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22/01/2018 12:55 CET | Aktualisiert 22/01/2018 12:57 CET

Wie Verwüstung mir geholfen hat, gegen meine Angststörung zu kämpfen

Es fühlt sich gut an, etwas zu zerbrechen, was nicht mehr zusammen gesetzt werden kann

lolostock via Getty Images
"Ich nehme meine Brechstange mit beiden Händen, greife fest zu und BAM."

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei Girlboss.

Ich nehme ein Einmachglas und schleudere es gegen die Wand vor mir.

Es zerfällt zu Staub – tausende kleine Fragmente von etwas, was mal zart und unversehrt war.

Der Klang des zerschmetternden Glases ist auf seltsame Weise befriedigend. Kurz und schmerzlos. Es fühlt sich gut an, etwas zu zerbrechen, was nicht mehr zusammen gesetzt werden kann. Ich mag diese Endgültigkeit.

Unbeschwert und Frei

“Rollin” von Limp Bizkit – der klassische, pump-up Metal-Song aus dem Jahr 2000 – plärrt im Hintergrund. Ich werde schneller. Ich schiebe meine Füße hin und her, wie es ein Boxer macht, bevor er zack-zack-Kinnhaken verteilt. Ich bin energiegeladen. Unbeschwert und frei.

Ich hab nicht mehr den vertrauten Zwang, mein Make-Up im Spiegel zu überprüfen, um zu sehen, ob es verlaufen ist. Es kümmert mich nicht, wie kraus mein gelocktes Haar in dieser feuchten Lagerhalle geworden ist.

Ich atme stark ein, das erste Mal seit langer Zeit. Der Schweiß unter meinen Handschuhen ist so dicht, als hätte ich meine Hand in ein Waschbecken voller Wasser getaucht.

Ich halte die Brechstange fest in meinen Händen

Ich nehme meine Brechstange mit beiden Händen, greife fest zu und BAM!

Ich schlage die erste Fensterscheibe in sechs Teile. Der Klang kommt in Sekundenschnelle und ist so durchdringend, dass meine Ohren anfangen zu klingeln.

Ich ziehe einen Handschuh aus und drücke die Hand gegen mein Ohr, um das Klingeln abzudämpfen. Das Echo klingt nach ungefähr 30 Sekunden ab. Ich mache keine Pause – ich ziehe den Handschuh wieder an, halte die Brechstange fest in meinen Händen und ziele mit verengten Augen und drohendem Blick die zweite Fensterscheibe an.

Das ist meine provisorische Therapie

Ich bin im “Anger Room” (eng. Wut-Raum) in Dallas. Ich habe 75 Dollar bezahlt, um 25 Minuten in einer feuchten, schmutzigen und zugestellten Lagerhalle Dinge zu zerstören.

Auf der ganzen Welt gibt es immer mehr Orte wie diesen.

Ich bin hier, weil ich denke, dass es von Vorteil sein könnte, meinem Kopf und meine Gedanke mal auszuschalten – beinahe wie eine provisorische Therapie für meine Angststörung.

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Ich weiß, ich sollte meine Zeit anders verbringen

Ich kann mich nicht wirklich erholen. Das konnte ich noch nie. Aber die Verführung, sich einzulullen und einen Serienmarathon zu starten oder gedankenlos auf Reddit zu surfen, ist für mich ziemlich groß.

Ich weiß, ich sollte meine Zeit mehr da draußen in der Welt verbringen – aktiv sein, Unternehmungen machen, statt zu Hause mit meinen Gedanken zu sitzen.

An einem heißen texanischen Abend gab ich dem “Anger Room” eine Chance – ich hatte einen schrecklichen Tag auf der Arbeit gehabt.

Ich möchte so großen Schaden wie möglich anrichten

Mit Hilfe der “Anger Room”-Rezeptionistin, Rosy, bereitete ich mich auf die gewaltige Zerstörung vor. Ich zog hellblaue Chirurgen-Stiefel an, einen schwarzen, medizinischen Mundschutz, wie ihn Zahnärzte tragen, eine Schutzbrille, einen schwarzen Helm und einen weißen, dünnen Schutzanzug.

