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18/03/2018 17:09 CET | Aktualisiert 18/03/2018 17:09 CET

Zitelmanns leidenschaftliches Plädoyer für den Kapitalismus

Manuel Breva Colmeiro via Getty Images

“Wer mit 20 Jahren nicht Sozialist ist, der hat kein Herz, wer es mit 40 Jahren immer noch ist, hat kein Hirn.” Diese sowohl Georges Clemenceau als auch Winston Churchill zugeschriebene Erkenntnis teilt auch Dr. Dr. Rainer Zitelmann.

Während Politik, Medien und Intellektuelle seit Ausbruch der Finanzkrise vor zehn Jahren ein Versagen des Marktes sehen und mehr Staat fordern, plädiert Zitelmann – der in seiner Jugend bekennender Marxist war und heute überzeugter Kapitalist ist – in seinem neuen Buch „Der Kapitalismus ist nicht das Problem, sondern die Lösung“ für mehr Markt und weniger staatliche Regulierung.

Kapitalismus sorgt für Wohlstand

Der promovierte Historiker, Politikwissenschaftler, Soziologe und Unternehmer nimmt den Leser mit auf eine wirtschaftshistorische Reise durch Afrika, Asien, Europa und Amerika und kommt zu dem Schluss: „Mehr Kapitalismus tut den Menschen gut. Denn in Ländern, wo der Staat an Einfluss verliert, steigt der Wohlstand und die Armut geht zurück.“

Als Beleg für seine These führt er das Beispiel China an, in dem der Vormarsch des Kapitalismus und der Rückzug des Sozialismus aus dem bettelarmen Land, in dem noch vor 60 Jahren Dutzende Millionen von Menschen verhungerten, die größte Exportnation der Welt gemacht hat.

Zitelmann hat zu China wie auch zu den anderen Ländern, um die es in seinem Buch geht, eine Fülle wissenschaftlicher Literatur ausgewertet (vor allem aus dem angelsächsischen Raum), aber der ehemalige „Welt“-Journalist präsentiert die Ergebnisse in einer leicht lesbaren und manchmal sogar ausgesprochen humorvollen Weise.

Wohlfahrtsstaat muss gestutzt werden

Statt mehr Entwicklungshilfe fordert Zitelmann mehr Kapitalismus für Afrika, denn Untersuchungen hätten gezeigt, dass die Armut in Entwicklungsländern, die stärker marktwirtschaftlich orientiert seien, gegen Null tendiere in wirtschaftlich unfreien dagegen bei 41,5 Prozent liege.

Mehr Staat bedeute in der Regel weniger Wohlstand, wie sich in Großbritannien und den USA in den 80er-Jahren gezeigt habe. Als die überzeugten Marktwirtschaftler Margaret Thatcher und Ronald Reagan den Staat aus der Wirtschaft zurückgedrängten und mehr Marktwirtschaft wagten, ging es beiden Ländern deutlich besser.

„Was beweist, dass es besser ist, einen ausufernden Wohlfahrtsstaat auf Normalmaß zu stutzen“, so der Autor.

Planwirtschaft durch Überregulierung

Selbst in sozialistischen Staaten wie der DDR gab es neben der Staatswirtschaft auch Elemente der Privatwirtschaft, ohne die die Planwirtschaft noch schlechter oder gar nicht funktioniert hätte. Heute existiere in kapitalistischen Ländern neben der Privatwirtschaft auch Staatswirtschaft, indem der Staat regulierend eingreife.

“Die Planwirtschaft wird heute allerdings nicht mehr durch Verstaatlichungen eingeführt, sondern vielmehr dadurch, dass die Politik Unternehmer immer stärker bevormundet und sie durch Steuerpolitik, Arbeitsmarktpolitik, Regulierung, Subventionen und Verbote ihrer Handlungsfreiheit beraubt“, konstatiert Zitelmann.

So wurde beispielsweise die Energiewirtschaft Stück für Stück in eine Planwirtschaft umgewandelt.

Zentralbank hebelt Marktwirtschaft aus

Der Autor hält es für gefährlich, dass der Kapitalismus in westlichen Ländern heute Stück für Stück zurückgedrängt werde und der planende und umverteilende Staat eine immer größere Rolle spiele.

Die Zentralbanken führen sich wie Planungsbehörden auf, die ihre Aufgabe nicht mehr darin sehen, die Geldwertstabilität zu sichern, sondern die Marktwirtschaft zu beseitigen.

In Europa hat die Zentralbank den für die Marktwirtschaft entscheidenden Preismechanismus teilweise außer Kraft gesetzt, indem echte Marktzinsen praktisch abgeschafft wurden. Die maßlose Verschuldung der Staaten wurde dadurch nicht eingedämmt, sondern habe sich im Gegenteil sogar noch erheblich verschärft.

Kapitalismus macht den Kuchen größer

Zu der Feststellung des Kapitalismuskritikers Pikettys, dass die Schere zwischen Arm und Reich zu Beginn des 21. Jahrhunderts immer weiter auseinandergegangen sei, meint Zitelmann: „Tatsache ist, dass gerade in diesem Jahrzehnt durch die Ausbreitung des Kapitalismus Hunderte Millionen Menschen weltweit der bitteren Armut entronnen sind.“

Und stellt die provokante Frage, ob es für diese Hunderte Millionen Menschen wichtiger sei, dass die nicht mehr hungern, oder dass sich im gleichen Zeitraum auch das Vermögen von Multimillionären vermehrt habe.

Im Gegensatz zu Piketty, für den die Wirtschaft ein Nullsummenspiel ist, bei dem die Reichen gewinnen und die Armen verlieren, betrachtet Zitelmann die Wirtschaft als Kuchen, der unter bestimmten Bedingungen für alle größer oder kleiner wird.

Zitelmanns Buch ist Pflichtlektüre für Kapitalismus-Kritiker wie für Kapitalismus-Befürworter: Für die Kritiker ist es eine echte Herausforderung, denn er bringt eine Fülle von gut recherchierten Zahlen und Fakten.

Kapitalismus-Befürwortern gibt Zitelmann eine Menge Argumente in die Hand, die so noch nie zusammengefasst und präsentiert wurden. Nachdenkenswert erscheinen vor allem auch seine originellen Überlegungen in dem 10. Kapitel: „Warum Intellektuelle den Kapitalismus nicht mögen“.