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29/08/2018 13:51 CEST | Aktualisiert 29/08/2018 19:49 CEST

YouTube bewirbt rechten Chemnitz-Hetzer – so redet das Unternehmen sich raus

Was sich auf der Video-Plattform abspielt, ist gruselig.

YouTube/Chris Ares/Screenshot/Reuters
Chris, eigentlich Christoph Zloch, glaubt, die Wahrheit zu kennen. 

Chris sitzt in seinem Auto und klärt die Deutschen auf. Über das, was angeblich gerade in Deutschland vor sich geht, das, was wirklich in Chemnitz passiert ist. 

“Ich muss versuchen, objektiv meine Meinung kundzutun”, sagt Chris. Dass der Satz in sich schon ein Widerspruch ist, scheint ihm nicht aufzufallen. Eine Meinung ist immer subjektiv. Aber die von Chris offensichtlich nicht. 

“Am liebsten würde ich brüllen und schreien”, sagt Chris mit aufgebrachter Stimme. Stattdessen gestikuliert er mit seinem fast vollständig tätowierten Arm in der Luft herum und fixiert mit durchdringenden blauen Augen die Kamera. 

Chris, eigentlich Christoph Zloch, ist ein Hetzer, Neonazi-Rapper und Führungsperson der BPD – des “Bündnis deutscher Patrioten”. Er ist 26 Jahre alt, wohnt in München, hat laut seinen eigenen Facebook-Angaben an der LMU München studiert. Im Internet nennt sich Zloch Chris Ares. Ares ist in der griechischen Mythologie der “Gott des schrecklichen Krieges”, der Kriegsgott. 

Genau so sieht sich Chris offensichtlich. Als einen Gott, der für die Deutschen in den Krieg zieht und gleichzeitig über ihnen steht. Als jemand, der den Menschen die Augen öffnet.

Exemplarisch steht er damit für die vielen rechten Hetzer, die sich gerade in Deutschland verbreiten. Nicht nur im Netz, mittlerweile auch auf öffentlichen Demonstrationen, als rechtsradikaler Mob, wie es diese Woche in Chemnitz passiert ist. 

Etwa 6000 Rechte und rund 1000 Gegendemonstranten versammelten sich laut Informationen der Polizei in der Innenstadt. Auslöser war eine tödliche Messerattacke auf einen 35-jährigen Deutschen. Gegen einen Iraker und einen Syrer wurde Haftbefehl erlassen. Rechtsextreme sehen die Tat deshalb als weiteres Beispiel für die angeblich weit verbreitete Brutalität und Grausamkeit von Migranten gegen Deutsche. 

YouTube macht Werbung für rechte Hetzer wie Chris

Chris ist nun einer von vielen Hetzern, der den rechten Hass weiter verbreitet. Mit seinem aktuellsten Hetz-Video auf YouTube hat er bisher fast 423.000 Menschen erreicht. 423.000 Menschen, die sich anhören, welche Fehlinformationen Chris, ein 26-jähriger Rechtsextremer, der Welt mitzuteilen hat. 

Am Dienstag war sein Video in ganz Deutschland auf Platz 1 der “trending videos” von YouTube. 

Damit bietet YouTube rechten Hetzern wie Chris nicht nur bereitwillig die bestmögliche Plattform, um ihre Inhalte weiterzuverbreiten – sie fördern mit ihrer trending-Liste auch noch derartige Inhalte. Sie machen unbewusst Werbung für rechte Hetzer. Und verdienen nebenbei auch noch daran – genauso wie Chris. Dabei steht in YouTubes Richtlinien sogar, sie würden keine Hassreden erlauben.

Auf Anfrage der HuffPost weicht YouTube aus. 

“Danke für den Hinweis, wir schauen uns das gerade an”, hieß es zunächst.

Einige Stunden später dann die Antwort der milliardenschweren Video-Plattform, die zu dem Internet-König Google gehört: 

“Die Trending-Liste funktioniert nach einem Algorithmus, den verschiedene Faktoren beeinflussen. Dazu zählen die Anzahl der Views, wie stark diese Views angestiegen sind und wie alt das Video ist. Die Trending-Liste wird häufig aktualisiert, um die Vielfalt an Themen unserer YouTube-Community zu zeigen.”

Chris Ares stellt fast alles falsch dar

Auf die Frage, ob es YouTube egal ist, wenn rechte Hetze bei ihnen trendet, hat das Unternehmen nicht geantwortet.

