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12/09/2018 10:33 CEST | Aktualisiert 12/09/2018 15:46 CEST

"Arm trotz Arbeit": So kommentiert eine Hartz-IV-Empfängerin die ZDF-Sendung

"Diese Menschen werden vom Staat im Stich gelassen."

Im Video oben: Faktencheck – wie sozial gerecht ist Hartz IV?

Vier Jobs. Trotzdem kommen Manuela und ihr Mann Tahsin und die zwei Kinder finanziell gerade so über die Runden. “Für das, dass wir so viele Arbeitsstellen haben – für das sind wir arm”, klagt Manuela.

Sie ist eine der Protagonisten der ZDF-“37 Grad”-Dokumentation “Arm trotz Arbeit”. Die Sendung porträtiert Menschen, die sich mit lediglich einer Vollzeitstelle in Deutschland kein normales Leben mehr leisten können:

ZDF
Familienvater Tahsin ist verzweifelt. Trotz 70 Stunden Arbeit pro Woche reicht das Geld kaum.

 

► Da sind neben Manuela und Tahsin, die in gemeinsam vier Arbeitsstellen nur etwa 2000 Euro netto verdienen, auch ...

... Sabine, eine alleinerziehende Multi-Jobberin, und ...

... Monika. Sie ist fast 60 Jahre alt und arbeitet sogar in fünf Jobs.

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Obwohl sie alle in Deutschland, einer der reichsten Industrienationen der Welt, leben, können sie ihren Alltag nur mithilfe einer winzigen Vollzeittätigkeit nicht mehr finanzieren.

Die prekären Verdienstmöglichkeiten im Niedriglohnsektor unterscheiden sich kaum noch von sozialen Leistungen, wie sie Langzeitarbeitslose erhalten. 

So würden Manuela, Tahsin und ihre beiden Kinder monatlich 1210 Euro Hartz-IV-Unterstützung erhalten plus Mietkosten. 

Ich habe “Arm trotz Arbeit” mit einer Hartz-IV-Empfängerin geschaut

Um herauszufinden, welches Spannungsverhältnis zwischen Geringverdienern und Hartz-IV-Empfängern durch solche Missstände entsteht, habe ich meine Mutter, die seit etwa fünf Jahren arbeitslos ist, gebeten, sich “Arm trotz Arbeit” anzusehen. Hinterher habe ich mit ihr über Multijobber, Mindestlohn und Arbeitslosengeld gesprochen.

Elzbieta Kremplewski
Elżbieta Kremplewski ist Hartz-IV-Empfängerin.

Im Jahr 2017 wurden in Deutschland laut Bundesagentur für Arbeit 3,26 Millionen Mehrfachbeschäftigte registriert – im Jahr zuvor waren es noch 3,16 Millionen. Eine davon ist Monika.

Monika hat trotz mehrfacher Qualifikationen kaum Aussicht auf eine Vollzeitstelle: Die gelernte Hauswirtschaftsleiterin hat einige Jahre lang stellvertretend eine Großküche geführt, bis sie Hausfrau und Mutter wurde. Danach hat sie im Unternehmen ihres Ehemannes ausgeholfen, sogar mit 40 Jahren noch eine Ausbildung zur Industriekauffrau gemacht: “Ich muss sagen, das war die schönste Zeit meines Lebens, weil ich wieder etwas lernen durfte”, sagt Monika in der Doku.

“Ich habe gedacht, die Welt wartet auf mich”

Als Monika sich von ihrem Mann scheiden ließ, war sie guter Hoffnung: “Nach der Trennung habe ich gedacht, Hamburg wartet auf mich, die Welt wartet auf mich – aber die Welt hat einfach nicht auf mich gewartet.”

Mittlerweile arbeitet sie in fünf verschiedenen Jobs – zum Beispiel als Verkäuferin für Kaffeemaschinen für zehn Euro pro Stunde plus Provision pro verkaufte Maschine. Zudem nimmt sie regelmäßig spontane Gelegenheitsjobs an, genauso wie ihr neuer Mann Horst.

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Horst hatte einst selbst ein mittelständisches Unternehmen aufgebaut, musste allerdings nach einigen schlechten Geschäftsjahren Privatinsolvenz anmelden. Genauso wie Monika fürchtet er sich davor, von seiner Rente nicht leben zu können: “Ich bin jetzt 63, wenn ich jetzt ohne weiter zu arbeiten in Rente ginge, ginge ich schnurstracks in die Altersarmut”, sagt er dem ZDF.

Mit Ende 50 eine Vollzeitstelle zu finden, ist schwer

Nun noch eine Vollzeitstelle zu finden ist nahezu unmöglich, auch Monika meint: “Bei mir ist einfach das Alter ein Problem.”

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Horst und Monika bei der Jobsuche. 

Ähnliches erlebte meine Mutter: “Die Situation von Monika und Horst erinnert mich an meine eigene. Auch ich musste Privatinsolvenz anmelden, auch ich fand mit 58 Jahren keine neue Vollzeitstelle mehr”, sagt sie mir im Telefongespräch.

Selbst das Arbeitsamt machte ihr keine Hoffnung auf eine neue Vollzeitstelle, deswegen arbeitet sie nun auf 450-Euro-Basis in einem Supermarkt und lebt außerdem von Hartz IV.

