POLITIK
19/09/2018 12:19 CEST | Aktualisiert 21/09/2018 08:11 CEST

"Wir werden für unser Engagement bedroht. Warum wir trotzdem weitermachen"

Diese Menschen kämpfen für die Rechte von Migranten und Frauen, für Demokratie und eine offene Gesellschaft. Hater drohen ihnen mit Gewalt und Mord.

HuffPost

Wenn Menschen sich für eine demokratische und friedliche Gesellschaft einsetzen und dafür mit Gewalt oder dem Tod bedroht werden, passiert das meist in Autokratien wie Russland, der Türkei oder Staaten wie Mexiko, wo organisierte Kriminalität grassiert.

Im Jahr 2018 muss man aber nicht mehr über die Grenzen Deutschlands blicken, um Menschen zu finden, die für ihre Überzeugungen bedroht werden. Sie sind unsere Nachbarn, Freunde, manchmal auch Familienangehörige.

Die Drohungen treffen Politiker, Künstler, Beamte oder einfach nur Mitbürger, die sich ehrenamtlich dafür einsetzen, dass unsere Gesellschaft offen und frei bleibt. Die Drohungen treffen Menschen, die gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit kämpfen, die sich für mehr Gleichstellung von Frauen, Homosexuellen oder Behinderten einsetzen.

Enttäuschung und Hemmungslosigkeit

Sicherlich: Drohungen gegen diejenigen, die für die gute Sache kämpfen, gab es schon früher. Und dennoch: Die zunehmend aufgeheizte Stimmung in Deutschland infolge der Flüchtlingskrise und die Enttäuschung über das politische System befördern Hass und lassen Hemmungen fallen, Gewalt gegen Andersdenkende zu fordern oder anzudrohen.

Dass Worte immer häufiger auch Taten werden, zeigte sich im vergangenen Jahr im Wahlkampf: Die Polizei verzeichnete auffallend viele Angriffe auf Politiker, ihre Wohnungen oder Büros.

Hinzu kommen die sozialen Medien, die Durchlauferhitzer für Wut und Hass. Die Drohungen auf Facebook oder Twitter sind meist anonym, aber deshalb nicht weniger furchteinflößend. Die Polizei ist meist machtlos.

Am Tag der Zivilcourage wollen wir bei der HuffPost mehr als 25 von diesen Kämpfern und Engagierten, die für ihre Überzeugungen mit Gewalt bedroht werden, eine Stimme geben. Sie stehen für Hunderte, vielleicht Tausende, denen es ebenso geht – und die sich trotzdem nicht einschüchtern lassen.

Wir sollten ihnen dankbar sein.

 

Michel Abdollahi, NDR-Moderator: “Es sind besonders unbequeme Zeiten”

Abdollahi hat zuletzt einen offenen Brief an die Bundeskanzlerin geschrieben. Er ist als Kind mit seiner Familie aus Teheran geflohen. Mit Texten und Kunst kämpft er für eine bessere Gesellschaft und gegen Rechtsextremismus. 

Isa Foltin via Getty Images

“Viele haben vor uns gekämpft, um unsere Demokratie aufzubauen, gekämpft um die Rechte, die wir heute als selbstverständlich ansehen. Diese Rechte sind aber nicht selbstverständlich, wie wir heute gerade wieder erleben. Man muss sich immer dann besonders einsetzen, wenn andere es nicht für nötig halten.

Unsere Freiheit und unsere Werte sind zu wichtig, als dass wir die Hoheit darüber dem Radikalismus überlassen. Da spielt es dann auch keine Rolle, dass der Kampf dagegen unbequem ist. Denn wenn er bequem wäre, würden mehr Menschen mitkämpfen. Es sind aber besonders die unbequemen Zeiten, die Menschen brauchen, die den Anfang machen und den anderen Mut machen, aufzustehen.”

 

Thomas Geisel, Oberbürgermeister Düsseldorf (SPD): “Wir dulden Rückkehr in die Barbarei nicht”

Geisel ließ aus Protest gegen eine islamfeindliche Dügida-Demonstration 2015 die Lichter an öffentlichen Gebäuden ausschalten – laut Bundesverwaltungsgericht illegal. 2018 bot er im Zug der Diskussion über die Seenotrettung an, Düsseldorf könne Flüchtlinge aufnehmen.

Florian Ebener via Getty Images

“Ein paar Verstrahlte, die mir anonym Hassmails geschrieben haben, gab es immer. 

Was ich viel schlimmer finde, ist, dass ich nun eine ganze Reihe von E-Mails widerwärtigen und rassistischen Inhalts unter voller Angabe des Namens bekommen habe – und ich bin mit dem Begriff Rassismus nicht schnell bei der Hand. Ich hatte gehofft, dass solche Gedanken mit dem Nazi-Terror überwunden worden wären. Aber der Tonfall passt zur Politik des kalkulierten Tabu-Bruchs, wie sie Herr Gauland und Herr Höcke verfolgen.

Die wenigsten dieser Zuschriften kamen übrigens aus Düsseldorf. Ich bin stolz, dass es in der Stadt eine Hegemonie des Anstands gibt. Jedem, dem an den zivilisatorischen Errungenschaften etwas liegt, muss zeigen, dass wir die Rückkehr in die Barbarei nicht dulden.”

