POLITIK
19/06/2018 23:39 CEST | Aktualisiert 20/06/2018 02:33 CEST

You Xie aus China: “Wenn ich auf Deutschland blicke, habe ich große Sorge"

You Xie erzählt von seiner Einwanderung aus China.

privat
You Xie kam 1988 aus China nach Deutschland.

Es ist der 8. Juni 1988, als You Xie aus China mit seiner Frau Shenua Xie-Zhang in Bamberg ankommt. Hier kann er studieren, und die Wohnungen sind günstig. 

Vor seiner Abreise nach Deutschland hat ihm sein Vater eine Aufgabe gegeben: Er solle lernen, wie Europa so hervorragende Politiker wie Konrad Adenauer hervorgebracht hat. Und warum nach dem Zweiten Weltkrieg eine Versöhnung zwischen Deutschland und Frankreich möglich war, China und Japan aber seit Jahrzehnten Feinde sind.

Am Sonntag läuft Xie durch die fränkische Stadt und fühlt sich fremd. “Hier war nichts los”, sagt er. “In China ist an Sonn- und Feiertagen viel los in den Städten. Es war ein Kulturschock für mich.” 

 

Dann habe er erfahren, dass die Deutschen sonntags in die Kirche gehen – und ist auch Christ geworden. Er ist Mitglied einer evangelischen Kirchengemeinde.

Wenn er heute an seine eigene Integrations-Geschichte denkt, sagt er: “Ich bin sehr stolz darauf, und versuche, ein echter Bamberger zu werden.” 

In Deutschland ist vieles anders als in seiner Heimat. Vor allem kann man sagen, was man denkt. “Die Deutschen können glücklich sein”, sagt Xie. “In China wirst du vielleicht auf der Straße erschossen. Das Land liegt Jahre zurück.” Xie will es vorwärts treiben.

You Xie schreibt und kocht

Als in China die Menschen für mehr Demokratie auf die Straße gingen, solidarisierte er sich und wurde zum Dissidenten. Er gründete die “European Chinese News”, eine Monatszeitschrift für Chinesen in Europa, die einzige ihrer Art. Chefredakteurin wurde You Xies Schwägerin Qian Zhang, auch seine Frau packte mit an.

Xie produzierte das Heft im zweiten Stock eines kleinen Hauses, eine enge Treppe windet sich auch heute noch nach oben in sein Büro. Oben schrieb er, unten kochte er. Weil die Zeitschrift nicht zum Leben reichte, eröffnete Xie außerdem einen China-Imbiss. In einer Studentenstadt wie Bamberg kam er damit super an.

In seinen Texten kritisierte Xie China. Wer das wie er vom Ausland aus macht, darf nicht mehr zurück. Als Xie um eine Einreisegenehmigung bat, forderte der Beamte in der chinesischen Botschaft von ihm einen Reuebericht. Alles zurücknehmen, was er über sein Land geschrieben hatte? Nein. Das hatte Konsequenzen: Als Xies Vater starb, durfte er nicht nach Hause.

Wenn ich heute auf Deutschland blicke, habe ich große Sorge darum, dass das Land seine nationale Identität und Werte immer mehr verliert."

Die Zeitschrift stellte Xie im Oktober 2011 ein, die Verkaufszahlen waren stark zurückgegangen. Seine Texte veröffentlicht der chinesische Publizist seitdem auf verschiedenen Blogs.

Xie versucht auch in Deutschland etwas zu verändern. Seit 2014 sitzt er für die CSU im Stadtrat. Kein Kandidat bekam damals mehr Stimmen als er. Die Bamberger wählten ihn von Listenplatz 29 auf Platz eins. 

Er hat einen kritischen Blick auf die Dinge, nicht nur in seiner alten Heimat, auch in seiner neuen. Sie liegt ihm am Herzen. 

In Deutschland hat er gelernt, was Freiheit bedeutet

“Wenn ich heute auf Deutschland blicke, habe ich große Sorge, dass das Land seine Identität und Werte immer mehr verliert”, sagt er.

Damit meint er vor allem die Bedeutung, die die Religion für Deutschland hat. Deutschland sei ein christlich geprägtes Land, sagt Xie, aber es gingen immer weniger Menschen in den Gottesdienst. 

“Aus China weiß ich, was es heißt, in einem Land zu leben, in dem Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit eingeschränkt sind.” 

  • China im Jahr 1988: Chinas Wirtschaft gehört zu den am schnellsten wachsenden der Welt. Die innerchinesische Demokratisierungsbewegung endet abrupt, als 1989 demonstrierende Studenten von der Armee gewaltsam und blutig vertrieben werden.
  • Deutschland im Jahr 1988: Noch kann sich niemand vorstellen, was im Jahr darauf passieren wird – trotz Tauwetter im Kalten Krieg. Hinter den Kulissen nehmen die Dinge ihren Lauf.

In Deutschland habe er dagegen gelernt, welche positiven Auswirkungen Freiheit und christliche Werte für eine Gesellschaft hätten.

Und das ist auch seine Antwort auf die Frage, die ihm sein Vater damals mit auf den Weg nach Deutschland gab: “Ich glaube, das Christentum hat die Versöhnung zwischen den europäischen Ländern möglich gemacht. Denn sie alle glauben an denselben Gott. Und Gott ist Versöhnung.”

(ben)

1980 bis 1989