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01/08/2018 08:25 CEST | Aktualisiert 01/08/2018 14:22 CEST

Hartz-IV-Show "Zahltag": Ex-Jobcenter-Mitarbeiterin ist entsetzt über Doku

"Mir tun die Teilnehmer leid - denn RTL hat hier gezielt Menschen in Not ausgenutzt."

RTL
Familie Metz braucht Hilfe mit ihrem neu gegründeten Secondhandshop.

“Das Drama geht weiter” – so begrüßt mich Inge Hannemann am Telefon, als ich sie kurz nach dem Staffel-Finale von “Zahltag”, der neuen RTL-Armutsshow, anrufe. Der ehemaligen Jobcenter-Mitarbeiterin ist die Sendung, in der Hartz-IV-Empfänger einen Geldkoffer mit bis zu 30.000 Euro geschenkt bekommen, wohl bekannt. 

Hannemann hat jahrelang bei unterschiedlichen Jobcentern gearbeitet. 2014 warf ihr das Jobcenter Hamburg-Altona vor, sie hätte sich geweigert, Sanktionen gegen Hartz-IV-Empfänger zu verhängen. Nach einem Rechtsstreit ist sie nun beim Integrationsamt tätig.

Die Summe entspricht dem gesamten Hartz-IV-Satz von einem Jahr. In möglichst kurzer Zeit sollen die teilnehmenden Familien Bergmann, Kemp und Metz ein eigenes Unternehmen gründen und so der Armut entfliehen.

Begleitet werden sie dabei von Ilka Bessin, die selbst drei Jahre lang Hartz IV bezog, Felix Thönnessen, einem Gründungsexperten, und Heinz Buschkowsky, dem ehemaligen Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln.

Schaffen es die Familien aus Hartz IV raus?

In der letzten Folge von “Zahltag” erfahren wir, ob die Familien den Weg von Hartz IV in die Selbstständigkeit geschafft haben. Im Fokus stehen dabei weder Businesspläne noch konkrete Tipps zur Existenzgründung, sondern vor allem emotionale Szenen mit Familienstreitigkeiten. Was das mit Hartz IV und dem Weg heraus zu tun haben soll, ist unklar.

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Familie Metz zum Beispiel zerstreitet sich zunehmend – wegen Geld, des drohenden Scheiterns ihres gerade erst eröffneten Secondhandshops und des ruinenhaften Hauses, aus dem sie ausziehen müssen. “Wir hatten so viel Geld gehabt, und jetzt haben wir gar nichts mehr”, sagt Familienvater René Metz. 

Hannemann meint dazu, es sei unverantwortlich, die Familien in solche Situationen hineinschlittern zu lassen: “Man hat sie einfach ins kalte Wasser laufen lassen.” Dabei hätte es Möglichkeiten gegeben, den Familien viel gezielter zu helfen.

Haben die Experten schon einmal mit Hartz-IV-Empfängern gearbeitet? 

“Es entsteht der Eindruck, die drei Experten hätten noch niemals mit Hartz-IV-Empfängern zusammengearbeitet”, sagt Hannemann. Sie selbst habe im Jobcenter tagtäglich mit Langzeitarbeitslosen zu tun gehabt und kenne genau die Probleme, mit denen sie auf dem Weg zurück in die Berufstätigkeit konfrontiert werden. 

RTL Inge hannemann
Das sagt eine ehemalige Jobcenter-Mitarbeiterin zur Armutsshow "Zahltag".

Wer lange Zeit nicht auf dem Arbeitsmarkt war, verliere den Bezug zu finanziellen Mitteln. Auch könne man nicht erwarten, dass in jedem Hartz-IV-Empfänger ein talentierter Unternehmer stecke, der eigenständig eine Firma aufbaut: “Ob Hartz-IV-Empfänger oder nicht – für so etwas muss man geboren sein.”

Selbstständigkeit nach Hartz IV sei grundsätzlich schwierig. Als Dozentin hat Hannemann deswegen selbst auch Existenzgründerseminare gegeben und im Rahmen derer erklärt, wie man einen Businessplan erstellt.

Hilfe für Hartz-IV-Empfänger “Ein Coaching wäre notwendig gewesen”

Die Expertin erläutert:

“Bei solchen visuellen Coachings, in denen Schwächen und Stärken der Menschen herausgearbeitet und Businesspläne erstellt werden, lernen die Teilnehmer, ob sie sich überhaupt für die Selbstständigkeit eignen. Meiner Erfahrung nach brechen 50 Prozent der Teilnehmer die Kurse ab, weil sie merken: Der Wunsch nach einem eigenen Unternehmen geht nicht auf. Und das ist dann auch die richtige Entscheidung.” 

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Hannemanns Meinung nach hätten die Teilnehmer von “Zahltag” so ein Coaching wahrscheinlich nicht geschafft, weil sie vermutlich bereits beim Businessplan oder bei der Liquiditätsberechnung aufgegeben hätten.

Ein Beispiel dafür ist die Familie Bergmann. Conny Bergmann ist alleinerziehende Mutter von fünf Kindern. Gemeinsam mit ihren beiden erwachsenen Söhnen versucht sie, einen Imbissstand aufzubauen. Offensichtlich klappt das nicht so reibungslos, wie die Familie anfangs dachte.