 

Ricarda Lang, Bundessprecherin der Grünen Jugend: “Habe keinen Bock, auf meinen Körper reduziert zu werden”

Lang prangert öffentlich Bodyshaming an. In diesem Sommer schlug sie vor, Klimaflüchtlinge in die EU einzubürgern.

dpa

“Ich habe keinen Bock, als Frau immer nur auf meinen Körper und mein Geschlecht reduziert zu werden. Und ich möchte nicht, dass weitere Generationen von Mädchen damit aufwachsen. Deshalb setze ich mich öffentlich gegen Bodyshaming und Sexismus ein.

Dafür werde ich immer wieder angefeindet, beschimpft und bedroht. Von Pummelchen bis hässliche Hure, dicke Sau und fette Fotze. Eine junge und linke Feministin ist für viele Rechte und Frauenhasser das perfekte Feindbild.

Manchmal frage ich mich: Warum gebe ich mir eigentlich diesen ganzen Scheiß? 

Aber ich weiß, dass es bei diesen rechten Angriffen nicht wirklich um mich geht, sondern darum, emanzipierte Frauen mundtot zu machen. Das kann ich nicht zulassen. Im Endeffekt befinden wir uns gerade in einem Kampf um den öffentlichen Raum.

Ich möchte, dass all die Menschen, die mich als Fettwanst oder Nutte bezeichnen, wissen, dass ich mich davon ganz sicher nicht einschüchtern lassen werde

Immer wieder schreiben mir Frauen, dass es ihnen Mut gibt, wenn jemand ihre Erfahrungen sichtbar macht. Das gibt mir unglaublich viel Kraft. Ich weiß, es klingt sehr klischeehaft: Aber Solidarität kann tatsächlich unsere Waffe sein.”

 

Karamba Diaby, Bundestagsabgeordneter (SPD): ”Es liegt an uns”

Diaby (SPD) zog vor fünf Jahren als erster in Afrika geborene Abgeordnete in den Bundestag ein. Im Laufe seiner politischen Karriere wurde er immer wieder wegen seiner Hautfarbe und seiner Herkunft angefeindet. Seine Erlebnisse schilderte er unter anderem in seinem Buch “Mit Karamba in den Bundestag”.

AFP Contributor via Getty Images

“Wir leben in einer schwierigen Zeit. Am Ende dieses Weges gibt es eine Weggabelung. Wir können nach links oder rechts gehen. Es liegt an uns. Tausende von Menschen haben in den vergangenen Monaten und Wochen gezeigt, dass sie für eine offene und solidarische Gesellschaft sind.

Das zeigt deutlich, dass sich die plurale Gesellschaft gut verteidigen kann. Das gibt mir die Kraft und Zuversicht, meine Arbeit weiterzuführen. Die Drohungen nehme ich natürlich ernst. Fakt ist aber auch: Ich lasse mich nicht einschüchtern.”

 

Engin Sanli, Anwalt aus Stuttgart: “Recht unabhängig von Herkunft und Religion”

Sanli war der Anwalt von Yussif O., den die Polizei mit großem Aufwand aus der Flüchtlingsunterkunft in Ellwangen holte, um ihn nach Italien abzuschieben.

Engin Sanli

“Als Anwalt und somit als Organ der Rechtspflege setze ich mich dafür ein, dass Menschen – unabhängig von ihrer Herkunft und ihrer Religion – das bekommen, was ihnen rechtlich zusteht. Ich biete in meiner tagtäglichen Arbeit geflüchteten Menschen fast schon ehrenamtlich rechtliche Hilfe an, da sie ohnehin wegen Verfolgung, politischer Repression und Existenzängsten mit großen Ungerechtigkeiten konfrontiert sind.

Ihnen eine Stimme zu geben und einen Beitrag für den Erhalt unseres Rechtsstaats zu leisten, ist für mich eine Herzensangelegenheit. Morddrohungen, mediale Erniedrigungen von rechtsextremen und rechtsnationalen Gruppierungen gegen meine Person schüchtern mich nicht ein. 

Im Gegenteil: Sie geben mir die Motivation, weiterhin für eine freiheitliche, vielfältige und vor allem gerechte demokratische Gesellschaft zu kämpfen. Wir alle haben eine Verantwortung für unser Land!

 

Philipp Ruch, Aktionskünstler: “Morddrohungen von politisch Ohnmächtigen”

Ruch hat die Künstlergruppe “Zentrum für Politische Schönheit” gegründet. Die Gruppe hat unter anderem das Berliner Denkmal für die ermordeten Juden Europas nahe des Hauses von AfD-Politiker Björn Höcke nachgebaut.

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“Wir verfechten den aggressiven Humanismus. Wenn man mich fragt, was derzeit am meisten gebraucht wird: Menschenrechtler, denen tatsächlich mal jedes Mittel recht ist.

In anderen Ländern werden Menschenrechtler gefoltert, eingesperrt oder verbrannt. Da dürfen einen Morddrohungen von politisch Ohnmächtigen nicht beunruhigen. Wenn sie an der Macht sind, wird es erst richtig ernst. Wir kämpfen dafür, dass diese finsteren Gesellen politisch ohnmächtig bleiben.”

 

Seyran Ates, Anwältin und Imamin: “Ich bekämpfe das Patriarchat politisch”

Während ihres Jurastudiums arbeitete Ates 1984 in einer Beratungsstelle für Frauen aus der Türkei und wurde von einem Türken angeschossen, der vermutlich zu den rechtsextremen Grauen Wölfe gehörte. 2017 eröffnete die Imamin die liberale Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin.