Dass Monika sich weigert, soziale Leistungen zu beziehen (“Zum Amt zu gehen, ist wirklich die letzte Option”, sagt sie in der ZDF-Doku), findet meine Mutter bewundernswert. “Ich sähe mich physisch nicht mehr in der Lage, in fünf Jobs zu arbeiten, wie Monika es tut”, sagt sie. Zudem verfüge sie über deutlich weniger Qualifikationen als Monika und spreche als gebürtige Polin nicht fehlerfrei Deutsch, was für viele Stellen ein Ausschlusskriterium bedeutet. 

Immerhin: Horst kann sich nach der andauernden Job-Suche am Ende der Sendung freuen: Er ergattert einen viermonatigen Vertrag als Gästebetreuer auf einem Flusskreuzfahrtschiff in Hamburg. “Man bietet sich ja letztendlich an wie Sauerbier – und wenn dann mal eine positive Rückmeldung kommt, ist das natürlich toll”, sagt Horst. 

Vier Jobs, um die vierköpfige Familie zu ernähren

Familienvater Tahsin hat im Gegensatz zu Horst zwei regelmäßige Arbeitsstellen, damit wird sein Leben allerdings nicht leichter: Der 42-jährige gelernte Facharbeiter für Metalltechnik arbeitet etwa 70 Stunden wöchentlich, als Gabelstaplerfahrer in Vollzeit und zusätzlich an sechs Abenden pro Woche als Pizzalieferant.

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An seinem einzigen freien Abend pro Woche passt er auf die Kinder auf – denn dann geht seine Frau Manuela putzen: “Eigentlich war ja geplant, dass ich ein Jahr daheim bleib, aber es geht halt finanziell nicht”, sagt sie in der Doku. 

Manuela und Tahsin kommen zwar über die Runden, “der Kühlschrank ist voll”, alles sei bezahlt. “Aber wir würden halt doch gerne mal in den Urlaub fahren.” Doch das sei nicht möglich, sagt Manuela.

Hartz IV zu bekommen, wäre noch schlimmer

“Ich habe Mitleid mit Tahsin, Manuela und ihren Kindern”, erklärt meine Mutter. “Aber sie kommen über die Runden, auch wenn es schwer ist. Das wichtigste ist, dass durch ihre Arbeit ihre Familie ernähren können.”

Meine Mutter ist überzeugt davon, dass es der Familie schlechter gehen würde, wäre sie von Zahlungen des Jobcenters abhängig. “So können sie vielleicht noch die ein oder andere Chance nutzen.”

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Mit zwei Stellen als Reinigungskraft verdient Manuela etwas für ihre Familie dazu.

Dass Manuela und Tahsin allerdings zusammen vier Jobs haben und ihnen regelmäßig nur 300 Euro pro Monat für Lebensmittel übrig bleiben, hält meine Mutter für skandalös: “Diese Menschen haben eine Lebensrealität akzeptiert, wie Politik und Wirtschaft sie geschaffen haben – dabei werden sie vom Staat im Stich gelassen. Obwohl es gut ist, dass sie soziale Ämter nicht ausnutzen, darf das nicht die Lebenssituation einer jungen Familie sein.”

Prekäre Beschäftigungsverhältnisse helfen auch Langzeitarbeitslosen nicht

Ich frage meine Mutter, wie sie sich als Hartz-IV-Empfängerin fühlt, solche Geschichten wie die von Monika und Horst oder Manuela und Tahsin zu sehen: “Die gezeigten Verhältnisse machen Langzeitarbeitslosen keine Hoffnung, jemals wieder Anschluss an den Arbeitsmarkt zu finden”, kritisiert sie. 

In Deutschland finden gerade einmal 16 von 1000 Langzeitarbeitslosen wieder einen Vollzeit-Job oder machen sich selbstständig. Gleichzeitig verfügt Deutschland mit 7,4 Millionen Beschäftigten über den größten Niedriglohnsektor Westeuropas, für 4,7, Millionen ist das die einzige Einnahmequelle. Zudem erhalten 1,2 Millionen der atypisch Beschäftigten zusätzlich Hartz IV. 

Das Wechselspiel zwischen Niedriglohnarbeit und Hartz IV ist eng – die Chance, beidem zu entfliehen, relativ gering. Die Folge ist, dass Hartz-IV-Empfänger wahrscheinlich weniger Motivation finden, wieder einen Job anzunehmen, wenn er nicht entsprechend entlohnt wird – während Arbeitnehmer im Niedriglohnsektor in ständiger Angst vor Armut und Langzeitarbeitslosigkeit leben, wie die Protagonisten von “Arm trotz Arbeit” zeigen.

Der Staat muss stärker eingreifen, um Missstände auszumerzen

“Um solche Menschen wie Monika und Horst sowie Manuela und Tahsin zu entlasten, müsste der Mindestlohn angehoben werden, damit sie sich bereits von einer einzigen Tätigkeit finanzieren können”, sagt meine Mutter. Auch würde es helfen, den steuerfreien Minijob-Satz von 450 Euro zu erhöhen.

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Gerade alleinerziehenden Müttern wie Sabina, die ebenfalls in der Sendung porträtiert wird und ihr Auskommen mithilfe einer Vollzeitstelle und einem Minijob sichert, könnte dies helfen, glaubt meine Mutter.

“Der Staat müsste sich stärker für solche Menschen einsetzen”, sagt sie. Dann wäre einer wesentlich größeren Gruppe geholfen – nicht nur den Geringverdienern, sondern auch den Langzeitarbeitslosen.

(mf)