POLITIK
24/07/2018 17:03 CEST | Aktualisiert 25/07/2018 09:57 CEST

USA: Zieht Trump gegen den Iran in den Krieg? 4 Experten antworten

"Wenn die Eskalation in Syrien solch horrende Folgen hatte – stellen Sie sich vor, was uns blüht, sollte es einen Krieg im Iran geben."

Jonathan Ernst / Reuters
Donald Trump während einer Pressekonferenz im Mai, auf der er den Iran-Deal aufkündigte.

“Amerika sollte wissen, ein Krieg mit Iran ist die Mutter aller Kriege”, sagte der iranische Präsident Hassan Rohani am Sonntag an die USA gerichtet. “Mister Trump”, fügte Rohani hinzu, “spielen Sie nicht mit dem Schwanz des Löwen. Dies würde nur zu Bedauern führen.”

Sofort reagierte der US-Präsident auf die Provokation – mit einem nahezu komplett in Großbuchstaben gehaltenem Tweet: “Bedrohen Sie nie wieder die USA, oder Sie werden Konsequenzen erleben, die nur wenige in der Geschichte bisher erleben mussten.”

Am Dienstag wiederum schlug der iranische Außenminister Javad Zarif zurück. Er drohte Trump: “Wir sind unbeeindruckt. Schon vor einigen Monaten hat man noch harschere Drohungen von Ihnen gehört. (...) Seien Sie vorsichtig!” 

Es ist eine rhetorische Eskalationsspirale, die zu einem Zeitpunkt kommt, an dem die US-iranischen Beziehungen ohnehin an einem Tiefpunkt sind. Seitdem Donald Trump das Atomabkommen mit der Islamischen Republik im Mai aufgekündigt hat, verschärft sich der Konflikt zwischen den beiden Ländern. 

Nun drohen Sie sich offen mit Krieg. Doch wie wahrscheinlich ist es, dass es zu diesem kommt? 3 Experten geben in der HuffPost Antwort. 

Margret Johannsen, Expertin für den Nahen Osten am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik, Hamburg

“Präsident Trump ist unter Druck.

Aus dem US-Kongress wird ihm sowohl von demokratischer als auch von republikanischer Seite vorgeworfen, dem russischen Präsidenten Wladimir Putin bei dem Treffen in Helsinki auf den Leim gegangen zu sein und die Interessen der USA hintanzustellen. Der Droh-Tweet gegen den Iran ist in erster Linie ein Ablenkungsmanöver. 

Auch der Iran ist unter Druck.

Angesichts der Unzufriedenheit der Bevölkerung mit der Lage der Wirtschaft und der Aussicht auf harte neue US-Sanktionen nach dem einseitigen Rückzug der USA aus dem Iran-Abkommen von 2015 versuchen die untereinander zerstrittenen religiösen und politischen Eliten Irans die Reihen schließen. Hierzu dient die verbale Drohkulisse.

► Weder die USA noch Iran haben ein Interesse daran, dass der Krieg der Worte zu einem heißen Krieg eskaliert. 

Für die USA wäre eine umfassende militärische Konfrontation mit dem Iran viel kostspieliger als die US-Kriege gegen den Irak 1991 und 2003. Sie würde die Ressourcen der USA in politischer und militärischer Hinsicht auf Kosten der Sicherheitsinteressen Washingtons in den Beziehungen zu Russland und Nordkorea übermäßig beanspruchen. 

Im Falle eines massiven Einsatzes des US-Militärs, wie ihn Präsident Trump androht, hätte Iran keine Chance, dem militärisch etwas gleichwertiges entgegenzusetzen – zum Beispiel besitzt der Iran anders als bekanntlich die USA keine Atomwaffen.

Beiden, den USA und dem Iran, ist klar, dass eine weitere Eskalation das Risiko des Kontrollverlusts birgt. In diesem Krieg der Worte steigt die Unberechenbarkeit der Akteure, und Fehlwahrnehmungen über die Absichten der anderen Seite sind nicht auszuschließen.

Doch bisher hat es nicht den Anschein, als planten die USA oder Iran konkrete Maßnahmen, die die Schwelle zum heißen Krieg überschritten.”  

Adnan Tabatabai, Iran-Experte am Center for Applied Research in Partnership with the Orient, Bonn 

“Einerseits steht US-Präsident Donald Trump innenpolitisch unter anderem wegen seiner fragwürdigen Auftritte beim Nato-Gipfel und mit Russlands Präsident Putin in Helsinki unter Druck. Es laufen überdies weiterhin FBI-Ermittlungen gegen ihn.

Davon muss er mit brachialer Rhetorik nach außen ablenken – meistens trifft es den Iran. Zudem haben sein Nationaler Sicherheitsberater John Bolton und sein Außenminister Mike Pompeo einen nicht zu bändigenden Anti-Iran-Eifer. Ausbrüche dieses Eifers werden wir in der kommenden Zeit immer wieder erleben. 

