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05/05/2018 12:59 CEST | Aktualisiert 05/05/2018 12:59 CEST

Zirkuskrieger

Veridiotisiert - der Begriff hat mir sofort gefallen. Stammen tut er aus einem Interview der Neue Zürcher Zeitung mit Daniel Levin, Wirtschafts- und Politikberater bei der Liechtenstein Foundation for State Governance. Der antwortete auf die Frage, ob sich in Politik und Diplomatie nur noch Idioten tummeln: “Ich kenne keinen Bereich, indem Expertise so wenig gefragt ist wie in der Politik.

Auch die alten Ideologien, die Konzepte von Rechts und Links sind völlig veridiotisiert worden.”

Woran kann man das festmachen? Nehmen wir ein aktuelles Beispiel: Der Syrien-Angriff der Amerikaner, Briten und Franzosen. Die glorreichen Drei beschliessen Übernacht, einen souveränen Staat zu bombardieren. Warum? Offiziell gab es einen mutmaßlichen Giftgastangriff von Seiten Syriens. Existierten Beweise? Nein. Nur Aussagen. Von wem? Von Amerika, Großbritannien und Frankreich. Haben sich Wissenschaftler vor Ort informiert? Nein. Noch am Tag als die Inspektoren der internationalen Chemiewaffenorganisation aus den Haag zur Untersuchung in der Umgebung von Damaskus eintrafen, wurde zum Blitzangriff geblasen. Theresa ‘May-Day’ verzichtete in der Eile darauf, Erlaubnis vom britischen Parlament einzuholen.

Gab es für die drei Atommächte einen völkerrechtlichen Auftrag?

Eine Resolution der Vereinten Nationen? Nein. Irgendeine Legitimation? Nein. Fürchtete der Westen einen Angriff Syriens? Nein. Warum also fliegt der Dreierbund über Ländergrenzen hinweg und tötet Menschen in einem souveränen Staat, die wir nicht kennen? Konnten sie nicht wenigstens auf eine vernünftige Beweislage warten, bevor sie die Opferzahl noch einmal erhöhten?

Das ist nur ein Puzzleteil der Veridiotisierung

Medien und Fernsehen fragen daraufhin nicht, warum unsere Bündnispartner illegal ein souveränes Land bombardieren. Nein, sie fragen, warum ist Frau Merkel zu feige, mitzumachen? Man fühlt sich als Bürger gleich doppelt betrogen, möchte weder weiter Zeitungen lesen, noch Nachrichten hören. Vernehmen wir einen Aufschrei der Vereinten Nationen bei einer so groben Verletzung der VN-Charta? Leise. Ganz leise siecht sie dahin, die bürokratisierte Ohnmachtorganisation, hinein in ihre zunehmende Unwichtigkeit. Wir brauchen dringend neue internationale Organe. Organe, die die globalen Machtverhältnisse im 21. Jahrhundert widerspiegeln.

In der Welt der Zirkuskrieger gibt es keine Fragen.

Die Bevölkerung hingegen stellt viele Fragen - unentwegt.

Aber weil die Bevölkerung so zersplittert ist, fließt das Ensetzen über das Zerbröckeln unserer Weltordnung nicht in vielen Flüssen Richtung Sammelbecken Meer, sondern es fliesst ab, versickert in den tausend Bächen drumherum. Der Unmut verläuft sich. Versandet. Verschwimmt. Zuviele Einzelthemen, die unsere Aufmerksamkeit erfordern: Armut, Bildung, soziale Gerechtigkeit, alte Industrien und neue Technologien, Bankensterben, Russland und Türkei, Wissenschaft, Energieversorgung, Renten, europäische Jugendarbeitslosigkeit. Worüber nur im abgesteckten Rahmen gesprochen werden darf... da ergibt sich keine fruchtbare Diskussion.

Amerikas intellektuelle Stimme, Noam Chomsky, hat das vor Jahren in deutliche Worte gefaßt: “Die allgemeine Bevölkerung weiß nicht, was geschieht. Und sie weiß nicht einmal, dass sie es nicht weiß.”

Ein Thema, über das der deutsche Staatsbürger von Politik und Medien unterdurchschnittlich informiert wird, ist die Nato-Expansion.

Warum kreist die Nato -samt deutscher Truppen- seit Jahren Russland ein?

Das Land ist regelrecht umzingelt von Natostützpunkten und -basen. Gleichzeitig wird uns, den Bürgern suggeriert, dass es andersherum ist. Nein, der Russe steht nicht vor der Tür. Bisher standen immer nur wir Deutschen vor seiner Tür. Im letzten Angriffskrieg ermorderten wir mal eben zwanzig Millionen Russen. Die große Mehrheit der Deutschen lehnt es ab, wieder mit Gewehren an der russischen Grenze zu stehen, egal in welcher Uniform. Das zeigt jedes Umfrageergebnis. Was haben wir den Grenzen Russlands zu suchen? Diese Frage wird öffentlich nicht gestellt. Dazu müßte auch erst einmal die Information über Natostützpunkte und deren Aufgabe verbreitet werden. Das geschieht aber nicht.

Politik, Medien – was ist mit der Academia?