Zu den “vielfältigen Themen der YouTube-Community” zählt mittlerweile anscheinend auch und besonders Rechtsextremismus. Am Mittwoch hat ein Verschwörungsvideo von “NuoViso.TV” über Chemnitz die rechte Hetze von Chris in YouTubes Trending-Liste abgelöst.

Darin erklärt ein Verschwörungstheoretiker, warum Chemnitz durch die Migranten zur “No-Go-Area” geworden sei. 

Was Videos wie diese verbreiten, ist nicht nur Hetze, sondern auch schlichtweg falsch. Chris behauptet in seinem Video, die Medien hätten “kein Wort über das Massaker” verloren, stattdessen nur über die Demos berichtet. Dabei hat fast jedes Medium die Messerstecherei als Auslöser beschrieben. 

Ebenso behauptet er, drei Deutsche seien “abgestochen” worden, als sie Frauen vor sexueller Belästigung bewahren wollten. Wie die Polizei mitteilte, gibt es bislang aber keinen Hinweis auf sexuelle Belästigung. Außerdem wurden nicht drei Deutsche “abgestochen”, sondern einer – weitere wurden verletzt. 

Ein zweiter Mann solle tot sein, sagt Chris. Auch das: falsch. Laut Polizeiinformationen ist nur ein Mann verstorben. 

Die Fake News ziehen sich durch sein gesamtes Video. Für Chris – und so viele andere rechte Hetzer – sind dennoch nicht sie selbst diejenigen, die Fake News verbreiten, sondern die Journalisten. 

Chris: “Ihr kotzt mich an. Ihr ekelt mich an” 

“Ihr kotzt mich an, ihr ekelt mich an”, sagt Chris wutentbrannt. “Dieses scheinheilige, widerliche, empathielose Getue, das ihr an den Tag legt, wird euch irgendwann noch auf den Kopf fallen, denn die Menschen wachen auf!” 

Dass es im Gegenteil vielmehr Chris ist, der scheinheilig ist und ein ganz bestimmtes Bild von sich vermitteln will, zeigt sich an anderer Stelle. 

Sein Titelbild bei Facebook: Er auf einem Weizenfeld bei strahlendem Sonnenschein. “Heimat” steht in den blauen Himmel geschrieben. Seine Privatfotos zeigen ihn, wie er ein Baby küsst oder einen Welpen im Arm hält. “Tiere sind unvorstellbar warmherzig und loyal - deshalb liebe ich sie!”, schreibt er dazu. 1.662 Likes. 

Auf einem anderen Foto steht er mit seiner kleinen Tochter im Arm vor einem Wildschwein-Gehege.

“Und wenn mich meine Tochter eines Tages fragt, warum die Welt oft so böse ist, dann werde ich ihr antworten, dass es daran liegt, dass die Guten viel zu häufig einfach wegsehen, wenn Unrecht geschieht”, steht daneben. 1.537 Likes.

Im Netz hat Chris tausend Euro für krebskranke Kinder gespendet. Darüber hat das “Arcadi Magazin” berichtet – für das zufälligerweise auch Chris selbst schreibt. “Arcadi” ist sozusagen die “Bravo” für AfD-Wähler. Sich selbst bezeichnet das Magazin als “Lifestyle-Magazin, das sich an ein junges, politisch rechts gerichtetes Publikum wendet”.

YouTube scheint das alles egal zu sein 

Die gleiche Person, die an totkranke Kinder spendet und sich in den sozialen Medien fast ausschließlich mit Babys und Welpen im Arm präsentiert, rappt Zeilen wie diese: 

“Nach der deutschen Wende, wenn das Land in unseren Händen ist, dann sehen wir wen’s am Ende trifft und wer von uns verängstigt ist.” 

Mit seinen Fotos gelingt es Chris nebenbei auf clevere Weise, Sympathie unter seinen jungen Followern zu wecken. Plattformen wie YouTube helfen ihm dabei, seine Reichweite immer und immer weiter zu steigern, noch bekannter zu werden. 

Gefährlich, denn gerade junge Menschen suchen sich einer Bitkom-Studie zufolge ihre Idole auf YouTube. 

Was YouTube mit seinem Algorithmus anrichten könnte, mit dem das Unternehmen Menschen wie Chris bewirbt, ist der Plattform offensichtlich nicht bewusst. Oder, und das wäre noch schlimmer: Es ist ihnen einfach egal. 

(jg)