POLITIK
12/09/2018 16:48 CEST | Aktualisiert 12/09/2018 17:42 CEST

Hunderttausende Flüchtlinge finden keine Wohnung: Was den Menschen hilft

Auf den Punkt.

Axel Schmidt / Reuters
Fadhumo Musa Afrah aus Somalia in ihrer Wohnung mit Refugion in Berlin

Wer wenig Geld hat, tut sich in Deutschland teils extrem schwer, eine Wohnung zu finden. Wer einen ausländischen Namen hat, auch. Zehntausende, vielleicht sogar Hunderttausende Flüchtlinge trifft das besonders hart. 

Um ihnen zu helfen, haben sich verschiedene Städte und Initiativen etwas einfallen lassen. Die Lage auf den Punkt gebracht. 

Wann Flüchtlinge eine eigene Wohnung brauchen:

ARMIN WEIGEL via Getty Images
Ein Dreibettzimmer in einem Wohncontainer in Deggendorf, Bayern, 2014

Wohnverpflichtung: Nach dem Asylgesetz können Flüchtlinge in der Regel für höchstens sechs Monate verpflichtet werden, in der von den Behörden zugewiesenen Aufnahmeeinrichtung zu wohnen. Für die zentralen Erstaufnahmeeinrichtungen sind die Länder zuständig. In der Regel wird in der Zeit dort der Asylantrag gestellt.

Wer den Antrag gestellt hat oder schon sechs Monate in der Aufnahmeeinrichtung war, soll laut Gesetz einer der Gemeinschaftsunterkünfte untergebracht werden, die von den Kommunen verwaltet werden. Menschen aus sicheren Herkunftsländern sollen nicht in die Gemeinschaftsunterkünfte umziehen.

Freie Wahl der Wohnung: Wer als Aslyberechtigter anerkannt wird, darf in eine eigene Wohnung ziehen. Reicht das eigene Geld nicht, bekommt der Flüchtling Hartz IV und Geld für die Miete.

Es gibt auch Ausnahmen, in denen Flüchtlinge auch früher schon ausziehen dürfen, zum Beispiel, wenn sie nicht auf die Hilfe des deutschen Staates angewiesen sind.

Abertausende Menschen ohne diese Wohnverpflichtung bleiben dennoch in den Einrichtungen – weil sie einfach keine Wohnung finden. Im Behördendeutsch ist dann die Rede von “Fehlbelegern”. Ein Wort, das Bernd Mesovic von Pro Asyl nicht leiden kann. “Es suggeriert, dass die Menschen eine Chance hätten, woanders unterzukommen, doch das ist oft nicht der Fall”, sagt er der HuffPost. 

Wie viele Flüchtlinge von der Wohnungsnot betroffen sind:

► Es gibt keine sicheren aktuellen bundesweiten Zahlen, wie viele Flüchtlinge auf Wohnungssuche in den öffentlichen Unterkünften festsitzen. Manche Bundesländer erheben aktuelle Daten, andere wie Nordrhein-Westfalen verweisen auf die Kommunen.

► Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) schätzt, dass 2016 etwa 440.000 Flüchtlinge eine eigene Wohnung gebraucht hätten – gegenüber 420.000 anderen Menschen in Deutschland. Für 2018 rechnet die BAGW laut “Süddeutscher Zeitung” mit 686.000 wohnungslosen Flüchtlingen und 520.000 weiteren Menschen.

► Auf Anfrage der HuffPost teilte Hamburg mit, dass derzeit knapp 15.600 Flüchtlinge keine Wohnung fänden, Bayern meldet aktuell 27.300 Fehlbeleger, Baden-Württemberg nur 4500. Berlin entlässt die Flüchtlinge schon nach drei Monaten aus der Wohnverpflichtung, dort könnten 19.000 Menschen in eigene Wohnungen ziehen, wenn sie denn welche fänden. Das Amt würde auch für die Kosten aufkommen.

► Die BAGW schätzt laut “SZ”, dass sich die Lage wegen wegfallender Sozialwohnungen verschärfen werde. Andere kommen zu einer anderen Einschätzung. Hamburg etwa rechnet mit einer “spürbaren Entspannung” ab Mitte oder Ende 2019 weil nur wenig neue Flüchtlinge kämen und viele Wohnungen gebaut würden.

Wie lange suchen Flüchtlinge nach einer Wohnung:

In Berlin, so teilt die Verwaltung der HuffPost mit, dauerte es – Stand August – 22 Wochen, bis die Flüchtlinge eine eigene Wohnung gefunden haben.

Warum die Fehlbelegung so schwierig für Flüchtlinge ist:

► Kosten: Das Wohnen in der teils wenig komfortablen Gemeinschaftsunterkunft kann teuer werden. Denn wenn die anerkannten Flüchtlinge finanziell für sich selbst sorgen können, müssen sie die Miete – Beamten legen Wert auf das Wort Gebühr – für die Unterkunft selbst zahlen, Stichwort Fehlbelegungsabgabe.

Das Preis-Leistungsverhältnis etwa in Bayern war teils so abstrus überzogen, dass der Bayerische Verwaltungsgerichtshof dem im Mai einen Riegel vorgeschoben hat.

Privatsphäre: Mit wie vielen Menschen sich die Flüchtlinge in den Gemeinschaftsunterkünften ein Zimmer teilen müssen, ist unterschiedlich. Aber man kann sich vorstellen, welchen Stress das Leben unter Jugendherbergsbedingungen auf Dauer bedeutet.