► Im Iran hat der Bruch und letztlich Ausstieg der USA aus dem Nuklearabkommen derweil die seit jeher feindliche Haltung gegenüber Washington nochmal befeuert.

Zudem empfinden die Regierenden in Teheran, dass sie auf Drohungen aus Amerika mit ebenso harter Rhetorik antworten müssen. Das schweißt innenpolitisch zusammen in Zeiten schwerer Krisen, die das Land zu bewältigen hat. 

Wenn die Eskalation in Syrien solch horrende Folgen hatte, stellen Sie sich vor, was uns blüht, sollte es einen Krieg in Iran geben. Ich sehe keine Anzeichen, dass das in Teheran irgendjemand will. Auch Donald Trump ist nicht dafür bekannt, Kriege lostreten zu wollen. Bei John Bolton und Mike Pompeo bin ich mir indes nicht so sicher.”

Michael Knights, The Washington Institute for Near East Policy

“Die Trump-Regierung sieht in ihrem Konfrontationskurs gegen den Iran die Möglichkeit, die iranische Regierung zu schwächen, indem sie die Wirtschaft und Währung des Landes zum Absturz bringt. 

Das ist ein Angriff auf die Halsschlagader des Irans. Was wir nicht wissen ist, wie lange dieser Kurs beibehalten werden wird. 

Das iranische Regime versucht derweil, die Trump-Regierung international weiter zu isolieren und für sich Sympathien zu sammeln. Sie bemüht sich um Allianzen mir Russland und China, die den Iran vor militärischem und wirtschaftlichem Druck schützen sollen. 

Der Iran will zudem durch Geheimdienst-Aktivitäten auch den Westen unter Druck setzen – etwa durch Cyber-Attacken auf saudische Energieeinrichtungen, die Bedrohung der wichtigen Öl-Straße von Hormuz oder Attacken auf israelische und US-amerikanische Truppen in der Region durch verbündete Milizen.” 

Josef Braml, Experte für US-Politik bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik e.V, Berlin

“Die USA könnten nachdem sie nun den Nukleardeal mit dem Iran aufgekündigt haben, alsbald weitere Konsequenzen folgen lassen.

Sollten Trump und seine Sicherheitsberater, darunter Hardliner wie John Bolton, zu der Einschätzung kommen, dass der Iran Atombomben baut, werden sie schnell reagieren und Präventivschläge gegen den Iran durchführen.

Damit wollen Trump und seine Berater nicht nur Irans Nuklearoption verhindern und Regionalmacht-Ambitionen begegnen, sondern auch China einen Strich durch seine geopolitische Rechnung machen. Militärschläge würden Instabilität fördern in einer Region, die weit weg von den USA ist. Ein Krieg würde es dem Rivalen China erschweren, dringend benötigte Rohstoffe aus dieser Region zu beziehen und weiteren Einfluss zu gewinnen.

► China wäre umso mehr auf russisches Öl und Gas angewiesen, das Russland wegen der Instabilität im Nahen und Mittleren Osten dann auch noch zu höheren Preisen verkaufen könnte.

Deshalb würde Russland außer verbalen Protesten wenig dagegen einwenden: Weil die Machthaber in Moskau dringend auf höhere Energiepreise angewiesen sind, um Russlands von Öl- und Gasexporten abhängige Wirtschaft und damit das politische System zu stabilisieren.

Der mit Militärschlägen verursachte Preis-Effekt würde auch von US-Schiefergas-Produzenten begrüßt, die wegen hoher Produktionskosten und drückender Finanzierungslasten bereits in ihrer Existenz bedroht sind. Merklich höhere Ölpreise würden zwar einerseits viele amerikanische Konsumenten belasten. Doch bewahren sie andererseits die heimische Energieindustrie vor Konkursen und deren unmittelbaren und gravierenden Auswirkungen auf das amerikanische Finanz- und Wirtschaftssystem.

Der amtierende US-Präsident hat schließlich noch einen weiteren innenpolitischen Grund für ein militärisches Vorgehen: die anstehenden Kongresswahlen im November.

► Im Fall gezielter Luftschläge gegen den Iran kann er mit dem “rally around the flag“-Effekt rechnen – also damit, dass sich im Krisenfall seine Landsleute auch bei Wahlen patriotisch hinter ihrem Präsidenten und Oberbefehlshaber stellen.

Das alternative Szenario wäre für Trump viel gefährlicher: Im Regelfall verlieren US-Präsidenten bei den ersten Zwischenwahlen. Sollten die Mehrheiten beider Kammern des Kongresses an die Demokraten gehen und Sonderermittler Mueller Belastendes gegen ihn ans Tageslicht bringen, müsste Trump mit einem Amtsenthebungsverfahren rechnen.”

Josef Braml ist Autor des Buches “Trumps Amerika – Auf Kosten der Freiheit”. Aktuelle Analysen veröffentlicht er auch über seinen Blog “usaexperte.com”.

(ben)