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“Seit vielen Jahren werde ich angefeindet, bekomme Morddrohungen und muss deshalb unter Polizeischutz leben. Und weswegen das alles? Weil ich mich für die Gleichberechtigung der Geschlechter stark mache, das Patriarchat politisch bekämpfe und mich für die universellen Menschenrechte einsetze.

Es gibt Menschen, die ein machtpolitisches Interesse haben, andere Menschen zu unterdrücken. Oder aufgrund einer falsch verstandenen Toleranz werden Menschenrechtsverletzungen, wie medizinisch nicht notwendige Genitaleingriffe, das Verhindern einer freien Persönlichkeitsentwicklung, Zwangsheirat, Ehrenmorde und vieles mehr, unreflektiert hingenommen.

Warum aber mache ich weiter? Weil ich in den letzten Jahren nicht nur vieles politisch und juristisch geschafft habe, wie zum Beispiel Zwangsheirat als Straftatbestand einzustufen.

Es sind doch vor allem Menschen, die mir Mut machen. Menschen, die mir schreiben, wie wichtig sie meine Arbeit finden und wie gerne sie mich unterstützen. Genau diese Zuschriften sowie Begegnungen mit dankbaren Menschen für meine Arbeit zeigen mir, dass ich nicht alleine stehe.

 

Olivier Ndjimbi-Tshiende, Katholischer Priester: “Liebe ist größer als Hass”

Ndjimbi-Tshiende kritisierte 2016 als Pfarrer im bayerischen Zorneding eine CSU-Lokalpolitikerin, die von einer “Invasion” von Flüchtlingen sprach. Heute kümmert sich der Professor an der Universität Eichstätt ums Thema Migration.

STEFAN ROSSMANN via Getty Images

“Als Priester bin überzeugt, dass die Liebe größer und wichtiger als der Hass ist. Als Wissenschaftler weiß ich, dass das Leben der größte Wert ist.

Deshalb kämpfe ich weiter friedlich für die Liebe zu allen Menschen und für das Leben aller Menschen.

Leben, Gleichheit, Freiheit, Friede, Liebe und Toleranz sind die einzigen Werte, die uns als Lebensgemeinschaft und Einzelne am Leben erhalten können.”

 

Thomas Baumgärtel, Künstler: “Erdogan-Leute haben das Gegenteil erreicht”

Baumgärtel setzt sich seit 30 Jahren für die Freiheit der Kunst und der Meinungsäußerung ein. Sein Markenzeichen: die Banane, die er nutzt, um Missstände anzuprangern. Helmut Kohl war für ihn auch nicht die “Birne”, sondern die “Banane”. Das umstrittenste Werk des “Bananensprayers”: der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan mit einer Banane im Gesäß.

dpa/Lara Krüper

“Ich habe heftigste Drohungen bekommen, eine meiner Ausstellungen wurde vorzeitig beendet, ein Galerist ließ einfach meine Arbeit abhängen, der Staatsschutz hat ihm vorsichtshalber seine Telefonnummer dagelassen. Selbst meine engsten Freunde haben unglaubliche Angst, verfolgt zu werden und trauen sich nicht, das Erdogan-Bild zu teilen.

Erreicht haben die Erdogan-Leute nur das Gegenteil. Zeitungen im In- und Ausland haben das Bild gezeigt. Und im Oktober werde ich eine Version davon in Duisburg zeigen.

Wir müssen uns alle dagegen wehren, dass ein Staat mit einem Diktator wie Erdogan an der Spitze es selbst in Deutschland schafft, die Leute einzuschüchtern. Wenn wir das machen, können die Feinde der Freiheit im Grund nichts ausrichten. Sie haben nur da Macht, wo man sich einschüchtern lässt.”

Baumgärtels ganze Geschichte könnt ihr hier lesen.

 

Titus Molkenbur, Seenotretter: “Eine bessere Welt ist möglich”

Molkenbur hat gemeinsam mit Jugend rettet und dem Schiff “Iuventa” mehr als 14.000 Menschen aus Seenot gerettet.

Jule Muller

“Wir sind angetreten als junge naive Idealisten, um ein Zeichen zu setzen, gegen eine Politik, die Menschen an unseren Grenzen sterben lässt und gegen eine Gesellschaft, die das hinnimmt. Dafür wurden wir vom italienischen Staat verfolgt, unser Schiff wurde beschlagnahmt und wir haben hunderte Todesdrohungen erhalten.

Warum mache ich trotzdem weiter? Politisch zu handeln ist für mich alternativlos

Wer sich nicht politisch einbringt, unterstützt implizit den Status quo. Und ich habe mit eigenen Augen gesehen, was der Status quo bedeutet. Nämlich, dass wir Menschen, die unseren Schutz suchen, oder die nur ein besseres Leben wollen, vor unserer Haustür ertrinken lassen. Und ich weiß, dass es ganz viele Menschen gibt, denen es ähnlich geht, die sich sagen, es gibt einen anderen Weg, die dafür auf die Straße gehen, sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten dafür einsetzen.

Auch wenn im Jahr 2018 wieder rechte Arme gereckt werden, müssen wir uns immer wieder klar machen: eine bessere Welt ist möglich. Wir müssen uns erlauben groß zu denken, zu träumen, und gleichzeitig gemeinsam an den vielen kleinen Dingen zu arbeiten, die es zu verändern gilt.”

 

Amed Sherwan, Ex-Muslim: “Kein Respekt vor menschenfeindlichen Denkstrukturen”

Sherwan ist ehemaliger Muslim und Atheist. Er setzt sich für religiöse und sexuelle Selbstbestimmung ein. 