Als Pommes und Ketchup verkleidet in der Fußgängerzone

Der erste Standplatz wird den Bergmanns verwehrt – dann erst schreitet Gründerexperte Thönnemann zur Tat und organisiert einen neuen Standplatz auf einem Weihnachtsmarkt. Als auch dort die Kundschaft fehlt, stellt Thönnemann seine ausgefeilte Marketing-Idee vor: Die Söhne Bergmann sollen sich als Pommes und Ketchup verkleiden und so hungrige Kunden anlocken. 

Für Hannemann ist das ein vollkommen verkehrtes Vorgehen: “Es hätte als allererstes ein Businessplan erstellt werden müssen. Dazu gehört, die Branche und die Gegend auszukundschaften und sich eine Marketing-Strategie zu überlegen – das benötigt erst einmal zwei bis drei Monate Zeit.” 

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Familie Bergmann ist sich für nichts zu schade, wenn es um ihren Imbissstand geht.

Was Thönnemann der Familie rät, sei also nicht komplett falsch – der Ratschlag käme allerdings zu einem viel zu späten Zeitpunkt. Auch bringt der Imbissstand kein Alleinstellungsmerkmal mit: “Man kann doch nicht so eine Bude eröffnen und dann Ketchup-Tütchen verteilen. Da wäre es doch schlauer, eine besondere hausgemachte Soße anzubieten, die die Kundschaft nur dort erhält und die sie anzieht.”

“Wer keine Ahnung hat, stellt auch nicht die richtigen Fragen”

Über solche Aspekte hat sich Familie Bergmann offensichtlich keine Gedanken gemacht. “Wie denn auch?”, sagt Hannemann. “Wenn die Menschen keine Ahnung haben, was sie tun, können sie den Experten nicht einmal die richtigen Fragen stellen. Die Familien dachten wohl, die gründen ihre eigenen Unternehmen und dann laufen die. So einfach ist das leider nicht.”

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Hannemann empfiehlt denjenigen, die sich selbstständig machen wollen, erst einmal ein mindestens vierwöchiges, intensives Existenzgründungsseminar. Auch danach habe man noch die Möglichkeit, sich von einem Berufscoach begleiten zu lassen – zum Beispiel könne man beim Jobcenter versuchen, sich weitere 20 Stunden Coaching genehmigen zu lassen, um so die ersten Monate zu meistern.

Erst nach so einem Coaching würde es Sinn machen, Familien einen Koffer Geld hinzustellen, mithilfe dessen sie ihre Träume verwirklichen könnten. 

Auch müsse stärker über Risiken, zusätzliche Kosten, wie zum Beispiel Steuern, die man während der ersten Jahre der Selbstständigkeit zahlt und Umgang mit Rückschlägen aufgeklärt werden.

Mit Rückschlägen umgehen will gelernt sein

Thönnessen sagt in der Sendung zwar: “Rückschläge kommen” – und das stimmt laut Hannemann auch. Die Teilnehmer der Show scheinen über diese aber nicht im Bilde zu sein. Auch dem würde ein Coaching Abhilfe schaffen.

Familie Metz mit ihrem neuen Secondhandshop wird nun wahrscheinlich höher verschuldet sein als zuvor. Darüber wird in der Sendung kein Wort verloren – thematisiert wird allerdings, dass Familie Metz nun zusätzlich Wohngeld beantragt, um sich ihre Miete noch leisten zu können. Laut der Experten ist das schon ein Rückschlag.

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Hannemann ist das anderer Meinung. “Dass Familie Metz nun Wohngeld beantragt, finde ich nicht verwerflich – das ist streng genommen keine soziale Leistung. Sich Hilfe zu suchen ist nicht anrüchig”, sagt sie. Schließlich solle man auch nicht aus den Augen verlieren, dass 30.000 Euro für ein Jahr nicht viel Geld ist, um eine ganze Familie zu ernähren und gleichzeitig ein Unternehmen aufzuziehen.

Die Experten hätten aktiv werden müssen

Die ehemalige Jobcenter-Mitarbeiterin geht hart mit der Sendung ins Gericht. 

“Zahltag” hätte es ihrer Meinung nach gut getan, wenn die Experten regelmäßig bei den Familien vorbeigekommen wären und Bilanz gezogen hätten: Wie läuft es gerade? Was sind die Ausgaben? Was sind die Einnahmen? Ob das für ein unterhaltsames Sendeformat gereicht hätte, ist allerdings fraglich.

“Der Zuschauer reagiert auf Emotionen und ist natürlich erst einmal froh, nicht in der Situation zu stecken. Mir tun die Teilnehmer leid – denn RTL hat hier gezielt Menschen in Not ausgenutzt. Wer verzweifelt genug ist und sich für so ein Format bewirbt, will vor allem eines: Raus aus Hartz IV”, sagt Hannemann.

Konstruktiv waren die Experten dabei ihrer Ansicht nach nicht. 

Am Ende scheinen zwar alle Familien nicht mehr auf Leistungen des Jobcenters angewiesen zu sein – wie genau das nach all den Krisen funktioniert hat und welche Kosten die Familien noch erwarten, wird allerdings nicht erläutert.  

RTL ruft bereits zum erneuten Casting für eine weitere Staffel von “Zahltag” auf. Armut ist offensichtlich zu unterhaltsam, um solch ein Format einzustellen. 

(ll)