Mir wurde eine ganze Wand voller Gegenstände gezeigt. Baseball- und Golfschläger, Beine einer Schaufensterpuppe, Brecheisen und andere Metallstangen zieren die Wand – meine auserwählten Waffen sind der leichte Aluminium-Baseballschläger und das Brecheisen.

Ich möchte einen möglichst großen Schaden anrichten. Ich gebe dem Angestellten, der auf mich aufpasst – ein etwa 1,90 Meter großer, 140 Kilo schwerer Mann – mein iPhone.

Ich bereite mich auf meinen nächsten Schlag vor

Er dreht meine “Anger Room”-Playlist so laut auf, wie es nur geht. Es ist eine Sammlung von Metal-Songs die ich noch von einer kurzen Angst-Phase in meiner iTunes-Bibliothek hatte – ich war 14, als ich sie erstellte. Das war meine leise Art der Rebellion als Teenager.

Nach dem ich meine Handschuhe ausgezogen habe, um meine schwitzigen Hände an meinen Beinen abzuwischen, bereite ich mich auf meinen nächsten Schlag vor. Ich bin bereit, weiter zu machen.

Ich habe schon zwei Fensterscheiben zerstört. Ich habe noch ungefähr eine halbe Stunde und die Glasgegenstände sind begrenzt – also schreite ich auf eine hölzerne Kommode zu.

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Ich bin stolz auf mich

Ich weiß, dass die Kommode eine Herausforderung für mich und meinen dürren Bizeps sein wird, darum habe ich sie bisher vermieden. Aber meine Muskeln sind jetzt locker und aufgewärmt.

Ich muss auf jede Stelle etwa dreimal einschlagen, bis das Holz endlich nachgibt. Die Oberfläche zerbricht und das Geräusch von zersplitterndem Holz ist sogar noch befriedigender als das von brechendem Glas.

Ich muss viel Kraft aufwenden, um es zu zerbrechen – und ich habe es geschafft. Ich bin stolz auf mich. Ich fühle mein Herz in meiner Brust schlagen.

Ich überprüfe meine Apple Watch und sehe, dass mein Puls auf 120 ist.

Die schlimmen Gedanken sind ständig da

Ich vergesse all die Sorgen, die mich den ganzen Tag geplagt haben. Ich habe jeden Tag andere belastende Gedanken. Sie sind immer da.

Warum wiege ich zwei Kilo mehr als sonst? Wann bekommen wir unser Hochzeitsvideo zurück? Sollte ich dem Videofilmer eine Email schreiben? Ist mein Vater sauer auf mich, weil ich seine letzten zwei Anrufe nicht angenommen habe?

Meine rechte Schulter fängt von den ganzen Schlägen auf die Kommode an zu schmerzen – aber ich ignoriere es und packe mein ganzes Gewicht auf den rechten Arm. Ich demoliere, zerstöre, vernichte für eine gefühlte Ewigkeit, während der Song “I’m Not Okay” von My Chemical Romance läuft. Die Ironie des Textes zieht nicht an mir vorbei.

Ich bin okay! Mir geht es jetzt gut. Aber du musst mir wirklich zuhören. Denn ich sage dir die Wahrheit. Ich meine es so, mir geht es gut! Vertrau’ mir. “I’m Not Okay” von My Chemical Romance

Ich beruhige meinen Kopf 

Aus dem Augenwinkel heraus finde ich mein nächstes Ziel: einen Fotokopierer.

Ich öffne den Deckel und zerschlage das Innere mit meiner Brechstange. Glas fliegt in alle Richtungen. Ein Splitter schlägt gegen meine Schutzbrille, ich erschrecke mich.

Nach einer kurzen Pause und einer leisen Danksagung an Rosy, weil sie mir diese Brille aufgezwungen hat, schlage ich weiter. Die Energie beruhigt meine ängstlichen Gedanken. 

Du verletzt nicht die Gefühle deiner Freundin, weil du nicht zu ihrem Junggesellinnenabschied kommen kannst, sage ich zu mir. Sie hat es dir kurz vor knapp mitgeteilt. Du musst nur den richtigen Weg finden, ihr abzusagen.