Amed Sherwan

“Gerade weil ich als Ex-Muslim sehr viel Schreckliches mit dem Islam erlebt habe, will ich nicht dem Hass verfallen. Ich versuche, Muslime zum Nachdenken anzuregen und Erneuerungsprozesse mit anzustoßen.

Ich begegne den Menschen persönlich mit Respekt, aber ich habe keinen Respekt vor menschenfeindlichen Denkstrukturen.

Gleichzeitig möchte ich zeigen, dass es auch innerhalb des muslimischen Kulturkreises weltoffene Menschen gibt, die anders leben, lieben und denken, als die gängigen Vorurteile es glauben machen wollen. Auf dem Christopher-Street-Day in Berlin habe ich ein T-Shirt mit der provokanten Aufschrift “Allah is Gay” getragen, um ein Zeichen für orientalische Vielfalt zu setzen.

Die Morddrohungen, die ich erhalte, kommen von Muslimen. Beschimpfungen erreichen mich aber auch von Nicht-Muslimen. Einige unterstellen mir, ich schüre damit Islamhass, und andere nennen mich Islamappeaser. Und einige meinen, ich sei hier zu Gast und müsse schon deshalb die Klappe halten.

Ich weiß aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, in einer Gesellschaft zu leben, in der Vielfalt keinen Raum hat. Deshalb setze ich mich für Humanismus ein und bin bereit, dafür Risiken einzugehen.”

Den ganzen Beitrag von Amed Sherwan könnt ihr hier lesen. 

 

Riccardo Simonetti, Influencer: “Sie hassen, was nicht in die Norm passt”

Simonetti trägt extravagante Outfits und ruft seine beachtliche Zahl an Followern in den sozialen Netzwerken dazu auf, zu ihrer Sexualität zu stehen.

Matthias Nareyek via Getty Images

“Natürlich lässt es auch mich nicht kalt, Morddrohungen zu erhalten, und ich stelle mir die Frage, warum jemand so etwas tut. Hater-Kommentare gehören heutzutage auf Social Media ja leider dazu, aber Morddrohungen?

In meinem Fall ist es jedoch so, dass es hier nie um mich als Person geht. Es geht nicht darum, dass jemand konkret mich nicht mag, dass jemand konkret mit meiner Art zu leben ein Problem hat – es geht um etwas viel Globaleres. Es geht um Homophobie, um rechtsradikale Gedanken und um Hass einem jeden gegenüber, der anders ist und nicht in die gängige Norm passt.

Ich bin hier nur ein Stellvertreter, ein öffentliches Sinnbild für das, was diese Menschen so schlimm finden. Und genau das gibt mir auch die Kraft weiterzumachen – denn wenn offenbar genau diese Dinge noch immer ein solches Problem darstellen, dann kämpfe ich diesen Kampf unermüdlich weiter und nehme in Kauf, dass ich mich mit Drohungen konfrontiert sehe, die natürlich auch an mir als Mensch mit Emotionen nicht spurlos vorbeigehen.“

 

Claudia Roth, Bundestagsvizepräsidentin (Grüne): “Völkische Bewegung will Spaltung durch Ermüdung”

Die Politikerin bezieht immer wieder Stellung gegen Sexismus und Fremdenfeindlichkeit. Im Bundestag hat sie kürzlich einen AfD-Abgeordneten gerügt, der den Mord an einer jungen Frau dort mit einer Schweigeminute für die Zwecke der Rechten instrumentalisieren wollte. 

Pascal Le Segretain via Getty Images

“Je persönlicher und entgrenzter die Angriffe, desto wichtiger ist es, Gesicht zu zeigen gegen den Hass, vor allem aber für eine weltoffene und gerechtere Gesellschaft.

Das Projekt der völkischen Bewegung lautet Spaltung durch Ermüdung. Sie wollen, dass wir uns zurückziehen, klein beigeben, wenn schon nicht mitmachen, dann zumindest schweigen. Sie warten nur darauf, dass wir ihnen und ihrer monothematischen Angstmache das Feld überlassen, online wie offline. Ihr größter Wunsch ist es, dass wir uns weniger engagieren, nicht mehr offen sprechen, die politischen Debatten meiden – weil es zu persönlich oder zu verletzend werden könnte.

Das aber werden wir nicht zulassen. Und wir sind viele. Über alle parteipolitischen Grenzen hinaus müssen wir Demokratinnen und Demokraten nun Humanität und Anstand verteidigen – und auch für Errungenschaften kämpfen, die uns zuletzt womöglich ein wenig zu selbstverständlich erschienen sind.

Selbstverständlich gehört zur Meinungsfreiheit auch die Gegenmeinung, zur Redefreiheit auch die Widerrede. Selbstverständlich ist es Motor einer lebendigen Demokratie, dass wir streiten: über die besten Konzepte gegen Altersarmut, über den richtigen Weg im Kampf gegen Ungerechtigkeit, über die effizientesten Mittel im Einsatz gegen die Klimakrise. Dieser Streit aber muss sachlich und respektvoll bleiben – denn das macht den Reichtum unserer demokratischen Grundordnung mit aus.

Die Würde des Menschen ist unantastbar. So steht es im Grundgesetz. Diesen humanitären Imperativ zu verteidigen: Nicht weniger ist heute unsere Aufgabe. Eine Aufgabe, von der wir uns nicht werden abbringen lassen.”