Mesovic verweist darauf, dass in manchen Unterkünften Security-Mitarbeiter regelrechten “Terror” veranstalteten, etwa durch häufige nächtliche Kontrollen.

Für bereits psychisch durch Krieg und Flucht belastete Menschen sei das “verheerend”.

► Integration: In den Unterkünften bekommen die Flüchtlinge nur wenig Kontakt zu Einheimischen – fatal für die Integration. “Die häufigste Reaktion ist Motivationsverlust”, sagt Mesovic.

Warum sich Flüchtlinge so schwer tun, eine Wohnung zu finden:

► Allgemeine Wohnungsnot: Billige Wohnungen und Sozialwohnungen sind überall knapp in Deutschland, für Einheimische wie Flüchtlinge. Laut Mesovic sind inzwischen nicht mehr nur Ballungsräume betroffen, sondern auch mittelgroße Städte.

Diskriminierung: Menschen mit ausländisch klingenden Namen haben schlechte Karte bei der Wohnungssuche. 70 Prozent von ihnen fühlen sich dabei diskriminiert.

Papierkram: Viele Vermieter verlangen Bonitätsauskünfte von ihren künftigen Mietern, etwa von der Schufa. Mesovic verweist darauf, dass Flüchtlinge die Papiere oft nicht vorlegen könnten. Wie auch, sie sind ja erst angekommen.

Job: Mesovic verweist darauf, dass viele Flüchtlinge auch Jobs mit Schichtdienst arbeiteten, Jobs mit ungünstigen Arbeitszeiten. Damit sie ihren Dienst antreten könnten, müssten sie in der Großstadt bleiben, denn mit öffentlichen Verkehrsmitteln sei das Pendeln aus dem Umland nachts teils unmöglich, das Geld für ein eigenes Auto fehle. “So nehmen die Menschen lieber jede Butze in der Stadt als eine Wohnung draußen”, sagt Mesovic.

WGs für Flüchtlinge in München und Berlin:

In München hat der Verein “Münchner Freiwillige” das Problem angepackt: 

► Der Verein hat in zwei Jahren etwa 40 Wohnungen von Vermietern an Mieter in schwierigen Verhältnissen vermittelt.

► Und er hat selbst 20 Wohnungen gemietet, die er wiederum an 100 Mieter untervermietet, die dort in WGs leben. Es sind Menschen, die auf dem irren Mietmarkt der bayerischen Landeshauptstadt sonst keine Chance hätten: Flüchtlinge, Alleinerziehende und viele andere.

“Es gibt auch in München einen Haufen Wohnungen am Markt”, sagt Mischa Kunz von den Freiwilligen. Er ist seit 20 Jahren Immobilienmakler und kennt sich dementsprechend aus. “Wir müssen den Vermietern klar machen, dass sie wesentlich weniger Risiko tragen, wenn sie an uns als Verein vermieten als an einen normalen Münchner Bürger.”

In seinem Job habe er gelernt, dass es in Wohnungen mit weniger privilegierten Mietern auch nicht mehr Probleme gebe als in Luxus-Anlagen. Nur eben andere Themen, andere Empfindlichkeiten. 

► Es geht darum, den Vermietern die Angst zu nehmen. Schließlich sind längst nicht alle die viel kritisierten Immobilienhaie, sondern ganz normale Leute, Senioren vielleicht, für die die Wohnung die Kapitalanlage ihres Lebens ist, ihre eigene Sicherheit.

Das Konzept des Vereins braucht mehr Know-How als es auf den ersten Blick scheint. Der Verein muss die etwa 90.000 Euro für die Kautionen durch Spenden aufbringen, weil er dafür bei den Vermietern geradesteht. Der Verein verlangt zwar auch von den Untermietern Kaution, muss die aber aus juristischen Gründen getrennt anlegen.

► Die Nachfrage nach Plätzen in den WGs ist riesig. “Wir bekommen im Vergleich zu den Plätzen sicher ein Zehnfaches an Bewerbern”, sagt Kunz.

Einen ganz ähnlichen Ansatz verfolgt Refugio in Berlin. Auch dort wohnen Geflüchtete mit anderen zusammen in WGs. 

 

Mietführerschein in Augsburg:

Eine Autostunde von München entfernt, in Augsburg, betreiben eine gemeinnützige GmbH und das Diakonische Werk das “Wohnprojekt Augsburg”. 

Die Idee: den Flüchtlingen alles beibringen, was sie für die Wohnungssuche wissen müssen und sie dabei begleiten. 

In sogenannten Mietbefähigungskursen lernen die Neu-Augsburger, was sich hinter Kürzeln wie “2ZKB” in den Annoncen verbirgt, was es mit den Nebenkosten auf sich hat, wie eine Wohnungsbewerbung aussehen sollte, wie viel eine Wohnung kosten darf, wenn das Amt sie zahlt.

Ähnliche Angebote gibt es überall in Deutschland, so bietet zum Beispiel die Caritas in Berlin den Menschen Beratung und Begleitung an.

Auf den Punkt gebracht:

Fast überall gibt es Beratungsangebote für Flüchtlinge, die die Chance auf eine eigene Wohnung steigern sollen. Aber wo die preiswerten Wohnungen so knapp sind, wird auch das nur wenig helfen. 

Das Thema zeigt, wie eng Sozial- und Migrationspolitik zusammenhängen. Und damit, wie dringend Deutschland ein größeres Konzept braucht statt parteipolitischer Streitereien. 

 

(lp)