Ich habe ständig Angst

Meine Angst ist anhaltend und lauert mir ständig auf. Sie ist immer da, in jeglicher Facette meines Lebens. Ich habe Angst, während ich arbeite, zum Beispiel. Ich zehre an Perfektionismus, Organisation und Ordnung und wenn mal etwas nicht perfekt ist, muss ich für Stunden darüber nachdenken.

Ist es ein schlechtes Zeichen, dass mein Redakteur meinen Artikel noch nicht zurückgeschickt hat? Sollte ich heute Abend noch ein paar Zeilen mehr  schreiben?

Ich muss mich regelmäßig daran erinnern, dass diese Gedanken irrational sind. Ich schlage noch ein paar mal auf den Kopierer ein.

Du bist gut in deinem Job und du solltest dir nicht immer darum Sorgen machen, ob du perfekt bist, sage ich mir.

Mit mir ist nicht zu spaßen

Ich trage selten geschlossene Schuhe, da ich eine Fußverletzung habe – nach 25 Minuten pulsiert mein rechter Fuß ungemein. Ich weiß, dass ich heute Abend ein Fußbad nehmen muss.

Das Lied “Happy?” von der Band Mudvayne fängt an. Obwohl der Songtext sehr melodramatisch ist, passt er perfekt zu meiner Stimmung.

In diesem Loch, das bin ich. Zurückgelassen mit einem erschöpften Herz. Was ist meine Befreiung, was lässt mich frei sein? “Happy?” von Mudvayne

Während ich dabei bin, zu einem intensiven, befreienden Schlag auszuholen, hört die Musik plötzlich auf zu spielen.

“Die Zeit ist rum!”, sagt mein Aufpasser. Ich gebe meine Waffen ab, entferne meinen Mundschutz und wische den Schweiß von meiner Oberlippe. Ich atme für einige Momente tief ein und aus. Sie wissen jetzt, dass mit mir nicht zu spaßen ist.

Der Schmerz wird noch ein paar Tage anhalten

Nach 25 Minuten purer Zerstörung bekomme ich einen roten Filzstift und soll auf eine Zementwand schreiben. Die Wand ist schon mit tausenden Schriftzügen übersät – der Großteil davon ist zu vulgär, um es hier zu veröffentlichen.

Ich schreibe etwas ähnlich Unangebrachtes und gehe nach draußen – mit dem Gefühl, als hätte ich ein extremes Cardio-Workout hinter mir. Ich ziehe meinen rechten Schuh aus, außerstande mit diesem Schmerz fertig zu werden.

Es piept immer noch in meinen Ohren und meine Schulter schmerzt – beides wird vermutlich noch ein paar Tage anhalten. Vielleicht habe ich mich doch ein bisschen zu sehr reingesteigert.

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Ich bin entspannt und gesprächig

Mein Ehemann begleitet mich danach zum Falafel essen – und anstatt mich in meinen angsterfüllten Gedanken, die ich ja sonst eigentlich immer habe, zu verlieren, bin ich entspannt und gesprächig.

Ich bestelle eine Extra-Portion Pommes ohne meine typische Prozedur – nachzählen, wie viele Kalorien sie haben. Ich sorge mich nicht um die SMS, Anrufe und Emails, die ich noch beantworten muss.

Meine Angststörung wird durch Untätigkeit gefüttert. Ich bin am nervösesten, wenn ich an meinem Schreibtisch sitze, während eines unproduktiven Nachmittags auf der Arbeit oder wenn ich an einem regnerischen Wochenende gedankenlos eine Folge der Serie “Curb Your Enthusiasm” nach der anderen angucke.

Ich habe eine Lösung für mich gefunden – vorerst

Aktiv zu sein, ist eine Lösung – zumindest vorerst. Ich habe mir selbst versprochen, dass ich öfter meine Gedanken abschalten werde.

Ich gehe nach Hause, lasse meine Füße in ein Salzbad sinken und schone meine rechte Schulter. 

Ich könnte das definitiv mal wiederholen, denke ich. Ich mag es, Dinge zu zerstören.

Dieser Text erschien zuerst bei Girlboss und wurde von Martina Zink übersetzt und angepasst.

 (amr)