 

Ali Can, Hotline für besorgte Bürger: “Ich glaube an das Gute im Menschen”

Can wurde deutschlandweit mit seiner “Hotline für besorgte Bürger” bekannt. Er wollte mit Menschen über Flüchtlinge und den Islam reden, ohne Vorverurteilung. Can ist außerdem Kopf hinter der ”#MeTwo”-Kampagne, in der Menschen über Diskriminierung berichten.

Wolfgang Rattay / Reuters

“Ich engagiere mich trotz der Drohungen, weil Demokratie verpflichtet. Es ist ein Privileg und eine Pflicht, dass wir unsere Gesellschaft gestalten und für unsere freiheitlich-demokratischen Werte einstehen können – ich verlasse mich dabei auf den Staatsschutz.

Ich glaube an das Gute im Menschen. Langfristig wird die Welt besser und ich setze mich deshalb ein, weil am Ende alles gut wird. Aufklärung und Menschenrechte sind das Beste, was die Menschheit geschaffen haben, um den Weg für friedliebendes Miteinander zu ebnen.”

 

Sina Trinkwalder, Sozialunternehmerin: “Menschenverachtung ist keine Meinung”

Trinkwalder hat die Öko-Textilfirma Manomama gegründet, in der sie Menschen mit Migrationshintergrund oder Behinderungen und Alleinerziehende beschäftigt. Die Mitarbeiter dort nähen auch aus Textilresten Rucksäcke für Trinkwalders neu gegründete Firma Brichbag, die Obdachlose unterstützt.

Barbara Gandenheimer

“Rassismus, Menschenverachtung und das Stigmatisieren von Schwächeren ist keine Meinung und verlangt eine klare Haltung. Nur, wenn wir unbeeindruckt weiter für eine bunte, offene und vielfältige Gemeinschaft einstehen, uns engagieren, zeigen wir diese. Jeden Tag aufs Neue.

Es braucht einen langen Atem und ein dickes Fell, aber es lohnt sich: für eine bessere Zukunft für alle.“

 

Ludwig Schick, Erzbischof von Bamberg: “Hetze ist nicht christlich”

Schick hat sich 2014 von Pegida distanziert. 2016 sagte er in der Diskussion, er sehe derzeit keine gesellschaftliche Mehrheit für einen muslimischen Bundespräsidenten. Grundsätzlich gilt für ihn jedoch: Werde ein Muslim ins das Amt gewählt, werde die Kirche das akzeptieren. Alles andere widerspreche dem Grundgesetz.

Andreas Gebert / Reuters

“Als Kirche treten wir für die Menschenwürde und Menschenrechte ein, unabhängig von Herkunft, Hautfarbe und Religion. Das ist eine Kernbotschaft unseres Glaubens. Wenn Menschenverachtung, Rassismus und Hetze verbreitet werden, wenn Menschen kategorisiert werden, dann ist das nicht christlich.

Die populistischen Aussagen radikaler Politiker sind mit dem christlichen Glauben nicht vereinbar. Wenn ich das öffentlich sage, bekomme ich regelmäßig böse Zuschriften bis hin zu Drohungen.

Das macht mich vor allem auch deshalb betroffen, weil sich diese Drohungen nicht nur gegen mich persönlich richten, sondern auch gegen alle Menschen, die sich für eine offene Gesellschaft einsetzen und sich zum Beispiel in der Flüchtlingshilfe engagieren. Wenn ich deshalb schweigen würde, hätten jene, die solche Drohungen schreiben, ihr Ziel erreicht. 

Wir brauchen eine intellektuelle Auseinandersetzung mit populistischen Personen und Gruppen, die unsere Kultur der Menschenwürde und Menschenrechte infrage stellen. Jeder, der unsere demokratische und soziale, rechtsstaatliche und humane Gesellschaft erhalten will, muss populistischer Hetze entgegentreten. Gerade wir als Kirche müssen Populisten in die Schranken weisen, müssen Widerstand leisten, für die Wahrheit über Gott und Mensch einstehen und eine entsprechende Politik fordern.

Deshalb werde ich auch in Zukunft nicht schweigen.”

 

Mo Asumang, Moderatorin, Produzentin und Schauspielerin: “Wozu hab ich meine Stärke sonst?”

Asumang hat unter anderem rechte Hassprediger und Mitglieder des Ku-Klux-Klans getroffen und sie mit ihren Ansichten konfrontiert. Die Ergebnisse hat sie unter anderem im Buch “Mo und die Arier. Allein unter Rassisten und Neonazis” und im Film “Die Arier” veröffentlicht.

Getty

“Ich spreche mit Menschen, die mich hassen, mit Rassisten, seit knapp 15 Jahren mache ich das. Warum? Weil es sonst keiner macht.

Wie um Himmels willen soll ein rassistischer, homophober Mensch, ein Islamfeind oder Antisemit denn aus seinem Wut- und Hass-Kreislauf herauskommen? Wer, wenn nicht wir, kann ihnen denn etwas Neues mitgeben, sie zum Nachdenken bringen. 

Ich mache weiter, auch weil ich mich meiner eigenen Stärke verpflichtet fühle. Wozu hab ich sie denn sonst?”

 

Luigi Pantisano, Stadtrat in Stuttgart (SÖS): ”Angst macht mir der Verfassungsschutz”

Pantisano ist Stadtrat für das Bündnis Stuttgart Ökologisch Sozial (SÖS) in der Fraktionsgemeinschaft SÖS-LINKE-PluS im Stuttgarter Gemeinderat. Er engagiert sich seit vielen Jahren in antirassistischen Netzwerken und Projekten.

