnen.
  4. Die Konsequenzen der technologischen Entwicklung sind nicht mehr lokal begrenzt. Sie macht nicht mehr vor Landesgrenzen oder Weltmeeren halt. Bei vielen der Probleme geht es ums Ganze: Themen wie Atomkrieg, Umweltzerstörung, Überbevölkerung, Klimakatastrophe, künstliche Superintelligenz und Genmanipulation betreffen und bedrohen die Menschheit insgesamt! Auch Fragen der sozialen Gerechtigkeit, der Energieversorgung oder Ernährung lassen sich sinnvollerweise nur auf globaler Ebene behandeln. Probleme in scheinbar so fernen Kontinenten wie Afrika und Asien zeigen ihre Auswirkungen unmittelbar bei uns in Europa und Nordamerika. Damit sind wir direkt vom Handeln anderer Nationen und Kulturen betroffen.
  5. Wir sind gezwungen, uns von der Komfortzone absoluter Gewissheiten zu verabschieden, seien diese von religiöser, philosophischer oder auch wissenschaftlicher Natur. Wir müssen es aushalten, mit der Ambivalenz komplementärerer Wahrheiten zu leben. Was sich mit Kopernikus und dem Verlust unserer Zentralstellung im Universum begann, mit Darwin (wir stehen auch nicht mehr im Zentrum der Schöpfung, sondern sind vielmehr Ergebnis eines Prozesses, den Tiere und Pflanzen gleichermassen durchliefen) und Freud (wir sind noch nicht einmal mehr Herr im eigenen Haus unseres Geistes) seine Fortsetzung fand, erlebte in der Quantentheorie eine weitere Manifestation: Es gibt keinen ausgezeichneten Standpunkt mehr, keine absolute Wahrheit, an der man sich festhalten könnte. Kann ein Teilchen zugleich eine Welle sein und hängt das Ergebnis einer physikalischen Messung vom „Standpunkt“ des Beobachters ab, so können auch zwei gegensätzliche Weltanschauungen gut nebeneinander koexistieren.

So ist es gerade auch die mit dem technologischen Wandel einhergehende Verunsicherung, die die Menschen sich auf das Althergebrachte zurückziehen lässt, sie die „guten alten Zeiten“ herbeisehen lässt, in der alles doch so sicher, klar und eindeutig war. Sie betonen dann das Trennende zwischen den Völkern und Ethnien anstatt universelle menschliche Gemeinsamkeiten zu erkennen. Sie suchen Lösungen in einer autoritären Obrigkeit, die jedoch längst ihre Autorität und die Kontrolle über die Entwicklungen verloren hat. Um uns herum machen Wissenschaftler unglaublichste Technologien möglich, und wir befinden uns wie in einer Blase, in der wir noch in einer Welt von Gestern verhaftet sind und Mühe haben, die Neuerungen überhaupt wahr- und anzunehmen, geschweige denn zu sehen, was sie für uns bedeuten.

Technologische Revolutionen haben in der Vergangenheit immer wieder Neujustierung ethischer, politischer, gesellschaftlicher, spiritueller und religiöser Normen mit sich gebracht. Sie verschoben Wahrheiten, zerstörten Weltbilder und schufen wieder neue. Dabei traten auch immer wieder starke Ambivalenzen zutage. Neben Computern, Laser und moderner medizinischer Diagnostik brachte uns die Quantenphysik die Atombombe. Das Internet kommt sowohl mit aufregenden neuen Möglichkeiten des sozialen, politischen und wirtschaftlichen Austauschs als auch mit ganz neuen Möglichkeiten der persönlichen Überwachung und massiven Eingriffen in unsere Privatsphäre. Neue Algorithmen lösen vormals unlösbare Probleme, aber die Entwicklung einer übermächtigen künstlichen Intelligenz droht uns Menschen zu versklaven. Und von Hunger unserer modernen Technologien nach Energie führt ein direkter Weg zur Vernichtung unserer natürlichen Ressourcen.

Doch wer oder was kann eigentlich den technologischen Fortschritt verträglich gestalten? Hier kommen mehrere gesellschaftliche Akteure in Betracht. Zwei der oft Genannten unter ihnen sind als alleinige Gestalter allerdings zweifellos überfordert:

  • Das Reaktionsvermögen der gesellschaftlichen Entscheidungsträger (Politiker, Wirtschaftsführer, Mediengestalter, etc.) deren Aufgabe es auch ist, das Allgemeinwohl zu mehren, ist bedeutend zu langsam, um in die sich beschleunigende Dynamik des technologischen Wandels steuernd einzugreifen. Unter anderem liegt das daran, dass unser politisches, ökonomisches und kulturelles Führungspersonal kaum tiefergehende Kenntnisse zum gegenwärtigen wissenschaftlichen Entwicklungsstand besitzt. So ist es möglich, dass die künftige deutsche Forschungsministerin eine ausgebildete Hotelkauffrau ist, die mit dem Thema Wissenschaft und Bildung aber auch gar nichts zu tun hat. Den Hochschulbetrieb kennt sie im wörtlichen Sinne nur aus der Ferne (Anja Karliczek absolvierte ein berufsbegleitendes Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Fern-Universität in Hagen).
  • Die Wissenschaftler selbst werden den technologischen Fortschritt genauso wenig steuern können. Im Gegenteil: Wie alle anderen Mitglieder der Gesellschaft unterliegen auch sie massgeblich der marktwirtschaftlichen Logik. Wenn sie auf der Basis ihrer Erkenntnisse neue Technologien entwickeln, können sie heute sogar selber zu Milliardären werden.

Eine dritte gesellschaftliche Gestaltungskraft ist der freie Markt. Und tatsächlich folgte der technologische Fortschritt bisher fast ausschliesslich einer marktwirtschaftlichen (oder militärischen) Verwertungslogik. Mit anderen Worten: Was möglich war und für einen Teil der Menschen einen finanziellen (oder militärischen) Vorteil bedeutete, wurde auch umgesetzt. Können wir hoffen, dass der Mechanismus des marktwirtschaftlichen Wettbewerbs den technologischen Fortschritt so steuert, wie es für uns am besten ist? Dies würde bedeuten, darauf zu hoffen, dass Google, Facebook und Amazon über die Entwicklung und den Einsatz von Quantencomputern und einer höheren künstlichen Intelligenz zum besten Nutzen der Gemeinschaft oder Pharma- und Gentechnikfirmen über den Einsatz von CRISPR in unsere aller Sinn entscheiden.

Das erscheint dann bei ehrlicher Betrachtung wohl auch den gläubigsten Apologeten des freien Marktes als zu weit gegriffen. Tatsächlich ist der Markt ist ein schlechter Schiedsrichter, wenn ethische Belange im Spiel sind. Und bei Fragen wie der geeigneten Verwendung von CRISPR oder der Entwicklung einer möglichen überlegenden künstlichen Intelligenz geht es um weit mehr als ein paar Milliarden Dollar Gewinn für ein paar Unternehmen. Es geht um nichts weniger als das Überleben der menschlichen Zivilisation, wie wir sie kennen.

Vielmehr erfordert die Gestaltung zukünftiger Technologien das demokratische Engagement eines jeden von uns. Dies schliesst die Pflicht ein, sich zu informieren und sich auszutauschen. Es sollte auch unser Anspruch an die Medien sein, dass sie umfassend über die wissenschaftlichen Fortschritte informieren. Hier ist leider zu beobachten, dass viel zu wenig ist von Physik, Chemie oder Biologie die Rede ist, wenn uns Journalisten und andere Meinungsbildner über Weltzusammenhänge und wichtige gesellschaftliche Entwicklungen aufklären.

Auch müssen wir bei Politikern und anderen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entscheidungsträgern neben ethischer Integrität eine Haltung der intellektuellen Redlichkeit einfordern. Das heisst: bewusste Unwahrheiten, Informationsverzerrung und –verschmutzung sowie Informationsfilter zum Zwecke der Durchsetzung partikularer Interessen müssen konsequent bekämpft werden. Es ist nicht hinnehmbar, dass fake news ihre destruktive propagandistische Macht entfalten und erschreckend viele Politiker beispielsweise noch immer ernsthaft den Klimawandel oder Darwins Evolutionstheorie bezweifeln.

Das Gebot der intellektuellen Redlichkeit gilt aber ebenso für uns, die Empfänger von Information. Wir müssen uns darin üben, nicht allzu schnell Schlüsse zu ziehen, Vorurteile abzubauen und uns auf komplexe Zusammenhänge einzulassen, ohne alles gleich vereinfachen zu wollen. Und zuletzt müssen wir eben auch unangenehme Wahrheiten („inconvenient truths“) zulassen.

Das Gespür, dass Grosses im Gange ist, bewegt viele Menschen. Oft blockiert es aber unser Denken. Ein Jahrmillionen alter Reflex übernimmt dann das Steuer: Flucht. Doch anstatt irrationale Impulsen nachzugehen, mit dumpfen Parolen gute alte Zeiten zu beschwören, partikuläre Werte und Kulturgüter hochzuhalten und sich gegen alles Fremdes abzuschotten, sollten wie erkennen: Nur im globalen Zusammenspiel, mit Hilfe des geistigen und ethischen Potentials aller Menschen auf diesem Planeten werden wir die Herausforderungen meistern, die der technologische Wandel mit sich bringt. Und mit dieser Haltung wird sich auch die Angst vor ihm auflösen.