Auf der Suche nach einem guten Fortbildungskurs über die Veränderungen in der Welt stoße ich auf The Changing Global Order– einen 6wöchigen Onlinekurs, präsentiert von der renommierten Universität Leiden, der ältesten Universtität der Niederlande. Ich habe durch die Plattform Coursera viele kluge und kritische Lektoren in Yale oder am King’s College erlebt. Leiden war das Gegenteil. Hier wurde nicht gelehrt, das Thema wurde, sagen wir vorgetragen. Während eine Professorin immerhin die Reform-Schwierigkeiten im VN-Sicherheitsrat beleuchtete, war das Nato-Seminar bodenlos. Entsetzt hörte ich den Ausführungen zu, fragte mich, ob der Professor hauptamtlich Nato-Presseprecher ist. In dessen Ausführungen machte die Nato alles richtig. Es gab keine Kritik, nichts auszusetzen, alles super. Für eine akademische Einrichtung ein Armutszeugnis.

Von der Gründung bis heute scheint immer noch das Wort des ersten Nato-Generalsekretärs (1952-57), des Briten Hastings Ismay zu gelten: “...to keep the Russians out, the Germans down, the Americans in.”

In Yale, das behaupte ich aus eigener Erfahrung, wäre in der Diskussionsrunde wenigstens die Frage aufgetaucht: Weshalb gibt es die Nato noch?Warum wurde die nicht abgeschafft oder ersetzt durch etwas Neues? Nach dem Ende des Kommunismus und des Warschauer Pakts hatte das westliche Verteidigungsbündnis seinen Sinn erfüllt. 1990 gab es nichts mehr zu verteidigen. Wenn gewollt, hätte man einen Teil der Nato in die Verteidigungspolitik der wachsenden Europäischen Union einbetten können. Hat man aber nicht. Warum nicht? Will niemand wissen. Ist keine Thema.

Diese Fragen verschwinden nicht, nur weil die Elite nicht darüber sprechen möchte. Sie werden größer. Sie werden lauter.

In einer sich völlig verändernden Welt, mit neuen Koordinaten, spielen wir in Schwarz-Weiß-Manier das immer gleiche idiotische Spiel des Kalten Krieges, mit den immer gleichen Personen und Floskeln. Die meisten von ihnen sind bereits so alt, wie die Nato selbst. Von denen kommt keine Erneuerung, kein neues Denken. Erneuerung kommt vielleicht von den halb so alten Köpfen, die überall in den Startlöchern sitzen.

Die Nato taumelt seit 1990 herum, immer auf der Suche nach einem neuen Feind, einer neuen Strategie, um die eigene Berechtigung zu bestätigen – und siehe da – zwanzig Jahre später paßt der alte Feind wieder. Kurzerhand wird ein Mission Statement hervorgezaubert, welches aus dem “traditionellen Verteidigungsbündnis” einen “global cooperative security service provider” macht. Einen Dienstleistungsanbieter. Die Nato, ein globaler Sicherheitsdienstleister - hört sich freundlich an; wie eine Art Schlüsseldienst. Das ist es, was die Studenten hier lernen. Das ist es, was Politik und Medien kommunizieren. Deshalb hört niemand mehr zu.

Politik, Medien, Academia – keine Aufklärung, nirgendwo.

Bis vor kurzem stellte das Handelsblatt unter der Regie von Gabor Steingart eine Ausnahme dar. Sein Morning Briefing, eine Oase für den freien Geist, war für den Leser um sechs Uhr morgens ein Weckruf, er wurde zum Hinterfragen aufgerufen, zum selbstständigen Denken. Nach Steingarts Rauswurf hat sich das Blatt blitzschnell eingereiht in die Riege der Mitläufer. Wirklich schade.

Dabei hatte sich beim Global Business Strategy Day in Berlin, einem hauseigenen Event (Idee Steingart, ausgeführt ohne ihn), gezeigt, wie wichtig Weiterdenken, globales Denken, überhaupt Denken... ist.

Professor Rürup sprach auf der Veranstaltung von einem “Zeitbruch”, in dem wir uns befinden. “Wir erleben einen Zusammenbruch des Westens.” Linde-Chef Wolfgang Reitzle referierte über ‘Business in Europa’ in Zeiten der Unsicherheit. Er warnte davor, dass “wir in diesem Land ideologisch völlig verkehrt unterwegs sind”, “sich unsere Schulen nur noch nach den Schwächsten richten”, “dass eine neue Technologie bereits die Technologie überholt, die wir noch gar nicht haben.” Er forderte von der Politik “Talentförderung und ein Europäisches Programm für Künstliche Intelligenz.”

“Überregulierung setzt uns Schachmatt.” (Reitzle)

All das tangiert den Zirkuskrieger von heute nicht. Denn er setzt mit den Blöden auf die anderen Blöden. Gemeinsam machen sie Lärm, schaffen Chaos, setzen den Status quo außer Kraft. Der Zirkuskrieger hofft, dass er eines Morgens aufwacht, und ihm die Welt gehört. Veridiotisiert ist sie schon. Viel zu tun, gibt es nicht mehr.

Sibylle Barden ist Autorin. Ihr nächstes Buch, ein globaler Finanzthriller, erscheint im Winter 2018/19.