Luigi Pantisano

“Seit einigen Jahren erhalte ich regelmäßig Drohungen und Beleidigungen, verfasst von anonymen Profilen auf Facebook oder schriftliche Drohbriefe per Post.

Angst habe ich nicht vor diesen anonymen Feiglingen! Angst machen mir viel mehr die Anzugträger*innen beim Verfassungsschutz und in den Polizeibehörden, die mit ihrem V-Leute-System die Bildung des NSU erst möglich gemacht haben und diese bis heute decken.

Die Aussagen der letzten Tage vom Präsidenten des Bundesverfassungsschutzes Hans-Georg Maaßen, der in Chemnitz keine Hetzjagden sehen wollte, und vom Innenminister Horst Seehofer, der in der Migration die Mutter aller Probleme sieht, machen mich mittlerweile fassungslos. Die rassistische AfD ist durch diese Herren schon längst an der Regierung beteiligt.

Und trotzdem möchte ich klarstellen, dass ich keinen einzigen Zentimeter von meiner Stelle weiche. Im Gegenteil, diese Drohungen und rechtsextremen Umtriebe auf der Straße und im Parlament spornen mich an, noch aktiver zu sein gegen Rassismus und Menschenfeindlichkeit.”

Den ganzen Beitrag von Luigi Pantisano könnt ihr hier lesen.

 

Manaf Halbouni, Künstler: “Aufgeben ist keine Option”

Halbouni hat 2017 in Dresden und Berlin drei ausrangierte Busse hochkant aufstellen lassen, um an das Leid der Zivilbevölkerung im syrischen Aleppo zu erinnern. Dort dienten drei zerschossene Busse als Barrikaden gegen Scharfschützen.

Fabrizio Bensch / Reuters

“In meiner Arbeit beschäftige ich mich damit, wie sich die Gesellschaft durch politische Entscheidungen verändert. Dabei greife ich auch sehr oft auf geschichtliche Ereignisse zurück und thematisiere diese auf eine ironische Art. 

Beim Präsentieren dieser Arbeiten treffe ich sehr oft einen Nerv und es entstehen Reaktionen zu dieser Arbeit, teils positiv, teils negativ. 

Ich sehe für mich alles positiv. Nur weil ein paar negative Nachrichten reinkommen, gebe ich nicht auf. Das ist keine Option. Es gehört dazu. 

Ich möchte da Bruce Lee zitieren: ‘Ein weiser Mann kann mehr von einer närrischen Frage lernen als ein Narr von einer weisen Antwort.’”   

 

Yorai Feinberg, Gastronom: “Ich würde nie vor diesen Menschen kapitulieren”

Feinberg betreibt ein Restaurant mit israelischen Spezialitäten in Berlin. Immer wieder macht er antisemitische Übergriffe und Beleidigungen öffentlich und schärft so das Bewusstsein für das Problem, das längst nicht nur ihn selbst betrifft.

dpa

“Mich einschüchtern zu lassen, ist überhaupt keine Option. Ich würde nie vor diesen Menschen kapitulieren.

Ich denke, es gibt nun viel mehr öffentliche Aufmerksamkeit für Antisemitismus, einige Menschen sind wachgerüttelt. Mein Restaurant ist eine Anlaufstation für wichtige Akteure im Kampf gegen Antisemitismus geworden, für Politiker und Journalisten. 

Leider habe ich fast wöchentlich Kontakt zu Polizei und Staatsanwaltschaft, weil ich nahezu täglich Drohungen bekomme. Aber ich bekomme per E-Mail auch viele Zuschriften von Menschen, die mir ihre Solidarität bekunden.”

 

Jean Peters, Peng-Gründer: “Gewalt gegen Menschen ist so absurd”

Peters hat die Berliner Aktivistengruppe Peng! gegründet, die mit satirischen Aktionen und Aktionskunst bekannt geworden ist. Einmal hat er der AfD-Politikerin Beatrix von Storch eine Sahnetorte ins Gesicht gedrückt, ein anderes mal mit Kollegen einen fiktiven CDU-Ortsverband gemimt, um den Stopp von Waffenexporten zu fordern.

Peng/Michael Rottmann

Auf Deutschland ist Verlass: Setzt du dich gegen Rassismus ein, bekommst
du Morddrohungen. Das ist leider Routine. Aber durchschaut man einmal
diese Systematik der AfD und anderer Neonazis, ist es nicht weiter
aufreibend.

Was nervt, sind die politischen Hausdurchsuchungen – da kommt die
Polizei zu dir nach Hause, weckt deine Nächsten und räumt hinterher auch
nicht mal auf. Bei mir haben die das schon drei Mal gemacht – und so
lustig das Bild von 16 Vollmontur-Robocops in einem kleinen Zimmer ist,
das ist schon Stress. Aber da fühlt sich so ein ‘Heil Hitler, wir lynchen
deine Familie’-Anruf nicht so unmittelbar an.

Warum ich trotzdem weiter arbeite? Vielleicht auch, weil ich Gewalt gegen
Menschen so absurd finde, dass ich sie mir nicht mal vorstellen kann.
Schlägt man bei ner Prügelei nicht auch immer ein Stück der eigenen
Empathie kaputt? Ich zuck’ ja schon zusammen, wenn sich jemand einen Pickelbaufkratzt. Und am Ende ist ja niemandem geholfen, wenn man sich
einschüchtern lässt.”

