POLITIK
12/07/2018 17:01 CEST | Aktualisiert 13/07/2018 11:23 CEST

"Zeit" fragt, ob man Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken lassen sollte

Politiker und Journalisten reagierten mit Wut.

ZEIT
Der Artikel der "Zeit", der so viel Kritik auf sich zog. 
  • Die Wochenzeitung “Die Zeit” hat in ihrer aktuellen Ausgabe einen Pro- und Contra-Artikel zur Seenotrettung von Migranten im Mittelmeer veröffentlicht. 
  • Politiker und Journalisten kritisieren den Text. 

Es ist eine Frage, die heftige Reaktionen auslöste.

► Private Helfer auf dem Mittelmeer retten Migranten aus Seenot. “Ist das legitim” oder “soll man es lassen?”

So überschreibt die renommierte Wochenzeitung “Die Zeit” ihren Aufmacher für den Politikteil der aktuellen Ausgabe. Was dann folgt, sind zwei Beträge von “Zeit”-Autoren, die sich einmal für die Arbeit der Seenotretter und einmal gegen sie aussprechen. 

Die Frage beschäftigt derzeit viele Menschen – denn die Lage auf dem Mittelmeer ist angespannt. Italien sperrt seine Häfen für die NGOs, die mit ihren Schiffen Migranten retten, die in Seenot geraten sind. Die maltesische Justiz hat das Schiff “Lifeline” eines deutschen Vereins beschlagnahmt und den Kapitän angeklagt. Die europäische Politik bereitet derweil die Abschottung des Kontinents vor. 

Es gibt in der Debatte zwei Seiten: Diejenigen, die den Einsatz der Retter loben und diejenigen, die ihn kritisieren. Das versucht der “Zeit”-Artikel abzubilden.

► In den sozialen Medien aber löste der Beitrag zunächst keine Debatte aus – sondern vernichtende Kritik. Auch aus der Politik.

Ralf Stegner zur Seenotrettung: “Alles anderenorts Barbarei”

► SPD-Politiker Ralf Stegner twitterte:

“Beängstigender Titel der ZEIT. Als ob es wirklich eine offene Frage wäre, Seenotrettung ja oder nein. Seenotrettung ist humanitäre Pflicht. Alles anderenorts Barbarei!”

► Grünen-Mann Konstantin von Notz schrieb auf dem Kurznachrichtendienst: 

DIE ZEIT - wo es zu der Frage Männer, Frauen und Kinder aus Seenot zu retten, Pro und Contra Artikel gibt......  

“Zeit”-Autorin wird in Debatte verwickelt

Es ist vor allem die Überschrift, die Kritik auf sich zieht.

► “Spiegel”-Kolumnistin Margarete Stokowski erinnerte auf Twitter an einen “Bild”-Artikel mit einer ähnlichen Fragestellung und schrieb dazu: Da habe sie gedacht, “ok es ist schlimm, aber die Bild ist ein hetzender Haufen Aasgeier, ich bin nicht überrascht (sic)”. 

Um dann hinzuzufügen: “aber heute macht die ZEIT einfach DASSELBE. Was für ein kalter, verdorbener Wahnsinn ist das”.

► Auch ARD-Reporter Gabor Halasz schreibt: “Dass diese Frage überhaupt gestellt wird, zeigt, wie weit der Rechtsruck auch in Redaktionen geht.”

► “T-Online”-Reporter Jonas Schaible lieferte sich auf Twitter eine Diskussion mit “Zeit”-Korrespondentin Mariam Lau, die den Contra-Artikel verfasst hatte. Schaible schrieb: 

Selbst wenn jedes Wort stimmte, das sie schreibt, beantwortet sie die (ja, moralische) Kernfrage nicht, wie viele Menschen man in der Zwischenzeit ertrinken lassen soll, bevor Staaten das Retten (vielleicht) übernehmen. 

► Lau antwortete: “Das stimmt. Ich hoffe auf Verträge mit afrikanischen Regierungen nach dem Vorbild USA-Kuba (...). Bis dahin muss Frontex retten und an die Startküste zurückbringen.”

► Der Leiter des Politikressorts der “Zeit”, Bernd Ulrich, verteidigte die Herangehensweise der Zeitung nach einer Frage des SPD-Politikers Christopher Lauer auf Twitter. 

“Natürlich gab es Diskussionen. Man kann der Meinung sein, dass es zur pol(itischen) Legitimität der Seenotrettung keine zwei Meinungen geben kann. Es gibt sie aber. Darum stehen sie im Blatt.”

► Satiriker Shahak Shapira zeigte seine Version einer Pro- und Contra-Auseinandersetzung. Auf Twitter zeigte er eine Liste zur Frage “Menschen im Mittelmeer ertrinken lassen?”

Auf beiden Seiten steht für ihn: “Sie sterben”. 

(ben)