 

Tobias Ginsburg, Autor und Theaterregisseur: “Ich mache nicht trotzdem, sondern gerade deswegen weiter”

Für sein Buchdebüt “Die Reise ins Reich” (erschienen 2018) begab sich Tobias Ginsburg undercover unter Reichsbürger. Seither klärt er über rechte Gruppierungen in Deutschland auf.

Marietta Weber

Für den Großteil des vergangenen Jahres reiste ich durch die wahnhaften Welten der Rechtsradikalen, recherchierte und lebte unter Reichsbürgern, Neonazis und Neofaschisten der unterschiedlichsten Sorten.

Logo, wenn man dann ein Buch über diese Menschen und ihre albtraumfarbenen Ideen schreibt, muss man mit den entsprechenden Reaktionen rechnen. In regelmäßigen Wellen schwappt jetzt also Hass über mich, aber in gewisser Weise stehe ich den Leuten dafür gerne zur Verfügung.

Meine alte Mailadresse, Telefonnummer und das Facebookprofil sind immer noch erreichbar, und ich gebe mir Mühe, jede noch so widerwärtige Nachricht zu beantworten. Gebe mir Mühe, diesen Menschen mit Menschlichkeit zu begegnen. Aus Prinzip. Und weil mir nicht viel anderes übrigbleibt.

Warum ich trotz der Drohungen weitermache? Nicht trotz – ich mache auch wegen ihnen weiter! Uns allen könnte doch eigentlich angst und bange werden:

Die Rechten erstarken, ihre Verschwörungserzählungen haben Konjunktur und man findet den menschenfeindlichen, antidemokratischen Mob nicht nur auf den Straßen, sondern auch im Bundestag.

Aber wenn wir mehr wollen, als bloß zu reagieren und in die ewigen Debatten über Migration, Isolation und Angst einzustimmen, dann müssen wir furchtlos sein. Wir müssen aufklären und weiterdenken, den Diskurs wieder selber füllen und führen, den rechten Fieberträumen neue soziale Utopien und Ideen entgegenstellen. Es geht um uns alle: Wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen!

 

Andreas Hollstein, Bürgermeister von Altena (CDU): “Gegen blinden Nationalismus”

Andreas Hollstein ist Mitautor des 2016 erschienenen Buches “Mein Kampf – gegen Rechts”. Darin berichten elf Menschen, wie sie sich rechtem Gedankengut und rechter Gewalt entgegenstellen. Im November 2017 hielt ihm in einem Dönerladen in Altena ein Mann ein Messer an den Hals und äußerte sich abfällig über die liberale Flüchtlingspolitik. Durch das beherzte Eingreifen des Ladenbesitzers und dessen Sohnes konnte der Angreifer überwältigt werden.

ullstein bild via Getty Images

“Ich mache weiter, weil ich glaube, dass es wichtig ist, für seine Überzeugungen von Respekt, Toleranz und Humanität mit Argumenten politisch zu streiten. Ich bin ein deutscher Europäer und kämpfe deshalb gegen blinden Nationalismus und Rassismus.”

 

Aiman Mazyek, Zentralrat der Muslime: “Verrohung der politischen Diskussion liefert weiteren Zunder”

Mazyek ist seit 2010 Vorsitzender des Zentralrats der Muslime. Im vergangenen Bundestagswahlkampf warnte er davor, das Thema Islam zu instrumentalisieren und kritisierte explizit die AfD.

“Seit fast 20 Jahren bekomme ich regelmäßig Morddrohungen. Ich frage mich, was die Menschen bewegt, solche Sachen rauszuhauen. Es sind Menschen, die Gegner einer offenen, freiheitlichen, demokratischen Gesellschaft sind.

Jene, die sich für den Austausch einsetzen, leben gefährlich, weil es Gegner gibt, die nicht davor zurückschrecken, Gewalt anzuwenden. Die Verrohung der politischen Diskussion bedeutet noch weiter Zunder. 

Es ist für mich überhaupt keine Frage, dass ich mich da entgegenstelle und dass ich mich da nicht einschüchtern lasse.” (Das ganze Statement seht ihr im Video oben).

 

Axel Voss, Europaabgeordneter (CDU): “Zivilcourage ist essentiell”

Voss setzt sich für massive Urheberrechtsverschärfungen im Internet ein. Er sieht andernfalls die Demokratie in Gefahr, weil sonst Journalisten und Künstler nicht von ihrer Arbeit leben könnten.

Axel Voss

“Zivilcourage ist essentiell, denn sie bedeutet für viele Bereich des täglichen Lebens die nachdrückliche Unterstützung der Gemeinschaft. Zivilcourage ist auch in der Politik wesentlich, denn sonst kommt es zum Verlust an Demokratie.

Politik in der Demokratie lebt von Kompromissen und von Mehrheiten. Dies bedeutet nicht, dass Abgeordnete ihre Meinung je nach Mehrheit ohne wirkliche Überzeugung verändern und anpassen müssen. Und dies bedeutet mit Sicherheit nicht, dass man seine Überzeugung aufgeben sollte, wenn man von Andersdenkenden für seine Meinung hart attackiert, beleidigt und bedroht wird.

So ergeht es mir persönlich zurzeit nach der mit Zweidrittelmehrheit beschlossenen Urheberrichtlinie im Europäischen Parlament, für die ich verantwortlich zeichne. Man muss schlicht den Mut haben, für Entscheidungsprozesse einzustehen, wenn man davon überzeugt ist.”

 

Tobias Huch, Publizist: “Für Freiheit zu kämpfen, kann bedeuten, die eigene Freiheit aufzugeben”

Huch war Vorsitzendsmitglied der Jungen Liberalen in Rheinland-Pfalz und lebt heute in London. Er forderte ein Verbot der rechten Grauen Wölfe,kritisiert Islamismus und setzt sich für Kurden ein. 2018 wurde er in den Beirat der kurdischen Gemeinde Deutschland berufen.

Tobias Huch

“Ich bin meinen Eltern unendlich dankbar dafür, dass sie mich zu einem unbequemen Menschen erzogen haben, der die Dinge hinterfragt und der mit seiner eigenen Meinung nicht hinterm Berg hält – auch wenn das bedeutet, gelegentlich anzuecken.

Christliche Ethik, insbesondere das Prinzip Nächstenliebe, ist die Grundlage jeder Gemeinschaft. Und wann immer diese Grundlage in Gefahr ist, gilt es zu handeln. Mitlaufen, schweigen, sich wegducken, Unrecht fatalistisch hinzunehmen – das war in unserer Familie nie eine Option gewesen.

Für die Freiheit zu kämpfen, bedeutet manchmal, die eigene Freiheit aufzugeben. Aber ich weiß, dass es richtig ist.”

Den ganzen Beitrag Tobias Huchs lest ihr hier.

 

Birgit und Horst Lohmeyer, Musiker und Schriftsteller: “Sich einschüchtern zu lassen, würde Menschenfeinde bestärken”

Familie Lohmeyer zog 2004 in einen Forsthof in Jamel in Mecklenburg-Vorpommern. Wenig später ließen sich auch rechtsradikale Siedler im Dorf nieder. Seit 12 Jahren veranstalten die Lohmeyers deswegen auf ihrem Hof das nicht-kommerzielle “Jamel rockt den Förster”-Festival gegen Rechts. In Schulen und auf Tagungen schildern sie ihre Erlebnisse und die Gefahren der rechtsradikalen Szene.

HuffPost / Klockner

“Als wir den ehemaligen Forsthof übernahmen, rechneten wir nicht damit, dass wenig später die gezielte Besiedelung des Dorfes durch rechtsradikale völkische Siedler beginnen würde. Seither dominieren die Nazis ungehindert das Dorfgeschehen.

Sie prägen das Dorf nach ihrem völkischen Ideal, Andersdenkende werden drangsaliert und vertrieben. Wir selbst sind bereits Opfer von vielfältigen Straftaten geworden: Sachbeschädigung, Diebstahl, Beleidigung, Bedrohung, Brandstiftung bis hin zu Morddrohungen.

Umso wichtiger, nicht nachzulassen in unseren Bemühungen, die demokratischen Grundwerte in unserem Land zu leben und zu fördern. Sich einschüchtern zu lassen, würde die Demokratie- und Menschenfeinde doch nur bestärken.

Wenn niemand mehr die Stimme erhebt gegen die rechtsradikalen und -populistischen Menschenfischer, dann haben sie bereits gewonnen. Alle Bürger sind gefordert, unsere Bundesrepublik aktiv mitzugestalten und für eine offene Gesellschaft einzutreten – und dabei auch Anfeindungen der Populisten  auszuhalten.”

 

Sarah Rambatz, Linken-Politikerin: “Für die Überwindung von Menschenhass in jeglicher Couleur”

Sarah Rambatz kandidierte im vergangenen Herbst für die Linken in Hamburg für den Bundestag. In einer geschlossenen Facebook-Gruppe machte sie einen geschmacklosen Kommentar (Sie bat um “antideutsche Filmempfehlungen) – und wurde danach Opfer einer rechten Hetzjagd. Noch heute – nach Entschuldigung und Rücktritt – wird sie bedroht.

Rambatz

“In meinem Fall wurde im rechtsradikalen Discordchannel ‘Radarstation’ der Reconquista Germanica zu einem koordinierten Shitstorm gegen meine Person aufgerufen. Letztendlich wurde dieser erfolgreich ins Rollen gebracht und ich brachte es bis auf die US-amerikanische Nachrichtenseite ‘Breitbart News’, die bereits den Wahlkampf von Donald Trump befeuerte. Die Folgen waren für mich und meine Familie einschneidend.

Durch das gewachsene Interesse der Rechtsradikalen wurden schnell die Adressen meiner Angehörigen und mir veröffentlicht und ich erhielt Hausbesuche. Jetzt, ein Jahr später, bekomme ich noch immer zu lesen, dass ich mich, da ich für linke Politik stehe, wahlweise selbst umbringen sollte, umgebracht werden soll oder erhalte direkte Morddrohungen.

Heutzutage habe ich ein Social-Media-Team, welches justiziable Aussagen dokumentiert, kategorisiert und für mich bereitstellt, um mich bei den Anzeigen bei der Polizei zu unterstützen. Das hält mir den Rücken frei, damit ich mich gegen Rassismus, Antisemitismus und Sexismus positionieren kann.

Die Unterstützung meiner Genoss*innen hat mich über den Shitstorm bis heute stets begleitet und motiviert mich immer wieder aufs Neue, mich Rechtsradikalen entgegen zu stellen und für die Überwindung von Menschenhass in jeglicher Couleur einzutreten.”

 

Von Susanne Klaiber, Benjamin Reuter, Moritz Diethelm, Amelie Graen, Jürgen Klöckner, Agatha Kremplewski, Lennart Pfahler, Viktor Weiser.